Autoren: Sebastian Thor, Denis Brown

BÄÄÄÄÄM! Das hat gesessen! Wie ein Dampfhammer. Wie ein stahlharter Boxhandschuh mit Hunderten von Mündern an der Seite, allesamt blanken Hohn spuckend. Ja, Nintendo, das war ein Treffer, ein super Volley-Schuss mitten ins Microsoft- und Sony-Tor. Da ist er also, der kleine, seit März durch die wildesten Phantasien geisternde 3DS, der Kasten in die dritte Dimension – das Wunder im Hosentaschenformat?

Dagegen wirken die Motion-Sensoring-Bemühungen der Konkurrenz nahezu unbeholfen, wie der abgestandene, kalte Kaffee von gestern. „Hatten wir alles schon vor vier Jahren“, kann man die Nintendo-Riege fast gackern hören. Während Microsoft im Handheld-Markt die Geht-uns-nix-an-Schiene fährt, zeigt Sony… was? Genau, Ausschnitte einer Kampagne zum Pushen des alten UMD-Fressers PSP. Und zwar ohne 3-„Die-ganze-Spielewelt-zum-Anfassen“-D. Das einzige „Ohne“ bei Nintendos kleinem Wunderkind bezieht sich auf die Brille. Die nämlich braucht ihr nicht zum Abtauchen ins 3D-Erlebnis. Wäre ja auch blöd, oder? An der Bushaltestelle mit albernem Nasenaufsatz zu hocken – wer will das schon in einer Zeit, wo Videospiele langsam das „Freak“-Anhängsel loswerden?

Technik, die begeistert

Kaum zu glauben, dass die volle Packung Toll da drinstecken soll. In einem mickrigen Kästchen so handlich wie der DSi Lite: knapp dreizehn Zentimeter breit, sieben Zentimeter tief und gerade mal zwei Zentimeter und ein paar zerquetschte hoch, wenn der Deckel runtergeklappt ist. Wow, das ist nicht viel. Vor allem nicht, wenn man bedenkt, dass entsprechende Technik fürs Wohnzimmer locker die 40- oder 50-Zoll- und, das Wichtigste, die 3000-Euro-Grenze sprengen kann. Mit rund 240 Gramm Gewicht ist der 3DS zudem ein genügsamer Hosen- oder Handtaschenpassagier – und sogar ein ganzes Stück leichter als die DSi-XL-Wuchtbrumme (314 Gramm).

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Schon beim ersten Abtasten ins Auge stechend: Das obere, brandneue Paralax-LCD-Display wurde von den Proportionen her in Richtung „Widescreen“ gestreckt, hat also auf der x-Achse ordentlich zugelegt und eine Bildschirmdiagonale von knapp neun Zentimetern. Entwickelt wurde es von Sharp, zum ersten Mal vorgestellt im April dieses Jahres. Obwohl Nintendo der erste offizielle Abnehmer für das 3D-Display ist, würde die neue, schmalere LCD-Technik auch ohne Probleme mit einem iPhone harmonieren – das man bei Nintendo wohl ohnehin im Visier hat. Dazu später mehr.

Für nicht Eingeweihte geradezu ulkig: die Bildschirmauflösung von 800x240 Pixeln. Das klingt doch irgendwie arg verzerrt, wie kann das sein? Der LCD-Screen macht sich zunutze, dass unsere Augen durchschnittlich sechs bis sieben Zentimeter auseinander liegen. Dadurch schauen sie aus unterschiedlichen Winkeln auf die Umwelt und unser Hirn setzt aus beiden Bildinformationen ein logisches dreidimensionales Bild zusammen.

Nintendo 3DS - Die Sensation der E3: Wie mit Brille - nur ohne

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Überarbeitet, optimiert und endlich mit Analog-Stick: der 3DS.
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Ähnliches geschieht bei Nintendos neuem Handheld: Von den 800 Pixeln der Horizontalen kann man jeweils zwei nebeneinanderliegende als „3D-Subpixel“ ansehen, denn sie entlassen das Licht der Hintergrundbeleuchtung in einer vorbestimmten Richtung. Genau so, dass jedes Auge nur eines der beiden Subpixel wahrnehmen kann. Statt 800 horizontale Pixel sieht jedes Auge nur die Hälfte. Da das Hirn somit zwei unterschiedliche Bildinformationen erhält, die verschmolzen Sinn ergeben, wehrt es sich nicht gegen den Effekt und „begreift“ eine vorgetäuschte dritte Dimension.

