Der legendäre Yakuza mit dem Drachen-Tattoo ist wieder da und verteilt solche Backpfeifen, dass sogar Terence Hill und Bud Spencer neidisch wären. Doch unter der Haube steckt noch viel mehr als einfaches Haudrauf. In Yakuza 6: Das Lied des Lebens geht es um ein herzzerreißendes Drama und die wiedererweckte Liebe zu japanischen Videospielen.

Wie viel in Yakuza 6 steckt, seht ihr im packenden Launch-Trailer:

Yakuza 6: Das Lied des Lebens - Accolades Trailer (deutsch)4 weitere Videos

Yakuza 6: Das Lied des Lebens erscheint heute (17.04.2018) offiziell für die PS4 in Europa. Zu diesem Anlass veröffentlichen wir den Test zum Spiel, der bereits vor einem Monat auf gamona erschienen ist, wieder auf der Startseite.

Ich muss zugeben, dass ich nicht unbedingt der größte Yakuza-Fan auf diesem Planeten war. Yakuza 3 und Yakuza 4 habe ich nur angespielt, aber nie annähernd abgeschlossen. Der fünfte Teil des Action-Rollenspiels ist komplett an mir vorbeigewandert. Der perfekte Kandidat also, um einen Test zum sechsten Teil zu verfassen. Als dann Yakuza 6: The Song of Life auf meiner PS4 landete, wusste ich nicht, ob ich mich für das stetige Kampf-Gameplay und die langatmigen Stories der Reihe begeistern könnte. Oh Junge, hatte ich keine Ahnung.

Ex-Yakuza und Drache von Dojima Kiryu Kazuma macht sich in Yakuza 6 wieder die Hände schmutzig.

In 20 Stunden hat es Yakuza 6 geschafft, dass ich nicht nur die Liebe zu Japan-Games wiederentdeckt, sondern auch noch eine Spielereihe gefunden habe, auf deren Zukunft ich mich unglaublich freue. Wie mir die Augen geöffnet wurden? Nun, dazu kommen wir nach einer kurzen Einführung in die Wirren, die die Yakuza-Reihe für den sechsten Teil vorgelegt hat.

Kiryus Waisenhaus wurde in den drei Jahren Abwesenheit ganz schön vernachlässigt. Doch die Kids sind allesamt taff.

Just when I thought I was out…

In Yakuza 6: Song of Life schlüpfen wir in die Rolle von Kazuma Kiryu, seines Zeichens Protagonist aller bisherigen Ableger und Ex-Yakuza-Mitglied. Nach drei Jahren im Knast ist Kiryu zunächst geläutert und eigentlich wieder ein Zivilist. Doch wie das mit dem Leben als Ex-Verbrecher und Yakuza-Legende nun mal so ist, gibt es immer wieder Umstände, die einen wieder hineinziehen. So auch bei Kiryu, der nach seinem Aufenthalt hinter schwedischen Gardinen die Suche nach seiner Ziehtochter Haruka beginnt.

Diese ist spurlos verschwunden und hat dabei sogar die Kinder aus Kiryus Waisenhaus weit hinter sich gelassen. Als ihre Spur dann wieder im Sündenpfuhl und Yakuza-Mekka Kamurucho auftaucht, ist Kiryu natürlich zur Stelle. Doch dass das Ganze nicht so einfach wird, wie der Ex-Knacki es sich vorstellt, dürfte an dieser Stelle wohl jedem klar sein. Über den weiteren Verlauf von Yakuza 6 will ich nicht mehr verraten. Selbst der Trailer erzählt mir für meinen Geschmack schon etwas zu viel. Was sich aus der Situation Kiryus entspinnt, ist nicht nur ein herzzerreißendes Drama sondern auch Komödie, eine Geschichte über Liebe, Familie und Freundschaft sowie ein Action-Film noch dazu.

Yakuza 6 setzt direkt nach dem Vorgänger ein. Gut, dass die Entwickler diesen samt Charakteren noch einmal Revue passieren lassen.

