James Rolfe hat ein Faible für grottig schlechte, uralte Videospiele, wie seine Web-Video-Serie „The Angry Video Game Nerd“ seit zehn Jahren eindrucksvoll unter Beweis stellt. In der Spielfilmadaption des Stoffes tritt er seinen gefährlichsten Erzfeinden entgegen: Dem angeblich schlechtesten Spiel aller Zeiten, einem dünnen Drehbuch und der Gewohnheit des hastigen Schnitts.

Angry Video Game Nerd: The Movie - First Trailer

Der Cineast und Amateurfilmer James Rolfe strebte seit seiner Jugend nach dem Rampenlicht in der Filmszene, hatte jedoch nie geahnt, dass ihm ausgerechnet die Schnapsidee eines wütenden Daddel-Strebers weltweiten Ruhm einbringen würde. Seine Kunstfigur mit dem ursprünglichen Namen Angry Nintendo Nerd begann ihre Karriere 2004 in einem privaten Video-Filmchen, mit dem James (offensichtlich meist frustreiche) Kindheitserinnerungen humorvoll an Freunde weitergeben wollte. Eine Youtube-Dekade und 116 Folgen später gehört der Nerd zu den Gründervätern der Webvideo-Kultur, inspirierte unzählige Nachahmer und sichert seinem Schöpfer (um nicht zu sagen Alter Ego) das täglich Brot.

Angry Video Game Nerd: The Movie - Roadmovie für Spielefreaks

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Hört ihr auch die Titelmusik im Kopf? Gut, denn ihr solltet Fans sein, wenn ihr den Film gucken wollt.
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Dass Rolfe seine Galionsfigur für den ersten abendfüllenden Film aus seiner Feder mobilisiert, ist somit in vielerlei Hinsicht nachvollziehbar, nur nicht im Wesen seiner Hauptfigur. Was tut der Angry Video Game Nerd? Er berichtet über die Macken alter Spiele, klar. Aber was macht ihn aus? Ist es nicht vornehmlich seine urkomische Borniertheit, seine Leidenschaft beim verbalen Verriss längst vergessener Gameplay-Verbrechen? Sein kreatives faules Matrosen-Mundwerk?

Der Nerd steht für das Kind im Gamer, für dieses kleine Verlangen tief im Inneren, den Controller an die Wand zu werfen und mit dem Fuß aufzustampfen, weil ein bestimmtes Spielelement schlecht ausgearbeitet oder schlichtweg unfair ist. Er macht all das, was zivilisierte Erwachsene mit steigender Reife ablegen. Und gerade diese unhaltbare Verbalbestie soll nun plötzlich die vernünftigste, ja gar introvertierteste Figur in einem klassischen Roadmovie mimen? So ganz ohne Keller und Schränke voller Spielmodule?

Der Nerd im Urlaub?

Wenn man so will, bekommen wir den Nerd (gespielt von James Rolfe) in seiner Freizeit zu Gesicht, in einer Umgebung, in der er nicht permanent grundlos aus der Haut fahren oder irgendwen anpöbeln kann. Dass gerade er sich grundsätzlich weigert, das angeblich schlechteste Spiel aller Zeiten zu besprechen, und in einem Kleinbus nach New Mexico reist, um den Mythos rund um Ataris E.T.-Versoftung zu entkräften, verkehrt die Figur ins Gegenteil. Weder ein kultiger VW-Bully voller Retro-Videospiele noch die beiden eindimensionalen Nebenfiguren Cooper und Mandi (Jeremy Suarez, Sarah Glendening) können diesen fehlenden Charakterzug ersetzen.

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Das Filmdebüt des Nerds fällt ähnlich überdreht aus wie seine Web-Auftritte. Dennoch schießen viele der Darsteller mit ihrer Performance weit über das Ziel hinaus.
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Der Grundriss der Story ist zudem gerade mal solide, wäre also auch ohne den Nerd als Hauptfigur nur eine Aufzählung von Genre-Klischees, angereichert mit jeder Menge Querverweisen auf die Retro-Szene.