Die 3D-Schattenseiten

Der erste Nachteil: Durch den horizontal ermogelten 3D-Effekt wirken alle Objekte, die sich nicht im Zentrum des Sichtfelds befinden, minimal unscharf. Man könnte sagen, das Licht erreicht das Auge nicht im idealen Winkel. Der zweite: Man muss direkt von oben auf den Screen schauen, sonst verschwindet nicht nur der knallige 3D-Effekt. Bildinformationen für rechtes und linkes Auge ergeben dann auch einfach keinen Sinn mehr und resultieren in verschobenen Figuren oder gar Pixelsalat.

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Mithilfe der zwei Kameras an der Rückseite lassen sich 3D-Fotos schießen.
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Wir sehen jetzt schon die Blagen in der Berliner U-Bahn herumkrakeelen: „Rutsch mal 'n Stück, Alter, ick will och 3D kieken!“ - doch mit jener Einschränkung wird es auf dieser technischen Grundlage wohl erst mal keine größeren Displays geben. Der Touchscreen wurde einer minimalen Schrumpfkur unterzogen: Statt 7,9 misst die Grabbeltafel nun rund 7,7 Zentimeter, ist im Gegenzug mit 320x240 Pixeln höher aufgelöst als seine Vorgänger (Nintendo DSi: 256x192). Die Dreidimensionalität bleibt hier aber außen vor, da Käsepizzagriffel oder ein Stylus vor dem Display den 3D-Effekt stark eindämmen würden.

Was das Design angeht, wirkt der neue 3DS nicht nur edler als seine Vorgänger, auch beim Button-Layout hat Nintendo anscheinend viele Entwickler- und Ingenieurshirne zermartert, um Komfort sowie Präzision der 3D-Herausforderung anzupassen. Der Power-Schalter musste von der oberen linken in die untere rechte Ecke abwandern und weicht einem sogenannten Slidepad (also dem längst überfälligen DS-Analogstick), das sich einen Platz über dem Digikreuz erschlichen hat und sich ähnlich anfühlt wie das der PSP.

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Der 3D-Depth-Slider hilft euch beim Anpassen des 3D-Effekts.
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Das alte Digikreuz rückt dafür ein paar Zentimeter nach unten und spielt sich daher nicht ganz so bequem wie beim Vorgängermodell. Die Select- und Start-Knöpfe befinden sich jetzt mitsamt eines Wii-ähnlichen „Home“-Buttons in Reih und Glied direkt unter dem Touchscreen – platzsparend und sehr schick, weil stilvoll ins Design eingearbeitet. Rechts an der oberen Hälfte befindet sich außerdem der sogenannte „3D-Depth-Slider“, ein stufenloser Regler für die 3D-Stärke. Wem der Tiefeneffekt zu sehr am Sehnerv knabbert (kann ja mit der Zeit auch anstrengend werden), der reduziert ihn peu-à-peu, bis am Ende nur noch ein gewöhnliches flaches Bild zu sehen ist.

Noch eine Neuerung, die erst auf den zweiten Blick auffällt: Die Außenseite des Klappdeckels ist mit zwei Kameras bestückt (Auflösung: 0,3 Megapixel), die echte 3D-Bilder in den Speicher brennen können. „Und was bringt mir das?“, mag der eine oder andere fragen, „vor allem, wenn der 3D-Effekt überall abseits des Handheld-Screens sowie spezieller 3D-Fernseher verpufft?“ Sagen wir es so: Der Zeit voraus zu sein hat seinen Preis, und wenn der kleine Freizeitvernichter schon 3D-Bilder darstellen kann, warum dann nicht gleich Fotos und Filme? Außerdem ist es ein nettes Gimmick, eine „Guck mal, was ich kann“-Prahltrophäe für den Schulhof oder den Abenteuerurlaub.

Was die Filme angeht: Auch der neueste Kino-Blockbuster führt euch brillenlos auf die z-Achse, während eure Kumpels Tausende von Euros zusammenkratzen, um dann mit einem albernen Zinkenfahrrad vor der 3D-Glotze zu hängen. Nintendos „3DS“ dürfte ein ganze Ecke teurer werden als sein alternder 2D-Verwandter - und dennoch die vorerst günstigste 3D-Alternative für Cineasten mit sehr genügsamen Ansprüchen.

