„360“ basiert lose auf dem Theaterstück „Reigen“ von Arthur Schnitzler, das im Jahr 1900 skandalträchtig war. In der modernen Betrachtung dieses Kreislaufs menschlichen Lebens ist jeder Anflug eines Skandals verschwunden – die Zeiten haben sich einfach geändert.

Stattdessen präsentiert sich „360“ wie eine ganze Reihe von Filmen der letzten ein bis zwei Dekaden, die weniger eine Geschichte erzählen, als vielmehr mit einer Vielzahl von Figuren jonglieren und zeigen, wo Berührungspunkte in den persönlichen Leben dieser Menschen stattfinden.

Man könnte also sagen, „360“ ist nicht unbedingt besonders originell, aber ganz akkurat wäre das nicht. Denn Fernando Meirelles‘ Film wählt einen weit subtileren Ansatz. Die Berührungspunkte sind da, aber Auswirkungen auf die Leben anderer Menschen sind kaum gegeben. In dieser Beziehung wirkt „360“ einfach authentisch.

Alles beginnt in Wien, wo eine Prostituierte aus der Slowakei mit einem zwielichtigen Österreicher Geschäfte macht. Doch das ist nur der Auftakt für eine Reise durch die Metropolen dieser Welt. In Paris liebt ein Zahnarzt seine Assistentin, hadert aber damit, dass sie verheiratet ist. In London entdeckt ein Geschäftsmann, dass zwischen seiner Frau und ihm doch noch Liebe existiert.

In Denver sucht ein alter Brite nach seiner vermissten Tochter, während eine Brasilianerin auf einen gerade aus dem Gefängnis entlassenen Sexualverbrecher trifft. Am Ende führt alles nach Wien zurück, ist Abschluss und zugleich Neuanfang des Kreislaufs des Lebens.

360 - Der Kreis schließt sich

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360 ist ein Film über das Leben, seine Unvorhersehbarkeit und Begegnungen.
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Von einem Leben zum anderen

Wo andere Filme wegen des Wunsches einer dramatischeren Erzählung die Leben von Fremden weit stärker verbinden und gerne im Finale alle Handlungsstränge kulminieren lassen, ist dies bei „360“ anders. Es handelt sich hier eher um Vignetten.

Packshot zu 360360

Man folgt der Geschichte von ein oder zwei Figuren, die dann auch ihren Abschluss findet bzw. zwar weitergeht, aber ohne das Beisein des Zuschauers. Stattdessen wechselt man zur nächsten Figur und erlebt, wie es um deren Geschichte bestellt ist. Das Interessante daran ist natürlich, dass Figuren der anderen Geschichten auftauchen.

Unser aller Leben ist miteinander verbunden. Subtil, oft unscheinbar, aber von außen betrachtet doch spür- und erkennbar.Fazit lesen

Oftmals in völlig unverfänglicher Form, so etwa, als Anthony Hopkins einer Selbsthilfegruppe seine Geschichte erzählt und eine der Zuhörerinnen ist Valentina, deren eigene Geschichte von Hopkins nicht berührt wird. Von der wir als Zuschauer jedoch wissen, dass der Zahnarzt, der aufgrund seines starken religiösen Glaubens damit hadert, ihr seine Liebe zu gestehen, an ihr interessiert ist – und sie an ihm.

Babel

Gerade das macht den Reiz von „360“ aus, denn auch wenn so manche Situation wiederum kaum exemplarisch für das Gros der Zuschauer ist (es gibt schließlich auch zwei Tote – erschossen!), so kann man dank des Films doch kurz reflektieren, wen man selbst die letzten Tage getroffen hat. Und man kann sich fragen, was in deren Leben vorgeht und ob eine wie auch immer geartete Begegnung etwas verändert hat.

Das ist einerseits die Stärke, andererseits die Schwäche des Films. Denn eine stringente Handlung lässt sich so natürlich nicht gestalten, weswegen „360“ sehr episodischen Charakter hat und dabei auch nicht jede Geschichte abschließt. Wie im Leben halt, hat da doch auch nicht alles ein Ende – oder eines, wie man es sich wünschen würde.

Das Schöne an „360“ ist auch, dass der Film in verschiedenen Städten spielt und die Figuren unterschiedlicher Nationalität sind. Es gibt dementsprechend viele Passagen in Russisch, Slowakisch oder Portugiesisch. Das verleiht dem Film ein globales Feeling und erleichtert die Identifikation für den Zuschauer.

360 - Der Kreis schließt sich

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Manchmal findet man sein Glück dort, wo man es am wenigsten vermutet.
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Fernando Meirelles, der einst mit „City of God“ bekannt wurde und später die philosophische „Stadt der Blinden“ inszenierte, hat hier mit einem großen und namhaften Ensemble arbeiten können. Es ist wohl auch die Tatsache, dass Stars wie Jude Law, Rachel Weisz oder Anthony Hopkins nur wenige Drehtage aufwenden mussten, um ihre Rollen zu spielen, die sie angesprochen haben. Man kann auf die Art in einem Film mitwirken, ohne sich Monate binden zu müssen.

Die Schauspieler wurden ihren Nationalitäten nach besetzt. In einer kleinen Rolle mit dabei ist auch Moritz Bleibtreu, der Geschäfte mit Jude Law macht.

Das Skript stammt von Peter Morgan, einem Könner, wenn es um Dramen geht, verfasste er doch die Vorlagen zu „Hereafter“ und „Die Queen“. Er erlag bei „360“ nicht der Versuchung, ins Melodramatische abzudriften. Es wäre ein Leichtes gewesen, die Geschichten dieser Menschen stärkerer Emotionalisierung zu unterziehen, aber stattdessen bietet er Momentaufnahmen, die ehrlich und darum zugleich faszinierend sind.