Nostalgie ist ein gemeiner Zauber. Eine verlockende Erinnerung, der man sich so sehr hingibt, dass es mitunter zur Verzerrung der realen Bedingungen kommt. Denkt man beispielsweise an alte Collect-a-thon-Hüpfspiele der Marke Banjo-Kazooie, so blendet man aufgrund der überlagernden Spielspaß-Elemente oft aus, wie fies und nervenaufreibend einige der Herausforderungen waren. Der inoffizielle Nachfolger der Banjo-Kazooie-Reihe führt uns genau diesen Umstand vor Augen, denn auch Yooka-Laylee fährt inmitten fantastischer Spielgestaltung ein paar unerwartete Frust-Episoden auf.

Für einige nostalgische Spieler ist der 11. April 2017 ein besonders erfreulicher Tag. Der Erscheinungstermin von Yooka-Laylee markiert einen Datum, an dem gleich drei Dinge unter Beweis gestellt werden: Erstens: Neben allerhand üblichem Retrokram können auch moderne 3D-Spiele über Crowdfunding finanziert werden. Zweitens: Es erscheinen noch immer Spiele unterschiedlichster, teils weniger beliebter Genres, und nicht nur Rennspiele, Shooter und RPGs. Drittens: Die zu unrecht verkannte Unity-5-Engine beweist ihre Tauglichkeit mit einem möglichen Kult-Spiel aus der Feder früherer Rare-Mitarbeiter.

Yooka-Laylee - E3-TrailerEin weiteres Video

Die Spieleschmiede, bei der jene Rare-Veteranen heute unterkommen, nennt sich Playtonic Games und wird hoffentlich noch lange existieren, denn Yooka-Laylee sprudelt vor lauter Spielwitz und Humor. Microsoft mag vor vielen Jahren Rare aufgekauft haben, doch die Unverfrorenheit und querdenkerische Frische ihres kreativen Stamms ging über die Jahre verloren. Bei Playtonic scheint sie wieder aufzuleben.

Yooka-Laylee - Spiel's noch einmal, Sam!

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Am Anfang des Abenteuers verfügen Yooka und Laylee nur über begrenzte Fähigkeiten
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Spiritueller Banjo-Kazooie Nachfolger

Nun, taufrisch ist der Grundgedanke von Yooka-Laylee ganz bestimmt nicht mehr. In all seinen Facetten soll dieses 3D-Plattform-Abenteuer ein spiritueller Nachfolger von Banjo-Kazooie sein, was wahrlich niemand abstreiten kann, der auch nur fünf Minuten Zeit darin investiert. Mal abgesehen davon, dass man erneut ein ulkiges Zweier-Team durch offen angelegte 3D-Welten dirigiert, um allerhand Sammelkram einzusacken, lassen Grafikstil, Musik und vor allem Soundeffekte keinen Zweifel zu. Beispielsweise brabbeln alle Darsteller lustiges Kauderwelsch, das aus kleinen Soundfetzen besteht und lediglich in Tonhöhe und -länge variiert. Göttlich!

Banjo-Threeie neu verpackt

Die Hauptdarsteller sind diesmal ein Chamäleon und eine Fledermaus, die im Team gegen die Machenschaften der fiesen Biene „Capital B“ und seines schrägen Robo-Enten-Untertanen „Dr. Quack“ vorgehen. Das drollige Bösewicht-Gespann saugt nämlich alle Bücher der Welt auf, um sie in ihrer Fabrik, den Hivory Towers, in puren Profit zu verwandeln. Unter den Verlusten befindet sich eines von Laylees Büchern. Ein alter Wälzer, den sie durch das Auffinden einzelner Buchseiten (Pagies, vom Englischen „Page“) wieder zusammensetzen möchten.

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Dank der Feuerblüten ist der Kampf gegen den Eis-Boss ein Kinderspiel
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Ihre Reise führt durch viele Winkel des Bösewicht-Hauptquartiers zu magischen Büchern, die das Team in eine thematische Welt voller kleiner und großer Aufgaben katapultiert. Angefangen bei einer tropischen Dschungelwelt über eine Eislandschaft bis hin zu Sumpf, Casino und Weltraum-Ausflügen. Allesamt freilich mit einer einzigartigen Interpretation des Themas und viel staubtrockenem, herrlich britischem Humor angereichert. Wobei der Wortwitz in der deutschen Übersetzung manchmal verlorengeht oder abgeschwächt wird. Darum zogen wir in unseren Testsitzungen die Variante in Englisch vor. Dafür ist zum Glück nur eine Einstellung im Optionsmenü nötig.

