"Formal herausragende Tolstoi-Adaption, die eine strenge Stilisierung echten Gefühlen vorzieht. Ein Film, irgendwo zwischen großartig und verdammt schwierig." - Rajko Burchardt

Der britische Ausnahmeregisseur Joe Wright („Stolz und Vorurteil“) entfernt sich mit seiner Adaption des Tolstoi-Klassikers „Anna Karenina“ deutlich von den bisherigen Verfilmungen des Stoffes. Er rückt nicht allein die unmögliche, von den Fesseln des russischen Hochadels umschlungene Liebe zwischen Anna Karenina und Graf Wronskij in den Mittelpunkt, sondern stellt ihr wie die Vorlage das die Schranken der Klassen überwindende Paar Kitty/Lewin gegenüber.

Den Kontrast zwischen einem Muckertum der feudalen Maskerade und zukunftsweisender Modernität bestimmt dabei Wrights gesamte Inszenierung, die den Adel als lächerliches impressionistisches Theater vorführt und das wirkliche Leben wiederum an Originalschauplätzen einfängt.

Das ist konzeptionell beeindruckend, schauspielerisch durchweg überzeugend (niemand trägt prächtige Kleider so anmutig wie Keira Knightley) und in der Wright-typischen Stilisiertheit der Bilder und Töne zuweilen pures Kino, das sich von den Konventionen des üblichen Oscar-Kostümfilms durchaus abhebt.

Die Vorlagentreue und ihre analytisch-distanzierte Skalpierung der gesellschaftlichen Verhältnisse fordert jedoch auch einen Verzicht jener blümeranten Emotionalität, mit der sonstige „Anna Karenina“-Verfilmungen sich auf die zentrale Liebesgeschichte der Titelfigur fokussierten.

Wrights Desinteresse an Melodramatik und großen Gefühlen lässt seinen Film weitgehend kühl und intellektuell wirken. Dass dies angesichts der vielen verwässerten Bearbeitungen der Vorlage nichts Schlechtes bedeuten muss, ist aber natürlich auch klar.