Autor: Volker Schütz

Stanley Kubrick zufolge hätten wir uns 2001 mit ersten emotionalen Computer streiten müssen. Und 2010 soll das Jahr sein, in dem wir »Kontakt aufnehmen«. Wer's glaubt! Zwar düdelt von meinem Handy eine gesamte CD-Sammlung. Aber auf die über akustische Umweltverschmutzung hinausgehende Technik der Sci-Fis von gestern warten wir vergebens: Schwebeautos, Laserwaffen und Nahrungsgeneratoren.

Wer in den achtziger Jahren noch hoffte, im Cyberspace des neuen Jahrtausends Schwert schwingend gegen Orks und Drachen zu kämpfen, wurde bitter enttäuscht. Wann lassen wir endlich die Realität hinter uns?

Eins ist sicher: Auf fremdartige Kreaturen jenseits unserer Stratospähre können wir lange warten. Jedenfalls bis sich jemand erbarmt und Dieter Bohlen auf den Mond schießt. Rein terrestrische Wissenschaftswunder sollten dagegen nicht so schwer sein. Ein wenig Beamen hier, etwas Warpantrieb da. Wo leben wir denn, dass wasserlose Urinale als legitime Endprodukte menschlichen Forschungsdrangs gelten? Früher war alles besser! In der Zukunft meiner Jugend kamen öffentliche Bedürfnisanstalten nicht einmal vor!

Zukunftsspiele - Zockerei im Holodeck – (Spiel)Technik der Zukunft

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Das Leben in der Zukunft: in Draht geschnürt und Spaß dabei.
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Heute bejubeln wir die Wii, als sei nicht nur die Eier legende Wollmilchsau aus dem Reagenzglas galoppiert, sondern das passende Rezept für »Schinkenomelett an Strickpulli« gleich mit. Dabei handelt es sich bei Nintendos Revolution schlicht um einen Game Cube mit Fernbedienung - woopdidoo. Auf meiner gefühlten Fortschrittskala hätten wir längst Röntgenbrillen und die Zeitgefrieruhr erreichen müssen! Enttäuscht über die tägliche Normalität - und das eklatante Defizit an Socken waschenden Androidenhaushälterinnen - habe ich beschlossen, mich auf die Suche nach der Zukunft zu begeben. Wo zum Geier sind die großartigen Erfindungen, die man uns versprochen hat?

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Fernsehen von allen Zwängen befreit. Schöner ist nur Fischzucht ohne Aquarium.
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Die verblüffende Erkenntnis: Es gibt mehr als man denkt. Etwa im Bereich des dreidimensionalen Fernsehens. Die Stereogramm genannten Versuche, Photographien Plastizität einzuhauchen, kennt man bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts. Bei diesen bekommt jedes Auge ein eigenes Bild vorgesetzt, und das Gehirn addierte beide zu einem aus der Fläche hervortretenden Ganzen. Simpelstes Gimmick zu dieser Technik sind die rot-grünen 3D-Brillen (YPS-Leser wissen mehr). Shutter-Brillen, VR-Helme oder auto-stereoskopische TFTs, wie der auf der letzten Cebit gezeigte 3D Wow von Philips, sind weitere Umsetzungen der gleichen Idee. Jede einzelne ist mit sehr individuellen Nachteilen behaftet. Alle haben aber gemein, dass Räumlichkeit letztlich nur simuliert wird.

Anders dagegen volumetrische Systeme, die tatsächlich dreidimensionale Objekte abbilden. Es existieren bereits die unterschiedlichsten Techniken, um nicht mehr nur Pixel, sondern Volumenpixel (= Voxel) darzustellen. Bei ihnen handelt es sich um einen durch drei Koordinaten beschriebenen Punkt, sozusagen das räumliche Äquivalent eines Pixels (und plötzlich erscheint der Mathematikunterricht zehnte Klasse »Matrizen und Vektorrechnung« gar nicht mehr so langweilig).

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Wer sagt da, DOS habe eine miese Auflösung?
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Manche Ansätze erzielen das gewünschte Ergebnis durch den Einsatz von zu einer 3D-Matrix angeordneten Leuchtdioden. Das Problem hierbei ist die niedrige Auflösung. Dagegen schafft ein auf Fiberglasoptik basierendes System der Universität Dallas eine theoretische Voxelzahl von 10 Millionen (praktisch zur Zeit jedoch nur 76.000 Voxeln). Der DepthCube von LightspaceTech projiziert dagegen Objekte mittels DLP (Digital Light Processing) auf einen dreidimensionalen Projektionskörper bestehend aus Flüssigkristallen. Noch abgedrehter wird es bei den Forschungen des japanischen AIST. Dank Lasertechnologie formen sie leuchtende Plasmakugeln in den »leeren« Raum.