Low-Budget hin oder her, unterm Strich leider kein gelungener Film. Selbst beinharte Fans müssen sich durch so manche langatmige Passage quälen.Fazit lesen

Der Nerd und sein Sidekick Cooper benötigen für das Ausgraben der berüchtigten E.T.-Atari-Module eine teure Ausrüstung und gehen deswegen einen Deal mit der Firma Cockburn Inc. ein, die einen noch schlechteren Nachfolger produzieren möchte. Cockburn wird von der attraktiven Mandi vertreten, die sich zwecks Einschmeichlung als Nerd-Weibchen ausgibt. Ihre Reise nach New Mexico wird jedoch erschwert, weil die Behörden die Suche nach E.T. (Extra Terrestrial, also einem Außerirdischen) als Einmischung in Staatsangelegenheiten interpretieren. Oder so ähnlich. So richtig wird nie klar, was die Gegenspieler dazu treibt, so lange am Zipfel des Kleinbusses zu hängen. Eine wilde Verfolgungsjagd beginnt.

Das Ergebnis ist gewisser Weise vergleichbar mit dem „Pick of Destiny“-Film von Tenacious D. Man erlebt eine leichtfüßig und komödiantisch orientierte Reise ohne zwingend notwendige Zwischenstops. Charmant, aber von wenig Substanz. Viel Fanservice, wenig Spitzfindigkeit.

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Rolfes erster abendfüllender Spielfilm hat durchaus seine guten Momente und patzt nur selten bei der Technik. Was fehlt ist ein griffiges Profil für den Hauptcharakter.
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Zugegeben, die Idee, den Mythos der vergrabenen Atari-Module in einem behutsam verschachtelten Handlungskonstrukt aufzudröseln, lockert den Stoff auf und stellt dem Film genügend Kulissen zur Verfügung. Das Drehbuch hatte im Kern definitiv Potenzial, Dokumentarisches mit einer Prise B-Movie aufzupeppen. Nur leider verlieren die Regisseure James Rolfe und Kevin Finn unterwegs den roten Faden zu oft. So manche Handlungsabzweigung wirkt unnötig und befriedigt am Ende nur das Verlangen der Macher, „irgendwas mit Zombies“ oder „unbedingt einen Catfight“ mit reinschmuggeln zu müssen.

Die größte Gaming-Story aller Zeiten – jetzt sogar ganz ohne Gaming

Dazu gehört leider auch der plumpe Gegenspieler von der Staatssicherheit. General Dark Onward, (gespielt vom professionellen Darsteller Stephen Mendel), dessen beinloser Torso an einen Mini-Panzer gebunden ist, jagt die Gruppe wegen eines fehlgedeuteten Gesprächs quer durch das Land. Nichts Ungewöhnliches in einem Abenteuer-Film dieser Gewichtsklasse, aber die Motivationen aller Charaktere wirken zu sehr an den Haaren herbeigezogen und gleichzeitig viel zu überdramatisiert dargeboten, als dass sie auch nur das geringste Profil zeigen könnten. Da werden wildfremde Menschen aufgesucht und grundlos durch die Gegend geballert, ohne auch nur den den Versuch einer Legitimation anzuführen.

Ob diese Legitimation in Humor, Comic-Charakter, düsterem Ambiente, Videospiel-Klischee oder was auch immer mündet, ist völlig egal. Nur gar nichts, das geht eben gar nicht, weil es der Denke eines Zehnjährigen entspricht. Von jemandem wie James Rolfe, der bei seinen Film-Besprechungen stets ein gutes Auge für Stilmittel und Handlungsbögen beweist, erwartet man mehr als nur Rezitation im Script. Erschreckend, wie wenig Humor vom Hauptcharakter übrig bleibt, wenn er seines natürlichen Habitats beraubt wird.

