Was schreiben über ein 100-Stunden-Spiel nach einer 45-Minuten-Präsentation, was sagen über einen Rollenspielkoloss der „Was soll schon schiefgehen“-Sorte? Dass es bislang so ziemlich das ist, was ich mir vorgestellt, eher noch: erhofft habe, wäre vielleicht ein guter Anfang. Dass Monolith nicht plötzlich auf der Stelle kehrt, sondern mehr von dem macht, was bereits den Vorgänger mit zum Besten gemacht hat, was dem etwas verschlafenen JRPG-Genre in den letzten fünf bis zehn Jahren passiert ist.

Tun wir uns allen selbst einen Gefallen und halten diese ganze „Schicksalsspiel für Wii U“-Nummer so kurz wie möglich. Völlig ignorieren lässt sie sich kaum, allein schon deshalb, weil Nintendo die eigene HD-Kiste inzwischen selbst unter „Dumm gelaufen, machen wir halt das Beste draus“ verbucht hat.

Xenoblade Chronicles X ist „ein Image-Spiel“ für die japanischen Traditionalisten, wie sie im Gespräch mit uns bereitwillig einräumten. Natürlich nimmt in Köln niemand Worte wie „Verlustgeschäft“ oder „Flop“ in den Mund, aber man stimmt durchaus darin überein, dass es für die Wii U hätte besser laufen können. Die Veröffentlichung des Monolith-Rollenspiels im Dezember wird also nicht zur überfälligen Zäsur in der Konsolengeschichte, wird die Verkaufszahlen nicht plötzlich auf PS4- oder auch nur Xbox-One-Niveau schnellen lassen. Nach Mario Kart 8 und Super Smash Bros. hätte dieses Potential höchstens noch Zelda U gehabt - und wie es damit steht, haben wir ja erst kürzlich erfahren (müssen).

Xenoblade Chronicles X - Ist es automatisch ein Geheimtipp, nur weil es exklusiv für Wii U erscheint?

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Xenoblade Chronicles X hat inhaltlich wenig mit seinem Vorgänger gemeinsam, soll aber ein paar Insider-Witzchen und ähnliches Zeug bieten. Ein bisschen wie bei den verschiedenen Final-Fantasy-Teilen.
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Nintendo weiß um diesen Umstand, wie gesagt, zieht die Nummer jetzt aber knallhart durch. Ist auch nicht so, als hätten sie eine große Wahl gehabt: Einem Projekt dieser Größenordnung hätte man bereits vor ein bis zwei Jahren den Stecker ziehen müssen - und trotzdem geht Xenoblade nach wie vor als Fanservice durch. Die Leute wollen dieses Spiel, also bekommen sie es.

Diese Fannähe ist tief in der DNA von Xenoblade Chronicles X verwurzelt; Monolith versucht nicht krampfhaft, das Rollenspielgenre zu revolutionieren, sondern den Leuten das zu geben, was sie wollen. Und verdammt, ich will dieses Spiel - nach 45 Minuten Anspielzeit mehr als je zuvor.

Es ist eine behutsame Weiterentwicklung des Wii-Vorgängers, die sich da nach einem kurzen Intro entfaltet. Die überschaubare (wie zugegeben etwas dröge) Ausgangssituation: Aliens führen Krieg in Erdnähe, zerstören diese beinahe, Menschen werdet evakuiert, Rettungsschiff stürzt über fremden Planeten ab, ihr mittendrin. Und „ihr“ ist hier durchaus wörtlich gemeint, denn im Gegensatz zum Vorgänger erstellt ihr euren Hauptcharakter in Xenoblade Chronicles X selbst. Nichts, das ich auf meiner Wunschliste hatte, zumal die selbst erstellten Anime-Kerls und -Mädels allesamt ein wenig hüftsteif und - viel schlimmer - ohne Gedächtnis aus ihrer Raumkapsel stapfen. Dann taucht plötzlich eine fremde Dame auf, nimmt euch unter ihre Fittiche und wie selbstverständlich kämpft ihr gemeinsam gegen die ersten Feinde. Ihr wisst schon, solches Zeug halt.

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Auch der Wii-Vorgänger war nicht gerade Shakespeare, hatte aber ein paar richtig interessante, schräge Ideen zu bieten, während X (zumindest zu Beginn) eher ein JRPG-Geselle der uninspirierteren Sorte ist. Wenn ich also nach dem ersten flüchtigen Blick überhaupt einen Grund zum Mäkeln habe, ist es dieser - und scheinbar bin ich damit nicht allein, wenn man japanischen Stimmen Glauben schenkt, bei denen das Rollenspiel bereits im April erschien. Selbst Director Tetsuya Takahashi hat zugegeben, sich in seinem nächsten Spiel wieder mehr auf die Geschichte konzentrieren zu wollen. Viel deutlicher kann man nicht werden, ohne den eigenen PR-Menschen auf die Füße zu treten.

Vielleicht ist das aber auch der Preis, den Monolith dafür bezahlt, ein offeneres Spiel mit relevanten Entscheidungsmöglichkeiten während der Handlung für die Leute am Controller zu entwickeln. Und halleluja, wenn Xenoblade Chronicles X irgendetwas ist, dann genau das: offen, riesengroß und wahnsinnig vielfältig in seinen Möglichkeiten. Im Kern steckt hier weiterhin der Vorgänger drin, nur an allen Ecken und Enden ausgefeilter, ausladender. Das taktische Echtzeitkampfsystem etwa bleibt erhalten; ihr tänzelt weiter um eure Gegner herum, während der Held automatisch auf selbigen einprügelt, könnt aber verschiedene Fähigkeiten aktivieren und müsst diese, mehr noch als auf der Wii, präzise aneinander hängen, quasi Ketten bilden, um größere Feinde von den Beinen zu holen.

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Das Kampfsystem wurde noch einmal in Nuancen verbessert. Viele weitere Sachen ebenfalls, hurra!
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Es sind also eher nuanciertere Veränderungen, die euch Ende des Jahres auf der Wii U erwarten und es hat ganz den Anschein, als hätte sich das Gros davon eher zum (noch) Besseren verändert (wenn man von der ganzen Amnesie-Kiste mal absieht), während die alten Qualitäten ausgebaut werden. Ganz vorn dabei: Flora und Fauna, überhaupt diese faszinierend eigenwillige Welt voller fremder Kreaturen. Eskapismus in Reinkultur, genau so, wie es bei einem Spiel wie diesem sein sollte.

Schon vor der gamescom gab es wenig Gründe, an Xenoblade Chronicles X zu zweifeln. Jetzt gibt es (fast) gar keine mehr.Ausblick lesen

Größte Abweichung vom Xenoblade-Konzept ist der „umfangreiche Online-Modus“, von dem auf der gamescom aber naturgemäß noch nichts zu sehen war, deshalb an dieser Stelle nur schnöde Fakten: Insgesamt vier Leute sollen gemeinsam durch die Gegend ziehen, Monster zur Strecke bringen und an diesen Erfahrungen wachsen. Vielversprechendes Zeug, gerade weil Monolith euch ohnehin permanent mehrere NPCs zur Seite stellt - warum diese nicht gleich von Freunden übernehmen lassen und das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden?