Babycall – Filmkritik

Und täglich grüßt der Mindfuck

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Profilbild von Rajko BurchardtRajko Burchardt
11.07.2012

Und täglich grüßt der Mindfuck. Die trickreiche Erzählpraxis um ungewisse Standpunkte innerhalb der Handlung und ihrer Protagonisten ist wohl einfach nicht totzukriegen. In der Literatur- und Filmgeschichte ist sie eigentlich ein alter Hut, doch nach wie vor erfreuen sich zahlreiche Filme daran, ihr Publikum einzig mit mehr oder weniger sorgfältig herbeifantasierten Plottäuschungen zu unterhalten.

Kopfgewurschtel

Backebackekuchen-Thriller Nummer 126974: Wenn Mindfuck-Kino das Hirn weichkocht.FazitDen meisten von ihnen ist eigen, die über eine ganze Laufzeit hinweg erdachte Anordnung von Inhalt und Figuren schrittweise in Frage stellen und auf ihre Zuverlässigkeit hin untersuchen zu können. In den allerwenigsten Fällen steuert diese sich für sehr clever befindende, aber vollkommen zopfige Vorgehensweise auf einen Höhepunkt zu, in dem Drehbuch und Regie selbstgenügsam auf den Tisch hauen und zum großen Schlussknall laden, der – ironischerweise – erwartungsgemäß alles noch mal ganz anders kommen lässt. Peng!

Im besten Falle weiß ein Regisseur die Geduldspiele nicht nur um ihrer selbst willen zu konstruieren, sondern sie für doppelbödigen Suspense einzusetzen (Roman Polanski) oder sogar bis hin zum filmischen Delirium hinauszuzögern (David Lynch). Als Bryan Singer und David Fincher den Mindfuck-Film Ende der 90er unfreiwillig (?) zum neuen heißen Ding erklärten, züchteten sie sogleich auch eine ganze Gefolgschaft von Filmemachern heran, die diese Erzähltechnik zum obersten Prinzip machte.

In der Folge entstanden Überraschungseierfilme, die den Kniff nicht mehr nutzten, sondern ihn ausschlachteten. Hauptsache Twist eben, erst recht noch, wenn alle Mätzchen zum Dreh- und Angelpunkt zusammenklumpen und immer nur wieder um ein abgenudeltes Identitätsklischee kreisen: Wer bin ich eigentlich?

Martin Scorsese hat der Mindfuck-Welle mit dem unterschätzten „Shutter Island“ eigentlich schon einen Meta-Schlusspunkt gesetzt, indem er die finale Wendung bereits in den ersten Minuten mit Ach und Krach ankündigte und trotzdem noch ironisch als Knalleffekt verkaufte.

Screenshot zu: Und täglich grüßt der MindfuckAls aus dem Babyfon merkwürdige Geräusche kommen, ändert sich alles.

Und wer bin ich nun?

Deshalb fällt einem irgendwann auch nicht mehr viel ein, wenn jetzt immer noch ein Film daherkommt, der diesen meilenweit gegen den Wind müffelnden Erzähltrick zum originellen Regelbruch hochkocht. „Babycall“ ist der neueste Ui-Ui-Thriller um Wahrnehmung und Schein und Sein und Identität und überhaupt.

Neu ist an ihm schlicht überhaupt nichts, und wie er seine gesamte Dramaturgie auf eine erst im letzten Moment enthüllte Drehung hinarbeitet, ist eben aus all jenen Gründen altbacken und langweilig, die bis hierhin in aller Deutlichkeit beschrieben wurden.

Der Vollständigkeit halber, natürlich ohne Spoilerchen, noch ein kurzer inhaltlicher Abriss. Der Film beginnt mit einer auf dem Rücken liegenden blutverschmierten Frau. Dieselbe Frau, Anna heißt sie, bezieht mit ihrem achtjährigen Sohn Anders eine Wohnung im Plattenbau, nachdem ihr Ex-Mann sie und den Jungen schwer misshandelte.