Bei all dem ist momentan der Datenfluss der Flaschenhals. Denn ausgehend von 24-bit Farbtiefe und einer 1024×1024×768 Auflösung bei 40 Bildern/s flackern Pi mal Daumen 100 GByte pro Sekunde an unseren Augen vorbei. Dafür muss selbst Melinda Gates lange stricken. Sogar mit den holographischen Datenträgern der nächsten Generation, die das 300-fache einer DVD fassen sollen, wird hier die Luft dünn.

In Letztere lassen sich übrigens schon heute mit käuflich zu erwerbendem Equipment Bilder projizieren. Die so genannten Heliodisplays können zwar noch nicht mit dreidimensionalen Darstellungen aufwarten (weshalb die obigen Probleme bei ihnen auch keine Rolle spielen). Optische Kunststücke wie R2-D2 (»Helft mir Obi Wan Kenobi, ihr seid meine letzte Hoffnung!«) klappen dagegen bestens. Man stelle sich vor, in einem Spiel über ein frei im Zimmer schwebendes Display einen Sternenzerstörer zu kommandieren… dafür würde ich mir den Allerwertesten schwarz pinseln und mich Darth Vader nennen.

Weiteres Zubehör bräuchte es aber noch zu meiner Zufriedenheit, etwa Force-Feedback-Geräte aller Art (wenn auch nicht unbedingt das anrüchige Equipment aus dem Hause »Girls Rainbow«, welches dem Begriff »Joystick« eine wortwörtliche, dafür wenig jugendfreie Bedeutung gibt).

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Angriff der Riesenzecken: Der Falcon von Novint sorgt für haptische Spielerlebnisse.
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Vielmehr meine ich haptische Eingabegeräte, etwa den Falcon von Novint. Denn dieser Controller erlaubt Spieleentwicklern, virtuelle Gegenstände mittels Kraftrückkopplung (be)greifbar zu machen. Wer mehr will, legt sich die CyberGloves II von Immersion zu. Die wecken zwar Erinnerungen an »Nr. 5 lebt« (nach einem Lkw-Unfall), aber wie heißt es so schön? Wer Fühlen will, muss leiden. Oder sowas in der Art.

Ähnlich unterhaltsam wirken Späßken wie Vibrationsstühle oder rumpelnde Hüftgürtel. Solche erproben nebenbei die USA derzeit auf Eignung für Einsätze der Army. Als hätten die armen Trooper nicht genug Sorgen, schütteln 16 Motoren sie durch, wann immer die Einsatzleitung Gefahr wittert. Beruhigend: Sollten sich die Dinger als unnütz erweisen, lassen sie sich nahtlos in Beate Uhses Unterwäschekollektion überführen.

Addiert man zu alldem die Technologie des Fraunhofer Instituts Berlin, die mittels Gehirnströmen »Pong« steuern lässt, sind wir entgegen meines anfänglichen Geunkes von virtuellen Welten à la »Rasenmähermann« nicht mehr weit entfernt.

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Die US-Armee testet Force-Feedback-Gürtel. Die Iraker verwenden das günstigere C4-Modell.
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Um die zusammengeklaubte Technik darüber hinaus im »Neuromancer«-Stil zu einer weltweiten Einheit zu verknüpfen, hat sich Ende 2006 ein Konsortium namens IAVRT zu Wort gemeldet. Dieses will im Laufe 2007 angeblich ein Netz parallel zum Internet aus dem Boden stampfen. Basierend auf Glasfasertechnologie, ausgelegt auf die gigantischen Datenmengen der neuen Cyberwelt, mit anonymen Unternehmen im Hintergrund und dem bezeichnenden Namen »Neuronet«. Zusätzliche Geldgeber werden gesucht.

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Unter Umständen braucht es elegantere Lösungen für den Massenmarkt.
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Allerdings: Der Sitz von IAVRT liegt in Vancouver - im gleichen Gebäude, aus dem ein Marihuanasamen-Großhändler operiert. In Zusammenschau mit der beharrlichen Weigerung, die Mitglieder des Konsortiums namentlich zu nennen, drängt sich der Verdacht auf, dass es sich bei Neuronet um einen global angelegten Betrugsversuch handelt. IAVRT = »nigerianische Kaufleute«? Nur, dass die nicht mehr ihre obskuren »Geschäftsvorschläge« übers Internet verschicken, sondern gleich ein eigenes Netz eröffnen? Wenn das nicht nach der Zukunft klingt, dann weiß ich es auch nicht!