Zurück auf Anfang mit jedweder Erwartungshaltung, jetzt und sofort, zu eurem eigenen Besten. Egal, aus welcher Richtung ihr euch diesem Koloss nähert: Je näher ihr ihm kommt, desto weniger werdet ihr das vorfinden, was ihr nach dem Nur-so-halb-Vorgänger auf der Wii (oder der leidlich brauchbaren 3DS-Umsetzung) womöglich erwartet habt. Das hier ist kein traditionelles Japano-Rollenspiel, kein Auf-Nummer-sicher-Gehen und schon gar kein Xenoblade Chronicles 2. Zumindest diese Erwartungen wird X enttäuschen – alles weitere liegt allerdings bei euch.

Selbst Schuld, Nintendo. Was sollen wir auch erwarten von der Fortsetzung einer Reihe, die selbst laut Aussage der Entwickler bis auf das „Xeno“ im Titel nicht sonderlich viel mit seinen Vorgängern gemeinsam hat? Es ist zumindest unglücklich, ausgerechnet solch einem Spiel keine größere Werbekampagne zu spendieren, weil „Fans ohnehin wissen, dass es kommt“. Mag ja sein, nur was was kommt denn da konkret auf uns zu?

Xenoblade Chronicles X ziert sich selbst ein wenig vor der Antwort; niemand zieht euch eins mit der Brechstange über den Schädel, sobald ihr Nintendos HD-Kiste hochfahrt. Ganz gemächlich ziehen Monolith Soft den Vorhang für eine Vorstellung auf, die je nach eurem Engagement zwischen 30 und 300 Stunden dauern kann und anfangs noch wenig Gründe dafür liefert, warum denn nun eine X anstelle einer 2 im Titel steht. Das größte und erste Indiz dafür habt ihr allerdings permanent vor der Nase: Wo euch vor fünf Jahren noch Shulks burschikoses Lächeln vorgesetzt wurde, dreht und schiebt ihr nun selbst an einer Handvoll verschiedener Regler, bis ihr durch die leblosen Augen eures eigenen Avatars direkt an dessen hintere Schädeldecke schauen könnt.

Xenoblade Chronicles X - Mecha-Mekka?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 50/541/54
Die Welt von Xenoblade ist fantastisch, die Technik ebenfalls.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Ein leeres Gefäß, wortwörtlich, denn wenn ihr eines nicht von eurem Charakter erwarten solltet, ist es, nun, ein Charakter. Kein persönlicher Hintergrund, kein Ziele, nicht mal Stimmbänder oder ein Gedächtnis hat euer Kollege, der ganz so, wie es das Klischee-Handbuch für JRPGs vorschreibt, mit Amnesie ins Abenteuer startet. Inhaltlich werden da schon noch ein paar Schippen raufgelegt und trotzdem ist die Zerstörung der Erde und Flucht einer letzten Gruppe von Menschen auf den fremden Planeten Mira allenfalls nett bis zweckdienlich.

Es sind die ersten Steine in einem Mosaik, das sich im Laufe der kommenden Stunden immer mehr zu dem eines verkappten MMOs zusammensetzt und von dem ich bis heute nicht weiß, ob es mir gefällt. Keine Ahnung, wie es euch geht, aber bei mir schrillen bei Aussagen wie „[...] mitten in der Entwicklung haben wir uns dazu entschieden, Online-Funktionen einzubauen, weshalb wir massive Änderungen am Hauptcharakter und der Geschichte vornehmen mussten“ alle Alarmglocken.

Packshot zu Xenoblade Chronicles X Xenoblade Chronicles X Erschienen für Wii U kaufen: Jetzt kaufen:

Nicht alle davon sind unbedingt berechtigt und es wäre auch falsch, pauschal alles an den zwei Rollenspiel-Herzen in der Brust von Xenoblade Chronicles X zu verteufeln. Um jetzt mal Klartext zu reden: Ihr bekommt hier im weitesten Sinne ein Open-World-Rollenspiel, das keinen großen Hehl aus seinen „Mechanik > Immersion“-Prioritäten macht. Monolith Soft werfen euch auf einen riesigen Planeten, konkreter erst einmal in die Stadt New Los Angeles, die als weitestgehend einzige euer zentraler Hub und eure Anlaufstelle für so ziemlich alles, außerdem immer nur einen Klick entfernt ist. Rund 400 Quadratkilometer sind eben eine ordentliche Ansage, selbst im Jahr 2015, weshalb es über die gesamte Spielwelt verteilt dutzende Schnellreisepunkte und damit kaum einen Grund gibt, Mira mal wirklich zu erkunden.

