Normalerweise würde hier irgendetwas über Nintendos Fließbandmentalität stehen, über die perfekte japanische Kosten-Nutzen-Rechnung, die jedem BWL-Studenten den Jutebeutel unendlich schwer werden lässt, über eine Idee, die gefühlte 100 Spiele für uns und dreihuntertzwölfzig Millionen Euro Umsatz für ihre Schöpfer brachte. Dann würde eine Lobpreisung des eigentlichen Spiels gemeinsam mit einer hohen Wertung und der Erkenntnis folgen, dass das ja eigentlich doch alles ganz cool so ist. Zumindest eine Konstante bleibt damit also erhalten.

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Wer auch immer da in seinem hochgelegenen Kyotoer Büro letztlich am entscheidenden Hebel dieser patentierten Gelddruckmaschine sitzt, die unter der Dauerlast der letzten Monate langsam gefährlich zu ächzen beginnt, scheint sich vor einem gezinkten Einarmigen Banditen zu wähnen. Ziehen, Magie, Profit – selbst South Parks Unterhosenwichtel könnten das nicht besser. Es ist Nintendos wertvollster und vor allem zuverlässigster Automat in Zeiten von Smartphone-Dominanz und Wii-U-Verkaufsproblemen, der stets einen Kompromiss zwischen zwei Welten sucht.

„Hier, liebe Hardcorefans, habt ihr Yoshi's New Island. Es ist ein Quasi-Nachfolger zum Super-Nintendo-Klassiker – und den liebt ihr doch, stimmt's? Kein Grund zum Nörgeln, also.“
„Hier, liebe alle anderen, habt ihr ein kunterbuntes Spiel mit dem süßen Yoshi und eingebauter Erfolgsgarantie ganz ohne Frust. Kein Grund also, es nicht für eure Kinder/Freundin/Oma zu kaufen.“

Yoshi's New Island - Wer schreibt eigentlich immer das „New“ in diese Spieltitel?

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Anfangs glaubt ihr noch, Nintendo würde euch lediglich ein paar süße Anspielungen präsentieren ...
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Kompromiss heißt aber immer auch: Einschnitte auf beiden Seiten. Zuletzt funktionierte das eher besser als schlechter; Zugänglichkeit und Anspruch hielten sich einigermaßen die Waage. Vor allem aber mischte sich (bis auf New Super Mario Bros. 2 vielleicht) nie das Gefühl unter den Hüpfeintopf aus dem Rezeptbuch, nur aufgewärmte Reste in neuem Mischverhältnis vorgesetzt zu bekommen.

Nostalgie bleibt Retro bleibt alter Käse

Yoshi's New Island ist ein (zu) gutmütiges Spiel. Es packt euch in Watte, drückt euch gemeinsam mit einer dreistelligen Anzahl Leben den klebrig-süßen Nostalgie-Lutscher in die Hand, bis euch schon bei Yoshis putzigem Anblick die Zähne schmerzen und ihr irgendwann freiwillig in den ein oder anderen Abgrund hüpft, nur um den Dino mitsamt seines quäkenden Rucksacks sterben zu sehen. Endlich Ruhe vor dem Geplärre.

Packshot zu Yoshi's New IslandYoshi's New IslandErschienen für 3DS kaufen: Jetzt kaufen:

Nostalgie ist eine tolle Sache – kaum jemand weiß das besser als Nintendo. Die Japaner mögen nie besonders viel Fingerspitzengefühl dabei bewiesen haben, subtile Anspielungen zwischen „Hui, ist das knuffig!“-Momente und euer fröhliches Kichern beim Abschluss eines Levels zu weben, doch zumindest blieben diese Fingerzeige Richtung Vergangenheit meist genau das: Ein Wink mit dem Zaunpfahl, kaum mehr als ein freundliches Nicken in unsere Richtung. Diesmal zimmert uns Big N allerdings die volle Retro-Breitseite mit Schmackes vors Kinn.

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...bis ihr erkennt, dass das „New" im Titel eine glatte Lüge ist. Süß bleibt's trotzdem.
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Irgendwo zu Beginn der dritten von insgesamt sechs relativ schmalen Welten war es langsam nicht mehr zu übersehen. „Hier kommt nicht mehr viel“ war ein Gedanke, der zuverlässig wie Baby Mario bereits seit dem Intro gelegentlich lärmte, aber bislang halbwegs geflissentlich ignoriert werden konnte.

