Autor: Andreas Hentschel

Wer regelmäßig Musik aus Tauschbörsen zieht, sollte sich vor den folgenden Männern in Acht nehmen. Im Auftrag der Musikindustrie verklagen sie Filesharer – und ihr System ist äußerst effektiv. Wir begleiteten die zwei Fahnder bei ihrer Jagd nach Raubkopierern und Musikpiraten.

Vor der Haustür eines Einfamilienhauses in der Nähe von Osnabrück grüßt eine kleine Elchfigur im Weihnachtsmannkostüm. Die hat offenbar jemand vergessen wegzuräumen, denn die Feiertage sind schon ein paar Wochen her. Hinter der Haustür wohnt wahrscheinlich ein Musikpirat.

Einer, der über die Peer-to-Peer-Börse BearShare 980 MP3s zum Download für andere Nutzer freigegeben hat. „Verstoß gegen das Urheberrechtsgesetz in 980 Fällen“, steht im Strafantrag, den die zwei Kripo-Beamten dabeihaben. Sie sollen den PC mit dem Piratengut - das „Tatwerkzeug“ - sicherstellen. Sie klingeln.

Jagd auf Raubkopierer - Unterwegs mit den Raubkopierer-Jägern

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Netz-Fahnder: Der Ermittler Frank Lüngen (rechts) stellt die Beweise sicher, der Anwalt Clemens Rasch schaltet die Justiz ein.
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Im Schlepptau haben die Polizisten den Sachverständigen Frank Lüngen. Der kennt alle Tauschbörsen in- und auswendig. Nicht weil er sie nutzt, sondern weil er sie bekämpft. Das tut er mit einer schon beinahe obsessiven Leidenschaft. Im letzten Jahr hat er 138 Hausdurchsuchungen mitgemacht, ist mit dem Auto 80.000 Kilometer durch Deutschland gefahren, hat jede vierte Nacht im Hotel geschlafen. Der Mann weiß, wie es auf einem Rechner aussieht, der zum Tauschen genutzt wird. Die Polizei weiß das meistens nicht. „Oft machen Streifenpolizisten die Durchsuchungen“, sagt Lüngen. „Die haben mit Computern nix am Hut und sind überfordert. Dann rufen die mich an. Das geht schneller.“

Die Jagd: Ordnerweise Top-100-Titel

Und dann klingelt sie eben, die Polizei. So wie bei dem Haus mit dem Weihnachtselch. Ein Mann, Mitte 50, öffnet. Freundliches Hallo. Er kennt einen der Kripo-Beamten aus dem Angelverein. So ist das eben auf dem Land. Sein Sohn müsse das wohl ausgeheckt haben, vermutet der zweifache Vater, nachdem er im Bilde ist. Er telefoniert mit seiner Frau, sie ist Rechtsanwältin.

Der 16-jährige Junge ist in der Schule, der Vater lässt den Sohn ausrufen, nach zwei Minuten ist er am Handy. Er erlaubt dem Sachverständigen, seinen PC kurz zu durchsuchen, verrät ihm das Passwort. Sonst sagt der Junge nichts. Muss er auch nicht. Die Mutter wird das später für ihn erledigen, sie ist ja vom Fach.

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Piraten-PC: Rechner mit geklauter Musik werden von der Polizei beschlagnahmt. Sie landen dann bei Gutachtern wie Frank Lüngen.
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Lüngen findet auf dem PC tatsächlich ein paar Musikdateien, zu seiner eigenen Überraschung aber legal gekaufte. Kein Tool zum Tauschen. „Absolut sauber.“ Ob es noch einen Rechner gäbe? Das Notebook der Schwester. Es ist voller Musik, ordnerweise Top-100-Titel. Typische Tauschobjekte. Verdächtig. Doch Tools zum Tauschen sind auch hier Fehlanzeige. Kein BearShare, kein LimeWire, kein eMule, kein BitTorrent-Client. Nichts.

Hin und wieder veranstalte sein Sohn LAN-Partys, sagt der Vater. Vielleicht hatte einer der Kumpels eine Tauschbörse laufen? Vielleicht. Vermutungen helfen Lüngen nicht, er braucht Beweise. Die PCs bleiben bei ihren Eigentümern, Lüngen fährt unverrichteter Dinge wieder ab. „Macht nichts“, meint er. „Man muss auch mal verlieren können.“

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Tauschbörsen beherrschen das Web: die Sauger-Favoriten.
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Lüngen verliert ohnehin nicht oft. Gestern hat er drei Rechner beschlagnahmen lassen, erst heute Morgen wieder einen. Über 1.000 MP3s hatte ein Mann bei LimeWire freigegeben. Als die Polizei in seinem Wohnzimmer stand, bekam er weiche Knie. Ja, er wusste wohl, dass er etwas Verbotenes getan hatte, doch vor allem beschäftigte ihn die Frage: „Woher wissen Sie das?“ Lüngen und sein Team haben das herausgefunden.

