Kalkulierter, kommerzialisierter Spaß. Nichts anderes ist Yo-Kai Watch. Dass das nichts Schlechtes sein muss, zeigen uns all die Skylanders-Spiele und Marvel-Filme da draußen, Disney-Großproduktionen im Allgemeinen. Denn letztlich sind wir bei all diesen Filmen/Spielen/Serien doch immer mit der reinen Freude dabei. Obwohl wir es eigentlich besser wissen, bleiben diese Titel grundsympathisch, gutmütig, liebenswürdig. So auch Yo-Kai Watch.

Yo-Kai Watch - Einführungs-TrailerEin weiteres Video

Yo-Kai Watch ist dafür gebaut, Erfolg zu haben. Schon jetzt, wo bei uns in Deutschland überhaupt erst der Serienerstling mit fast drei Jahren Verspätung ankommt, gibt es bereits mehrere Fortsetzungen, Ableger, zwei Manga-Adaptionen, einen Anime, zwei Animationsfilme… Was sich da auf Chefetage fein abgestimmt zusammengedacht wurde, spült in Fernost also jede Menge Geld in die Kassen, gilt bereits als ‚das nächste große Pokémon‘.

Yo-Kai Watch - Das nächste Pokémon?

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Nicht unbedingt, was man sich unter spielerischem Anspruch vorstellt.
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Ironie des Schicksals, dass sie gerade damit im Westen gegen eine Wand fahren könnten.

Komm und schnapp sie dir!

Yo-Kai Watch ist seiner (japanischen) Kultur verpflichtet. Das lässt sich hier wie dort belegen. Am vordergründigsten sind hier natürlich die namensgebenden Yo-Kai selbst, Hausgeister im Stile der allbekannten Pokémon-Taschenmonster. Ihr könnt sie zähmen, trainieren, in Kämpfen antreten lassen. Alles beim Alten. Auf den ersten Blick zumindest. Denn auch wenn der Pokémon-Vergleich offensichtlich erscheint, nehmen die Yo-Kai doch eine ganz andere Ausfahrt, die sie von den Kreationen Game Freaks grundsätzlich abgrenzt.

Und das wäre eine grundlegend japanische Denkweise. Die Yo-Kai treten hier als Naturgeister auf, wie man sie aus dem Shintō-Glauben kennt, für uns Deutsche abseits der Studio-Ghibli-Filme eher ein unbeackertes Feld. Die Yo-Kai machen sich als Spukgestalten bemerkbar, Plagegeister in der Regel, die das menschliche Zusammenleben erschweren und durcheinanderbringen, dabei aber nicht erkannt werden. Plötzliche Mutlosigkeit ist auf die Präsenz des selbstmitleidigen Jammsel zurückzuführen, ein loses Mundwerk auf die Arbeit der schrulligen Petzmeralda.

Packshot zu Yo-Kai WatchYo-Kai WatchErschienen für 3DS kaufen: Jetzt kaufen:

In seiner Rolle als Pokémon-Abbild für Yo-Kai Watch ein Glücksgriff, weil die Pocketmonster dadurch eine grundlegend eigene Ader gewinnen. Jeder einzelne Yo-Kai macht sich durch eine eigene Identität bemerkbar, mit eigenen Schwächen und Stärken, Vorlieben und Abneigungen auch ganz abseits des Regelwerks. Weil sie nicht zu gesichtslosen Statisten im Kräftemessen verkommen, fühlt ihr euch nicht wie in einem Pokémon-Klon, sondern einem gänzlich selbstständigen Erlebnis. Zumal, wo sich Pokémon derzeit Vorwürfe über ein zu uninspiriertes Monsterdesign, das schlicht unbelebte Objekte belebt, gefallen lassen muss (Bühne frei für Gelatwino, Clavion und Artgenossen), das Design der Yo-Kai sehr gelungen und frisch ausfällt.

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Sich in Lenzhausen zurechtzufinden ist gar nicht so einfach, was auch auf die unübersichtliche Karte zurückzuführen sein dürfte.
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In Teilen zumindest. Wo nämlich laut Yo-Kai-Medaillium – dem Pokédex-Pendant von Yo-Kai Watch – mit 236 verschiedenen Geisterwesen eine recht beachtliche Menge neuer Kreaturen geliefert wird, könnt ihr gut und gerne die Hälfte dessen für alternativ eingefärbte Doppelgänger abziehen. Omakabra stellt etwa die etwas ergrautere Version von Petzmeralda dar, Goruma ist Darumacho mit rotem Bart und so weiter. Wäre ja noch nicht mal so ein Riesenproblem, wenn man das über Entwicklungen rechtfertigen würde, aber die Abziehbilder dann einfach als eigenständige Monster zu verkaufen, ist schon ein wenig frech. Generell finde ich schade, dass ausgehend von dem eigenständigen Look zu wenig in Richtung weiterentwickelter Designs gegangen wurde, nur eine Handvoll ‚echter‘ Entwicklungen und ein paar zusätzliche Fusions-Yo-Kai – coole Idee – haben es ins Spiel geschafft.