Ich fühlte mich angenehm an früher erinnert, als die beiden Klempnerknirpse im selben Stil, mit derselben Musik, vom selben Storch wie vor knapp 20 Jahren durch die Luft getragen wurden. Ich gluckste fröhlich, als ich nach den ersten drei Level Dutzende Soundeffekte vom Super Nintendo wiedererkannte. Ich räusperte mich argwöhnisch, als mein Nacken schon wenig später vom Abnicken längst bekannter Szenen, Gegner und Objekte steif zu werden drohte. Nach sechs weiteren Stunden und einem Endgegner so einfach, wie man ihn von einem Spiel erwarten kann, das großzügiger mit Leben um sich schmeißt als Yoshi mit Eiern, wurde aus der Vermutung Gewissheit: Hier kam nicht mehr viel.

Wer damals nicht wochenlang Cartoons gegen das Super-Nintendo-Pad und eine Korb schöner Erinnerungen mit dem Triumphzug des grünen Dinos tauschte, hat keinen Grund, sich hieran zu stoßen – und auch keinen, den etwas seelenlosen 3DS-Spross dem zeitlosen Original von damals vorzuziehen, das es seit Jahren für GBA und demnächst wohl auch für Wii-U-Virtual-Console gibt.

Ein Spiel, das es so bereits vor 20 Jahren gab – und der Vorlage in jeder Hinsicht unterlegen ist.Fazit lesen

Auch wie von Wachsmalstiften gezeichnet gewinnt Nintendos Gute-Laune-Maskottchen jeden Niedlichkeitskrieg gegen süße Katzenbilder und Babykichern; der Kreidestil ist nur an der Oberfläche ein anderer. Keiner, der stilistisch nötig gewesen wäre oder irgendetwas bedeutend besser (oder schlechter) macht als sein 16-Bit-Pendant, aber zumindest eine kleine Abkehr von der Norm in einem Spiel, das es so bereits vor 20 Jahren gab.

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Riesige Eier sind eine der Neuerungen. Passt schon.
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Gelegentliches Zerstören der Levelarchitektur mit einem überdimensionalen Ei und völlig belanglose Kippsensorabschnitte, in denen Yoshi als Helikopter, Presslufthammer oder U-Boot durch Neigen des 3DS gesteuert werden muss, sind neben der leicht veränderten Optik die einzige (sehr fadenscheinige) Rechtfertigung für das „New“ im Titel. Ein nicht gerade unbekanntes Phänomen für diejenigen unter euch, die innerhalb der letzten zehn Jahren mal an einem Spieleregeal im Kaufhaus vorbeigeschlendert sind. Dieser Klempner ist überall.

Übertrieben? Vermutlich. Nervig? Ganz sicher. Trotzdem verlangt euch selbst Mario #42 noch mehr Präzision und Hingabe für die Sache ab als Yoshi mit seinem verträumten Blick. Yoshi's New Island ist zwar nicht unbedingt das, was man einen Selbstläufer nennt – allzu viel fehlt allerdings nicht mehr.

Sammeln ist das neue Springen

Die Art des Spielaufbaus ist entscheidend: Während der latzbehoste Klempner seinen Spaß aus knackigen Sprüngen und schnellen Sprints zieht, flaniert sein Reitesel ungleich behäbiger vor den etwas tristen Hintergründen vorbei, dreht jeden Stein dreimal um, damit kein Sammelobjekt unentdeckt bleibt. Ein Umstand, der heute eher zum Problem wird als vor 20 Jahren, als Yoshi neben Ohrstöpseln gegen Baby Marios Geheule vor allem Treffsicherheit und ein Gespür für seine Umwelt im Gepäck haben musste, die ihre Geheimnisse nur aufmerksamen Abenteurern offenbarte.

Yoshi's New Island - Wer schreibt eigentlich immer das „New“ in diese Spieltitel?

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Schnee gibt's auch. Bibber.
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Wer auf dem 3DS jedes Level mit vollen Taschen und Sammelkram abschließen will, braucht neben Geduld immer wieder vor allem eines: Glück. Nicht selten muss der drollige Protagonist erst an einer bestimmten Stelle mit seinen Beinchen in der Luft strampeln, damit eine versteckte Wolke und ihr wertvoller Inhalt erscheint. Ihr werdet mit etwas Erfahrung eine Art sechsten Sinn für krude Verstecke, begehbare Wände und Kram wie diesen entwickeln, wahlloses Herumgehüpfe wird damit jedoch nur besser – ganz darauf verzichten könnt ihr nie.

Yoshi's New Island wird damit noch ein wenig berechenbarer, ohne deshalb zwangsläufig zu langweilen. Begeisterung sieht allerdings auch anders aus.