Autor: Nedzad Hurabasic

Vor gut einer Woche ist nun auch in Deutschland endlich die mit Spannung erwartete neue Nintendo-Konsole mit dem merkwürdig anmutenden Namen »Wii« auf den Markt gekommen. Er leitet sich vom englischen »We« ab, das bekanntlich für »Wir« steht, und betont das Gemeinschaftsgefühl, mit dem sich die Besitzer des Spielgerätes identifizieren sollen. Auf selbigen ist ein wesentlicher Faktor der neuen Spielkonsole ausgerichtet: die Steuerung.

Mit dem Gesten-orientierten Handling will sich Nintendo von den High-End-Geräten von Microsoft (Xbox 360) sowie Sony (PlayStation 3) abgrenzen. In Sachen technischer Leistungsfähigkeit kann Wii nämlich nicht mit den als Next-Generation-Entertainment proklamierten Geräten der Konkurrenz mithalten und muss den Grafik-Wundern folgerichtig andere Argumente entgegenstellen. In den vergangenen zehn Tagen seit dem Deutschland-Start haben wir die Konsole ausgiebig mit einem halben Dutzend Games in der Praxis erleben dürfen. Kann sie mehr bieten als nur ein neues Steuerungs-Konzept?

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Woo ist die Wii?
Es war nicht leicht, sich bereits am 8. Dezember eine Wii zu sichern. Den zahlreichen Kaufwilligen standen nur verhältnismäßig wenig verfügbare Exemplare gegenüber. Folgerichtig kam es zu tumultartigen Szenen in den Elektronik-Märkten, wo sich die Menschen gegenseitig über den Haufen rannten, um als Erste ihr Hände an das Objekt der Begierde legen zu können. Der Widrigkeiten zum Trotz schleppte ich trotzdem Nintendos neue Konsole nach Hause, ausgestattet mit den ersten Spielen war ich ja ohnehin schon.

Wii - Die Wii ist da - aber noch nicht angekommen... Wir ziehen nach der ersten Woche Bilanz.

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In Krankenhaus-Weiß, aber ohne Praxisgebühr: Wii und Wiimote.
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Keine Frage, dass sie im trauten Heim schnell von ihrer zweckmäßigen und gelungenen Verpackung befreit wurde. In der Tat haben sich die Nintendo-Designer einiges gedacht und der Konsole ein hübsches Äußeres verpasst. Formschön schmiegt sie sich im seit Apples Ipod beliebten »Krankenhaus-Weiß« neben die Xbox 360.

Über die technischen Details wurde an anderer Stelle bereits genug gefachsimpelt (siehe hier), von daher will ich euch hier nicht mit langen Zahlenkolonnen langweilen. Wichtiger ist doch ohnehin, wie sich das Gerät in der Praxis schlägt. Der Aufbau beispielsweise geht flink von der Hand und dürfte auch für Technikphobe kein Problem darstellen. Schnell ist das Gerät via Scart-Kabel ans TV angeschlossen, RGB-Kabel waren zu Verkaufsbeginn leider Mangelware und auch Produkte von 3rd-Party-Herstellern sucht(e) man vielerorts vergebens.

Da Wii auch mit dem Internet verbunden werden kann, freut es den Besitzer eines WLAN-Netzes, dass die Konsole bereits die dafür notwendige Schnittstelle beinhaltet. Innerhalb weniger Minuten ist sie mit dem Netz verbunden und kann sofort mit dem ersten Update aktualisiert werden. Schwieriger wird's aber, wenn ihr über kein Funknetz verfügt. Dann benötigt ihr einen USB-Adapter, der allerdings noch gar nicht verfügbar ist. Unverständlich, warum ein solches Feature zum Marktstart nicht geliefert werden kann…

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Controller der neuen Generation: Wiimote und Nunchuk.
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Noch bevor das Gerät auf den aktuellen Stand gebracht wird, steht aber noch eine andere wichtige Aufgabe an: Die Positionierung der Sensorbar. Mit ihrer Hilfe werden die Bewegungen des kabellosen Wii-Controllers, auch Wiimote genannt, sowie des damit verbundenen Zusatz-Controllers - Nunchuk - an die Konsole übermittelt. Die Installation ist kinderleicht. Sie wird entweder unter- oder oberhalb der Glotze angebracht und mit einem dünnen Kabel an der Rückseite des Spielgeräts verbunden. Eventuell muss nun im übersichtlichen Menü noch eine Kalibrierung vorgenommen werden. In meinem Fall war das aber nicht nötig.

Bevor man sich daran macht, die ersten Games zu zocken, bietet es sich an, einen eigenen Mii anzulegen. Was das ist? Ganz einfach, ein virtuelles Alter-Ego, das euch bei verschiedenen Games als Spielfigur dienen kann. Auch wenn die Darstellung sehr comichaft gehalten ist, ist doch erstaunlich, wie nah die Figuren ihren realen Widerparts kommen können. Der Clou: Ihr könnt eure Miis mit Freunden austauschen oder sie auf der Wiimote abspeichern und mitnehmen, wenn ihr Kumpels besucht.

Die Bedienoberfläche der Wii ist fein säuberlich in Channels, also Kanäle, unterteilt. Neben dem Mii-Kanal ist vor allem der Disc-Channel von Bedeutung, denn dort aktiviert ihr das jeweils eingelegte Spiel. Was auffällt, bevor man auch nur den ersten Schlag, Schuss, Ritt und so weiter erleben kann: Man muss sich ständig durch eine Latte an Bildschirmen klicken, die davor warnen, man könne Menschen verletzen, Gegenstände zerstören, man solle nicht zu lange spielen etc. Das nervt spätestens nach dem dritten Mal und erscheint übrigens auch gleich nach Einschalten der Konsole und muss zunächst weggeklickt werden. Total nervig!

Die Spiele mögen beginnen...
Eines der ersten Spiele, die jeder Wii-Besitzer in seine Konsole einlegen wird, ist sicherlich »Wii Sports«, denn es ist bereits im Lieferumfang enthalten. Im Prinzip handelt es sich dabei um nicht viel mehr als eine Tech-Demo, die die besonderen Fähigkeiten der Wii vor allem hinsichtlich der Steuerungselemente veranschaulicht. Sportspiele wie Tennis, Baseball oder auch Bowling eignen sich vorzüglich, um die Eigenschaften der Steuerung zu erlernen und zu demonstrieren. Es ist aber auch eines der wenigen Spiele des Start-Lineups, das wirklich auf das Gerät zugeschnitten ist und bei dem die Steuerung via Wiimote nicht aufgezimmert wirkt.

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Sport ist Mord: Killer-Application auf der Wii.
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Betrachtet man einige der anderen Titel, so stellt sich ziemlich schnell Ernüchterung ein. Bei den Shootern funktioniert die Point & Shoot-Steuerung auch nach einigen Stunden Eingewöhnung bisher nur recht bescheiden, die Qualität der Rennsimulationen lässt stark zu wünschen übrig, allein die Partyspiele und Multiplayer-Modi geben bei der ersten Generation Hinweise darauf, was machbar erscheint. Bei fast allen Spielen wird aber deutlich, wie groß tatsächlich der optische Unterschied zwischen Wii und Xbox 360/PS3 ist. Wer schon an Next-Gen-Games schnuppern durfte, muss seine Ansprüche bei Wii diesbezüglich deutlich reduzieren.

Wieder einmal setzt Nintendo voll auf das Pferd »Gameplay statt Grafik«, ist damit aber schon beim Gamecube auf nicht allzu viel Gegenliebe gestoßen. Ob allein die neue Steuerung ausreichen wird, um die Gamer vom Kauf einer Wii zu überzeugen, wird damit vor allem auch vom Software-Angebot entschieden. Mit Sicherheit wird es nicht ausreichen, vorhandene Spielkonzepte auf Wii zu portieren und dann eine Wiimote-Steuerung draufzuklatschen. Aktuelle Titel zeigen, dass es so nicht funktioniert - und von den Spielern auch nicht gefordert wird. Mal ehrlich: Wer benötigt die Wii-Fassung von »Call of Duty 3«, wenn er mit einem bestens funktionierenden Xbox 360-Gameplay schon bedient ist? Die Frage beantwortet sich von selbst...

Zurück in die Vergangenheit
Nachholbedarf hat die Konsole aber auch hinsichtlich der Online-Features. Nur ein Bruchteil der aktuell verfügbaren Games unterstützt die Internetverbindung überhaupt in irgendeiner Weise - ein Armutszeugnis! Dabei sind auch hier unzählige Möglichkeiten denkbar. Zwar ist gleich zu Beginn der WiiConnect24-Channel verfügbar, doch dieser wird derzeit vor allem dazu genutzt, Updates zu übertragen. Auf Wunsch hält die Konsole nämlich im Standby-Modus ständig die Verbindung zum Internet. Das soll später dazu genutzt werden, nebenbei (oder nachts) Wetterdaten und Nachrichten für die entsprechenden Kanäle herunterzuladen. Diese Kanäle werden jedoch erst in den nächsten Wochen und Monaten verfügbar sein, was auch für den Internet-Channel gilt, der dann mit dem Opera-Browser besurft werden darf.

