Autor: Florian Holzbauer

Eine Spinne hat acht Beine. Mit dieser Metapher beschreibt AMD die erste hauseigene Plattform "Spider": Vier Prozessorkerne und vier Grafikkarten sind das Herzstück eines voll ausgestatteten Systems. Was auf den ersten Moment stark an High-End erinnert, positioniert AMD im Mittelklasse-Bereich. Moderate Preise sind dabei das Hauptargument.

Wir haben ein Vorserien-Modell der Spider-Plattform getestet und uns einen Eindruck von der Zukunft AMDs machen können. Wieso wir dabei nicht in Jubelschreie ausgebrochen sind, lest ihr auf den folgenden Seiten.

Intels Centrino-Plattform stellt ganz bestimmte Ansprüche an ein Notebook. Wenn gewisse Komponenten verbaut sind, darf sich der Hersteller ein entsprechendes Logo auf das Gehäuse kleben. AMD fährt hier auf einer anderen Schiene: Spider ist als offene Plattform definiert. So darf sich auch ein System mit AMD-Chipsatz und Phenom-Prozessor „Spider“ nennen, das eine Nvidia-Grafikkarte beinhaltet. Ein Logo wird es außerdem nicht geben. Wir stellen Ihnen die Komponenten vor, die ein Spider-System in Vollausstattung zu bieten hat.

Der AMD 7-Series Chipsatz

Auf dem Chipsatz-Markt war es lange still um AMD. Mit der neuen 7-Series wurde der Sockel AM2+ eingeführt. Auf diesem Steckplatz nehmen die neue Phenom-Generation sowie alle Athlon-64-Modelle für AM2 Platz. Eine weitere Neuerung ist CrossFireX. Über diese Schnittstelle werden mehrere ATI-Radeon-Grafikkarten im Verbund zusammengeschlossen. Das Ergebnis: Die Rechenarbeit kann auf mehrere Karten verteilt werden – analog zu Nvidias SLI.

AMD Spider - Kampfansage gegen Intel: Wir zeigen Stärken und Schwächen von AMDs Spider-Plattform.

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/9Bild 2/101/10
AMD stellt mit Spider eine Kombination aus CPU, Mainboard und Grafikkarte vor.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Je nach Modell sind bis zu vier PCI-Express-Steckplätze der neuen 2.0-Version verbaut. Derzeit ist es nur möglich, zwei Grafikkarten parallel zu betreiben, da der Treiber für die Vollausstattung mit vier Karten erst im Januar nächsten Jahres fertig ist. Drei Varianten des 7er Chipsatzes wird es geben: So richtet sich der AMD 770 an Einsteiger- und Mittelklasse-Systeme, AMD 790 X an die gehobene Mittelklasse und der AMD 790 FX an High-End-Maschinen, die bis zu vier Grafikkarten fassen. Die Preise für entsprechende Mainboards soll sich zwischen 110 und 240 Euro bewegen.

Der AMD Phenom Prozessor

Die Vorstellung der neuen Prozessor-Serie beginnt mit einer Enttäuschung: Das erwartete Top-Modell Phenom 9700 (2,4 GHz) wird erst im Januar erscheinen. Ursprünglich sollte die CPU am 19. November erscheinen. Stattdessen kommt AMD nur mit zwei Modellen auf den Markt: Phenom 9500 (2,2 GHz) und 9600 (2,3 GHz). Beide Prozessoren verfügen über vier Prozessorkerne, die sich die Rechenarbeit untereinander aufteilen können.

AMD Spider - Kampfansage gegen Intel: Wir zeigen Stärken und Schwächen von AMDs Spider-Plattform.

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/9Bild 2/101/10
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der günstige Preis: So kosten lediglich die derzeit höchsten Versionen von Chipsatz, CPU und Grafikkarte über 200 Euro.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Wie auch für den Core 2 Quad von Intel gilt aber: Die Anwendung oder das Spiel muss mehrere Kerne unterstützen. Der integrierte Speichercontroller unterstützt derzeit DDR2-Speicher. Für die Zukunft will AMD auch auf das neue DDR3 setzen und entsprechende Unterstützung in kommende Phenom-Modelle einbauen. Weitere Merkmale sind die Version 3.0 der Hypertransport-Technologie und der Stromsparmodus Cool’n’Quiet 2.0. Der Phenom 9500 kostet rund 170 Euro, der Phenom 9600 liegt knapp darüber – bei etwa 200 Euro.