Wer nun Angst davor hat, beim mittlerweile sechsten Teil der Yakuza-Hauptreihe nicht mehr hinterherzukommen, sei beruhigt. Die Entwickler haben sich alle Mühe gemacht, damit man auch als völliger Yakuza-Neuling einsteigen kann. Sämtlichen wichtigen Charaktere werden langsam vorgestellt und Logbucheinträge helfen euch dabei, wenn ihr bei der großen Anzahl an Namen und Orten doch einmal nachlesen müsst. An wichtigen Stellen werden sogar Szenen aus alten Yakuza-Ablegern eingeblendet. Die besten Art, um neue Spieler auf andere Ableger heiß zu machen!

Verbrecher vertrimmen macht hungrig

Das Zentrum von Yakuza war neben der Story schon immer das Kampfsystem. Einen Großteil der Spielzeit werdet ihr damit verbringen, die Unterwelt von Japan ordentlich mit Backpfeifen zu füttern. Bleibt das auch nach Stunden noch spaßig? Definitiv! Jeder Kampf ist wuchtig und brutal. Mit Finishing-Moves und einem Heat-Modus (mehr Schaden und besondere Finisher) ergeben sich allein aufgrund eurer Umgebung immer neue Optionen für die Kämpfe. Ihr bekommt nach wenigen Stunden ein gutes Gefühl dafür, wie sich Gegner verhalten und welche Taktiken ihr an den Tag legen müsst, um sie schneller zu Fall zu bringen. Und sollte euch das zu umständlich sein, reichen in den meisten Fällen auch ein Baseballschläger, ein Fahrrad oder ein Katana, die präzise mit den Gegnern fusioniert werden. Tödliche Waffen, wie eben Schwerter oder Schusswaffen kommen aber nur sparsam zum Einsatz. Kiryu verlässt sich lieber auf seine beiden Fäuste.

Das wird Morgen wehtun: In den Kämpfen geht es nicht zimperlich zu. Mit Waffen wird es sogar richtig brutal. Kein Wunder, das Yakuza 6 nicht in Kinderhände gehört.

Damit dies auch immer gelingt, müsst ihr mit Yakuza ordentlich spachteln. Jeder Besuch im Restaurant eurer Wahl füllt nicht nur die Hungerleiste wieder auf (keine Sorge, diese hat keine Nachteile, wenn sie nicht beachtet wird), sondern beschert euch auch Erfahrungspunkte in verschiedenen Kategorien: Stärke, Fitness, Ausdauer, Intelligenz und Charme fließen mit Essen, Kämpfen und allen anderen Aktivitäten des Spiels auf euren Kontostand. Dann könnt ihr selbst entscheiden, ob ihr die gewonnen Punkte lieber in Kiryus Kampfwerte oder doch lieber in einen Skill steckt. Das System motiviert vor allem damit, dass permanent für jedwede Aktion euch XP zu Gute kommen. Dadurch finden sich immer neue Wege, um Kiryu zu verbessern oder neue Kunststücke im Kampf gegen eure Feinde auszuprobieren.
Die Krux mit japanischen Games

Ja, auch diese Seite zeigt Yakuza 6 immer wieder. Kindisch, komödiantisch und immer mal dezent zum liebenswerten Fremdschämen.

Da wären wir auch am Knackpunkt, wegen dem viele Gamer japanische Spiele gar nicht auf dem Radar haben. Oft werden sie für zu abgedreht oder kitschig gehalten. Und auch Yakuza 6 driftet hin und wieder in diese Richtung ab. Auf der einen Seite nimmt es die eigene Geschichte unglaublich ernst. Auf der anderen gibt es immer wieder seltsame Momente, wenn man sonst nur westliche Games gewohnt ist. Eine Story aus Blut, Schweiß und Tränen steht dann im krassen Gegensatz zu Humor über diverse Exkremente, zu skurrilen und exzentrischen Charakteren oder anzüglichen Witzen. Aber das ist genau der Wahnsinn, der das Spiel so unglaublich charmant macht. Diese Unterschiede machen Yakuza 6 facettenreich und geben euch Grund, immer am Ball zu bleiben. Sobald euch die Welt eingenommen hat, wollt ihr alle Winkel erkunden, jeden noch so verschrobenen NPC kennenlernen und alle Aktivitäten mitnehmen, die Yakuza 6 bietet.

