One for Mii... one for U... one for Wii... and Nintendo too! Big N sollte die Musiker von La Bionda als offizielle Band anheuern. Die haben nur den einen Hit, und der passt wunderbar zu Nintendos Repertoire, wenn es um Namensgebung geht. Zudem sind sie genauso im Einheitsbrei versunken wie Big Ns schwächelnde Fuchtelsteuerung. Doch das Allheilmittel gegen Zockerschwund steht schon für 2012 in den Startlöchern: HD-Grafik und ein Wunder-Tablet samt Touchscreen. Und das Konzept sieht gar nicht mal schlecht aus.

Was, wie? Das neue Battlefield auf einer Nintendo-Konsole? Mit Fuchtelsteuerung, Pixelherzchen und Mii-Soldaten, oder was?

Nein. Miis und Pixelherzen bleiben Casual-Spielern erhalten. Aber bei Battlefield, Batman Arkham City und in der nächsten Dirt-Raserei spielen sie keine Rolle. Nintendo bewegt sich mit dem für 2012 angekündigten Wii-Nachfolger verstärkt auf Core-Spieler zu und stellt Entwicklern endlich die nötigen Pferdestärken zur Verfügung, um detaillierte Full-HD-Optik in 1080p generieren zu können, ganz ohne Comicfarben und Niedlichkeitswahn.

Wii U - Fummeln statt Fuchteln mit Nintendos Wii-U

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Da ist sie, Nintendos neue Kiste. Entstanden aus einer Liaison zwischen Xbox 360 und Wii?
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Gleichzeitig bleibt die neue Hardware aber mit der Wii-Bibliothek und allen bisher erhältlichen Controllern kompatibel. Das Ziel vor Augen ist somit die eierlegende Wollmilchsau. Eine Konsole, sie zu knechten (Dritthersteller), sie alle zu finden (verlorene Kunden, neue Spielerkreise), nach Japan zu treiben und ewig zu binden. Na ja, zumindest für die nächste Konsolengeneration. Klingt ambitioniert, im Gegensatz zum Namen der Kiste.

Wii U (gesprochen Wii-Ju) tauft Nintendo die neue Polygonschleuder, wohl um mit dem Markennamen weiter im Gedächtnis der Casual-Käufer zu bleiben. Im offiziellen Marketing-Seemannsgarn lautet die Begründung, man wolle damit die Ausrichtung auf individuelle Bedürfnisse jedes einzelnen Spielers hervorheben. Statt des „Wirs“, des Gelegenheitsspiels in geselliger Runde, gibt es nun auch ein „Du“ – du allein mit deinem Core-Gamer-Vergnügen. So ein Schmarren. Wenn man es dem Kunden erst erklären muss, kann es kein gutes Konzept sein. In zwei Monaten schluckt eh jeder die Betonung und heraus kommt ein bedeutungsloses „Wiju“.

Abseits der seltenblöd klingenden Bezeichnung, an die wir Zocker uns wohl langfristig gewöhnen werden, tischt Nintendo jedoch ein sehr interessantes Konzept auf, das sich mal wieder weniger um reine Rechenkraft schert, sondern um die Art, wie man mit den Spielinhalten interagiert. Die Jungs aus Kyoto zeigten auf der E3-Konferenz nicht einmal die leicht klobig wirkende Basiskonsole, so unwichtig war ihnen alles, was hinter dem Eingabegerät stand.

Zugegeben, auf den ersten Blick blieb die Begeisterung bescheiden. Ein 6,2-Zoll-Tablet mit integriertem Joypad soll die Welt der Spiele auf den Kopf stellen. Toll, ein Touchscreen. Nach Nintendo DS, iPhone und iPad eine ganz dolle Überraschung und furchtbar innovativ. Der kleine Konsolenzyniker schlug aber nur so lange Purzelbäume, bis Nintendo rüberrückte, was damit alles möglich sei.

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Der eigentliche Star der Ankündigung ist aber der Tablet-Controller.
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Die offensichtlichste, aber keineswegs spektakulärste Funktion ist natürlich die des Zweitbildschirms. Nicht nur Ausrüstungsmenüs, Dungeon-Karten und Rennstatistiken, sondern auch Lebenskraft, Punktestand und Untertitel könnten hierhin verlagert werden, um den Blick auf die Spielgrafik freizumachen. Einfache Fingerbefehle auf dem Touchscreen könnten langwieriges Menüwälzen ersetzen und jedem Spieler distinktive Informationen zukommen lassen.

