Das üblicherweise auf circa eine Handvoll Episoden beschränkte Konzept von Anthologiefilmen erweitert „The ABCs of Death“ im großen Stil. Ganze 27 Regisseure aus 15 Ländern steuerten einen Horrorbeitrag zur alphabetisch geordneten Kurzfilmsammlung rund um den Exitus und seine vielfältigen Ausprägungen bei. Blutrünstige Quickies von A bis Z sind das Ergebnis.

Gore und Titten

In seiner ungeschnittenen Fassung erhielt das Projekt hierzulande allerdings keine FSK-Freigabe. Die reguläre Kauffassung musste um ganze vier Episoden erleichtert und folglich in „22 Ways To Die“ umgetitelt werden, da das filmische Gore-Alphabet ohne die Buchstaben L, V, X und Y natürlich unvollständig ist. Die ungekürzte und SPIO/JK-geprüfte Leihversion trägt aber den korrekten Titel, über den österreichischen Vertrieb ist die Uncut-Fassung ebenfalls erhältlich.

Die ausgewählten Regisseure, darunter Genrehoffnungen wie Jason Eisener („Hobo with a Shotgun“) oder Jorge Michel Grau („Wir sind was wir sind“), sollten jeweils einen Tod-bezogenen Kurzfilm zu dem ihnen zugewiesenen Buchstaben inszenieren – laut Texttafel in völliger künstlerischer Freiheit. 5000 US-Dollar standen jedem der beteiligten Filmemacher dafür angeblich zur Verfügung, nur wenige Minuten dauert jeder der 26 selbstredend überaus unterschiedlichen Beiträge.

Das zunächst einmal nicht uninteressante Kompilationsprojekt beginnt mit A wie Apokalypse (Nacho Vigalondo) und einer Frau, die ihren bettlägerigen Ehemann vergeblich um die Ecke zu bringen versucht. Der spanische Regisseur erregte 2007 durch sein beachtliches Spielfilmdebüt „Timecrimes“ Aufmerksamkeit und eröffnet die „ABCs of Death“ mit einigen recht derben Effekten. Trotzdem ist sein „Apocalypse“ ziemlich nichtssagend.

In B wie „Bigfoot“ (Adrian Garcia Bogliano) gesellen sich zum Gore sogleich die Titten, aber als Gutenachtgeschichte um einen mörderischen Mexikaner ist diese zweite Episode leider noch belangloser als die erste. „Cycle“ (Ernesto Diaz Espinoza) wiederum nutzt das abgestandene Motiv eines fatalen zeitlichen Kreislaufs und bewegt sich inszenatorisch auf dem potthässlichen Video-Niveau eines Amateur-Splatterfilms anno 1996.

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Qualitativ bedeutend aufwärts geht es auch mit den Beiträgen D und E nicht. In „Dogfight“ (Marcel Sarmiento) boxt ein Mann gegen einen Hund, was wohl aus tricktechnischen Gründen nur via Zeitlupe abgespielt werden konnte. „Exterminate“ von Schauspielerin Angela Bettis widmet sich den (nicht gerade effektiv inszenierten) Auswirkungen eines Spinnenbisses. Beide Episoden enden so abrupt wie sie auch begonnen haben – lahm.

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L wie „Libido“
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Das F im Todes-ABC steht offenbar für Furz, denn ein japanisches Mädchen in Schuluniform beschwört genau dadurch eine riesige Gaswolke herauf. Das Dauerpupsen in „Fart“ von „RoboGeisha“-Regisseur Noburo Iguchi führt wahlweise zum Orgasmus oder zum Tod der Mitschülerinnen. In G wie „Gravity“ widmet sich Andrew Traucki dann einmal mehr dem Horror im Wasser, sein Found-Footage-Beitrag führt aber nur zum üblichen Resultat: Man sieht und versteht herzlich wenig.

Pfählungen, Körpersäfte und eine Vagina mit Auge

Mit „Hydro-Electric Diffusion” (Thomas Cappelen Malling) weht daraufhin ein frischer, wenn auch schräger Wind durch die bis dato reichlich öde Kurzfilmreihe. Pelzige Naziploitation mit schönen Tierkostümen und ohne formattypische Pointe – ein netter Ulk. Der Tiefschläger „Ingrown“ (Jorge Michel Grau) hingegen ist buchstäblich zum Kotzen, vom Regisseur des interessanten „Wir sind was wir sind“ hätte mehr kommen dürfen. Müssen.

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Der Mini-Samuraifilm „Jidai-Geki“ (Yudai Yamaguchi) präsentiert mit verzerrten Gesichtern und niedlichen Makeup-Effekten eine Art Veralberung des Seppuku bzw. Harakiri, also des Samurai-Selbstmordes. „Klutz“ (Anders Morgenthaler) ist Zeichentrick-Gefurze über einen Kackhaufen, der sich im Badezimmer selbständig macht, um sich dann vom Arsch einer Frau bis zu deren Mund durchzukämpfen. Oral, anal, banal.

