Noch während der Promo zu „96 Hours – Taken 2“ hielt Liam Neeson eine weitere Fortsetzung seines knüppelharten Selbstjustiz-Thrillers für unwahrscheinlich. Der späte Actionstar soll kein Interesse bekundet haben, die Rolle des pensionierten Geheimagenten Bryan Mills erneut zu spielen. Man habe ihn schließlich nur unter der Bedingung für den dritten und letzten Film der Serie gewinnen können, wenn darin niemand mehr entführt – das Konzept also geändert – werde.

96 Hours - Taken 3 - Deutscher Trailer #1Ein weiteres Video

Das ist die offizielle Version, wie es nun doch zu „96 Hours – Taken 3“ kam. Die inoffizielle hat vor allem etwas mit den Marktmechanismen Hollywoods zu tun. Als High-Concept-Film mit einer bestenfalls umständlich wiederholbaren Prämisse schien der erste „Taken“ kaum franchisetauglich, was auch das hinter ihm stehende und von Luc Besson gegründete Produktionsunternehmen EuropaCorp an der Sinnfälligkeit einer weiteren Fortsetzung zweifeln ließ.

96 Hours - Taken 3 - 96 Hours ohne Taken, aber mit Liam Neeson auf der Flucht

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 7/111/11
Schon wieder allein gegen alle, zudem auch noch auf der Flucht: Ex-Geheimagent Bryan Mills (Liam Neeson) muss seine Unschuld beweisen. Natürlich mit Knarren statt Worten.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Es soll das für den nordamerikanischen Verleih zuständige Studio 20th Century Fox gewesen sein, das EuropaCorp nach dem gigantischen Erfolg des zweiten Films um eine Trilogie bat. Den ungleich weniger enthusiastischen Liam Neeson habe man letztlich mit 20 Millionen US-Dollar locken können, der höchsten Gage seiner 35jährigen Schauspielkarriere. Und eben einem Versprechen: Aus den Händen irgendwelcher Bösewichte wolle er Frau und/oder Kind nicht erneut befreien müssen.

Packshot zu 96 Hours - Taken 396 Hours - Taken 3 kaufen: ab 4,97€

Stattdessen gerät Bryan Mills jetzt in das Fadenkreuz des LAPD, nachdem er Ex-Frau Lenore (Famke Janssen) mit durchtrennter Kehle vorfindet – und eben alles danach ausschaut, als habe er die Mutter seiner geliebten Kim (Maggie Grace) auf dem Gewissen. Folglich muss Bryan sowohl den Fängen der Polizei entkommen als auch herausfinden, wer ihn in diese Falle zu locken versuchte. Für Trauerarbeit bleibt da gar keine Zeit, einmal mehr schwebt außerdem Tochter Kim in Gefahr.

96 Hours - Taken 3 - 96 Hours ohne Taken, aber mit Liam Neeson auf der Flucht

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
Forest Whitaker spielt Franck Dotzler, einen zwar sehr smarten, aber von wenig kompetenten Kollegen umgebenen Mordermittler. Tommy-Lee-Jones-Style.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Im Angesicht nicht mehr nur krimineller Gegenspieler, sondern auch staatlicher Behörden kommen Bryan die in der U.S. Army und später den Special Forces erlernten Verteidigungstechniken erst recht zugute. Er kann sein – wie es im Original so schön hieß – „particular set of skills“ nun nach Herzenslust ausspielen: Als Scharfschütze und Brandstoffexperte manövriert, schießt und foltert er sich durch Los Angeles, als könne diesem Familienpapa niemand etwas anhaben.

„96 Hours – Taken 3“ schlägt also tatsächlich in eine andere Kerbe als die beiden Vorgänger. Um ein Zeitfenster von 96 Stunden geht es längst nicht mehr, „genommen“ wird dem Helden dieses Mal nichts oder alles, je nach Auslegung. Doch was nützt eine Kurskorrektur, wenn der Film die bisherige Idee lediglich gegen eine andere, sehr bekannte eintauscht. Oder sind die Ähnlichkeiten mit der 60er-Jahre-Fernsehserie „Auf der Flucht“ bzw. deren 1993er-Kinoversion Zufall?

