Es ist der Film zur Krise, den Uwe Boll mit „Assault on Wall Street“ präsentiert. Das Cover, aber auch die offizielle Inhaltsangabe geben jedoch einen falschen Eindruck davon, was hier geboten wird. Es gibt Action und es gibt eine Art Amoklauf, aber vor allem ist der Film ein Drama, das sich in der ersten Stunde Zeit lässt, die Figuren und ihre immer schlimmer werdende Situation greifbar zu machen.

Boll bleibt dabei nahe am Mann dran, er unterwirft den Stil der Geschichte. Mit einer Handkamera folgt er seinem Protagonisten, illustriert die Ausweglosigkeit seiner Situation durch eine Enge der Location, aber auch einen beklemmenden Bildausschnitt, der durch unruhige Nahaufnahmen entsteht. Das ist recht effektiv und macht „Assault on Wall Street“ zu einem von Bolls besseren Filmen.

Im Kino kann man „Assault on Wall Street“ nicht begutachten, Splendid bringt ihn direkt ins Heimkino. Ab dem 12. September steht er in den Videotheken, ab dem 27. September dann auch im Verkauf.

Die Finanzkrise schlägt hart und unbarmherzig zu, weil Entscheider bei großen Investmentfirmen lieber ihre Klienten über die Klinge springen lassen, als den eigenen Betrieb einzustellen. Eines der Opfer ist auch Jim Baxford (Dominic Purcell), ein bei einem Sicherheitsunternehmen arbeitender Mann, der schon mehr als genug Probleme hat.

Seine Frau Rosie ist schwer krank und benötigt eine spezielle Therapie. Die wird von seiner Versicherung jedoch nicht abgedeckt. So möchte Jim mit den Ersparnissen für die Therapie bezahlen, doch dann kommt die Krise in vollem Maßstab und er verliert alles.

Von Brokern und Investmentfirmen ausgenommen, von einem Anwalt geschröpft, ohne Perspektive und mit dem größten Verlust konfrontiert, den sich ein Mann nur vorstellen kann, greift Jim zur Waffe. Er rächt sich an jenen, die ihn und andere um ihr Leben und ihre Zukunft betrogen haben.

Assault on Wall Street - Uwe Boll gegen den Kapitalismus - unglaublich: Er kann ja doch was!

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Im Kern ist Assault on Wall Street ein Drama, aber Action gibt es natürlich auch.
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Vom Drama zum Killerfilm

Man mag von Boll halten, was man will, er macht in vielerlei Hinsicht jedoch bei seinen Filmen keine Gefangenen. Der einfache Weg bei „Assault on Wall Street“ wäre es gewesen, das Ganze in Form eines kitschigen Movie-of-the-Week zu gestalten. Dann hätte Dominic Purcell als Jim Baxford am Ende auch zur Waffe gegriffen, aber er hätte bei der Wahl seiner Opfer stärker differenziert.

So jedoch gibt Boll dem Publikum eine Figur, die man mag, deren Leiden man miterlebt hat und deren konsequente Lösung – das Sinnen auf Rache – ein durchaus nachvollziehbarer menschlicher Impuls ist. Man steht lange auf Jim Baxfords Seite, weil der Film das so will – bis er es eben nicht mehr will.

Packshot zu Assault on Wall StreetAssault on Wall Street

Vor allem das Finale ist perfekt für Diskussionen. Nicht, weil es eine logische Unebenheit gibt, was die Aufmerksamkeit betrifft, die Jims Taten verursachen würden, sondern weil der Mann plötzlich vom gerechten Rächer zum kaltblütigen Amokläufer wird – nur dass er anders als ein Amokläufer sehr wohl plant, mit seiner Tat durchzukommen.

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Man hinterfragt sich selbst, wenn man zum Finale kommt. Weil man Jim zuerst angefeuert hat, weil man durchaus das Gefühl hat, dass seine Rache gerecht, aber vor allem, weil er dann eine Grenze überschreitet, über die man ihm als Zuschauer nicht folgen kann und will. Am Ende wird Purcells Figur zu einer Art Punisher des Finanzwesens. Es ist ein grimmiger Schlussmoment, den Boll hier bietet, als er den Protagonisten zum selbsterklärten Soldaten des Volks macht, der die Dinge richtet, die im System längst aus dem Ruder gelaufen sind.

Mehr Drama als Actionfilm, auch wenn am Ende die Post abgeht. Der Film bedient beide Genres recht gut und stellt unangenehme Fragen nach der Moral.Fazit lesen

Im Grunde ist das Finale der Auftakt zu einer größeren Geschichte. Es wäre interessant zu sehen, wie es um Jim Baxfords weiteren Lebensweg bestellt ist. Hier wird auf ein Sequel heißgemacht, das man durchaus gerne sehen würde, das aber wohl kaum noch dem Genre entsprechen würde, dem „Assault on Wall Street“ mehrheitlich angehört: dem Drama.

Assault on Wall Street - Uwe Boll gegen den Kapitalismus - unglaublich: Er kann ja doch was!

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Die Wall Street im Visier: Uwe Boll übt Gesellschaftskritik.
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Furor über Logik

„Assault on Wall Street“ ist – von einer kleineren Verschnaufpause im Mittelteil abgesehen – rasant erzählt. Das Drama funktioniert, die Figuren werden lebendig und der Furor über das, was geschieht, steckt auch den Zuschauer an. Das System ist krank, aber in den USA potenziert sich das noch dadurch, dass etwas so Simples wie eine Krankenversicherung plötzlich außer Reichweite sein kann, selbst wenn man denkt, man hätte alles richtig gemacht – so wie es Jim und Rosie ergeht.

Der Plot hat ein paar Ungereimtheiten, ein paar Unebenheiten hätten in zwei oder drei weiteren Skriptversionen ausgebügelt werden können, aber diese kleineren Schwächen überwindet der Film mit einer flotten Inszenierung, vor allem aber dem Willen, in Form von Action eine Aussage zu treffen, die vielen ein Bedürfnis ist.

„Assault on Wall Street“ ist natürlich auch eine Machtphantasie. Als Spielball der Finanzmärkte, der Investmentbanken, der Broker, des Systems, das sich selbst erhält, dies aber auf Kosten des kleinen Mannes tut, baut sich beim Zuschauer das Gefühl auf, dass Jim einer von ihnen ist. Er führt aus, was so mancher sich vielleicht wünscht, aber aufgrund der Konsequenzen niemals tun würde.