An Niedlichkeitsfaktor und Knuffigkeit fehlt es keineswegs, völlig egal, welche Sprache ihr bevorzugt. Kunterbunte Oberflächen, zuckersüße Gegner und der Designentschluss, beinahe jedes einzeln stehende Objekt mit Augen zu versehen, vervollständigen einen sehenswerten Grafikstil. Technikfetischisten mögen die Augenbrauen hochziehen, weil die Shader der verwendeten Unity-Engine nicht mit denen der Unreal Engine 4 mithalten können, und selbst die Möglichkeiten von Unity nicht ausgereizt werden.

Für ein Crowdfunding-Projekt eines noch jungen Indie-Studios macht das Endergebnis aber eine menge her, zumal gewisse Szenen wunderschön in Szene gesetzt wurden. Allein die vielen Glanz- und Spiegeleffekte der Casino-Welt dürften viele Kritiker verstummen lassen, zumal das Spiel auf der PS 4 in sauberen 60 FPS bei 1080p-Auflösung läuft. Auf Xbox One soll es wohl gelegentlich kleine Framedrops geben . Bestätigen können wir das aber nicht, da uns nur PS4- und PC-Version vorliegen. Letztere unterforderte den Testrechner (i7 mit Geforce 1070) gnadenlos.

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Die Fahrten mit der alten Lore Kartos erinnern ein wenig an Donkey Kong Country
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Ein Arsenal an Talenten

Grundsätzlich gleicht der Spielaufbau dem von Banjo-Kazooie so sehr, dass es fast genügt, die Art der veränderten Sammelgegenstände aufzuzählen. Anstelle von Notensymbolen sammeln Yooka und Laylee Federn, Hauptziel im Sammelwahn sind nicht mehr große Puzzleteile, sondern die erwähnten Pagies. Trotzdem bleibt das Spielsystem nicht im Nostalgie-Wahn stecken, sondern bedient zeitgemäße Gewohnheiten. Von altmodischen Regeln wie etwa begrenzten Leben nahm Playtonic Abstand. Stürzt das Heldenduo in einen Abgrund oder verliert durch Feindkontakt alle Schmetterlings-Symbole, so startet es am letzten Übergangspunkt zwischen den Level-Abschnitten.

Ein grandioser Hüpfspiel-Spaß alter Schule, allerdings mit kleinen Macken, die ganz schön am Geduldsfaden zupfen können.Fazit lesen

Da die Welten nicht linear angelegt sind, sondern theoretisch frei abgesucht werden dürfen, fällt ein Ableben manchmal noch immer frustrierend aus, da Laufwege recht lang sein können. Dies ist in manchen Passagen sogar beabsichtigt, denn Playtonic ließ sich hier und da nicht nehmen, den Schwierigkeitsgrad künstlich in die Höhe zu schrauben. Dazu später mehr.

Aufmerksame Banjo-Fans mögen sich fragen, wozu man denn noch immer Federn sammelt, wenn es doch keine Extraleben mehr gibt. Berechtigte Frage mit einer einfachen Antwort: Yooka und Laylee starten das Abenteuer mit einem sehr begrenzten Fähigkeiten Repertoire. Mehr als Laufen und Springen ist am Anfang nicht drin. Erst beim Treffen mit einen windigen Verkäufer namens Trowzer – eine Schlange in Hosen – können sie ihre gesammelten Federn gegen neue Fertigkeiten eintauschen, und zwar in fast beliebiger Reihenfolge.

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Finden Yooka und Laylee ein "Molecool", kann die Wissenschaftlerin die Helden verwandeln . Etwa in Fische...
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Jede Welt stellt eine neue Sammlung an erlernbaren Fähigkeiten vor, die nicht nur in unmittelbarer Umgebung nützlich werden, sondern auch in früher besuchten Welten neue Pfade ebenen. Außerdem braucht man sie, weil der Weg zum nächsten magischen Buch sonst versperrt bleibt.

