Was ist der Unterschied zwischen Markt- und Planwirtschaft? In der Marktwirtschaft stehen die Idioten freiwillig Schlange. Ob Harry Potter, Herr der Ringe, Wii, Playstation 3 oder nun das iPhone, immer wieder gibt es Objekte der Begierde, deren hype-getriebenen Hysteriewellen ansonsten klar denkende Menschen vor die Pforten von Kinos oder Geschäften spülen.

Dort zelten die verwirrten Massen, den Naturgewalten ausgesetzt, für die Chance, als »Erster« das jeweilige goldene Kalb umtanzen zu dürfen. Selbst gewalttätige Übergriffe unter diesen Konsumgläubigen sind nicht selten. Sollten derartige Auswüchse von Fanatismus bei uns Empörung auslösen? Wo doch hier eigentlich nur Camper endlich das bekommen, was Camper verdienen: eins um die Ohren…

Das neuste Übergadget iPhone erreicht offiziell Europa. Als musikdüdelndes Fototelefon und Film abspielendes Minisurfsurfzubehör ist Apples schwarze Quakkiste insbesondere für hippe Businesssprechzombies nichts weniger als ein »Paradigmenwechsel«. Wird doch aus dem schwäbischen »Händi koi Schnürle?« das hessische »Ei-von dene Telefone habbe doch Äbbel gaa kaa Ahnung!« Für andere ist es die Wiederauferstehung des YPS mit Gimmick. Nur ohne YPS. Mit 30.000 % Preissteigerung.

Letzteres auch nur, wenn man vom Grundpreis in Höhe von 399 € ausgeht. Die drei Zwangs(jacken)grundtarife von T-Mobile in Höhe von 49, 69 und 89 Ökken bei einer Laufzeit von 24 Monaten plus Bereitstellungspreis wollen zusätzlich finanziert werden.

iPhone - iWahn, der Schreckliche – Fan-dumm bis der Arzt kommt

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Wie YPS - nur ohne Gimmick.
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Selbstverständlich bringt der Flachmann für richtig Wichtige (sprich Jura- und BWL-Studenten im 2. Semester) unterhaltsame Features. Wenn auch T-Mobile das Herausarbeiten dieser Unique Selling Points noch kleinere Probleme zu bereiten scheint. Gilt der beweglichsten Sparte des rosa Riesen als nennenswerteste Errungenschaft und somit Revolution des Telefonierens: »Sie tippen auf eine Telefonnummer - und schon telefonieren Sie«. Vor meinem inneren Auge sehe ich den T-Mobile-Vorstand mit Wählscheibenhandys vorbeimarschieren und für einen Augenblick wähne ich mich tiefer Erkenntnis in Punkto Mobilfunkmarkt nah.

In Übersee klinge(l)n die Lobpreisungen des Um- und Aufschwungs ganz anders: Time kürte das iPhone jüngst zur Erfindung 2007. Zwar schlagen die Redakteure einen fast entschuldigenden Ton an ob des hohen Preises, der vertraglichen Bindung an AT&T (das Festnetz der anderen Art) und fehlendem Instant Messaging. Sie zeigen sich dennoch begeistert vom slicken Design, der intuitiven Benutzung über den (angeblich) kratzfesten Touchscreen, der über zehn Berührungspunkte gleichzeitig abfragen kann und nicht zuletzt der Öffnung der Plattform Anfang nächsten Jahres mittels eines Software Developer Kits für Anwendungsentwickler. Bisher hatte sich Apple geweigert die APIs freizulegen (was nichts daran änderte, dass Hacker unter anderem native Varianten von Doom, Minesweeper und einen NES-Emulator zum Laufen brachten).

