Autor: Volker Schütz

Männer essen Mars, Frauen rasieren mit Venus. Die olle Kamelle vom Zuhören und Einparken erspare ich euch. Mit dem Fazit "Wir können nicht mit ihnen und wir können nicht ohne sie" haben beide Geschlechter häufig genug zugeschlagen, um mir blutende Ohren zu verpassen.

In pseudopsychologischen Kurzratgebern wird unaufhörlich das Thema der Gegensätzlichkeit beschworen und bis zur Volksverdummung überhöht. Sind wir vielleicht viel ähnlicher als wir denken? Werden wir es in unseren Spielwelten? Es ist Zeit zum Zweifeln.

Das Phänomen des Gender-Bending, also Männern, die Frauen und Frauen, die Männer spielen, ist kein Neues. So lange das Internet existiert, versuchen sich immer wieder Menschen am Rollenwechsel, den sie aus unterschiedlichsten Gründen in der Realität nicht vornehmen können oder wollen. Schon früher haben sich bei Singleplayergames oder Pen-and-Paper-Rollenspielen immer wieder Leute versuchsweise dem anderen Geschlecht "angenähert".

Auch beim World of Warcraft Spielerverhältnis Männer/Frauen 80/20 und einem Charakterverhältnis von zirka 60 männlichen zu 40 weiblichen lässt sich der Schluss nicht vermeiden, dass wenigstens in jedem zweiten Damenkleid in Wirklichkeit ein Herr steckt. Für sich genommen stellt diese Information weder Schock noch Sensation dar.

Zwerge, Kühe und Sexismus - Das Geheimnis des Gender-Bending: Warum Männer so gerne in virtuelle Frauen schlüpfen.

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Bei der Charaktererstellung basteln sich viele Herren der Schöpfung eine weibliche Spielfigur.
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Immerhin geht es bei einem RPG naturgemäß darum, in andere Rollen zu schlüpfen. Da niemand aus erster Hand weiß, wie sich Orks, Elfen, Zwerge oder zweibeinige Kühe in Realität fühlen, beschränkt sich unser Spielerlebnis und damit Erfahrungsgewinn diesbezüglich auf das Erdulden von Kommentaren im Sinne von "Ey Kurzer! Immer auf die Knie zielen!" oder "Moo, moo I said!".

In der Haut eines weiblichen Charakters darf man sich dagegen auf den "real deal" einstellen.

Zwar sind wir im Spiel statistisch nahezu ausschließlich von Männern umgeben und die durchschauen alle etwa gleich wenig, wie Frau wirklich tickt. Aber bereits die Reaktion der eigenen Geschlechtsgenossen kann lehrreich sein. Ein wenig wie bei der Dunkelheit, die wir nur durch Abwesenheit von Licht begreifen können. Oder ganz platt: Wer als Elfendame einen brünftigen Gnom am Bein hängen hatte, wird beim nächsten Diskobesuch unter Umständen selbst weniger offensiv baggern wollen.

Unverblümte Aggressionen gegen solche Pseudotravestie zeigen dabei üblicherweise nur die sexuell Unreifen, die sich ihrer eigenen geschlechtlichen Rolle in Realität bewusst oder unbewusst (noch) nicht ausreichend sicher sind. Und natürlich diejenigen, die World of Warcraft für iLove mit Mantel und Degen halten.

Es mag jeder selbst entscheiden, ob bezogen auf diese Intoleranz von "schwierigen Selbstfindungsprozessen" die Rede sein sollte oder ob die Erklärung sich nicht - wie so oft - in dem von Nobelpreisträger Konrad Lorenz entdeckten "Keine Haare am Sack, aber im Puff vordrängeln"-Phänomen findet. Das ist letztlich nicht entscheidend, denn glücklicherweise strapaziert unverhohlene Ablehnung primär den Ablehnenden selbst, der Rest der Welt preist die eigene Ignore-Liste.

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Nicht nur in "Erotik"-Spielen punkten Frauen mit knappen Outfits. Besonders Rollenspiele erklären Idealmaße oft zum Standard.
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Ironischerweise ist das eigentlich Bedenkliche vielmehr die regelmäßig in Foren und Chats zu lesende Motivation männlicher Zocker weibliche Charaktere zu spielen - jenseits oben genannter Rollenspielgesichtspunkte. Dabei rede ich nicht einmal vom populärsten Argument: "Ich gucke lieber auf einen Frauenhintern". Bei emmanzoiden Lebensformen mag das bereits den heiligen Zorn entfachen.

