Ein bisschen einfach gemacht haben sie es sich ja schon. Was hatten sie denn erwartet? Dass es niemandem auffallen würde, dass sich unter der wollenen Fassade das gleiche Spiel verbirgt wie damals anno 1995, nur eben in schöner und putziger? Weit gefehlt: Schon letztes Jahr hat Gregor in seiner Vorschau angesprochen: Yoshi’s Woolly World dürfte ziemlich konservativ werden. Dass es aber so konservativ werden würde, hatte ich nicht geglaubt.

Immerhin steht mit Good-Feel ein Entwicklerteam dahinter, das die Kreativität quasi im Blute hat und alleine durch zwei Spiele schon wahnsinnig viel für das 2D-Jump-and-Run-Genre auf Nintendo-Plattformen getan hat; einerseits durch Wario Land: The Shake Dimension, andererseits durch Kirby und das magische Garn. Vor allem Kirby hatte mich 2011 mit seiner einzigartigen Kulisse verzaubert, die so clever in das eigentliche Spiel eingewoben war – Reißverschlüsse im Hintergrund zu öffnen, weinende Plüschteddys wieder zum Lachen zu bringen – das war einfach nur zauberhaft. War es denn falsch, von Yoshi’s Woolly World nach dieser langen Zeit die gleiche kreative Explosion zu erwarten?

Zumindest in den ersten paar Levels gab es davon nicht wirklich viel zu sehen. Es fühlte sich regelrecht wie ein Déjà-vu an, als ich mit Yoshi durch die zweidimensionalen Umgebungen streifte, Gegner mit der langen Zunge verschlang und sie in Eier verstoffwechselte, um sie dann auf Objekte und Fragezeichen-Blöcke in der Nähe zu werfen. Klingt nicht nur wie Yoshi’s Story, sondern spielt sich auch so – und sieht genauso wundervoll aus, nur dieses Mal zu einer anderen Zeit auf einer anderen Konsole.

Yoshi's Woolly World - Yoshi und das magische Garn

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/3Bild 45/471/47
Guckt doch mal wie süüüß das ist!
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Zu sagen, Woolly World wäre schön, wäre hier regelrecht ein Understatement. Woolly World ist nicht einfach nur schön, es sieht geradezu unglaublich gut aus. Wahnsinn, wie detailliert diese Welt aus Wolle geworden ist. Egal ob Bäume, Pflanzen, Sanddünen, Lavaströme, Shy Guys, Kettenhunde oder die Yoshis selbst: alles, einfach alles ist aus Stoff, und das dieses Mal sogar in echtem 3D. Manchmal verlor ich mich dabei, einfach nur dazustehen, die säuberlich gehäkelte Umgebung zu betrachten und den fröhlichen Melodien zu lauschen, die dazu erklingen.

Alles super, alles aus technischer wie künstlerischer Sicht wirklich klasse – aber spielerisch kalter Kaffee von vor der Jahrtausendwende. Immer noch streife ich mit Yoshi durch zweidimensionale Levels, schlucke Gegner herunter, werfe mit Eiern durch die Gegend. Macht Spaß, gar keine Frage – ist mir im Jahr 2015 aber irgendwo einfach zu wenig. Fortschritt misst man nicht (nur) in Pixeln und Polygonen.

Packshot zu Yoshi's Woolly WorldYoshi's Woolly WorldErschienen für Wii U kaufen: Jetzt kaufen:

Diese Erzkonservativität hätte Yoshi’s Woolly World langfristig das Spielspaß- und Wertungsgenick brechen können. Hätte. Denn nach etwa zwei Stunden schafft es Yoshi endlich, sich aus seinem nostalgischen Korsett freizustrampeln. Plötzlich öffnet sich das Spiel für neue Ideen, für kreative Szenarien – eingeleitet durch den Plüschhund Schnuffel, auf dessen Rücken man durch Stachelbeete reitet und den man auch aus der Distanz zum Stöckchen – sorry – Edelstein-Suchen abrichten kann. Ab hier nimmt endlich das Neue Überhand, ab hier warten endlich tolle, spannende Überraschungen. Fiese Lavateppichmonster, vor denen man fliehen muss. Haushohe Mobile-Klettergerüste in noch überdimensionierteren Kinderzimmern. Wolkenvogel-Eier, die beim Flug flauschige Stege produzieren.