Überwiegend alberne und ideenlose Episoden-Sammlung, die das interessante Konzept ungenutzt lässt. Von ein paar Highlights abgesehen leider enttäuschend.Fazit lesen

L wie „Libido“ (Timo Tjahjanto) schlägt eine deutlich härtere Gangart ein und fehlt in der gekürzten FSK-Fassung komplett. Das Fetisch-Torture-Porn-Irgendwas zeigt um die Wette wichsende Männer, die an einen Stuhl gefesselt selbst noch unter eher unerotischen Beglückungen ihren Mann stehen müssen. Pfählungen, Körpersäfte und eine Vagina mit Auge stehen im Mittelpunkt dieser Mischung aus „Hostel“ und „Eyes Wide Shut“, die zu den besseren Episoden gehört.

Die Halbzeit zelebriert Genrevirtuose Ti West („The Innkeepers“) mit dem besonders kurzen „Miscarriage“ – und eine Totgeburt werden seinen Beitrag sicherlich viele schimpfen wollen. Dabei scheint West sich mit dem Abfluss verstopfenden Fötus einen ordentlichen Jux erlaubt und damit Konzept der ganzen Produktion vielleicht sogar am Besten erfasst zu haben – nämlich einen Film zu drehen, den man einfach nur das Klo hinunterspülen möchte.

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W wie „WTF!“
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Ambitionierten Quatsch mit Soße gilt es dann wieder mit N wie „Nuptials“ (Banjong Pisanthanakun) zu durchleiden, in dem ein Papagei einen untreuen Ehemann überführt. „Orgasm“ (Bruno Forzani und Helene Cattet) offenbart eine weitere Stilübung der beiden französischen Regisseure von „Amer“, erneut durchsetzt mit den Erkennungszeichen des Giallo: nackte Haut und schwarze Handschuhe im Argento-Farbmix. Nicht schlecht.

Da man Toiletten und Scheiße in „The ABCs of Death“ offenbar als Leitmotive verstehen darf, kann die 16. Episode, „Pressure“ (Simon Rumley), getrost durch einen Klobesuch ersetzt werden – shit as fuck. Der Beitrag „Quack“ (Adam Wingard) erzählt dann vom Regisseur selbst, der am Buchstaben Q verzweifelt und sich schlussendlich für eine Snuff-Variante der Todesthematik entscheidet. Eine quakende Ente mit Schlusspointe, nicht gerade umwerfend.

Dildos, Blut und Sperma

„Removed“ (Srdjan Spasojevic) nimmt den Titel wörtlich und zeigt vor allem entfernte Haut, blutbespritzte Zelluloidstreifen und einen verlassenen Lokschuppen. Rätselhaft, aber nicht sonderlich interessant. S wie „Speed“ (Jake West) ist der auf Grindhouse gebürstete Drogentrip zweier Junkies, der natürlich tödlich endet und als einfallsloser Beitrag des „Evil Aliens“-Regisseurs Jake West die Anthologie eher als Enttäuschung passiert.

„Toilet“ (was sonst) von Lee Hardcastle präsentiert sich als zynischer Stop-Motion-Animationsfilm mit Knetfiguren und zumindest einer Handvoll verspielter Ideen, in dem ein kleiner Junge das erste und sogleich auch letzte Mal die heimische Toilette benutzt. U wie „Unearthed“ (Ben Wheatley) schildert eine subjektiv gefilmte Vampir-Exekution, die den typisch britischen Humor des „Sightseers“-Regisseurs erahnen lässt. Klein und durchaus auch ganz fein.

Die Sci-Fi-Episode „Vagitus“ (Kaare Andrews) sieht teuer aus und ist als splattrige Fortpflanzungs-Dystopie immerhin ganz amüsant und actionreich. Wohl wegen der drastischen Ermordung eines Neugeborenen war die FSK aber auch hier nicht angetan. Bei „WTF!“ hatte Regisseur Jon Schnepp die gleiche Idee wie Adam Wingard. Er thematisiert mögliche Ansätze für einen durch den Buchstaben W inspirierten Beitrag. Das Ergebnis des Brainstormings ist dann zwar krude, aber nicht besonders geistreich.

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F wie „Fart“
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Der FSK ebenfalls zu deftig (oder vielleicht auch zu plakativ?) war offenbar die Episode „XXL“ von Xavier Gens („The Divide“). Das titelgerechte Blutgemansche dürfte den härtesten Beitrag der Sammlung markieren, geht über einen morbiden Gag aber nicht hinaus. In Y wie „Youngbuck“ (Jason Eisener) rächt sich ein Schuljunge an seinem pädophilen Peiniger zu herrlichsten 80er-Synthies. Die Handschrift von Regisseur Eisener („Hobo with a Shotgun“) ist unverkennbar, auch diese Episode fehlt in der FSK-Version.

Den unrühmlichen Abschluss der unterm Strich doch sehr enttäuschenden „ABCs of Death“ bildet „Zetsumetsu“ von „Helldriver“-Regisseur Yoshihiro Nishimura, ein himmelschreiender Blödsinn mit Reis, Nazis, Würmern, Dildos, Blut und Sperma. Kunstgewerblicher Trash zum Ende zweier alles andere als umwerfender Kurzfilmstunden, von denen die ganz wenigen gelungenen sicher auch in einem anderen Rahmen genossen werden können. Die Fortsetzung ist aber trotzdem schon angekündigt.