Als vor ein paar Jahren Microsoft, Sony und Nintendo ihre Konsolen auf den Markt brachten, sah die Wii zunächst wie der klare Verlierer aus. Die Technik hinkte im Vergleich zu den Konkurrenten um Jahre hinterher. Doch wer zuletzt lachte, war Nintendo.

Die Firma setzte auf ein ganz anderes Zugpferd, auf eine innovative, bewegungssensitive Steuerung. Damit gelang es, eine komplett neue Zielgruppe zu erschließen und sich außerhalb der High-Tech-verliebten Core-Gamer zu positionieren. Erstmal gelang es einer Spielekonsole, auf breiter Front die eigentlichen „Nicht-Spieler“ anzusprechen – der Erfolg der Wii übertraf den von PS3 und Xbox 360 durch diesen geschickten Schachzug bei Weitem.

Ein paar Jahre hat es gedauert, nun versuchen Microsoft und Sony auf dem lukrativen Markt mitzumischen und ihrerseits ihre Hardware an die Casual-Gamer zu bringen. In diesem Bereich besteht schließlich noch gewaltiges Zuwachspotential. Und wie werden diese Nicht-Spieler erreicht? Nintendo machte es vor: über die Steuerung. Im Ergebnis laden bald vermeintlich innovative Bewegungssteuerungen sowohl auf der Xbox 360 als auch auf der PS3 zum Zappeln ein.

Kinect!

Auf der E3 taufte Microsoft nun sein Baby Natal auf einen echten Namen, Kinect soll es heißen. Kinect funktioniert ganz ohne Controller und erkennt die Position des Spielers im Raum. Berichten zufolge funktioniert das aber nur im Stehen. Kinect erscheint am 4. November in den USA, der Preis ist noch nicht bekannt.

Kinect vs. Move - Alle gegen Nintendo: Microsoft und Sony stellen Kinect und Move vor

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Kinect Sports: Wie Wii Sports, nur ohne Controller?
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Was aber wird man nun mit Kinect anfangen können? Auf der Pressekonferenz zeigte Microsoft zunächst die Möglichkeiten im Zusammenhang mit seinem Internet-Dienst Xbox Live. Ohne Controller kann man sich mit Gesten oder Sprache durch die kinderleicht zu bedienenden Menüs bewegen (das hat etwas von Science-Fiction und erinnert an die Computersteuerung aus Minority Report). Die Vernetzung mit anderen wird leicht gemacht, Videochat, auch zum Windows Live Messenger, funktioniert ohne Headsets, es lassen sich etwa Filme gemeinsam anschauen.

Neben solchen Kleinigkeiten wird es natürlich entscheidend sein, was für Spiele Kinect unterstützen werden. Microsoft stellte gleich eine ganze Reihe an neuen Titeln vor, aber nachdem bei der Konferenz vorher gar nicht oft genug Worte wie „einfach“, „sozial“, „intuitiv“, „bringt Familien zusammen“, „jeder kann damit Spaß haben“ fielen, ahnte man schon, wohin die Stoßrichtung ging.

Von den versprochenen mindestens 15 Titeln zum Launch von Kinect (unter anderem so vielversprechende Titel wie The Biggest Loser, Game Party in Motion und immerhin Sonic Free Riders) wurden sechs näher vorgestellt.

Kinect: die Spiele

Kinectimals ist eindeutig an Kinder gerichtet. Sie können sich hier ein exotisches, virtuelles Haustier halten und damit interagieren. Es ist schon beeindruckend, wie das Spielen, Herumtollen oder Dressieren nur über die eigene Bewegung klappt – als andauerndes Spielerlebnis dürfte es aber abseits der anvisierten Zielgruppe nicht lange funktionieren. Kinect Sports erinnert frappierend an Sport-Spiele auf der Wii. Man kann rennen, Fußball spielen, oder bowlen, alles mit dem eigenen Avatar und ohne einen Controller anzufassen.