Yoshi's Woolly World - Nostalgie-Video5 weitere Videos

Level für Level steigt der Entdeckerdrang, wenn man von einer originellen Mechanik zur nächsten übergeht. Mein persönlicher Favorit ist dabei das erwähnte Erklettern eines Riesen-Mobiles – nicht nur, weil die Musik im Hintergrund ganz fantastisch ist und das Mobile so liebevoll inszeniert ist. Sondern auch, weil dieses Level erstmals regelrecht schwierig wurde – ich bin einige Male abgestürzt, bevor ich endlich den rettenden Gipfel erklommen habe. Es kommt also nicht von ungefähr, dass das Level als Stage in Super Smash Bros. Wii U umgesetzt wurde – es gehört zu den besten im Spiel.

Generell ist Woolly World wider Erwarten ganz und gar nicht einfach. Auch wenn es das knuffige Äußere andeuten und es die ersten zwei Welten fast bestätigen mögen: Später wird es verdammt knifflig, wenn Plattformen enger, Feinde und Gefahren zahlreicher und Reaktionstests überraschender werden. Wundert euch nicht, wenn ihr an so mancher Stelle mehrfach scheitert oder fluchen werdet. Dieses Yoshi ist kein Zuckerschlecken – und das ist verdammt gut so! Und sollte euch eine Stelle doch zu schwer werden, dann könnt ihr ja immer noch in den entspannten Modus wechseln und mit Flügelchen am Rücken über die Abgründe schweben. Oder ein paar Edelsteinchen in Trickanstecker investieren, die Gegner schwächen oder eure Wurfeier vergrößern. Oder ihr ruft gleich den kleinen Schnuffel herbei, auf dessen Rücken euch die spitzen Stacheln am Boden nichts mehr anhaben können.

Zum Dahinschmelzen schön, nach kurzem Aufwärmen voller kreativer Ideen und spielerisch anspruchsvoll: Woolly World ist das beste Yoshi-Spiel seit dem Super Nintendo.Fazit lesen

Nintendo hat hier einen guten Spagat zwischen Zugeständnissen und Herausforderungen gefunden und liefert damit sowohl dem jungen als auch dem erfahrenen Spieler genau das, was er braucht und will, ganz ohne Kompromisse und blinkende „Willst du das Level überspringen?“-Dialoge. Sehr schön.

Yoshi's Woolly World - Yoshi und das magische Garn

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden2 Bilder
Wolly World kommt spielerisch etwas spät in die Gänge, legt dann aber ordentlich los und feuert dutzende kreative Ideen ab.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Auch das Spielen zu zweit (nur offline, versteht sich) ist eine Möglichkeit, sich das Spiel einfacher zu machen, ohne zu sehr in Cheating-Gefilde abzudriften – zumal es keine Seltenheit ist, dass beide Yoshis auf einmal in den Abgrund springen. Ich persönlich habe dennoch wie schon bei Donkey Kong Country und Co. lieber alleine gespielt – gerade die späteren Levels sind einfach nicht für zwei Yoshis entwickelt.

Das ist eine typische Schwäche vieler Nintendo-Jump-and-Runs der letzten Jahre, genau wie der häufig zu geringe Umfang, vor dem leider auch Woolly World nicht gefeit ist. Nach gerade mal sechs Welten á acht Level ist das Woll-Atoll gerettet und das Spiel vorbei. Schade, ich hätte wirklich gern noch mehr in dieser Welt erlebt. Um das wieder auszugleichen, gibt es immerhin einen ganzen Batzen an Sammelkram und pro Welt jeweils ein bockschweres Zusatzlevel. Alleine diese Levels sind es wert, dass man alle Gänseblümchen sammelt. Und wenn man schon dabei ist, kann man sich auch gleich noch um die jeweils fünf versteckten Wollknäuel kümmern – die häkeln nach dem Durchqueren des Zielrings nämlich immer einen entführten Yoshi wieder zusammen, den man dann selbstverständlich auch aktiv spielen kann. Dort sind einige unglaublich putzige Designs dabei, vom Wassermelonen-Yoshi über den Schnuffel-Yoshi bis hin zum Bonbon-Yoshi. Und wenn euch das zu kindisch ist, dann hey: Setzt einfach einen Samus-amiibo auf das GamePad und stopft euren Dino in den Varia Suit. Über einen Mangel an Kostümen für den wolligen Held darf sich hier keiner beklagen.