Urlaubsantrag einreichen: check. Wochenvorrat an Lebensmittel besorgen: check. Kaffee und Koffeintabletten für schlaflose Nächte: check. Jetzt nur noch den Akku für die PS Vita einpacken, Abwesenheitsnachricht an meiner Haustür hinterlassen und schon geht es hinab in den dunklen Zockerbunker, wo ich mich die nächsten Tage verbarrikadieren werde. Denn ich weiß, sobald ich einmal mit Zero Time Dilemma angefangen habe, kann ich nicht eher aufhören, bis ich alle Enden gesehen habe.

Zero Time Dilemma - Trailer

Es ist nicht diese Art von Sucht, die manch ein eingefleischter Spieler verspürt, wenn er sich der ewigen Sammelleidenschaft oder dem Adrenalinrausch eines fordernden Bosskampfes hingibt. Es ist eher die endlose Begeisterung für spannend inszenierte Thrillermomente und unerwartete Mindfuck-Twists, die immer wieder aufs Neue die Kinnladen vor Überraschung herunterklappen lassen. Mit diesen Assoziationen wird die Zero-Escape-Reihe seit jeher in Verbindung gebracht. Trotz minimalistischer Charakteranimationen und endloser Textpassagen schafften es die beiden Vorgänger, mit spannenden Geschichten Tage und Nächte lang ununterbrochen an den Bildschirm zu fesseln. Unter den Visual Novels haben sie zwar bei weitem nicht den Beliebtheitsstatus, den etwa die Ace-Attorney-Serie weltweit genießt. Und doch hat sich um die Spiele eine große, eingeschworene Fangemeinde gebildet, die der entscheidende Grund ist, warum der dritte Teil überhaupt erschienen ist.

Denn ursprünglich hatte das verantwortliche Studio Spike Chunsoft keinen dritten Teil geplant, da sich die vorigen Teile in Japan eher bescheiden verkauften. Zum Erstaunen der Produzenten fanden sie aber wiederum im internationalen Raum großen Anklang. Teilweise mag es auch an der gelungenen Mischung aus Sci-Fi- und Psycho-Thrillerelementen liegen, die sich – so denken die Entwickler zumindest – bei der westlichen Spielerschaft weitaus größerer Beliebtheit erfreuen. Durch den eindrücklichen Zuspruch jener Fans, die den Entwicklern unter anderem durch Fanartaktionen auf sozialen Kanälen ihre Begeisterung bekunden, fassten die Verantwortlichen bei Spike Chunsoft den Mut, die Reihe mit einem dritten Teil vernünftig zum Abschluss zu bringen. Schließlich gab es nach dem Ende des zweiten Teils, Zero Escape: Virtue’s Last Reward, eine Menge Fragen zu klären, die für jede Menge Gesprächsstoff gesorgt haben.

Zero Time Dilemma - Null Entkommen, null Hoffnung, null Zeit

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Es gibt ein Wiedersehen mit den Hauptfiguren aus 999 und Virtue’s Last Reward, allerdings handelt es sich um kein erfreuliches.
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Telltale Games lässt grüßen

Die Rahmenhandlung sämtlicher Teile ist nahezu immer die gleiche. Eine zusammengewürfelte Gruppe aus neun Personen wird von einem rätselhaften Maskierten namens Zero entführt und in eine von der Außenwelt abgekapselte Einrichtung eingesperrt. Um zu entkommen, sind die Gefangenen gezwungen, sich auf ein gefährliches Spiel des Entführers einzulassen, bei dem sie unter Einsatz ihres Lebens verschiedene Rätsel lösen müssen.