Stampfsprünge knacken Steine oder bewegen Schalter, Rollmanöver helfen, steile Rampen zu bezwingen, eine extra lange Zunge dient als Enterhaken, eine Luftblase dagegen als hermetisch abgeriegeltes Bewegungsumfeld im Wasser, inklusive Sauerstoffvorrat. Wobei einige der Talente einen irrwitzigen Beigeschmack haben. Etwa wenn die Fledermaus lernt, ihren erheblich schwereren Kumpanen quer durch das Level zu fliegen und sich dabei fast einen Bruch hebt.

Ebenfalls witzig, aber nur temporär von Nutzen, sind Sonderfertigkeiten, die das Chamäleon mithilfe der Zunge einverleibt. Dabei geht es um die Blüten herumstehender Pflanzen, die diverse Elementarkräfte bergen, darunter Feuer, Wasser oder Eisblüten, aber auch Handgranaten-Knospen. Schluckt Yooka eine davon, so kann er das entsprechende Element für einige Sekunden ausspucken, was das Lösen einiger Puzzles ermöglicht. Nippt er hingegen am Honig eines Bienennestes, so rutscht er auch von glitschigsten Eisflächen nicht mehr ab.

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... oder ein Mini-Segelschiff mit starker Bewaffnung
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Die ausgefallenste aller Fähigkeit gewährt eine Wissenschaftlerin, die in jeder Welt eine vorbestimmte Transformation einleitet, sofern man das zugehörige „Molecool“ für ihre Maschine findet. Die Verwandlung ist an die vorliegenden Umwelteigenschaften gebunden und kann nicht in andere Welten mitgenommen werden, ebnet aber meist Zugang zu besonders entlegenen Passagen oder verbarrikadierten Spielelementen. In der Regel ist die Verwandlung selbsterklärend. In Form eines Schwarms Fische schwimmt es sich leichter, als Räumfahrzeug können die Helden hingegen Schneehaufen beseitigen.

Viel Abwechslung

Dank derart vielen Talenten fehlt es in Yooka-Laylee garantiert nicht an Abwechslung. Hüpfen, forschen, fliegen, sammeln – all das geschieht in einem nahtlosen Fluss, der für Stunden am Stück unterhält. Hier will ein Boss die Leviten gelesen bekommen, bevor er ein Pagie freigibt, da fragt eine Nebenfigur nach der Erfüllung eines Gefallens. Und das ist erst der Anfang, denn jede Welt kann nach dem Erhaschen einer gewissen Anzahl an Pagies im Umfang erweitert werden, wodurch sie noch mehr Landschaft, mehr Sammelkram und mehr Sonderaufgaben offenbart.

Reicht euch das nicht, dann steht noch immer ein Besuch in der Mini-Spielhalle an, in der ein grob gestalteter Retro-Dinosaurier den Gastgeber gibt. Obwohl viele verschiedene Mini-Games implementiert wurden, überzeugt der Arcade-Abschnitt leider nicht vollends. Manchen Spielen fehlt es an einer zündenden Idee, anderen an Präzision in der Steuerung. Die Idee ist aber ganz nett und als Bonus durchaus tauglich, zumal man einige Spielhallen-Spiele vom Hauptmenü aus mit bis zu vier Teilnehmern angehen darf.

Kleine Schwächen mit starken Folgen

Yooka-Laylee mag nicht das innovativste aller Hüpfspiele sein. Wen wundert's, hinter der Crowdfunding-Kampagne stand ja auch das Versprechen, ein Spiel der alten Schule abzuliefern. Einen 3D-Plattformer wie zu Zeiten des Nintendo 64, nur um ein paar moderne Spielregeln bereichert und somit auf aktuellen Stand gebracht.

Auch wenn das Vorhaben grundsätzlich geglückt ist, merkt man leider an einigen Stellen, wo der Einfluss Nintendos, der anno dazumal den Feinschliff des Erlebnisses ausmachte, fehlt.

Angefangen beim Gefühl, das Steuerung und Sprungverhalten vermitteln. Yooka und Laylee springen und landen leider nicht so sicher und bombenfest wie es Banjo und Kazooie einst vermochten. Das gesamte Sprungverhalten wirkt einen Tick schwammiger und lässt gerade beim Landen eine gewisse Verankerung am Boden vermissen. Man hat stets das Gefühl, das Heldenduo lande auf einer leicht glitschigen Oberfläche, obwohl die beiden optisch nicht wegrutschen. Man gewöhnt sich daran, zumal viele der Sonderfertigkeiten beim Umgehen anfänglicher Einschränkungen helfen. Ist also kein großer Lapsus, eher eine Gefühlssache.

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Neben Arcade-Quickies verführen auch andere Mini-Games zu einer spaßigen Pause
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Weniger Gefühlssache als eine Frage der Gewohnheit ist das Rollverhalten des Teams. Rollen ist die Einzige Methode zur Überbrücken von Schrägen, an denen Yooka und Laylee sonst abrutschen würden. Klappt in den allermeisten Fällen sehr gut. Wenn aber vom Spieler verlangt wird, er solle in einer stockfinsteren Höhle rollender weise auf kaum sichtbare Oberflächen springen, ja gar enge Kurven ziehen, so wird der Bogen ein wenig überspannt. Gäbe es bei solchen Passagen noch Extraleben mit Game-Over-Konsequenz, wäre der Frustfaktor hoch genug, um Controllern das Fliegen zu lehren.

Apropos rollen: Turbo-Rollen hilft beim Sprengen von Glasscheiben. Das Gespann fliegt aber nur dann rollend richtig von einer Rampe, wenn man beim Ansetzen des Manövers schon auf der Rampe steht. Setzt man ein Stück davor an, wird der Sprungwinkel verfälscht. Das wird Anfänger und Ungeduldige, die das Rollverhalten nicht durchschauen arg frustrieren.

Was zudem mächtig stören kann, ist der Kampf gegen die Kamera. In 95% der Fälle wird die Kamera korrekt um hinderliche Umgebungsmerkmale herum schwenken oder notfalls die Seite wechseln, um die Helden gut einzufangen. In den restlichen 5 der Fälle klappt das aber überhaupt nicht. Im Gegenteil, die Kamera sträubt sich dann sogar gegen die manuelle Nachjustierung am zweiten Analogstick. Statt ein Stück heraus zu zoomen, um ein hinderliches Objekt zu umgehen, steuert sie gegen die manuelle Justierung an, sodass der Spieler buchstäblich gegen die Kamera kämpft. Ärgerlich und mehr als unnötig!

Ärgerliche Kameraschwenks

Noch ärgerlicher sind schlecht nachvollziehbare Kameraschwenks, beziehungsweise das Umschalten zwischen der Verfolgerkamera und einer fest justierten. Ein Fall in der Casino-Welt ist für diese Kritik besonders ausschlaggebend. Die Helden werden hier über einem Brunnen in die Luft geschleudert. So weit, so gut, denn an dieser stelle ist die feste Kamera sehr nützlich. Nur dumm, dass direkt über dem Brunnen ein weiteres, wichtiges Collectible versteckt wurde, das man nur dann erreicht, wenn man mit einer Spezialfertigkeit manuell hochfliegt. Das Umschalten der Kamera verwirrt dermaßen, dass man kaum vermag, die Flugrichtung einzuhalten, geschweige denn das Collectible aufzulesen.

Zum Abschluss ein Kritikpunkt, den man vernachlässigen kann, aber er soll nicht unerwähnt bleiben: Auf gewisse Spielelemente wird leider nicht gut genug hingewiesen. Ein Beispiel: Im übergreifenden Level-Hub bleibt der Zugang zum dritten Buch verwehrt, wenn man den Schalter einer Tür nicht durch das Anspucken mit Eisprojektilen aktiviert. Warum? Es gibt dafür keinen zwingenden Grund, und obendrein wurde die Eispflanze, die man dafür benötigt, auch noch versteckt. Wahrscheinlich sollte damit der Forscherdrang des Spielers gefördert werden, allerdings steht und fällt alles mit der Verwendung eines kleinen, sehr unscheinbaren Schalters, der nicht unbedingt als solcher auffällt. Ein Hinweis wäre nützlich gewesen. Auch wirken die Gänge mit den Zugängen zu anderen Büchern unnötig verschachtelt. Kein Beinbruch, weil Anfänger so etwas auch in einer Komplettlösung nachlesen können, wenn sie auf dem Schlauch stehen sollten. Trotzdem: Nintendo hätte solche kleinen Ungereimtheiten damals niemals zugelassen, und zu dieser Umsichtigkeit muss Playtonic wieder zurückfinden.