Einfachstes Beispiel wäre American Football. Am HDTV ist es beinahe witzlos, gegen einen zweiten Spieler anzutreten, weil er die Strategieeinstellungen des Anderen mitbekommt. Ein eigenes Menü auf dem Touchscreen könnte das ändern, wobei es in der Regel aber weitergereicht werden müsste, denn Wii U unterstützt maximal zwei Tablets. Lediglich eines kommt mit der Konsole, zusätzliche Steuerungspulte lassen sich nicht nachkaufen. Der zweite Fummelbildschirm muss von einer anderen Konsole ausgeliehen werden. Weitere Mitspieler greifen währenddessen zu Wiimote und anderen Wii-Controllern.

Die Innovation liegt im Detail

Das Bildmaterial für das Controller-Tablet wird kabellos von der Konsole übertragen und nutzt dazu ein datenstarkes Signal, das ohne Verzögerung funktioniert. Es ist so zuverlässig, dass es auch die aktive Spielgrafik samt Sound übertragen kann. Zwar in verringerter Auflösung, aber immerhin augenblicklich auf Knopfdruck.

Praktisch, wenn man den Fernseher gerade nicht nutzen kann, weil der Ehepartner seine Lieblingsserie schauen will. Viel weiter als bis ins nächste Zimmer kommt ihr mit dem Ding allerdings nicht. Das Tablet ist keine autonome Konsole, sondern vom Signal des Grundgeräts abhängig. Verliert es den Daten-Stream, bleibt es blind und stumm.

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Nette Spielerei: Man kann zeichnen und das Bild auf dem Fernseher angucken.
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Ob ihr in Zukunft Battlefield auf dem Klo weiterspielen könnt, wenn die Natur ruft, hängt somit von der Entfernung eures stillen Örtchens zur Konsole ab. Eine Speisung über W-LAN-Router oder sonstige Sperenzchen zur Erweiterung des Empfangsraums werden verweigert. Nintendo will schließlich dem hauseigenen Handheld 3DS nicht in die Quere kommen. Zwar stehen auch Minispiele auf dem Plan, die ausschließlich den Touchscreen nutzen, aber auch diese Software muss aus unmittelbarer Nähe von der Konsole übertragen werden.

Kein Beinbruch, denn als autonomer Handheld wäre das Wii-U-Tablet sowieso nicht konkurrenzfähig. Der verwendete Bildschirm erlaubt nur Single-Touch-Eingaben und das Gerät wäre mit seinen herausragenden Analog-Sticks wohl auch zu sperrig, um es schnell mal in den Rucksack zu werfen.

Zumal die Interaktion mit dem heimischen TV sowieso viel interessanter erscheint. Je nach Funktion kann der Screen nämlich auch genutzt werden, um die Spielgrafik zu erweitern. Etwa wie ein Zielfernrohr oder eine „magische Lupe“, die beim Schwenken vor dem heimischen TV verborgene Schätze offenbart. Als weiteres Beispiel wurde eine Golf-Adaption angeführt, bei dem das Tablet auf dem Boden liegt, um dem Wiimote-schwingenden Spieler den Bodenbelag zu zeigen. Selbst wenn es nur zoombare Satellitenbilder für den nächsten Zukunfts-Shooter wären, könnten Wii-U-Spiele mehr Inhalte und nützliche Interaktionen mitbringen, als es bisher auf Konsolen möglich war.

Keine dieser Ideen kann einer bestehenden Spielentwicklung zugeordnet werden. Wii U ist auf der Software-Seite noch in einem frühen Entwicklungsstadium, denn Lizenznehmer hatten noch keine Zeit, vorzeigbare Ergebnisse abzuliefern. Mit der Möglichkeit, Objekte vom Tablet auf den großen TV zu transferieren – als anschauliches Beispiel durfte das Schnicken von Ninjasternen über den Touchscreen herhalten – dürfte das Thema Motion-Gaming jedoch weiterhin eine wichtige Rolle spielen, selbst bei Core-Games.

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Seit dem Nintendo DS hat Nintendo die Touchscreen-Technik verfeinert.
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Dafür sprechen auch Sperenzchen wie Neigungssensor, Geschwindigkeitsmesser, Mikrofon und eine Kamera, die ähnliche Funktionen bergen wie beim Nintendo DS. Was findige Programmierer und Designer daraus machen und ob das Konzept überhaupt aufgeht, bleibt derzeit ungewiss. Interessant ist Nintendos Zauber aber allemal.

Das frühe Entwicklungsstadium macht es zusätzlich schwer, die Rechenkraft der Maschine einzuschätzen. Ein kluger Schachzug, denn so tappt auch die Konkurrenz derzeit noch im Dunkeln und kann Nintendo nur schwerlich ein Schnippchen schlagen, wenn es womöglich nächstes Jahr zum Showdown auf der E3 2012 kommt. Mit wenigen Ausnahmen stammten sämtliche Spielaufnahmen von Xbox-360- und PS3-Varianten der Dritthersteller.