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Kinectimals: Knuddelspaß für Tierfreunde.
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Ein ähnlicher Eindruck bleibt nach Kinect Adventures!, was eine Minigame-Sammlung ist, bei der man in Lorenrennen oder ähnlichen Unternehmungen hüpft und hampelt. Kennt man auch schon von der Wii.

Kinect Joy Ride ist ein „Mario Kart“-Verschnitt, bei dem ihr steuert, indem ihr ein eingebildetes Steuerrad betätigt. Die Optik ist etwas weniger knuddelig als bei den Kartgames mit Mario oder Sonic, aber nach wie vor heizt ihr gegen andere über rasante Strecken voller Rampen und Schanzen und sammelt dabei Extras ein.

Your Shape will dem Hüftspeck an den Kragen, die Xbox 360 wird zum Fitnesstrainer. Das gab es original so ebenfalls schon auf der Wii, das hat da mit Kamera und Bewegungserkennung schon gut funktioniert.

Dance Central schließlich ist ein Tanzspiel, mit einer breiten Auswahl an Liedern aus den Bereichen Pop, Hip-Hop und R&B. Zu echten Choreographien wird getanzt, und das ganz ohne Tanzmatte.

Fazit:

Die vorgestellten Titel bestätigen das ungute Gefühl, das sich nach den salbungsvollen Worten der Einleitung einstellte. Jedes einzelne der Spiele drängt mit dem Holzhammer in Richtung Casual-Spieler, versucht die Leute aufzufangen, die vom Nintendo-Wii-Zug mitgenommen wurden. Das geht soweit, dass echte Innovation fehlt und die kinect-Möglichkeiten nicht kreativ ausgenutzt werden. Jeden einzelnen der vorgestellten Titel kennt man so oder so ähnlich bereits von der Wii.

Microsoft versuchte dann doch noch halbherzig, den Bogen zu den Core-Gamern zu schlagen und stellte zwei Titel vor, die 2011 in die Läden kommen und Kinect unterstützen. Bei einem Action-Spiel von LucasArts im „Star Wars“-Universum, schlüpft der Spieler in die Rolle eines Lichtschwert-schwingenden Jedi, und beim kommenden Forza Motorsport 4 von Turn10 setzt man sich hinters eingebildete Steuer eines Ferraris.

Sony Move

Anders als Microsoft vergisst Sony die Core-Gamer nicht. Bereits auf der GDC stellte der Konzern seine Bewegungssteuerung Move vor. Move funktioniert nicht wie Kinect komplett ohne Controller, sondern mit einem optisch an ein Mikrofon erinnernden Teil, dass eine genaue Ortung im Raum zulässt, wofür auch ein Gyroskop im Innern sorgt. Der Controller verfügt auch über Buttons, was zumindest dem Core-Gamer mehr Möglichkeiten in die Hand gibt. Mit dem Sub-Controller, den einige Spiele unterstützen, erinnert das ganze dann endgültig an eine präzisere HD-Version der Wii.

Sony stellte nach den eher casualigen Titel-Ankündigungen auf auf der GDC bei der E3 weitere Move-Titel vor, die auch den Core-Gamern gefallen dürften. Move kommt am 15. September in Europa auf dem Markt, und die angekündigten Titel machen die Sache zumindest im direkten Vergleich zu kinect deutlich schmackhafter.

Sorcery ist ein Third-Person-Action Adventure, bei dem der Spieler einen virtuellen Zauberstab schwingt und mit unterschiedlichen, kombinierbaren Zaubersprüchen allerhand Knuddelgegner wegzappt. Heroes on the Move verspricht turbulente Action mit einer Parade beliebter Game-Helden aus Ratchet, Clank, Sly, Jak, Daxter und Bentley.

The Sly Collection ist eine Sammlung aller drei bisherigen Sly-Cooper-Games in HD und mit Move-Unterstützung. Bei The Fight: Lights Out wird geprügelt, bei Little Big Planet 2 lässt sich ebenfalls moven und Time Crisis: Razing Storm ist ein waschechter Shooter. Auch Socom 4: U.S. Navy Seals wird Bewegung unterstützen, und Rennspiel-Freunde werden bei Gran Turismo 5 auf die Move-Strecke geschickt.