Aus Angst und Fürsorge um Anders kauft sie ein Babyphon, damit sie auch nachts sicherstellen kann, dass ihm nichts zustößt. Aus dem Gerät jedoch ertönen seltsame Geräusche, die aus einer umliegenden Wohnung zu stammen scheinen…

…und dann kommt gewiss alles ganz anders, als man denkt. Zumindest wenn man die letzten Kinojahre unter einem Stein gelebt hat. Der halbwegs aufmerksame Zuschauer riecht den Braten spätestens nach der Hälfte, und das müsste ja gar nicht einmal das Problem sein, würde der Film seine Geheimniskrämerei nicht so entschieden vor sich hertragen.

Screenshot zu: Und täglich grüßt der MindfuckUnd alles kommt anders, als man denkt.

Aus irgendeinem Grund offenbar müssen jene Mindfuck-Geschichten, die bis auf ihre Drehung wenig bis nichts zu erzählen haben, pausenlos auf eine bestimmte Rätselhaftigkeit verweisen, die jeden noch so irrelevanten Moment mit Bedeutung füllen und gleichfalls unheilvolle Spannung erzwingen soll. Und das macht „Babycall“, als hätte es nie zuvor einen ähnlichen Film gegeben.

Aber natürlich hat es das. Und einige der Besten ruft er auch gezielt in Erinnerung. „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ etwa, aus dem er das Kindesmotiv entlehnt (inklusive roten Anoraks), oder „The Others“, an den das hysterische mütterliche Verhalten Annas denken lässt, wenn sie stets voller Panik die Vorhänge zuziehen muss.

Das Einzige, was man der norwegisch-schwedisch-deutschen Koproduktion „Babycall“ letztlich zugutehalten kann, ist seine Hauptdarstellerin: Noomi Rapace, als Lisbeth Salander in der Millennium-Trilogie international gefeiert, verleiht dem Film mit ihrem ausdrucksstarken Spiel zumindest ein Quäntchen Würde. Mehr aber auch nicht.

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Kommentare 4
Gast
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GastFriedolin17.02.2013 14:54
Den Film habe ich gerne zuende geschaut. Im Gegensatz konnte ich den Artikel eines Rajko Burchardt nicht komplett ertragen.
Den Begriff "Mindfuck", mit dem eine von Mittelmäßigkeit geprägten Kaste gerne, alleine schon durch die Kenntnis dieses Wortes, versucht ihr Selbstbild aufzuwerten, hin oder her. Wer sich wirklich schon mal in die Untiefen der menschlichen Psysche begeben hat (als Betroffener oder behandelnd), der weiß von was da gesprochen wird und das macht den Film zu einem beklemmenden Drama.
Dabei ist der Film durchaus spannend und gekonnt in Szene gesetzt.
Das Ende klärt es letztendlich auf und ein bisschen mehr Empathie würde einigen gut stehen. Die bringt man freilich nur dann auf, wenn es gerade gut passt und gut ist für die Aussenwirkung. Vielleicht versucht man es einfach mal mit einer Rezension eines "Geisterjäger"-Groschenheftes, da kann man getrost mal so nach Herzenslust drauf los dichten.
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GastThiemo08.02.2013 22:32
Der Film macht einen fast so fertig wie der Schreibstil von Herrn Burchardt. Es ist nicht langweilig ... aber unheimlich anstrengend. Kleine Kritik am Rande ... ansonsten finde ich die Texte super :)
Gruß
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IcesaacIcesaac12.07.2012 03:16
*gähn*...es is` 3:15,...schon die Bilder allein lassen mich nur so vor Schläfrigkeit erstarren...*ZZZZzzzzz*
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Gast.11.07.2012 13:08
Der Film verrät doch schon im Trailer die ganze Handlung, oh mein Gott.
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Babycall
Babycall FilmplakatRegie: Pal Sletaune Genre: ThrillerFilmstart: 12.07.2012
Spieldauer: 96 min
Darsteller:Vetle Qvenild Werring, Kristoffer Joner, Noomi Rapace
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