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Obwohl technisch gut umgesetzt, erfüllen viele Szenen keinen Zweck. Der Kampf zwischen den beiden Mädels hätte auf dem Boden des Schnittraums enden müssen, so wie manch andere Szene.
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Wirklich schade, denn Rolfe und Finn beweisen ihr Talent für leichtgängiges Popcornkino an einigen Stellen. Keiner von beiden wird jemals ein Art-House-Director werden, ganz zu Schweigen von einem facettenreichen Schauspieler, aber die Unverfrorenheit und die Kompromissfreudigkeit typischer B-Movie-Regisseure scheint dem Team wie die Sonne aus dem Hintern. Die zweite und eindeutig bessere Hälfte des Films sprüht nur so vor cleveren Klischee-Auswalzungen. Dumm nur, dass sie sich alle im falschen Film befinden

Großartig etwa, wie das Team japanische Monsterfilme mit Fantasy-Mythen verquirlt, auf die Schippe nimmt und in einen eigenen Subplot verwandelt. Ein weiteres Lob geht an die Props und Kostümdesigner. Da hat jemand genau hingeschaut, den Nagel auf den Kopf getroffen. Da böte sich doch ein reinrassiger Monsterfilm an.

Im Angry Video Game Nerd Movie verkommen solche stilistisch beeindruckenden, aber für den Film viel zu weit ausgeholten Abschweifungen zu einer Räuberleiter, mit der das große Finale in dichtere Sphären katapultiert werden soll, und zwar ganz nach dem Geschmack von James Rolfe. Bedauerlicherweise geht es aber um den AVGN-Movie und nicht um „James Rolfes favorite Genres“. Wie schon gesagt, dem Film fehlt der rote Faden.

Wo bleiben die Video Games beim Video Game Nerd? Überall stehen welche. Ein wenig am Joystick rütteln reicht nicht angesichts der Historie der Hauptfigur. Einzig die zweideutig verbalisierte Fitnessmatten-Runde in der Mitte des Films, die Reise in einem Düsenjet, sowie der Abspann halten das, was der Name verspricht.

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Rolfes Leidenschaft für japanische Monsterfilme kommt in solchen Szenen zum Ausdruck. Tolle Hommage, aber ebenfalls ein unnötiges Plotelement.
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Diese unausgegorene Balance zwischen unnötigen Geek-Boni und brauchbaren Handlungselementen zieht sich durch beinahe alle Anteile des Films. Man freut sich über Hingabe und Detailversessenheit im Visuellen, ärgert sich aber gleichzeitig über schlampige digitale Effekte.

Klar, da waren unheimlich viele freiwillige Helfer dabei. Andererseits war das Budget kein Pappenstiel und es fällt in den Aufgabenbereich der Regie, das grundsätzliche Qualitätslevel zu bestimmen. Colour-Grading, CGI-Effekte, Beleuchtung... in der 300-Riesen-Preisklasse gab es schon erheblich Besseres. Für 200 Riesen mehr gurkt „the Asylum“ einen Mockbuster der Marke „Two Headed Shark-Attack“ aus dem Hut und hinterlässt dabei einen zehnmal so professionellen Eindruck. Und das will was heißen.

Indie-Produktion hin oder her, ein paar weitere Takes und etwas mehr Zeit zum Proben der Szenen hätten nicht geschadet. Egal, ob Profi oder Laiendarsteller, man spürt der Besetzung an, dass sie Spaß am Schauspielen hat und mit den Rollen an sich vertraut ist. Nur bleibt den Charakteren wenig Zeit zum Ausleben oder zum Auspendeln. So sinnlos eindimensional einige Handlungsverknüpfungen auch sein mögen, das kann man mit Spaß und dem luftigen Ton des Films durchaus mal überspielen, wenn man nicht von einer Szene zur anderen hetzt, sondern den Darstellern Zeit gibt, ihr eigenes Wesen in den Charakter zu bringen. Eben nicht zu spielen, sondern in die Figur zu schlüpfen. So etwas gehört zum Einmaleins, wenn es nicht mehr um ein Web-Video geht, sondern um einen Zwei-Stunden-Film, der eine weit höhere Aufmerksamkeitsspanne voraussetzt.