96 Hours - Taken 3 - 96 Hours ohne Taken, aber mit Liam Neeson auf der Flucht

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 7/111/11
Wird nicht entführt, schwebt aber trotzdem erneut in Gefahr: Des Papas Tochter Kim (Maggie Grace), die nun auch einen Boyfriend hat (und heimlich schwanger ist).
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Sicherlich, Liam Neeson macht auch als Richard-Kimble-Verschnitt eine gute Figur. Er kann das, was er da seit einiger Zeit im Actionfilm liefert, eben verdammt gut. Und Forest Whitaker, auf den Spuren von Tommy Lee Jones wandelnd, hält sich angenehm zurück in der Rolle des Detectives, der zwar insgeheim an Bryans Unschuld glaubt, ihn aber dennoch erst einmal fassen muss (toll lässig und teils wunderbar inkompetent übrigens: die Polizisten an Whitakers Seite, fast schon Comedygold).

Man kennt sie eben allesamt schon, die entsprechenden Drehbuchsperenzien: Das Ermitteln auf eigene Faust, die halsbrecherischen Fluchtmanöver, den Spießrutenlauf mit der Polizei. Natürlich ist Liam Neeson seinen Verfolgern immer einen Schritt voraus, natürlich meistert er selbst abwegigste Situationen geradezu nonchalant. „Taken 3“ spielt in einer Movie-Movie-World, viel mehr noch, als es die Vorgänger taten.

96 Hours - Taken 3 - 96 Hours ohne Taken, aber mit Liam Neeson auf der Flucht

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
Liam Neeson macht kurzen Prozess mit Bösewichten, wenngleich es dabei wesentlich handzahmer zugeht als noch im ersten Teil. Die PG-13-Freigabe ist allgegenwärtig.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Olivier Megaton, Besson-Zögling und Regisseur auch des zweiten „Taken“-Films, versteht es einigermaßen gekonnt, die Hetzjagd mit hohem Tempo über wieder einmal allerlei Unwahrscheinlichkeiten zu retten. Es gibt eine Menge falscher Fährten, schön spannende Einzelmomente, sogar allerhand Oneliner: Bryan Mills meistert als eine Art John McClane selbst irrwitzigste Situationen noch mit einem passenden Spruch. Unkaputtbar scheint der nimmermüde Einzelkämpfer ohnehin längst.

Besser als der lauwarme Vorgänger, aber vom Niveau des damals so unbarmherzigen ersten Films ist auch der Trilogieabschluss ein ganzes Stück entfernt.Fazit lesen

Leider hat Megaton die Actionszenen jedoch erneut weitaus weniger im Griff als Pierre Morel, der 2008 den ersten „Taken“ so überraschend souverän wie druckvoll in Szene setzte. Die Highway-Verfolgungsjagd etwa ist genauso unübersichtlich photographiert und geschnitten wie die hier nun deutlich zurückgefahrenen Zweikämpfe, und auch dem finalen Shootout fehlt es an Wucht. Einzig der (wirklich so gedrehte) Zusammenprall eines Porsches mit einem Flugzeug geht über Genrestandards hinaus.

Spiele-Filme - Action-Helden der 1980er Jahre

Klicken, um Bilderstrecke zu starten (74 Bilder)

„96 Hours – Taken 3“ ist der erste vollständig in den USA verortete Film der Serie. Die Feinde geben sich nicht mehr als osteuropäische oder albanische Menschenhändler zu erkennen, sondern lauern in den eigenen Reihen, hinter bürgerlichen Fassaden im sonnigen Los Angeles. Der unbekümmert reaktionären Stoßrichtung des ersten Teils ist eine konsequente, aber auch brave ideologische Distanz gewichen. Ein Ausweichmanöver, nicht allein vor dem Erbe des Vigilanten-Kinos.