Xenoblade Chronicles X - Mecha-Mekka?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
Bis auf zwei Ausnahmen bleiben alle Kampfgefährten nur blasse, charakterlose Abziehbilder. Lin nicht, sie hat das Monado aus dem Wii-Vorgänger als Haarspange und ist schon deshalb die coolste Socke auf Mira.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Es ist größte Stärke und ärgste Schwäche zugleich, dieser fantastische Schauplatz mit seiner fremdartigen Flora und Fauna und der fehlenden Notwendigkeit, sich näher mit dieser zu beschäftigen. Eure Motivation speist sich im Wesentlichen aus der Faszination für turmhohe Dinosaurierwesen und neonfarben schimmernde Wälder; Dinge, die ihr so garantiert noch nie gesehen habt, es so schnell wohl auch nicht mehr tun werdet. CDProjekt Red mag mit The Witcher 3 die glaubhaftere, organischer ineinander verwobene Welt geschaffen haben; kreativer als Monolith Soft war schon viel zu lange kein anderer Entwickler mehr.

Holt euch euren Mist doch selbst!

Es gibt viel zu entdecken, aber wenig zu tun. Ihr stopft euch die Taschen mit zufällig verstreuten Gegenständen voll und installiert regelmäßig Datensonden, womit ihr auch für eine halbe Ewigkeit beschäftigt seid. Und genau da liegt das Problem: Ihr werdet beschäftigt, nicht unterhalten, ihr arbeitet zumeist, statt zu entdecken. Bis zu einem gewissen Grad schätze ich diesen offenen Ansatz und die Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben. Mira richtet sich nicht nach euch, ist keine schlauchförmige Bühne für Monster, die fein säuberlich nach Schwierigkeitsgrad aufgereiht sind. Direkt neben einem Level-8-Moorhuhn kann schon mal ein achtgliedriges Vieh stehen, das eure Existenz mit einem Happs vom Angesicht dieser Welt tilgt und wie gesagt, das ist durchaus reizvoll, führt aber genauso schnell dazu, dass ihr oft nur noch auf der Flucht seid. In starken Momenten ist das spannend, in den meisten eher nervig.

Xenoblade Chronicles X bietet genauso viele Schwächen wie einzigartige Stärken und ist damit vielleicht nicht das beste, aber eines der interessantesten Spiele des Jahres.Fazit lesen

Das heißt nicht, dass ihr dabei keinen Spaß haben werdet; wer seine Motivation zuvorderst aus rein mechanischen Elementen zieht, dürfte hiermit gut beschäftigt sein. Alle anderen staunen sich derweil durch die verschiedenen Gebiete und verfluchen Monolith Soft insgeheim dafür, einen etwas stringenteren roten Faden auf dem MMO-Altar geopfert zu haben.

Xenoblade Chronicles X - Kampf-Video8 weitere Videos

Das macht, und dieser Punkt ist wichtig, längst kein schlechtes Spiel aus Xenoblade Chronicles X. Einen „Such dir dein eigenes Abenteuer“-Faible müsst ihr allerdings schon mitbringen, auch und gerade deshalb, weil diese Ausrichtung umso stärker in den Vordergrund rückt, je länger ihr spielt. Die mageren zwölf Hauptmissionen entsprechen noch am ehesten der üblichen JRPG-Formel, machen allerdings nur einen marginalen Bruchteil all dessen aus, was hier auf euch zukommt. Ihr schleppt durchweg einen Rucksack an 08/15-Quests mit euch herum, erfüllt die Hälfte davon im Vorbeigehen, weil „Besorge x mal Objekt Y“ bei mehr oder minder zufällig generierten Gegenständen nur schwerlich gezielt erledigt werden kann. Schon auf der Wii war das Questdesign nur spärlich ausgeprägt – im Nachfolger ist es quasi nicht mehr vorhanden.

Entscheidend ist auf'm Platz

Eine Spur zu bereitwillig ordnet XCX all diese Punkte seiner Vorstellung eines modernen japanischen Rollenspiels unter, das zwingend über Online-Funktionalität verfügen muss. Ich verstehe den Ansatz dahinter, nicht aber die Verhältnismäßigkeit: Damit wir gelegentlich mit Freunden losziehen können, basteln wir uns eine Marionette von einem Hauptcharakter, müssen mit Sammel- und „Töte x Gegner“-Quests vorlieb nehmen und werden mit einem Gerippe von einer Geschichte abgespeist? Kein guter Deal, wenn ihr mich fragt.

Hinter dieser wunderschönen, aber wenig tiefschürfenden Fassade werkelt in den Grundzügen noch dieselbe Maschine wie vor fünf Jahren auf der Wii, nur präziser, um einige Zahnräder ergänzt und erweitert. Ihr tänzelt noch genauso leichtfüßig um Gegner herum wie damals, wählt – einem MMO schon 2010 nicht unähnlich – aus einem selbst zusammengestellten Set verschiedene Spezialangriffe aus, während euer Alter Ego automatisch Angriffe herniederprasseln lässt. Position zum Gegner, Höhenunterschiede und andere äußere Faktoren spielen ebenfalls eine nicht ganz unwichtige Rolle.