Ich persönlich tue mich schwer, Abwertendes darin zu entdecken. Ganz im Gegenteil: Mich selbst wirft in schwere Depression, dass ich nur bei einer einzigen Dame jemals Interesse für mein Gesäß wecken konnte. Und die hatte eine Tetanusspritze in der Hand.

Für bedenklicher halte ich die Erklärung "Als Frau bekommt man mehr Hilfe". Ob das tatsächlich der Wahrheit entspricht, sei dahingestellt. Denn egal ob reale Erscheinung oder bloße Unterstellung der so Argumentierenden: letztendlich liegt jeweils die absurde Auffassung zu Grunde, Frauen kämen ohne Männer nicht zurecht. Man(n) traut ihnen nicht einmal MMOs zu - und die bedürfen weiß Gott einem Minimum an Auffassungsgabe.

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Bordsteinschwalbe oder toughe Kämpferin: Oft fällt die Unterscheidung in Rollenspielen schwer.
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Wollte man hier eine Lanze für die Herren der Schöpfung brechen, könnte man sie mit dem Stichwort "Anbiederung" zu entschuldigen versuchen. Ingame-Präsente als harmloses Balzverhalten, Jungs zeigen ihre Schwanzfedern (wer hierbei an dubiose orkische Adoleszenzrituale denkt, kann sich übrigens die weitere Mühe sparen und ans Ende des Textes springen).

Unentschuldbar wird es jedoch spätestens bei einer Begründung, die ich verwunderlich häufig zu lesen bekam. Da sagten einige meiner Geschlechtsgenossen, sie spielten weibliche Charaktere um beim PvP "andere Männer demütigen zu können". Du hast verloren - gegen eine FRAU!

Bei der Entdeckung eines dermaßen antiquierten Weltbildes kam ich mir vor wie ein Archäologe, der beim Freilegen eines versteinerten Saurierskeletts hinter sich einen Velociraptor bemerkt, der ihm die Schinkensemmeln wegfrisst. Etwas Beruhigendes hat der offen zu Tage tretende Machismo jedoch. Wir können uns langfristig auf die reinigende Wirkung des Marktes verlassen: Denn die Damen haben es im RL selbst in der Hand, solchen Neandertalern die Teilnahme am Genpool zu verweigern.

Nicht so unschuldig wie es zunächst klingt ist das Argument, virtuelle Mädel seien nun einmal liebevoller designed und animiert. Denn faktisch ist es doch wohl eher so, dass die ganze Liebe der Hersteller in die Körbchengröße und eng anliegende Minimalbekleidung fließt. Wir Männer erwidern sie inniglich - was ich für sich genommen noch nicht als verwerflich empfinde. Allerdings dürfen wir uns dann nicht wundern, warum sich Frauen nicht wirklich repräsentiert fühlen und entsprechend nur schwer Zugang zu Spielen finden.

Das Problem ließe sich jedoch lösen, wenn die nächsten Games-Generationen standardmäßig die völlig freie Veränderung des Alteregos erlaubten, etwa wie in Second Life. Dann bekämen wabbelnde Monstertitten wenigstens nur diejenigen, die sie verdienen (sprich: 13-jährige Jungs).

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Oft gehörtes Argument: "Ich schaue mir beim Spielen eben lieber eine Frau an!"
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In die andere Richtung übers Ziel hinaus schießt für mich die feministische Kritik, die sich um den Begriff des "Lara Croft Syndromes" kristallisiert. Derzufolge resultiert das Auswählen weiblicher Avatare aus dem männlichen Wunsch, starke, attraktive Frauen und deren Körper zu dominieren. Da aber für die meisten Menschen die Spielfigur gerade die Verlängerung des eigenen Egos in den virtuellen Raum darstellt, will die Deutungsweise der Machtausübung und Beherrschung meines Erachtens nicht wirklich überzeugen.

Bezeichnenderweise fand sich bei allen Befragten und Forenteilnehmern keine einzige Person, deren Begründung für Gender-Bending ein solches Motiv auch nur nahe legte.

Ich möchte mich nicht der Übersimplifizierung schuldig machen, aber ich wälze seit langem eine Theorie, als Gegenpol zur Meinung der grundsätzlichen Verschiedenheit der Geschlechter. Die Beschäftigung mit obigen Konflikten im Internet bestärkt sie weiter. Zwar hilft sie die Spannungen zwischen Männern und Frauen nicht zu lösen, kann sie aber zumindest lückenlos erklären. Ich möchte sie euch nicht vorenthalten und stelle sie gleichzeitig zur Diskussion: Männer sind Idioten, Frauen auch - lebt damit.