In Nachtclubs könnt ihr mit virtuellen Schönheiten Zeit verbringen. Allerdings rate ich dringend davon ab, diese Fragen in das eigene Flirt-Repertoire aufzunehmen.

Der Balanceakt zwischen Ernst und chaotischem Wahnsinn ist auch das, was Yakuza 6 perfekt für den Einstieg in die Welt der Japan-Games eignet. Denn hier bekommt ihr beide Seiten gleichermaßen gut und anspruchsvoll geboten. Ihr könnt jederzeit selbst entscheiden, auf was ihr gerade mehr Bock habt. Ob westliche Ernsthaftigkeit mit der Story oder japanische Eigenheiten nebenher: Ihr werdet nur wenige Vertreter da draußen finden, die diese Mischung so gut hinbekommen.

Die perfekte Einstiegsdroge für Japan-Games und die komplette Yakuza-Reihe.Fazit lesen

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Gut, ganz so viele Nachrichten werdet ihr in Yakuza 6 nicht auf Kiryus Smartphone haben. Aber an jeder Ecke von Kamurucho und später auch Onomichi, den zwei spielbaren Gebieten, gibt es etwas zu tun. Shops, sportliche Aktivitäten, Videospiele, Touristenattraktionen, traditionelle Tempel oder Nacht-Clubs laden zum Erkunden und Verweilen ein. Auch die Nebenmissionen tragen ihren Teil dazu bei, dass euch so schnell nicht langweilig wird. Hier trefft ihr auf den Betreiber eines Katzen-Cafés, der leider kein Händchen für seine felinen Freunde hat. Oder ihr besucht eine Sekte, deren Mitgliedern das Geld aus der Tasche gezogen wird. Noch nicht genug? Dann begebt ihr euch auf die Spur von Geistern, bekommt einen übermotivierten Sprachassistenten auf euer Handy oder stoppt Verbrechen in ganz Kamurucho sowie Onomichi.

Der Clan-Creator wirkt aufgezwungen und birgt spielerisch nicht ausreichend Anreiz, um langfristig zu fesseln.

Einzig eine Nebenbeschäftigung wirkt aufgesetzt und schon fast überflüssig. Der sogenannte „Clan Creator“ lässt Kiryu in Laufe der Geschichte seine eigene kleine Truppe zusammenstellen, um diese dann in die Schlacht gegen einen verfeindeten Clan zu führen. Klingt zunächst spannend, erweist sich in der Praxis aber eher als uninspiriertes „Strategie“-Spielchen, in dem ihr immer nur neue Verbündete spammt, bis die Feinde schließlich umfallen. Nach ein paar Runden hatte ich schon genug davon und wollte mich wieder der Story widmen. Denn mit dieser hat der Clan Creator bis auf wenige Schnittpunkte rein gar nichts zu tun.

Die Sache mit dem Alter

So hoch ich Yakuza 6 für alles lobe, was unter der Haube steckt, so vergleichsweise schlecht steht es leider in Sachen Technik. Der PS4-Exklusivtitel ist seit 2016 in Japan erhältlich und hat es erst jetzt per Lokalisation zu uns geschafft. Aber selbst 2016 wäre mir für Yakuza 6 kein anderes Wort als „veraltet“ eingefallen. Die Videozwischensequenzen überzeugen mit toller Beleuchtung und schicken Animationen der Charaktere. Geht das Ganze dann in Spielgrafik über, sieht man schnell einen klaffenden Unterschied. Matschige Texturen im Hintergrund und extrem flimmernde Kanten trüben den Gesamteindruck. Innenräume sehen in Cutscenes teilweise so aus, als würden die Wände schmelzen.

Kennt ihr schon alle?

Dazu gesellt sich noch eine störrische Kamera, die in engen Innenarealen und bei großen Kämpfen zum Geduldsspiel wird. Hin und wieder gehen auch die Frames bei besonders großen Arealen in die Knie. In solchen Situationen wünscht man sich schon, dass Yakuza 7 nicht mehr PS4-exklusiv bleibt, sondern auch auf einem potenten Rechner in voller Pracht erstrahlen darf.