Fuchtelsteuerung am PC? Das hat ja gerade noch gefehlt! Werden heimische Rechenknechte nun auch von billigen Tennisspielchen, Casual-Bowling und Pixelgolfumsetzungen heimgesucht? Vielleicht. Aber es ist gut zu wissen, dass Razers Hydra-Controller auch bei First-Person-Shootern eine gute Figur macht. Ob die Fuchtelsteuerung dem Vergleich mit einer Maus standhalten kann, steht hingegen auf einem anderen Blatt.

Stylisch ist er ja, der kleine Minitodesstern in Türknaufgröße. Ein grünes Dreiecksmuster glüht in regelmäßigen Abständen an seiner Fassade auf, als ginge es um ein Requisit eines billigen Science-Fiction-Films aus den Spätsiebzigern. Aber Pustekuchen. Das Ding gehört zu Razers neuester Errungenschaft auf dem Feld der PC-Bedienung. „Hydra“ nennt sich die Bewegungssteuerung, die auf den ersten Blick an eine Kreuzung aus Wii-Remote und PlayStation Move erinnert. Der grünlich glühende Ball auf seinem kleinen Podest dient als Empfängerstation für die beiden handlichen, wenn auch etwas klobig wirkenden Controller.

Beide sehen absolut gleich aus und erinnern ein wenig an überfüllte Zahnpastatuben. An den schwarz gehaltenen Steuerungssegmenten endet ein spitz zulaufender Griff an einem drei Finger breiten Kopf mit großzügig angelegtem Analogstick, vier Face-Buttons und zwei Schultertasten für den Zeigefinger. Große Zeigefinger, denn Hydra wurde für grobe westliche Pranken entwickelt, nicht für fernöstliche Kindergriffel.

Razer Hydra - „Hydra will change the way you play“ - wirklich jetzt?

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Da ist das Set. Sieht ein wenig klobig aus, funktioniert aber ganz gut.
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Nach rund fünf Jahren Wii-Wahnsinn weiß wahrscheinlich jeder bei der ersten Inspektion, wie das System funktioniert. Ein Controller für die rechte, der andere für die linke Hand, dann darf in der Luft herumgefuchtelt werden, um Spiele noch intensiver zu erleben. Vorausgesetzt, man kann der konsolentypischen Gestensteuerung etwas abgewinnen.

Doch noch bevor man diesen Gedanken zu Ende spinnen und von PC-Hampeleien fantasieren kann, kommen die ersten Fragen auf. Eine davon lautet: „Warum zur Hölle sind die Controller verkabelt?“. Die zweite wäre dann: „Wie funktioniert das Ding überhaupt?“ denn sichtbare Sensoren, Lämpchen oder Infrarotschnittstellen sucht man hier vergebens.

Eine einleuchtende Antwort zur ersten Frage fällt mir nicht ein. Am Preis kann es jedenfalls nicht liegen, der rangiert nämlich bei exorbitanten 120 Euro. Inklusive einer für Hydra optimierten Fassung von Portal 2, wohlgemerkt, aber auch das tröstet euer geschundenes Zwiebelleder-Portemonnaie kaum – schon gar nicht, wenn ihr Portal 2 bereits ohne Fuchtelsteuerung erworben habt. Eine Funkverbindung wäre nicht nur zeitgemäßer, sondern hätte auch den vorprogrammierten Kabelsalat verhindert, der spätestens nach jeder dritten Session zu entwursteln ist.

Zugegeben, das Kabel, das an der Rückseite der Empfängerstation klemmt, ist durchaus großzügig. Beide Controller werden zwar über einen einzelnen Strang an den runden Empfänger gekoppelt, doch die T-Weiche, die beide Handgriffe voneinander trennt, lässt beinahe zwei Armlängen Spiel. Sprich, man kann beide Hände fast vollständig nach rechts und links vom Körper spreizen, ohne die Kabel zu strapazieren. Trotzdem erinnert Hydra irgendwie an Freak-Peripherie aus früheren Zockerzeitaltern, auch wenn die Verkabelung durchaus umweltfreundlich ist - erspart sie euch doch die Verwendung von Batterien.

Der Verzicht auf Funkverbindungen könnte vielleicht mit der Funktionsweise des Geräts zusammenhängen, die sich überraschend stark von Wiimote und PS-Move unterscheidet. Anstelle von optischen Abtastungen verwendet Hydra ein sehr schwaches Magnetfeld, das von der kleinen Todessternkugel ausgeht. Keine Angst, das Magnetfeld ist weit schwächer als das der Erde und kann weder Festplatten noch Kreditkarten löschen.