Die ATI Radeon HD 3800 Grafikkarten-Serie

Der Zusammenschluss mit ATI trägt weitere Früchte: Die Radeon HD 3800 Serie ist das letzte Kernelement von Spider. Wichtigstes Argument dafür ist die Unterstützung von DirectX 10.1. Zwar sind bis dato keine Spiele bekannt, die auf diese Version der Schnittstelle optimiert werden, laut AMD sollen aber bereits Titel in der Mache sein. Seit dem 15. November sind zwei Modelle auf dem Markt: Die Radeon HD 3850 kommt mit 256 MByte Grafikkartenspeicher, der auf 1,8 GHz Taktfrequenz läuft.

Die Karte positioniert sich im Mittelklasse-Segment und spricht besonders die Käufer an, die sich ein preiswertes Crossfire-System basteln wollen. Die zweite Karte im Bunde heißt Radeon HD 3870, bietet 512 MByte Speicher und bahnt sich den Weg Richtung unteres High-End-Segment. Leistungsmäßig orientiert sich die Grafikkarte an der Nvidia Geforce 8800 GTS Serie. Preislich sind beide Karten attraktiv: Das 3850-Modell kostet rund 180 Euro, während die 3870 sich bei 230 Euro einpendelt.

AMD Spider - Kampfansage gegen Intel: Wir zeigen Stärken und Schwächen von AMDs Spider-Plattform.

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/9Bild 2/101/10
Nach der Übernahme von ATI arbeitet AMD nun verstärkt auf dem Grafikkarten-Markt.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Wir hatten die Möglichkeit, uns ein Bild von der Leistungsfähigkeit der Spider-Plattform zu machen. Dabei ist uns aufgefallen, dass AMD mehr verspricht, als eingehalten werden kann. Unser Testsystem bestand aus dem Gigabyte MA790FX-DQ6 Mainboard, das mit einem Phenom 9700 auf 2,4 GHz ausgestattet war.

Beim Prozessor handelte es sich aber um ein Vorserienmodell; die finale CPU liefert AMD erst Anfang nächsten Jahres aus. Hinzu kommen zwei Radeon HD 3850-Grafikkarten mit je 256 MByte Speicher, die im Crossfire-Verbund zusammengeschlossen waren, 2 GByte Arbeitsspeicher von Corsair und eine 150 GByte große Raptor-Festplatte von Western Digital. Als Betriebssystem wurde eine 32-Bit-Version von Windows Vista eingesetzt.

Benchmarks: Kaum vergleichbar

Getestet wurde das System mit einer ganzen Reihe verschiedener Benchmarks. So erreichten die beiden Radeon HD 3850-Grafikkarten einen Wert von 12.724 Punkten bei 3DMark06. Das entspricht in etwa der Leistung einer Geforce 8800 Ultra in vergleichbarer Hardware-Umgebung. Im Hinblick darauf, dass die günstige Radeon HD 3850 in Mittelklasse-PCs zu finden ist, ein brauchbares Ergebnis.

AMD Spider - Kampfansage gegen Intel: Wir zeigen Stärken und Schwächen von AMDs Spider-Plattform.

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/9Bild 2/101/10
Auffällig ist, dass der AMD 790 FX-Chipsatz den Einsatz von bis zu vier Grafikkarten gewährleistet, die im Crossfire-Modus zusammenarbeiten.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Beim CPU-Ergebnis desselben Benchmarks liegt Intel vorne: Der AMD Phenom mit 2,4 GHz kommt hier auf 3.347 Punkte; Intels Core 2 Quad Q6600 mit selber Taktfrequenz erreicht rund 3.500 Punkte. Dennoch ist Vorsicht beim Vergleich geboten: AMDs Spider-Testsysteme basieren auf einer neuartigen Plattform, die derzeit keine Pendants hat. So hängt der hohe 3DMark06-Wert auch damit zusammen, dass der PCI-Express 2.0-Bus deutlich schneller Daten überträgt als PCI-Express 1.1, das in vielen anderen Systemen zum Einsatz kommt.