Eine kurze, wenn auch knackscharfe Zelda-Demo war zu sehen, in der Link gegen eine monströse Spinne kämpft. Echtzeitbeleuchtung und fließender Wechsel zwischen Kameraperspektiven inklusive. Eine leckere Techdemo, dennoch nichts, was man zu Tode analysieren sollte.

Next Gen? Weiß keiner!

Selbst die vorgeführte Grafikdemo, bei der ein Vogel durch einen aufblühenden japanischen Kirschbaumgarten mit angrenzendem See flog, gab nur so viel preis, dass man erahnen konnte, wo es hingeht. Sanfte Wassergrenzen und weiches HDR-Licht lassen auf Register aus dem Direct-X10-Fundus schließen, könnten aber genauso gut ermogelte Effekte sein. Dass aktuelle Spiele wie Battlefield und Batman Arkham City in astreinem 1080p versprochen werden, lässt immerhin vermuten, dass Wii U grafisch dort anfängt, wo Xbox 360 und PS3 derzeit ihre Grenzen finden. Neue Entwickler-Kits und steigende Erfahrung dürften über die Jahre zu noch detaillierteren Ergebnissen führen.

Wirklich umwerfend war der bisherige Grafikeindruck trotzdem nicht. Selbst beim angepeilten Preis, über den man schätzen könnte, wie viel das Innenleben auf dem Kasten hat, bleibt Nintendo schweigsam. Definitiv mehr als 250 US Dollar heißt es, aber viel mehr weiß keiner. Allein der Touchscreen dürfte ordentlich auf das Budget schlagen. Andererseits muss Wii U auch für Gelegenheitsspieler attraktiv bleiben, daher ist kaum damit zu rechnen, dass Nintendo den Einführungspreis einer PS3 veranschlagt.

Wii U - E3 2011 Ankündigung und Trailer9 weitere Videos

Der große Next-Gen-Groschen schwebt somit noch immer im luftleeren Raum. Taktisches Kalkül seitens Nintendo? Vielleicht, und es wäre ein schlauer Zug. Microsoft und Sony schlafen nicht und haben in der Regel ein besseres Händchen für Hardware. Den Konkurrenten handfeste Daten zu liefern, welchen Standard es zu übertrumpfen gilt, könnte die Zukunft der Maschine gefährden. Nintendo will ja noch im großen Pott mitmischen, wenn MS und Sony mit ihren Next-Gen-Konsolen nachziehen.

Wobei es fraglich bleibt, ob sie schon nächstes Jahr den Schritt wagen, ihre Zukunftskonsolen vorzustellen. Wenn nicht, hat Wii U eine gute Chance, den Status der Next-Gen-Lead-Plattform einzunehmen, so wie es die Xbox 360 in der aktuellen Generation tat. Und das hat Nintendo auch nötig, denn Tablet-Inhalte für andere Konsolen wegzukürzen, das ist für Entwickler weit einfacher, als welche dazuzuerfinden.

Nach den Erfahrungen mit der Wiimote dürfte Nintendo das jedoch einkalkuliert haben. Wenn die Japaner es dann noch schaffen, den bislang mangelhaften Online-Service zu verbessern, von umständlichem Nummerngefummel zu befreien und zuverlässige Netzpartien zu ermöglichen, dann haben die Japaner keine schlechten Karten.

Datenblatt: Technische Details

Angepeilte Veröffentlichung: 2012

CPU: IBM-Power-basierter Multikernprozessor

GPU / Sound: K.A.

Controller: Tablet mit 6,2-Zoll-Bildschirm im 16:9-Format, Single-Touch-Sensorik, 2 analoge Kreis-Pads, 4 Face-Buttons, 2 Schulterknöpfe, 2 analoge Trigger auf der Rückseite, Konsolen-Navigation, Neigungssensor, Mikrofon, Kamera, Rumble-Motor, Stereo-Lautsprecher, Stylus

Weitere Steuerung durch: Bis zu vier Wiimote / Nunchuck-Kombinationen, alle bisher erhältlichen Wii-Controller wie Balance Board, Classic Controller etc.
Datenträger: DVD-ähnliche Disc mit hoher Datenkapazität und Wii-DVDs. Kein Blu-ray.

Anschlüsse: 4 USB 2.0 Ports, kabellose Verbindung zu Wii-Controllern
Massenspeicher: Flash Memory mit Erweiterungsmöglichkeit über SD-Karten oder externe Festplatten.

Video-Ausgang: HDMI, Component, S-Video & Cinch über einen Multi-AV-Out-Port

Unterstützte Auflösung: 1080p, 1080i, 720p, 480p, 480i

Audio: PCM-Linear-Sechskanalklang über HDMI, Stereo über Multi-AV-Port

Sonstiges: Abwärtskompatibel zu Wii-Software und allen Wii-Controllern