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Der Empfänger sollte in der Nähe der Controller platziert werden.
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Aber mit dessen Hilfe misst das System die Entfernung der beiden Hand-Controller zum Empfänger, was nicht nur fehlerfrei, sondern auch überraschend präzise und schnell vonstattengeht. Allerdings auch nur in einem begrenzten Radius, wodurch die Controller nur in unmittelbarer Nähe zum Empfänger erkannt werden. Da haben Funksysteme oder extralange Kabel wahrscheinlich keinen Sinn.

Es ist ein wenig ernüchternd, dass wildes Armschwingen mit einer digitalen Tennisadaption flachfällt. Schon alleine deswegen, weil man den Empfänger mit jedem Schwung vom Tisch reißen würde. Hydra wurde also für den Gebrauch am Tisch entworfen, und das lässt ein wenig am Sinn und Zweck der Peripherie zweifeln. Wenn man sowieso weiterhin direkt vor dem Monitor hockt, kann man doch gleich die Maus verwenden, oder?

Nun, genau das wäre zu beweisen, darum wird flugs der beigepackte Voucher in Steam eingegeben, Portal 2 installiert und losgespielt. Hängt Hydra ordnungsgemäß vor Spielstart am USB-Port, wird man auch gleich von einer Kalibrierungsoption begrüßt, mit der man festlegt, welchen Controller man in der linken beziehungsweise rechten Hand hält. Da beide Steuerungselemente absolut identisch sind, macht das technisch keinen Unterschied und dient lediglich der Abstimmung.

Angeschlossen, angezockt

Bereits im Titelmenü fällt auf, wie präzise Hydra tatsächlich arbeitet. Verzögerungen? Ungenaue Ausrichtung? Zitternde Cursor? Alles Fehlanzeige. Razers Bewegungssteuerung funktioniert tadellos und interpretiert jede Handbewegung umgehend. Ein Handschwung nach rechts zieht den Mauszeiger analog in dieselbe Richtung, als ob man mit dem Zeigefinger auf den Bildschirm deuten würde. Sogar so genau, dass ich das System gerne mal zum Spaß mit einer Anwendung wie Photoshop oder Powerpoint ausprobiert hätte.

Was aber vorerst nur unter Windows 7 möglich ist. Bei Windows XP rückt und rührt sich nichts, denn es hält Hydra für ein gewöhnliches Joypad und belegt standardmäßig Buttons und Analogsticks als primäre Steuerungselemente. Darum wird das System bislang auch nur von rund 120 Spielen unterstützt, für die jeweils ein zugehöriges Update nötig ist. Dazu später mehr.

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Ein Code für eine Portal-2-Version liegt bei. Es gibt zusätzliche, für Hydra optimierte Abschnitte.
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Das beigelegte Portal 2 verrichtet jedenfalls ausgezeichnete Überzeugungsarbeit und beweist, wie ausgereift die Sensorik ist. Linkerhand wird der große, aber sehr präzise Analogstick verwendet, um durch den Testkomplex zu stapfen, die freie Bewegung der rechten Hand übernimmt derweil den Part des Maus-Cursors, mit dem man sich in der Umgebung umsieht bzw. auf Wände zielt, um per Schulter-Button Portale aus der Kanone zu feuern. Präzision top, aber der Nutzen strebt gen null. Leider stehen nur drei Empfindlichkeitsstufen für die Bewegungssensorik zur Verfügung, und selbst die sensibelste erreicht nicht ganz die Geschwindigkeit eines gezielten Mausschubsers. Außerdem neigte ich irgendwann dazu, die rechte Hand ein wenig hängen zu lassen, um sie nicht zu überanstrengen, was auch die First-Person-Perspektive gen Boden verschob.

Dazu kommen noch einige Gesten, die sich aber auch per Knopfdruck auslösen lassen. Etwa Springen und Ducken, was durch schnelles Heben und Senken des linken Griffs zu bewerkstelligen ist. Strengt aber auf Dauer ganz schön an und bringt auch nicht viel, wenn es um das Spielgefühl geht, daher greift man schnell wieder zu den Face-Buttons.

Beeindrucken konnte letztendlich nur das Ausfahren des Gravitationsstrahls durch Ausstrecken des rechten Arms, was tatsächlich unheimlich intuitiv wirkt. Bei allen anderen Steuerungselementen wird man aber das Gefühl nicht los, mehr Aufwand zu betreiben als nötig. Mit der Maus geht es schlichtweg schneller, was auch auf ein Paradoxon hinweist: Nintendos Wiimote ist nämlich deswegen bei Shooter-Spielern so beliebt, weil sie intuitiveres Zielen zulässt als mit einem Analogstick. Sie ist ein Mausersatz für den Wohnzimmer-TV. Warum sollten PC-Spieler ausgerechnet darauf zurückgreifen wollen?