W-LAN, Speicher, Spiele-Line-up

Größere Content-und Programm-Updates sind kein Problem; eine W-LAN-Anbindung (802.11-Standard mit WPA/WPA2-Verschlüsselung) ermöglicht nicht nur Spielbegegnungen über das Internet, die laut Nintendo auch weiterhin kostenfrei bleiben. Die „geheime“ und unbemerkte Kommunikation zwischen mehreren 3DS-Geräten soll sogar eine Art Netzwerk etablieren, in der Kunden Inhalte untereinander weitergeben. So kann man zum Beispiel irgendwann morgens aufwachen und findet das neueste Update zu seinem Lieblingsspiel auf dem Handheld, obwohl es eigentlich im Stand-by-Modus schlummerte und keinen Zugang zum Internet hatte. Eine bis zu 2 Gigabyte große SD-Karte zum Speichern solcher Daten könnt ihr in einen separaten Slot schieben.

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Mario Kart darf auf keinem Nintendo-Handheld fehlen - egal ob 3D oder nicht.
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Vielleicht wird der 3DS auch die nötige Wunderwaffe gegen den bereits angesprochenen Konkurrenten, das iPhone. Auf spielerischer Seite nähert sich Nintendo bereits dank eingebauten Sechs-Achsen-Gyroskops, das ähnliche Neigungsspielchen zulässt. Wir sehen unseren dicken Klempner schon auf Zuckkommando und Sternenkugeln balancierend durch die Galaxie hüpfen. Zumal auch grafisch ordentlich geklotzt wird: Zunächst erinnert die Darstellung stark an Wii und GameCube, wobei der 3D-Effekt für minimale Abstriche entschädigt. Im Handheld-Königreich liegt der 3DS etwa auf par mit der PSP, auch wenn man mit einrechnen muss, dass Programmierer bereits einige Jahre Erfahrung mit Sonys Kleiner sammeln konnten. Ein ausgereizter 3DS könnte die UMD-Schleuder sicherlich noch übertrumpfen.

Trotzdem sieht das alles schon sehr eindrucksvoll aus, wenn Pit in „Kid Icarus Uprising“ durch Canyons donnert und einem die Felsen quasi ins Gesicht fliegen. Oder wenn er über den Rücken riesiger feuerspuckender Drachen rennt, um gleich danach zum Steilflug anzusetzen. Auch wenn man den Entwicklern im Falle von „Metal Gear Solid: Snake Eater 3D“ einfach die Erfahrung mit den Sony-Kisten ansieht und die Kulisse auf den ersten Blick einen Deut weniger harmonisch rüberkommen mag, ist der Reiz des plastischen Tiefeneffekts überwältigend.

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Wichtig ist hauptsächlich, dass die Kinderwehwehchen der DS-Grafiken verschwinden, zum Beispiel wabernde Texturen, schwache Licht-, fehlende Glanzeffekte und andere Dinge, die PSP und iPhone bisher einen optischen Vorteil verschafften. Kombiniert mit Nintendos fürsorglicher Software-Versorgung dürften die Karten auf dem Handheld-Markt neu gemischt werden – und das garantiert nicht zu Nintendos Ungunsten. Es sei denn, Apple und Sony ziehen schneller nach, als die Japaner den neuen Handheld unter die Leute bringen können.

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Mit Epona durch die Hylianische Steppe peitschen, und das in 3D - ein Traum wird wahr?
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Davon abgesehen riecht alles nach einer auf Rosenblüten gebetteten Spielezukunft für den kleinen 3D-Streber. Die ersten Ankündigungen und 3DS-Support-Bekundungen fast sämtlicher Hersteller sind fast erschlagend: „Mario Kart”, „Paper Mario“, „Pilot Wings Resort“, „Star Fox“, „Animal Crossing“, „Ghost Recon“, „Kingdom Hearts“, „Ridge Racer“, „Super Street Fighter IV“, „Professor Layton“, „Resident Evil Revelations“, „Final Fantasy“, „Sonic“, „Dragon Ball“, „Die Sims“, „FIFA“, „Pro Evolution Soccer“, „Madden“, „deBlob 2“, und, und, und – da findet jeder was Schönes, und das ist nur die erste Welle angekündigter 3D-Spiele.

Nintendo geht einen Schritt weiter und macht ein Stück unserer Jugend greifbarer denn je: Titel wie „The Legend of Zelda: Ocarina of Time 3D“ lassen jeden, also wirklich jeden, der in den letzten zehn Jahren nicht hinterm Mond gelebt hat, vergnügt mit den Ohren schlackern beim Gedanken daran, eines der besten Abenteuer aller Zeiten in 3D zu erleben. Es wäre auch nicht gerade verwunderlich, wenn nach und nach N64-, GameCube- und DS-Klassiker den Balanceakt auf der z-Achse wagen. Was auch immer in den nächsten Monaten passiert: Nintendo hat den Pfeil in eine faszinierende Zukunftsrichtung gesetzt.