An dieser Ausgangssituation hat sich auch in Zero Time Dilemma, dem finalen Teil der Trilogie, nicht viel verändert. Zeitlich spielt die Geschichte zwischen dem ersten und zweiten Teil, ist aber so gesehen kein Prequel, da hier mehr oder weniger direkt an das Ende von Teil 2 angeknüpft wird. Klingt verwirrend – und das ist es auch. Ich könnte an dieser Stelle, um ein wenig Klarheit zu schaffen, den genauen Zusammenhang erklären, doch wäre ich gezwungen, minimal zu spoilern. Sofern Murder-Mysterys zu euren Lieblingsgenres zählen, ihr mit dieser Reihe aber bislang keine Berührungspunkte hattet, tut ihr gut daran, sie nachzuholen und euch vor jedem noch so kleinen Spoiler zu hüten. Schließlich sind die vielen Twists der Zero-Escape-Teile das absolute Sahnehäubchen der einzelnen Geschichten und machen einen Großteil des hohen Spannungsgrads aus. Je unvoreingenommener ihr also herangeht, desto mehr Wirksamkeit haben die Offenbarungen.

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Mastermind Zero zeigt sich psychopathisch wie eh und je und stellt euch mit diversen kniffligen Rätseln das eine oder andere Bein.
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Für Kotaro Uchikoshi, den Autor hinter den Zero-Escape-Serie, war es besonders wichtig, dass sich neben alten Fans auch Neueinsteiger im dritten Teil zurechtfinden. Daher verfolgten er und die verantwortlichen Entwickler von Spike Chunsoft einen etwas ungewöhnlichen Ansatz: Diesmal wurde auf lange Textpassagen komplett verzichtet. Dafür entschied man sich hier erstmals für eine cineastische Inszenierung. Während sich die rätselfokussierten Escape-The-Room-Abschnitte im Großen und Ganzen so spielen wie bei den Vorgängern, bekommt der Storypart durch die komplett vertonten Zwischensequenzen eine interessante Eigendynamik. Zum einem profitiert die beklemmende Atmosphäre immens von dieser filmischen Umstellung. Zum anderen kommt bei den Dialogen keine Langatmigkeit mehr auf, die den Textmassen sonst oftmals anhaftete.

Klaustrophobisch, emotional und mordsmäßig spannend: Zero Time Dilemma ist ein Mysterythriller erster Güte und ein mehr als würdiger Abschluss der Zero-Escape-Reihe.Fazit lesen

Auf Messers Schneide

Zudem verfolgt ihr die Geschichte diesmal aus der Perspektive dreier Protagonisten, zwischen denen ihr immer wieder hin- und herwechseln könnt. Jeder einzelne führt ein dreiköpfiges Team an und wird während des Handlungsverlauf von Zero immer wieder dazu gezwungen, drastische Entscheidungen zu treffen. Nicht selten enden sie mit dem blutigen Tod der Protagonisten. Tod durch Zufall und die Unfairness des Lebens: Zeros persönliche Botschaft, die er auf psychopathische Weise mit dem sogenannten Decision Game vermitteln will, spiegelt sich auch im eigentlichen Spielprinzip wieder. Es gibt meist keinerlei Indizien für eine „richtige“ Entscheidung und so trefft ihr diese stets nach eigenem Ermessen. Um die Ungewissheit perfekt zu machen, ist der gesamte Handlungsstrang in einzelne Szenenfragmente aufgesplittet, die ihr ohne eine vorgegebene Reihenfolge anwählen könnt.

Oftmals werdet ihr euch ins kalte Wasser geworfen fühlen, da sich viele der Szenen chronologisch zunächst schwer einordnen lassen. Nur durch sehr subtile Hinweise innerhalb der Dialoge, wie beispielsweise die Erwähnung der Uhrzeit, bekommt ihr einige Anhaltspunkte über die Ereignisreihenfolge.

Manche Fragmente sind erst wählbar, nachdem ihr bestimmte Entscheidungen getroffen habt. Glücklicherweise habt ihr bei der Szenenauswahl nach dem Beenden eines Abschnitts immer die Möglichkeit, eine Gesamtübersicht der Ereignisse mit allen Handlungsverzweigungen einzusehen, bei der allerdings nur die bereits durchgespielten Szenen sichtbar sind. Ganz so wirr, wie es sich also anhört, ist das Spielprinzip nicht.