Overclocking: Viel Potential

Über das selbst entwickelte Tool OverDrive war es möglich, die Prozessoren zu übertakten. Dabei stellte sich heraus, dass – entsprechende Kühllösungen vorausgesetzt – in den Phenom-Prozessoren viel Potential steckt. So konnten wir die CPU in kleinen Schritten problemlos auf 2,7 GHz übertakten. Auf unserem Testsystem war hier Schluss und der Rechner wurde bei weiterer Erhöhung instabil. Andere Rechner mit gleicher Konfiguration erreichten gar Werte von 3,0 GHz.

Stabilität: Es gibt noch viel zu tun

Das größte Problem der Testsysteme war die Stabilität: So beinhaltet jeder Phenom-Prozessor einen Bug, der das System bei hoher Last und bestimmter Rechner-Konfiguration abstürzen lässt. Laut AMD soll der Fehler in der Praxis aber kaum auftreten. Eine Lösung gibt es derzeit nur in Verbindung mit Leistungsverlust über das BIOS. Dies sei auch der Grund, wieso sich der Phenom 9700 verzögert und erst als überarbeitete Version des Endkunden erreichen wird.

AMD Spider - Kampfansage gegen Intel: Wir zeigen Stärken und Schwächen von AMDs Spider-Plattform.

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/9Bild 2/101/10
Overclocker bekommen nun ein praktisches Tool an die Hand: OverDrive erlaubt das komfortable Übertakten des Prozessors.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Gleiches Bild bei den Treibern: Die Grafikkarten skalierten mit den darauf installierten Treibern schlecht. Beim Test mit dem DirectX-10-Benchmark „Call of Juarez“ offerierten zwei Grafikkarten im Crossfire-Verbund lediglich rund 10% mehr Leistung als eine einzelne Karte. Der schnellste verfügbare Phenom mit 2,3 GHz kommt leistungsmäßig nicht an Intels kleinsten Core 2 Quad Q6600 heran.

Das soll sich in Zukunft ändern. Mit der Einführung der Phenom-FX-Produktreihe will AMD auch Spieler und Enthusiasten ansprechen. Diese lässt aber noch auf sich warten: Frühestens im zweiten Quartal 2008 ist mit diesen CPUs zu rechnen. Weiterhin plant AMD Phenoms mit zwei und drei Prozessorkernen – Phenom X2 und Phenom X3, die nächstes Jahr erscheinen sollen.

Radeon: Zwei GPUs auf einer Karte

Auf dem AMD-Event in Warschau konnten wir einen ersten Blick auf die Radeon HD 3870 X2 werfen. Die Grafikkarte bietet zwei Grafikprozessoren auf einer Platine. So lässt sich ein Quad-Crossfire-System mit zwei Karten realisieren. Ob und wann eine Kombination aus vier dieser Modelle möglich sein wird, ist noch nicht bekannt, aber im Bereich des Möglichen. Mainboards mit vier PCI-Express-Schnittstellen, in die je eine Grafikkarte eingesetzt werden kann, wurden bereits vorgestellt.

AMD Spider - Kampfansage gegen Intel: Wir zeigen Stärken und Schwächen von AMDs Spider-Plattform.

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/9Bild 2/101/10
Zwei Radeon HD 3850 waren im Crossfire-Verbund zusammengeschlossen. Im 3DMark06 zeigte sich das Leistungspotential.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Gerade PC-Komplettsysteme setzen oft auf Onboard-Grafikchips. Bislang reduziert AMD seine Spider-Plattform auf die Möglichkeit, externe Grafikkarten einzusetzen. Im Februar nächsten Jahres folgen Mainboards mit verbautem Grafikchip. Sehen konnten wir davon zwar nichts, AMD behauptet jedoch, dass es sich um leistungsstarke Grafik handelt. DDR3-Speicher soll erst ab dem Sockel AM3 großflächig thematisiert werden; Boards mit dem zukünftigen Sockel sollen gegen Ende 2008 erscheinen.

Fazit: Die Spinne verfängt sich im eigenen Netz

Unsere erste Erfahrung mit der Spider-Plattform hinterlässt einen faden Beigeschmack. Zwar punktet AMD mit günstigen Preisen und geringem Stromverbrauch – bei der Leistung liegt Konkurrent Intel aber meilenweit vorne. Was sich AMD bei der Konzeption der Spider-Plattform gedacht hat, bleibt unklar. Das Unternehmen selbst bezeichnet sie als "offene Plattform". Ein Rechner mit AMD-Chipsatz und Phenom-Prozessor ist selbst dann noch "Spider", wenn eine Nvidia-Grafikkarte auf dem PCI-Express-Slot Platz nimmt.

Upgraden leicht gemacht

Ein ganz entscheidender Aspekt ist die Möglichkeit, Phenoms auf älteren Mainboards zu betreiben. Besitzen Sie einen Rechner mit AMDs Sockel AM2 und Athlon 64 X2, lässt sich nach einem BIOS-Update auch eine Phenom-CPU betreiben. Das gleiche Bild zeigt sich auch andersherum: Wollen Sie keinen Phenom kaufen, betreiben Sie einen AM2-basierten Athlon 64 auf den neuen Mainboards.

AMD Spider - Kampfansage gegen Intel: Wir zeigen Stärken und Schwächen von AMDs Spider-Plattform.

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/9Bild 2/101/10
AMD Phenom: Vorerst nur zwei Modelle auf dem Markt.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

AMD tut gut daran, preisgünstige Komponenten anzubieten, um über das Preis-Argument zu punkten. Gleichzeitig gibt man sich im Rennen um die schnellste Hardware geschlagen: Offensichtlich ist AMD derzeit nicht in der Lage, Marktführer Intel in Sachen CPU-Geschwindigkeit zu schlagen. Selbst der für kommendes Jahr angekündigte Phenom 9700 mit 2,4 GHz leistet weniger als Intels kleinster Quad-Core-Prozessor.

Wirklich gefallen haben uns die neuen Grafikkarten: Die Radeon HD 3800-Serie ist ein guter Schritt, leistungsfähige Grafikkarten in niedrigeren Preissegmenten zu etablieren. Die Unterstützung von DirectX 10.1 hat zwar derzeit keine konkreten Auswirkungen, ist aber ein Vorteil gegenüber Nvidias Geforce-8000-Modelle, die auf DirectX 10.0 bauen. Hier hat AMD derzeit ein Alleinstellungsmerkmal, das bei der Kaufentscheidung mitentscheidend ist.

Insgesamt unrund

Dennoch konnte uns die AMD-Spinne nicht überzeugen. Die Treiber wirken unausgewogen und auch die Mainboard-Hersteller liefern in schneller Folge neue, verbesserte BIOS-Versionen für Boards mit den neuen AMD-Chipsätzen ab. Ein weiteres Zeichen dafür, dass der Launch zu früh kam, ist der Phenom 9700, der kurzerhand ins nächste Jahr verschoben wurde – obwohl er laut Plan bereits am 19. November in den Läden stehen sollte.

AMD Spider - Kampfansage gegen Intel: Wir zeigen Stärken und Schwächen von AMDs Spider-Plattform.

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/9Bild 2/101/10
Radeon HD 3800 Serie: Läuft bereits auf PCI-Express 2.0.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Wir raten derzeit zu einem System mit Intel-Prozessor. Wer auf vier CPU-Kerne nicht verzichten will, sollte zum Core 2 Quad Q6600 mit 2,4 GHz greifen, der durchwegs schneller ist als alle aktuellen Phenom-Prozessoren, dafür aber auch etwas mehr kostet. Den Kauf eines AMD-Systems empfehlen wir erst, wenn die Spider-Plattform stabilisiert ist und Treiber, BIOS-Software sowie die Hardware an sich optimiert wurden.