Xenoblade Chronicles X - Mecha-Mekka?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 50/541/54
Ja, später gibt es Luftkämpfe zwischen mehreren Mechs und ja, das ist so cool, wie es klingt.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

XCX erweitert dieses Gerüst in jeder Hinsicht, erschlägt euch mit einer Vielzahl unterschiedlicher Ausrüstung, erhöht sogar die Anzahl der Statuswerte. Muss man schon mögen und ein wenig Sitzfleisch mitbringen, um hinter die komplexen Eigenheiten dieses etwas maulfaulen Spiels zu kommen, das euch lieber einfach machen lässt, als alle naslang ein neues Tutorialfenster aufploppen zu lassen. Selbst mit 15 Stunden auf der Uhr war ich mir noch nicht völlig sicher, ob ich gelernte Fähigkeiten beim jederzeit möglichen Klassenwechsel mitnehmen kann (teilweise, ja) oder wie ich gefallene Kameraden wiederbelebe. Ist erst mal nicht viel einzuwenden gegen diesen „Learning by doing“-Ansatz, ganz im Gegenteil. Wenn aber selbst grundlegende Fragen nach mehreren Spielstunden noch nicht eindeutig beantwortet werden können, liegt womöglich doch ein bisschen mehr im Argen.

Das macht die Mechaniken hierhinter natürlich keinen Deut schwächer; Monolith sind stolz auf ihr Kampfsystem und zeigen das auch (ein wenig zu) gern. Selbst an kleineren Mobs müsst ihr euch zum Teil ein, zwei Minuten abmühen, was bei der Gegnerdichte dieser Welt vielleicht etwas unglücklich ist, aber nichts an der Qualität der Kämpfe ändert. Es bleibt jederzeit bei einem Spagat zwischen automatisierten Angriffen mit Nah- und Fernwaffen sowie dem gezielten Einsetzen unterschiedlicher Fähigkeiten, bei denen es nun noch mehr als früher auf präzise Abstimmung mit den Teamkollegen ankommt. Niemand legt euch Steine in den Weg, wenn ihr einfach drauflosholzen wollt, dann solltet ihr allerdings auch ein wenig Zeit zum Grinden einplanen, um gegen größere Brocken einen Stich zu sehen – wird sonst schwierig, diese von den extraterrestrischen Beinen zu holen. Ihr solltet schon wissen, was eure Kameraden gerade tun und welche Fähigkeiten ihnen wann am meisten nützen; aufeinander abgestimmte Angriffe werden zudem mit verschiedenen Boni belohnt. Easy to learn, hard to master, ihr wisst schon.

Mein Schwert, meine Rüstung, mein Skell

Xenoblade Chronicles X ist seinen Mechaniken jederzeit treu verpflichtet, schleppt sie, wie bereits beschrieben, oft sogar als Fußfessel mit sich herum. Ungefähr um Stunde 30 herum lässt es euch allerdings endlich von der Leine, steckt euch in den ersten Mech und schaltet damit ungefähr zehn Gänge nach oben. Die Upgrades der Kiste fressen ein Loch in euer Portemonnaie, geben all der Beschäftigungstherapie in den Stunden zuvor aber endlich einen Sinn und euch völlig neue Möglichkeiten der Erkundung dieser Welt. Ihr müsst nicht mehr per pedes durch Mira stapfen, fahrt (und fliegt später) grenzenlos über diesen wundervollen Planeten, könnt alles erreichen, was sich Kilometerweit bis zum Horizont auftürmt. Es sind die stärksten Momente in einem sonst eher durchwachsenen Spiel: Augenblicke, die euren Entdeckerdrang kitzeln, euch pure Motivation und Abenteuerlust durch die Venen jagen und dabei all die Schwächen dieser Reise eine Zeitlang in den Hintergrund treten lassen.

Xenoblade Chronicles X - Mecha-Mekka?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
Eine einzigartige Welt, wie gesagt.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Diese bleiben nach wie vor bestehen, egal, ob ihr nun in eurem eigenen Roboter hockt oder nicht. Quests bleiben auch am Steuer der schweinecoolen Skells völlig belanglos, die Hintergründe all dessen auch weiterhin schwach. Wer allerdings einmal Blut geleckt, Gefallen an dieser Welt und den ehrgeizigen Zielen gefunden hat, die sie euch aufzwingt, wird hiervon so schnell nicht mehr loskommen.

Erwartet also kein an der Perlenkette aufgezogenes Abenteuer, eher eine offene Do-it-yourself-Welt mit wunderschöner Kulisse und mehr als genug Aufgaben, um euch bis weit ins nächste Jahr hinein beschäftigt zu halten. Nein, es ist nicht das Spiel geworden, das ich und vermutlich viele von euch erwartet haben. Nein, das muss nicht zwangsläufig etwas Schlechtes sein.

Ein abschließender Hinweis: Die grandiose Technik hinter Xenoblade Chronicles X hat ihren Preis: Aufgrund des überschaubaren Speicherplatzes der Wii-U-Discs benötigt die Discversion des Spiels optionale Datenpakete, die im eShop heruntergeladen werden können. Diese belegen insgesamt etwas weniger als elf Gigabyte – und sind damit zu groß, um auf den Standard-Modellen der Konsole überhaupt installiert werden zu können. Die Downloadversion des Spiels beinhaltet diese zusätzlichen Daten bereits.