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"It's Mii!" Die knuddeligen Avatare der Wii.
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Darüber hinaus gibt es auch noch einen Wii-Shop, in dem Spiele für die Virtual Console (VC) heruntergeladen bzw. gekauft werden können. Mit der VC können Games der letzten 20 Jahre (NES, SNES, N64, Sega Mega Drive und PC Engine (aka Turbo Grafx)) gespielt werden. Sie müssen aber zunächst für so genannte Wii Points eingekauft werden. Bei einem Preis ab 5 Euro (1 Euro = 100 WP) scheint das nicht weiter teuer zu sein. Wenn man aber bedenkt, dass viele dieser Spiele schon seit Ewigkeiten »rumgeistern« und oft schon zigfach verwertet wurden, entsteht doch ein wenig das Gefühl, dass hier mit ollen Kamellen noch der eine oder andere Euro gemacht werden soll.

Damit Gamecube-Fans ihre alten Spiele weiterzocken können, sind viele davon auch auf der neuen Konsole spielbar. Das Laufwerk erkennt das proprietäre GC-Format, und viele Spiele werden auch tatsächlich abgespielt - wenn auch nicht alle. Auch wenn sich Nintendo mit der neuen Konsole in die Next-Gen-Riege einreihen möchte, gelingt das aus technischer Sicht nur teilweise. Das betrifft vor allem die fehlende Unterstützung von HD-Auflösungen. Lediglich bis zu 480p in 60 Hz sind drin, was nicht wirklich überragend ist. Da kann auch die Unterstützung von 16:9-Breitbildformat kaum noch jemanden hinter dem Ofen hervorlocken. Schlecht ist auch, dass mit dem DVD-Laufwerk keine DVD-Filme abgespielt werden können. Das soll zwar Mitte 2007 durch die Software eines Drittherstellers möglich werden, kostenlos wird das allem Anschein nach aber nicht per Upgrade erhältlich sein, was absolut unverständlich ist.

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Eins der ersten richtigen Highlights: Zelda - Twilight Princess.
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Dieses Feature wird aber natürlich nicht über die Zukunft der Wii entscheiden. Vielmehr wird es von maßgeblicher Bedeutung sein, ob Nintendo und 3rd-Party-Hersteller der Konsole mit maßgeschneiderten Spielen Leben einhauchen können. Bisher ist das nur einer kleinen Anzahl von Spielen gelungen, und das Angebot ist insgesamt eher als schwach bis durchschnittlich zu bezeichnen. Gelungenen Titeln wie »Rayman Raving Rabbids«, »Zelda« und »Wii Sports« stehen einfach zu viele Spiele von der Stange entgegen - oder sogar richtige Rohrkrepierer.

Ebenso rätselhaft ist die Entscheidung, keine Musik-CDs bzw. deren Abspielen zu unterstützen. Technisch sollte das wohl kein Problem sein - fürchtete man hier die dicke Lizenzkeule? Einen Foto-Channel gibt es ja bereits, warum keinen Musik-Kanal? Dank USB-Anbindung oder gar WLAN könnten auch MP3s eigentlich gut ins System eingebunden werden. Ebenso schade ist, dass es keinen Demo- oder Trailer-Kanal gibt. Hier könnte zwar auch der vergleichsweise geringe Flash-Systemspeicher von maximal 512 MB (erweiterbar über SD-Card) bzw. die fehlende Festplatte hinderlich sein, wünschwenswert wäre so etwas auf jeden Fall und ist bei der Konkurrenz längst Standard.

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Noch nicht ganz Wii-kompatibel: Call of Duty 3.
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Wenn aber das Potenzial aufblitzt, dann richtig - nicht nur, was Spiele betrifft. Gerade der Mii-Kanal birgt noch einiges an Möglichkeiten. Wie wär's nach dem Durchspielen von »Zelda« mit einem Schild und Schwert für mein Mii? Oder einem Häschen-Shirt als Goodie, oder, oder... Nein, Grafikhammer sind nicht zu erwarten, aber sobald auch die Spieleschmieden mehr mit dem Gerät anzufangen wissen, als 08/15-Portierungen zu basteln, könnte sich Wii seine Nische erkämpfen.

Wer sieht, wie begeistert die Konsole gerade bei Partyspielen aufgenommen wird, weiß, wo der Schwerpunkt der Wii-Entwicklung liegen wird. Liegen muss. Ob das Spielgerät darüber hinaus Erfolg haben wird, mag zweifelhaft sein. Vielleicht fehlt mir aber einfach nur die Vorstellungskraft, und Nintendo überrascht mit einer breiten Palette von überzeugenden Spielen. Von daher ist Wii zwar schon da, aber noch nicht vollends angekommen.