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Gewöhnt euch an den blutigen Anblick, denn ihr werdet noch viele Todesszenen zu sehen bekommen, wenn ihr der Wahrheit immer näher kommen wollt.
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Das Zusammentragen und die chronologische Einordnung dieser einzelnen Bruchstücke mag eine durchaus ungewohnte Vorgehensweise sein. Andererseits passt diese anfängliche Undurchsichtigkeit der Geschichte auch sehr gut zu der abgedrehten Situation der Protagonisten. Denn wie sich gleich zu Beginn herausstellt, hat der maskierte Strippenzieher jedem Beteiligten eine geheimnisvolle Droge verabreicht, die sie in einen tiefen Schlaf versetzt und sämtliche Erinnerungen der letzten 90 Minuten löscht. So hoch ist auch die Spielzeit jedes einzelnen Fragments, weswegen sich die Figuren zu Beginn einer neuen Szene nicht an das zuvor Geschehene erinnern können. Diese neuartige Präsentation hat auch durchaus etwas Erfrischendes und kommt aufgrund der schnellen Zugänglichkeit vor allem Freunden der Rätselparts entgegen, die natürlich ebenfalls nicht zu kurz kommen sollen.

Zero Escape: Name ist Programm

Trotz so mancher Neuerung gestalten sich die Rätsel auch im dritten Teil so knackig wie eh und je. Wie immer gilt es, Informationen zu sammeln, gefundene Gegenstände zu kombinieren und mithilfe eines Schlüssels den Puzzle-Rooms zu entkommen. Während manche Rätsel in den ersten Teilen ohne ein breitgefächertes Allgemeinwissen (oder das Internet) kaum lösbar waren, sind die jetzigen weitaus fairer gestaltet. Hin und wieder fordern sie euch zwar schon auf, ein wenig um die Ecke zu denken, doch werdet ihr nie das Problem bekommen, die richtige Lösung nicht allein zu finden. Der ein oder andere dezent eingestreute Anhaltspunkt ist sogar essentiell für die übergreifende Handlung und kann in einem der anderen Stränge eine entscheidende Rolle spielen. Gegen Ende werdet ihr also oft zwischen den bereits gespielten Routen hin- und herspringen, um eure Aufmerksamkeit noch einmal diesen Hinweisen zu widmen.

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Verschiedene Ereignisübersichten zeigen euch entweder zusammenhängende Fragmentgruppen oder die gesamte chronologische Reihenfolge auf.
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Es zahlt sich auf jeden Fall aus, die Dialoge aufmerksam zu verfolgen und die Augen stets offen zu halten. Bis ihr allerdings die Wahrheit hinter all den mysteriösen Vorkommnissen und auch Zeros wohl größtes Geheimnis aufdeckt, werdet ihr einige grausame Tode über euch ergehen lassen müssen. Wie schon bei den Vorgängern sind die frühzeitigen Enden neben den Entscheidungsmomenten eine Voraussetzung für das Freischalten neuer Handlungszweige. Auch wenn ihr innerhalb einer Handlungslinie auf eine fatale Sackgasse gestoßen seid, gibt diese euch oftmals einen unterschwelligen Hinweis, der früher oder später bei einer anderen Route relevant wird.

Sobald ihr jedenfalls erst einmal anfangt, fleißig Notizen zu machen und über so manch ein augenscheinlich unwichtiges Detail nachgrübelt, beginnt ihr erst wirklich damit, Zero Time Dilemma zu spielen. Und ehe ihr es realisiert, ist wieder ein dutzend Stunden vergangen. Von da an erschließt sich auch für Einsteiger, was den eigentlichen Reiz der Zero-Escape-Reihe ausmacht.