Nicht nur im Musikbereich sind die achtziger Jahre wieder gefragt, auch an der Filmfront dürfen sich damalige Werte eine frische Schneise fräsen. Ein Mann, ein Ziel und schon kann durchgeladen werden. Die achtziger Action-Jahre waren bekannt für große Helden à la Arnold Schwarzenegger oder Sylvester Stallone, die das Gesetz gerne in die eigene Hand nahmen und ihre stets persönlichen Vendetta-Meucheleien als stierköpfige Planierraupen betrieben. Pro Menschenleben folgen hundert andere Menschenleben: zumindest auf dem „Commando“-Rechenschieber wird daraus eine gültige Gleichung.

96 Hours - Trailer

Paris wird brennen

Dass diese Action-Denke tatsächlich wieder zurück ist, beweist spätestens der enorme Erfolg von „96 Hours“. Wer am Super Bowl Wochenende knapp 25 Millionen US Dollar an den amerikanischen Kinokassen abräumt, hat definitiv die richtigen Argumente und ist mit seinem Konzept wieder im Mainstream angelangt. Yes we can…alle über den Haufen schießen, solange nur starke persönliche Gründe anwesend sind.

96 Hours - Er wird sie alle umbringen...

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Noch hält sich Neeson zurück, nur um später zum ultimativen Rachegott zu mutieren.
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Genauso wie „Commando“ argumentiert auch „96 Hours“ mit der Auflösung der Familie, was gerade in Amerika natürlich gar nicht geht und demzufolge auch besonders drastische Reaktionen ermöglicht. „I will find you and I will kill you“ – besten Dank, die Botschaft ist angekommen. Der „I will kill you…“ Satz stammt aus dem Mund von Liam Neeson, einem preisdekorierten A-Schauspieler, der für „96 Hours“ den Steven Seagal in sich entdeckt und Paris mit einem stattlichen Leichenberg überzieht. Basierend auf der Entführung seiner Tochter, verläßt er „God’s own country“ und begibt sich in die französische Hauptstadt, die so einem ehemaligen US-Agenten natürlich nicht standhalten kann.

Packshot zu 96 Hours96 Hours

Wie von Sinnen wird hier durch die Gegend geschossen, man bekommt mittels Folter wertvolle Informationen und erreicht dann irgendwann albanische Menschenhändler, die den Babel-gleichen Sündenpfuhl namens Paris für drogengeschwängerte Nuttengeschäfte missbrauchen. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet Luc Besson, hier anwesend als Drehbuchautor und Produzent, seine Heimatstadt mit einer zutiefst reaktionären US-Brille betrachtet. Besonders das Ende, als der innere Kreis der Menschenschmuggler erreicht wird, schliddert gefährlich nahe an tumbe Redneck-Klischees, doch auch zuvor wird vorzugsweise mit ganz großen Buntstiften gemalt.

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Auf seinem Rechefeldzug kennt der Ex-CIA-Mann keine Gnade.
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Auf der schwarzen Seite befinden sich europäische Ausländer, gerne auch streng riechend, die ihre schmierigen Pfoten an reinen Ami-Mädels abwischen und auf der weißen Seite dann thront der All-American hero. Er mag vielleicht geschieden sein und der entfremdeten Tochter kein Pferd zum Geburtstag schenken können, doch dafür hat er seinem Land gedient und kann mit einem Handgriff töten. Ein ganzer Mann eben, aber leider ohne Gefühle.

Nicht reden, sondern handeln

Doch wer braucht schon Gefühle, wenn es darum geht, in „96 Hours“ eine gute Figur zu machen? Gefühle sind für Pussies und Filme sollten sie möglichst schnell abhaken, damit dann endlich frisch drauflos geschossen werden kann. Die ersten 30 Minuten von „96 Hours“ fühlen sich an wie eine holzige Ewigkeit, als mittels einer grobschnitzigen Exposition der Protagonist in Position gebracht wird und alles eigentlich nur auf die erste Kugel wartet.

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Das Töchterchen wird verschleppt und an einen Hurenring verkauft.
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Nach deren Abfeuern dann werden die Atemzüge deutlich kürzer und der Film schnurrt mit einer brachialen Stromlinienförmigkeit, die bis zum Ende keine Abweichungen mehr zulässt. Liam Neeson bricht Arme, Liam Neeson bricht Beine, Liam Neeson pumpt Blei und Liam Neeson fährt Autos zu Schrott. Wer hätte gedacht, dass gerade jener Schauspieler sich nicht nur auf so einen Film einlässt, sondern ihm auch noch eine gute Stunde Non Stop-Mayhem schenkt.

Mal abgesehen von „John Rambo“ gibt es kaum einen großen Actionfilm der letzten Jahre, der so zwingend und kaltschnäuzig auftischt wie „96 Hours“. Die Kombination aus sehr hohem Tempo, bodenständiger Action, üppiger Gewalt und stoischer Ernsthaftigkeit fabriziert eine aufputschende Mixtur, die sich über die wertige Produktion, inklusive dem Europa-typischen Stilismus, in kinetischer Weise entlädt.

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Action am Limit: Trotz rauer Gangart macht "96 Hours" einen Heidenspaß.
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Regisseur Pierre Morel, bekannt durch den ebenfalls sehr lauten „Ghetto Gangz“, hält die inszenatorischen Zügel so straff, dass comichafte Übertreibungen à la „Transporter“ gar nicht in die Tüte kommen und dafür lieber kurzer Prozess gemacht wird. Ein, zwei Handkanten-Hiebe, ein versteinertes Hinrichten in Blei oder markige Worte knapp unter Schreien reichen völlig aus, alles weitere wäre nur Firlefanz. „96 Hours“ kocht das Rache-Genre so weit runter, bis nur noch die Essenz bleibt: Schnörkellose Vergeltung auf möglichst direktem, brutalem Weg.