Was läuft da mit gamona und Shakespeare? Anscheinend einiges, denn nach „Macbeth“ brutzelt nun schon wieder eine filmische Adaption des Barden von Avon unter der Kritikerlupe. „Anarchie“ ist eine weitere Runde Reclam-Terror, mundgerecht verfremdet mit Rocksoundtrack, A-Besetzung und Pumpguns schwingenden Biker-Outlaws. Shakespeares Themen sind so zeitlos, dass sie auch im „Sons of Anarchy“-Setting bestehen können – sofern denn New KSM, der deutsche Heimkino-Verleih, die Suche nach der Schnittmenge aus Action und großer Theaterkunst nicht unverrichteter Dinge abbrechen muss.

Anarchie - Official Trailer #1Ein weiteres Video

Eine Mischung aus

Dass die Vermarktung von „Cymbeline“, so der Originaltitel, ein steile Kletterpartie wird, war wohl von Anfang an ausgemachte Sache. Shakespeare taucht überhaupt nicht auf dem Cover auf, „Anarchie“ knüpft an das „eine Mischung aus „Sons of Anarchy“ und „Game of Thrones“"-Zitat aus dem Hollywood Reporter an, dazu dann noch der rote Knopf des Totenkopf-Logos und natürlich die Gesichter der vorzeigefähigen Besetzung. Nein, nein, Shakespeare ist das hier eigentlich gar nicht. Und den Trailer haben wir gleich auch noch so geschnitten, dass die Originaldialoge des Stückes nicht als solche zu erkennen sind.

Anarchie - „Game of Anarchy“? Nee, doch nur Shakespeare.

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All in the family: Anton Yelchin, Ed Harris und Milla Jovovich.
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Eigentlich paradox, einen Film auf Shakespeare aufzubauen und dann alles zu tun, um ihn nicht mit diesem Namen in Verbindung zu bringen. Statt auf die Schnittmenge zu zielen, soll hier deutlich Richtung Action umgeschwenkt werden, was sich Regisseur Michael Amereyda sicher mal anders vorgestellt hat. Nach „Hamlet“ ist „Anarchie“ schon seine zweite Shakespeare-Adaption und auch diesmal soll es eine Mischung aus alt und neu richten. Der klassische Text, allerdings stark zusammengekürzt, in Verbindung mit einem modernen Genresetting – das erzeugt auf jeden Fall Reibung. Und die volle Breitseite bekannter Shakespeare-Themen, von Intrige und Liebe über Rache und Gewalt bis hin zu Macht und Mord, besorgt dann die großen Emotionen.

Reibung und Bindung

Es könnte so schön sein, doch oh weh, gleich eine ganze Reihe von Hindernissen dräut hier am Horizont und legt dem ursprünglichen Unterfangen nicht ganz zu Unrecht eine verfremdende Marketing-Dusche nahe. Das größte Problem ist sicherlich der Stoff selbst, der nicht gerade zu Shakespeares Glanztaten zählt und eher wie ein wüstes Konglomerat allerlei „Best Of“-Zitate wirkt. Da gibt es einen Drogenboss (Ed Harris) und seine Frau (Milla Jovovich), die Tochter (Dakota Johnson), die heimlich ein Mitglied (Penn Badgley – Rollenname: Posthumus!?) der eigenen Bande heiratet, einen intriganten Ehezerütter (Ethan Hawke) mit intimen Handyfotos und dann, als Folge daraus, Mordaufträge, Abtauchen und ein Bandenkrieg, inklusive allseitiger Machtgeierei.

Anarchie - „Game of Anarchy“? Nee, doch nur Shakespeare.

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Das tragische Liebespaar: Penn Badgley und Dakota Johnson.
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Die Handlung von „Anarchie“ kondensiert ein drei-Stunden-Stück auf 94 Minuten und wirkt mit zunehmender Laufzeit zunehmend überfrachtet. Schon ganz am Anfang geben etliche Titelkarten eine Ahnung davon, dass der filmische Trichter etwas zu eng sitzt, und irgendwann ist das Gewirr aus Plotsträngen so dicht, dass es sowohl künstlich wirkt als auch in die Nähe einer Farce rutscht. Eng damit zusammenhängend sind die hier aufgetischten Motive allesamt klassischer Natur, was spätestens ohne Shakespeare ein Euphemismus für „bereits bekannt“ sein muss. Diese ganze Gang-Nummer, mit ihren Problemen und Verwicklungen, ist sowas von durchgekaut und entlockt dem Genrekundigen längere Gähnanfälle, als es das „Novum“ des klassischen Shakespeare-Kerns jemals wieder wettmachen könnte. Nur wenn es richtig gut läuft, was aber hier nicht der Fall ist, ist die Vorlage keine Entschuldigung, sondern ein Sprungbrett für etwas Eigenständiges.

Im Grunde stützt sich „Anarchie“ sehr stark auf Shakespeare auf und möchte dann aber nur als Genreflick mit komisch gestelzten Dialogen wahrgenommen werden. Dieser Gegensatz zwischen poetischer Dramatik und Skateboards ist ein starkes Argument des Films, doch eine richtig spannende Bindung mag daraus nicht entstehen. Das Glied dazwischen, die Schauspieler, ist dabei eher förderlich, weil bis auf Ausnahmen -ein drastisches Beispiel ist Anton Yelchin- die Rollen glaubhaft gemeistert werden, nur bleibt halt immer noch das Theatralische, die übertriebene Artikulation. Besonders am Anfang lässt das berühmte „wtf!?“ nicht lange auf sich warten und auch wenn man sich im Laufe des Films an den Gestus gewöhnt, fühlt er sich immer etwas fremd an. Ganz so, als hätte Rainer Brandt einen durchschnittlichen Gangsterthriller in die Mangel genommen und dabei folgendes Verleih-Memo befolgt: „Rette den mal, aber diesmal mit Anspruch!