Der Jäger: Im Auftrag der Musikindustrie

Lüngen ist Ermittlungsleiter bei proMedia, einer Agentur, die vor vier Jahren aus der Antipiraterie-Abteilung des Deutschen Phonoverbandes hervorgegangen ist. Im Auftrag vieler deutscher Musikfirmen spürt proMedia Tauschbörsennutzer auf.

Kein Job, mit dem man sich Freunde macht. Wenn Lüngen morgens den Anrufbeantworter der Firma abhört, haben Nachtaktive häufig Drohungen hinterlassen: „Lüngen, ich fick’ dich. Und den Rasch fick’ ich auch.“
Clemens Rasch ist Rechtsanwalt und der Kompagnon von Lüngen. Die beiden sind vielleicht Deutschlands erfolgreichste Piratenjäger, auf jeden Fall die aktivsten. Schon vor zehn Jahren kämpften sie gegen die Ur-Tauschbörse Napster und deren deutsche Nachahmer. Sie nahmen Server vom Netz – doch für jeden abgeschalteten kamen zwei neue dazu.

Seit drei Jahren klagen Rasch und Lüngen gegen Tauschbörsennutzer selbst. Die ersten 68 Fälle protokollierten sie auf 25.000 Blatt Papier, die sie eigenhändig zum Staatsanwalt schleppten. Als Erstes erwischte es einen Azubi aus Cottbus. Der zweite war ein Lehrer aus Baden-Württemberg, der die MP3s nicht nur aus Tauschbörsen zog, sondern gleich massenhaft CDs brannte. Für seine Schüler.

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Nonstop-Überwachung: Die Ermittler bei proMedia beobachten P2P-Netze im Dreischichtsystem.
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„Jeder soll jemanden kennen, der jemanden kennt, den es erwischt hat“, betet Lüngen immer wieder herunter. Auch in Gesprächen mit Rasch fällt dieser Satz oft. Der Anwalt, der neben Jura Musik studierte und Orgel spielt, beklagt die fehlende Wertschätzung für geistiges Eigentum, wundert sich aber auch über die Naivität der meisten Tauschbörsennutzer: „Im Kaufhaus klauen so wenige Leute, weil sie Angst haben, von einem Detektiv erwischt zu werden. Im Internet aber meinen die Meisten, sie wären unsichtbar.“

Tauschbörsen-Screening: Jagd in drei Schichten

Unsichtbar sind die Filesharer natürlich nicht. Allein im Jahr 2007 protokollierten Lüngen und Rasch das Filesharing von 25.000 Nutzern. In jedem einzelnen dieser Fälle stellten sie einen Strafantrag. Staatsanwaltschaften in ganz Deutschland hatten und haben damit zu tun.

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Strafbarer Musiktausch: Wer über Filesharing-Clients urheberrechtlich geschützte Lieder anbietet, muss mit einem Besuch der Polizei rechnen.
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In etwa 12.000 Fällen kam es bis jetzt entweder zu einer Verurteilung, oder die Beschuldigten haben sich außergerichtlich mit Rasch geeinigt, also einem Vergleich zugestimmt. Egal ob mit Gericht oder ohne: Wer Post von Rasch bekommt, muss bezahlen. Mindestens ein paar Hundert Euro, möglicherweise sogar ein paar Tausend, je nachdem, wie viele MP3s angeboten wurden und wie hoch das Einkommen des Beschuldigten ist.

Die Wahrscheinlichkeit, dass es einen regelmäßigen Musik-Sauger erwischt, ist hoch. Zumindest dann, wenn er die so genannten „Shared“-Verzeichnisse freigegeben hat, sprich: Wenn er anderen Nutzern erlaubt, die bei ihm auf der Festplatte liegende Musik zu laden. Von morgens um acht bis abends halb zwölf scannen die Mitarbeiter von proMedia alle populären Tauschbörsen nach diesen Files. Sie arbeiten in drei Schichten, Lüngen hat Platz für bis zu 34 Ermittler. Zurzeit kommen pro Schicht etwa zehn Personen.