Kinect vs. Move - Alle gegen Nintendo: Microsoft und Sony stellen Kinect und Move vor

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Hoffnung für Core-Spieler? Auch Heavy Rain soll speziell an Move angepasst werden.
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Natürlich wird auch der Casual-Ansatz verfolgt: Bei Singstar Dance wird nicht nur gesungen, sondern auch getanzt, das EyePet ist ein virtuelles Knuddelmonster, und Games wie Sports Champions, Start the Party!, Brunswick Pro Bowling oder Superstars TV gehören offensichtlich zu einem notwendigen Standardrepertoire.

Außerdem werden einige Titel Updates erhalten, um sie Move-fit zu machen: Bei Tiger Woods PGA Tour 11 wird dann mit vollem Körpereinsatz Golf gespielt, außerdem wurden noch Resident Evil 5, Heavy Rain und Toy Story 3 genannt, die sich dann ebenfalls mit Körpereinsatz steuern lassen.

Interessant könnte die Kombination mit 3D werden, einem weiteren Thema, das Sony anpackt und via Update auf alle PlayStations bringt. Viele der kommenden Titel gehen dann in die dritte Dimension, und gerade die Kombination mit Move könnte für ein wirklich neues Spielerlebnis sorgen.

Fazit: Kinect vs. Move

Kinect oder Move – Sony und Microsoft gehen mit einiger Verzögerung in das Rennen um die Casual-Gamer, bei dem Nintendo die Nase bereits weit vorne hat. Microsoft setzt dabei auf eine Steuerung mit dem Körper und der Stimme, die komplett ohne Controller auskommt. Das mag die Casualspieler ansprechen, aber es bestehen starke Zweifel, ob es auch für Core-Spieler geeignet ist.

Sony hingegen kombiniert eine Kamererkennung mit der Ortung eines bewegungssensitiven Controllers. Das erlaubt eine präzise Ansteuerung – bedeutet für den Konsumenten aber auch einen gehörigen Kostenaufwand. Zwar wurden Bundle- und Gerätepreise genannt, die sich alle im bezahlbaren Rahmen bewegen, aber wie man von der Wii weiß, lebt gerade die Bewegungssteuerung vom Spiel in der Gruppe. Und dann kommt man um die Anschaffung weiterer Controller kaum herum – was die Kosten in die Höhe schnellen lässt. Gerade auch, wenn man bedenkt, dass die technikaffinen Fans ebenfalls mit der Anschaffung von 3D-Fernsehern und Shutter-Brillen liebäugeln.

Kinect vs. Move - Alle gegen Nintendo: Microsoft und Sony stellen Kinect und Move vor

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Eben erst angekündigt, bald schon auf dem Markt: Die Xbox 360 Slim.
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Und auch Microsoft buhlt um den Geldbeutel der Spieler: Auf der E3 wurde eine neue Slim-Version der Xbox 360 angekündigt, die rund 30% kleiner sein soll, mehr USB-Ports, integriertes W-Lan und eine 250-GB-Platte enthält und dank einer neuen Lüftung deutlich leiser sein soll. In Deutschland soll sie bereits am 16. Juli zum Preis von 249 Euro auf den Markt kommen.

Ob sich also Kinect und Move auf dem Markt neben der Wii behaupten können, bleibt abzuwarten. Das Software-Angebot wird eine Rolle spielen, der Kostenfaktor ist ein weiterer Punkt, und außerdem müssen es Sony und Microsoft auch noch schaffen, sich von den Mitbewerbern abzusetzen und den Kunden vermitteln, warum sie besser sind als die anderen. Microsoft versucht das mit der Sci-Fi-Steuerung ohne Controller, Sony setzt auf Präzision und die Kombination mit 3D. Und Nintendo? Die sind der Konkurrenz mit ihrem 3D-Handheld 3DS vermutlich schon wieder eine Nasenlänge voraus…