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Bei so viel Lifestyle interessiert nicht mehr, was wirklich drin oder dran ist.
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Bei all dieser Öffentlichkeitsarbeit, seien es Jubelschreie oder Unkenrufe, rücken die technischen Details (128 MByte Arbeitsspeicher, 8 GByte Flash-Speicher, 320 x 480 Pixel Display, WLAN, Bluetooth 2.0, EDGE (statt UMTS), USB-Schnittstelle, TV-Out, mind. 6 Stunden Akkulaufzeit, 2 Megapixelkamera…) schnell in den Hintergrund. Denn wenn eine Diskussion erstmal die Phase um den Status als Lifestyleaccessoire erreicht hat, spielt Qualität keine Rolle mehr. Es gilt vielmehr der Satz, dass es keine negative Publicity gibt. Denn nicht die cleversten Entwickler, sondern die lautesten Brüllaffen und geschicktesten Werber begründen jeweils die Standards. Spieler kennen das Prinzip aus leidiger Erfahrung: Atari ST vs. Amiga, Gameboy vs. Lynx, Xbox 360 vs. Playstation 3 vs. Nintendo Wii und – am ironischsten von allen – Microsoft vs. Apple.

Insbesondere aber der Erfolg der Wii weist zahlreiche Parallelen zu dem des iPhones auf. Beide bringen wenig nennenswerte technische Neuerungen und die nur zaghafte Innovationsfreudigkeit ist augenscheinlich. Design und Marketing treffen dagegen den Konsumenten ins Mark. Da stört sich auch niemand außer Greenpeace an der (nicht unbestrittenen) Verwendung von bromhaltigen Flammschutzmitteln oder PVC, der Produktion in China oder diversen Sicherheitsmängeln.

Die Menschen schlagen trotzdem ihre Lager vor den Ladengeschäften auf. Warten geduldig, frieren, hungern und jubeln ekstatisch wenn sie ein kleines schwarzes Kästchen in den Händen halten, das ihnen erlaubt, was ihr altes Handy schon vor Jahren erlaubte: Telefonieren, Musikhören, Surfen, Fotografieren. Aber sie wirken glücklich, wirklich glücklich. Ehrlich gesagt, beneide ich sie darum.

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Willkür als Heiliger Gral - sehr "handy"...
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Nicht um das iPhone. Sondern um ihre Begeisterungsfähigkeit. Es muss schön sein, wenn man sich in etwas soweit hineinsteigern kann, bis kein Weg mehr zurückführt und alle Defizite und Schwächen zur Unerkenntlichkeit verblassen. Mir fällt auf die Schnelle keine Fertigkeit ein, die in der heutigen Welt wertvoller sein könnte. Seien es technische Apparaturen, Computerspiele oder meinetwegen Gott, umso mehr wir wissen, umso mehr hinterfragen wir. Umso mehr wir hinterfragen, umso höher die Wahrscheinlichkeit unliebsamer Antworten und Erkenntnisse. Aber einen beliebigen Gegenstand willkürlich zum heiligen Gral machen, um ihn dann anhimmeln zu können … verdammt »handy«.

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Und zurück bleiben wir Nörgler...
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Natürlich nutzen Produzenten zunehmend eben diese menschliche Fähigkeit, leblose Dinge, Nichtexistentes oder reine Ideen anzubeten. Ein Erzeugnis muss nicht mehr im herkömmlichen Sinne gut sein, sondern sympathisch. Ist es das, bedarf es nur eines kleinen Rucks, damit sich der Kunde »verliebt«. Das schafft die solideste Basis, die sich ein Verkäufer wünschen kann. Denn so wenig man die Eltern hässlicher Kinder davon überzeugen wird, ihre Sprösslinge dem fahrenden Volk mitzugeben, um es dann einfach noch einmal zu versuchen, sowenig kann man einen wahren Fan zum Kauf des Konkurrenzproduktes bewegen.

Natürlich neigt sich irgendwann der Lebenszyklus jedes Objekts seinem Ende entgegen. Aber das ist ein gewünschter Effekt. Dann kommt das nächste »Große Ding«, auf das der Kunde seine ganze Begeisterung fokussieren kann. Als würde er seine alte Ehefrau durch eine zwanzig Jahre jüngere ersetzen. Der Kreis der Glückseeligkeit beginnt erneut, mit schönem, glänzendem Tand.

Zurück bleiben wir ewigen Nörgler. Einsam, allein, traurig.

Mit einem alten Nokia 3110 in der Hand.

Scheiße.