Korrekte Beweissicherung für 10.000 Euro

Die Ermittler arbeiten Listen mit Interpreten ab, die bei den großen deutschen Plattenfirmen unter Vertrag sind, und suchen nach Tauschbörsennutzern, die Titel dieser Künstler anbieten. Ein paar Hundert Titel müssen es dabei schon sein, die genaue Grenze will aber niemand aus Lüngens Team verraten.

Überschreitet ein Nutzer diese Grenze, protokollieren die Ermittler haarklein, in welchem Peer-to-Peer-Netzwerk wann welche Musik in welchem Umfang angeboten wurde. Sie machen Screenshots der gesamten Musikliste – und wenn es 10.000 Lieder sind.

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Kopierstation: 10.000 Euro kostet dieses forensische System. Es kopiert die Festplatten der Verdächtigen so, dass darauf gespeicherte Daten auch gerichtlich verwertbar bleiben.
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Die IP-Adresse selbst wird festgehalten, denn nur mit ihr lässt sich der Nutzer identifizieren. Die Ermittler protokollieren User-Hashs – dies sind aus P2P-Client und MAC-Adresse des PCs errechnete, digitale Fingerabdrücke –, die Nutzer als alte Bekannte identifizieren, auch wenn sie mit einer anderen IP-Adresse ihre Musik feilbieten.

Die Mitarbeiter laden zwei Titel zur Probe herunter, die sie komplett anhören müssen, egal ob Teenie-Pop von „Tokio Hotel“ oder Schlager von Andrea Berg. Ein Capture-Tool protokolliert dabei Sender und Empfänger jedes einzelnen Datenpaketes. Dieser Aufwand ist nötig: Es muss sich ganz sicher um die Originalversion des Songs handeln und der Download muss ganz sicher vom jeweiligen Verdächtigen stammen. Sonst könnte proMedia vor Gericht mit seinen Beweisen nichts anfangen.

Täglich werden über 100 Tauschbörsennutzer erwischt

Auf Netz und doppelten Boden legt Lüngen auch als Gutachter Wert: Wenn er im Auftrag der Staatsanwaltschaft Rechner untersucht, benutzt er eine Kopie der Festplatte. Die erstellt Lüngen mit einem 10.000 Euro teuren forensischen System, das kein einziges Bit verändert. „Sonst heißt es dann, ich würde jemandem noch Raubkopien unterjubeln.“ Trotz des Aufwandes erwischen die Fahnder täglich 120 bis 150 Tauschbörsennutzer, die sie noch nicht in ihrer Datenbank haben. Ihre Daten werden zweimal täglich auf eine Festplatte gespielt und in die Kanzlei von Clemens Rasch gebracht. Der setzt dann die Mühlen der Justiz in Bewegung.

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Piraten-ID: Mittels User-Hash-Werte sind P2P-Nutzer über Monate eindeutig identifizierbar. Der Fingerabdruck errechnet sich aus dem verwendeten Client und der MAC-Adresse des PCs.
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Der Aufwand scheint sich zu lohnen. Lüngen glaubt, einen Rückgang der Tauschbörsen-Aktivitäten zu beobachten: „Vor einem Jahr hatte BearShare 1,2 Millionen aktive Nutzer. Heute sind es noch 400.000. Und ich bin davon überzeugt, das ist unser Verdienst.“ Dass viele zu anderen Systemen abwandern und Direct-Downloader wie RapidShare nutzen, ist Lüngen egal: „Im Moment sind die da sicher. Aber die kriegen wir auch noch.“ proMedia hat eine Schnittstelle zu RapidShare und löscht Verzeichnisse mit Musik manuell – ohne Konsequenzen für die Uploader.

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Explosion des Daten-Traffics.
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In Zukunft wollen Rasch und Lüngen vom RapidShare-Betreiber die Log-Dateien der Uploader einfordern. Dank Vorratsdatenspeicherung, so Lüngen, bleibe mehr Zeit zum Ermitteln des Anschlussinhabers. Auch der Anwalt Clemens Rasch freut sich über diese Tendenz: „Es ist gar nicht so schlimm, wenn die Fälle wieder kniffliger werden“, sagt er. „Der Aufwand pro Treffer steigt zwar, doch wenn man dann einen hochnimmt, ist es garantiert ein dicker Fisch. Auch wenn das komisch klingt: Aber ich hätte es gerne mal wieder mit so richtigen Piraten zu tun.“