Second-Screen-Erfahrung

Auch die Art, mit dem 3DS und seinen Funktionen umzugehen, erscheint mir grundjapanisch. Die ganzen zwanzig Stunden Spielzeit (genretypisch mit viel Luft nach oben) wurde ich das Gefühl nicht los, hier mehr eine Minispiel-Sammlung zu spielen als einen monsterbasierten Strategie-Rollenspiel-Hybriden, was daran liegt, dass die Kernmechaniken – das Sammeln und Kämpfen von und mit Yo-Kai – sehr Touchscreen-bezogen ausfallen.

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Einige Yo-Kai lassen sich auch fusionieren. Das Prozedere sieht dann in etwa so aus.
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Die zufälligen Hohes-Gras-Encounter hat man sich gespart und stattdessen seine Hatz nach Monstern als simples Versteckspiel inszeniert. Wie eingangs erwähnt, präsentieren sich die Yo-Kai nicht unmittelbar in der Spielwelt, sondern müssen per Blick durch die Linse der titelgebenden Armbanduhr aufgedeckt werden. Bei einem entsprechenden Hinweis zückt ihr euren Stylus und fahrt das Bild mit einer Linse nach, Augmented-Reality-Spielereien ähnlich. Fühlt sich die ersten Male noch sehr frisch an. Schade allerdings, dass Level-5 hier aber so gar keine Abwechslung bietet, wodurch sich die Monstersuche sehr schnell abnutzt.

Unbeschwerte Taschenmonsterhatz mit viel Herz, dafür spielerisch anspruchslos.Fazit lesen

Einmal aufgedeckt, kommt es zum Kampf zwischen wilden und gezähmten Yo-Kai, der ungewohnterweise nicht rundenbasiert, sondern in Echtzeit abläuft. Eure Yo-Kai nehmen selbstständig am Kampf teil, greifen an, verfluchen Gegner oder heilen die Euren. Ihr werdet zum Zuschauer, der nicht viel mehr zu tun hat, als Yo-Kai auszuwechseln, bei Bedarf zu heilen und sogenannte Ultraseel-Spezialmanöver auszulösen, die – Überraschung – per Minispiel über den Touchscreen ins Rollen gebracht werden. An sich ein guter Versuch, sich vom Genreprimus Pokémon abzugrenzen, aber letztlich doch nur ein gutgemeinter, der nach hinten losgeht. Es ist nicht so, dass es den Kämpfen grundsätzlich an taktischer Tiefe fehlt, das ist durch die verschiedenen Typen und Elementkombinationen eurer Yo-Kai gewährleistet, aber Yo-Kai Watch nimmt euch an diesen Stellen gefühlt zu viel Kontrolle und lenkt durch die vielen notwendigen Touchscreeneingaben zusätzlich unnötig von dem ordentlich inszenierten Kampfgeschehen ab.

Und dann wäre da noch das eigentliche Zähmen der Hausgeister, für das ich auch nicht so recht positive Worte finden kann. Grund ist dafür vor allem, dass euch das Spiel nicht so recht kommuniziert, was es braucht, um ein Yo-Kai zum Bleiben zu bewegen. Statt Pokébälle zu schmeißen, füttert ihr wilde Yo-Kai mit verschiedenen Spezialitäten, jede Sorte hat andere Vorlieben. Selbst wenn ihr aber per Trial-and-Error mühsam die Lieblingsspeisen der einzelnen Geister herausgefunden habt, bedeutet das nicht direkt, dass sie sich euch auch anschließen werden. Es wirkt ein bisschen willkürlich, wann euch ein Yo-Kai folgt, manche tun es einfach so, andere lassen sich auch nach mehreren Versuchen nicht so recht überzeugen. Vor allem dann doof, wenn ihr ein besonderes Yo-Kai für eine Quest benötigt, bei einem Spiel, das vom Sammeln seiner Kreaturen lebt, sowieso wenig schmeichelhaft.

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Die Handvoll Bosskämpfe sind die inszenatorischen Höhepunkte des Spiels.
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Große Persönlichkeiten, kleine Geister

Das ganze Drumherum gestaltet Yo-Kai Watch aber so liebevoll, dass man ihm die etwas fauligen Kernmechaniken immer wieder verzeiht. Obwohl man es eigentlich besser weiß, bleibt der Titel grundsympathisch und liebenswürdig, um mal bei dem Bild aus dem Aufmacher zu bleiben. Das Spiel lebt von den knuffigen Yo-Kai und ihren Persönlichkeiten, die in Dutzenden Nebenquests auch abseits der entspannten Geschichte ins rechte Licht gerückt werden. Da wäre etwa die Schleimhaufendame Tristine, die die eigenen Eltern in einen Streit führt, weil sie selber gerade Stress in der Beziehung hat. Oder der Löwe Leodrio, der in seiner Trainingswut ein Pärchen auseinanderbringt, weil der Mann plötzlich nur noch Augen für den eigenen Bizeps hat.

Es ist dieser kindlich-heitere Charme, der immer wieder ernste zwischenmenschliche Themen streift, ohne dabei zu viel von seiner guten Laune zu verlieren. Illustriert wird diese Stimmung von einem herrlich spielerischen Soundtrack voller Ohrwurm-Kandidaten. Auf dem Rad mit beschwingten Glockenklängen im Ohr durch das verschlafene Lenzhausen zu sausen, die Yo-Kai-Begleiter im Gepäck, hat etwas sehr Reines – selbst, wenn es nur geplant und kalkuliert ist.