Nicht zu Ende gedacht

Interesant ist Hydra somit nur für Spieler, die gerne auf der Couch lümmeln und ihren PC zu diesem Zwecke an einen HDTV klemmen. In dem Fall vermittelt Hyrda pures Konsolen-Feeling und offeriert eine bequemere Bedienung als mit der Maus auf dem tiefen Wohnzimmertisch. Den Nager wird man aber trotzdem nicht los, weil die Steuerung nur innerhalb des Spiels funktioniert, und man sollte auch nicht erwarten, damit zum Frag-König zu avancieren. Egal, ob man nun Left 4 Dead, Battlefield oder The Witcher einlegt, das System kann einer Maus in Sachen Präzision und Geschwindigkeit nicht das Wasser reichen.

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Die Verarbeitung ist hier und da ein wenig wackelig, aber die Analogsticks sind super.
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Zumal es bereits sehr lästig sein kann, den Controller in den 120 angeblich fehlerfrei unterstützten Spielen zum Laufen zu bringen. Super Meat Boy erkannte die Controller etwa erst im zweiten Anlauf, verwendete aber lediglich die üblichen Buttons und einen der Analogsticks. Das Programm ist laut Steam auf dem neuesten Stand, sämtliche Optionen wurden durchforstet, ich habe nach manuellen Updates gegoogelt und alle Register gezogen. Geändert hat sich nichts – in diesem Spiel dient Hydra lediglich als zweigeteiltes Joypad für stolze 120 Euro, was sauer aufstößt.

Noch tragischer erscheint jedoch, dass das System selbst bei Unterstützung nicht konsequent genutzt wird. Bereits die Demonstration mit Bulletstorm zeigt, dass viel Potenzial ungenutzt bleibt. Allein die abgedrehten Hinrichtungsmechaniken hätten viel Spielraum für Sperenzchen in der Gestiksteuerung zugelassen, doch stattdessen beschränkt sich der Nutzen auf das in Portal 2 beschriebene Ausrichten des Blickwinkels samt kleineren Handbewegungen für das Umschalten zwischen mehreren Angriffsfunktionen. Inwiefern so etwas das Spielgefühl verändern oder sogar verbessern soll, bleibt rätselhaft.

Fazit

„Hydra will change the way you play“ lautet das Credo von Razor, aber daran glauben kann ich derzeit nicht, obwohl ich dafür bekannt bin, sogar dem allseits verspotteten Kinect eine Menge Spielspaß abzuringen. Es liegt nicht an der Technik, die funktioniert tadellos und sogar genauer als bei der Wiimote von Nintendo, die ganz offensichtlich die Mutter der Idee war.

Es ist vielmehr der Anwendungsbereich, der Zweifel aufkommen lässt. Abgesehen von einer vollständigen Windows-Kompatibilität in allen Bereichen, inklusive Desktop, wären Programme vonnöten, die einen größeren Vorteil aus dem Gefuchtel ziehen und es spielerisch ausnutzen. Gerade mit zwei gleichwertigen Controller-Elementen könnte man einiges bewerkstelligen, aber da müssten eben auch die Software-Lieferanten mitspielen.

Andernfalls wird Hydra ein Dasein als Freak-Peripherie fristen. Bislang werden lediglich alternative Steuerungsvarianten für Spiele angeboten, deren Steuerung bereits optimal ist. Weder ein dreidimensionales Portal 2 noch ein zweidimensionales Worms Reloaded oder ein Braid steuern sich automatisch besser, nur weil die Bedienung nun anders vonstattengeht.

Das perspektivische Fuchteln mit der Portalkanone oder an der Wumme in Left for Dead mag durchaus das Spielgefühl intensivieren, aber an die Präzision und die Geschwindigkeit einer Maus kommt es nicht heran, was Hydra-Nutzern speziell bei Online-Partien Nachteile einbringt. Gegen ausladende Armschwünge beim virtuellen Golfen oder einer Tennispartie spricht hingegen die Verkabelung, zumal Gelegenheitsspieler sowieso bei den Konsolen besser aufgehoben sind.

Für 120 Euro bekommt man fast schon eine Wii. Die Anschaffung eines Hydra-Controllers lohnt sich nur für PC-Zocker, die gerne auf der Couch lümmeln und eine konsolentypische Alternative zur Maus suchen. Aber selbst die können mit dem Geld wahrscheinlich etwas Besseres anfangen.