„American Sniper“ ist inzwischen ein Phänomen, zumindest in Amerika. Rauchzeichen von den Box-Office-Kassen, diverse Oscar-Nominierungen, heißblütige Diskussionen zur Primetime...und mittendrin ein relativ überschaubares Kriegsdrama von Clint Eastwood, das Super-Sniper Chris Kyle ein weitgehend kritikloses Denkmal setzt. Wer sein Land verteidigt und dabei Morde im dreistelligen Bereich begeht, ist ein gefeierter Held. Der natürlich mit den ganzen Schrecken des Krieges nicht umgehen kann.

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Eine amerikanische Karriere

Der Erfolg von „American Sniper“ in Amerika beruht auf den Säulen „basierend auf einer wahren Geschichte“, „Krieg, aber mit Tränen“, „Clint Eastwood“ und „American“. Was bei uns davon übrigbleibt, dürften vor allem die Oscar-Nominierungen sein, gefolgt von Actionfans, die dann darüber diskutieren, ob jetzt hier oder bei „Herz aus Stahl“ die besseren Einschüsse zu sehen sind. Alles andere dagegen, vor allem das „American“ im Titel, wird einen leisen Tod sterben, ganz und gar nicht begleitet von hitzigen Debatten, die letztendlich nichts mehr mit dem Film zu tun haben.

American Sniper - Ein Killer als Nationalheld und Box-Office-Magnet. All hail America!

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Zurück in Amerika und kein Lacher weit und breit. Chris Kyle spürt die Nachwehen des Krieges.
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„American Sniper“ ist ein durch und durch amerikanischer Film, der folglich kaum etwas hinterfragt, die bodenständige Mittelklasse umarmt und unter Tränen die erprobten Themen von „Die durch die Hölle gehen“ oder „Platoon“ aufwärmt: „Ein Held an der Front, doch Zuhause ein Verlierer.“ „Krieg macht Menschen kaputt.“ „Man kann den Bildern nicht entfliehen.“ Und, unvermeidlich: „Er war einer von uns.“ Einer aus unserer Mitte, der sich zum Navy SEAL durchgebissen hat und schließlich eine Sniper-Legende wurde. Bitteschön strammstehen, gleich wehen die Fahnen!

Ein amerikanisches Problem

Schon auf Trailerlänge verspürt man bei „American Sniper“ einen dezenten Würgreflex, der sich auf Filmlänge mit massiver Langeweile vermischt. Clint Eastwood kaut über die gesamte Laufzeit ausschließlich Altbekanntes wieder und sieht es als Tugend an, sein Publikum nicht mit neuen Ansätzen zu verwirren. Das Leben Kyles bis zum Armee-Eintritt ist eine einzige Klischee-Montage, dann folgen abwechselnd haarige Kriegseinsätze und zermürbende Heimataufenthalte. Trotz geladenem Scharfschützengewehr möchte er eigentlich keine Kinder töten, schon klar. Und je mehr er sich von seiner Familie entfernt, desto höher wird die Tränen-Schlagzahl.

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Das Heimchen am Herd, eine undankbare Rolle für Sienna Miller.
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Die bösen Geister des Krieges eben, hübsch aufgefriemelt in Pro und Contra, aber eben ohne jeden Zwischenruf, der mal eine saubere „selber schuld, wieso bist du auch zum Militär gegangen?“-Bombe in den ach so ausgewogenen Kriegsdrama-Sumpf pfeffert. Clint Eastwood, der bekennende Republikaner, begnügt sich mit einer Beleuchtung des Zustandes und der Auswirkungen, doch die Sache an sich wird nie in Frage gestellt. Krieg ist schlimm und zugleich auch wichtig. Als Amerikaner muss man sich mit allen Konsequenzen verteidigen. Und der Irak-Einsatz dient generell einer guten Sache, die zwar Opfer fordert, aber dennoch ohne Alternative bleibt.

Ein amerikanischer Erfolg

Wenn sich ein Film so positioniert, dann sind ihm sowohl der Erfolg in Amerika als auch Fragezeichen gewiss. Eastwood mahnt an, wägt ab und kümmert sich dabei offensichtlich nicht darum, dass außerhalb von Amerika die hier vermittelte Botschaft keinen gesteigerten Anklang finden wird. Außerhalb von Amerika ist „American Sniper“ einfach nur ein weiterer „kritischer“ Kriegsfilm, der ohne Schlagzeilen vor allem durch sein elendig langsames Tempo, die klischeetriefenden Charaktere und das bereits ausgiebig belächelte Plastikbaby auffällt. Nein, wirklich gut ist das hier leider nicht geworden.

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Chris Kyle (Bradley Cooper) bei der patriotischen Arbeit.
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Wer seinen Gehaltsscheck verdient hat, ist Hauptdarsteller Bradley Cooper, der im Rahmen der Möglichkeiten als tragischer Sympathieträger funktioniert. Alles andere jedoch ist vor allem ein weiterer Beweis für die berechenbare Hilflosigkeit der Oscar-Academy, die wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit auf solche hingezirkelten Awards-Streber reinfallen wird. Eine Runde „based on a true story“-Betroffenheit bitte, aber auf keinen Fall zu kantig, sonst passt das nicht mehr zum Ikonen-Image des hier anwesenden Regiehelden. Clint Eastwood ist im besten Fall ein kritischer Patriot. Und im schlechtesten Fall ein erlahmter Regisseur, der seine Projekte inzwischen nach möglichen Grabstein-Inschriften auswählt.