Mit einem zugedrückten Auge und dem Blick fürs Wesentliche stehen da für gewöhnlich zwei Arten von Neuauflagen in den Videospielregalen. Auf der einen Seite haben wir die sorgfältig renovierten Klassiker: Liebhaberstücke, oft ihrer Zeit voraus, nicht unbedingt am Plus derselbigen und heute aufgrund verschiedenster Hürden kaum noch nachhol-, besser: erlebbar. Auf Disc gepresste zweite Chancen, für Entwickler und uns gleichermaßen. Auf der anderen Seite haben wir Xenoblade Chronicles 3D.

Ironie das Schicksals oder einfach nur schlechtes Timing, sucht euch was aus, aber eine unglückliche Nummer ist das hier in jedem Fall. Knapp zwei Monate und 200 Euro später soll der Erweis nun endlich erbracht sein. Die Legitimation für drei weitere Buchstaben, zwei neue Tasten und ein vages Plus an Pferdestärken unter der Haube, ohne die ihr euch diese Nummer gleich ganz an den Hut stecken könnt.

Sieben Wochen nach Erscheinen des New 3DS soll Xenoblade Chronicles 3D die Existenz eben jenes rechtfertigen, soll Nintendos hüftsteifes „Mehr Rechenleistung! Erhöhte Geschwindigkeit!“-Label greifbar machen und unter Beweis stellen, dass ein brandneuer Handheld annähernd so viel Leistung besitzt wie eine seit Jahren ausrangierte Konsole. Äh, Glückwunsch?

Xenoblade Chronicles 3D - Hoffentlich habt ihr eure Wii noch nicht bei eBay verkauft

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Die großen Themen von Xenoblade Chronicles 3D auf einem Bild: das mächtige Monado-Schwert und die dürftige Technik.
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Diese Portierung eines technisch herausragenden Wii-Spiels hat so seine Problemchen, sogar einige, wenn wir uns verkappte „Ihr müsst es ja nicht kaufen“-Diskussionen klemmen, die Fürsprecher von Neuauflagen gern mal halbgar in die Runde werfen. Wer erst einmal Klartext redet, kann das mobile Xenoblade fein säuberlich filetieren und ganz gut darlegen, was damit schiefläuft, doch im Grunde läuft all das Gezeter auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner hinaus: Die 3DS-Version ist dem knapp fünf Jahre alten Original technisch in jeder Hinsicht unterlegen – und als Neuauflage damit das Gegenteil von The Legend of Zelda: Majora's Mask 3D.

Liegen auch ein paar Jährchen und eine Konsolengeneration dazwischen, klar, andererseits: Welchen Sinn hat eine Portierung, wenn sie keinen Vorteil aus der Überarbeitung zieht und in ihrer ursprünglichen Form noch halbwegs spielbar ist? Nicht, dass Xenoblade Chronicles viele Änderungen notwendig gehabt hätte, aber wenn sich die für die Portierung verantwortlichen Entwickler von Monster Games in Absprache mit Nintendo schon gegen jedwede spielerische Anpassungen entschieden haben (und das haben sie, wenn wir die fadenscheinige amiibo-Implementierung mal außen vor lassen, mit der wir fortan wohl in beinahe jedem Big-N-Spiel malträtiert werden), sollten sie zumindest optisch eine Schippe drauflegen – oder das Niveau zumindest halten.

Kann man ihnen jetzt nicht so den Strick draus drehen, war eben nicht besser machbar auf einem System, das hierfür nie ausgelegt, letztlich von Anfang an ungeeignet war für ein Spiel, das sich nicht zuletzt über seine Größe, über das aufregende Kribbeln beim Erblicken riesiger Landschaften definiert.

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„Groß“ war überhaupt das Lieblingswort von Chef-Entwickler Tetsuya Takahashi, außerdem alle Entsprechungen davon. Ist auch schwer bis unmöglich, Xenoblade Chronicles ohne diese Begriffe zu beschreiben, seiner in alle Himmelsrichtungen hin überbordenden Welt gerecht zu werden, die auf zwei überdimensionalen, Titanenkörpern angesiedelt ist. Shadow of the Colossus? Ich bitte euch.

Bionis und Mechonis heißen die Kolosse, Heimat friedliebender Menschen und bösartiger Maschinenwesen, außerdem Schauplatz für Shulks Abenteuer: verwaister Held, verliert Freundin, sinnt auf Rache, zudem einzige Person, die übermächtiges Monado-Schwert führen kann, dem Schlüssel zur Rettung der Menschheit. Darf es vielleicht noch etwas Klischeesoße zum 08/15-Menü sein?

Warum denn keine HD-Neuauflage?

Auch das sonst blitzgescheite Xenoblade denkt eine Spur zu bereitwillig in bequemen Genre-Schubladen und setzt zu Beginn lieber auf gängige Stereotypen als ausschweifende Erklärungen, um sich selbst und euch einen zähen Einstieg zu ersparen. Alles nicht unbedingt fabelhaft, aber allemal zweckdienlich, außerdem eh vergeben und vergessen, sobald eure Truppe die ersten Levelaufstiege, ihr eine Handvoll Spielstunden eingetütet habt. Mindestens 40 weitere solltet ihr schon einplanen, gern auch das Doppelte, wenn ihr euch erst in dieser überschwänglichen Welt verliert.

Großartiges Rollenspiel, fragwürdige Neuauflage. Jeder sollte Xenoblade Chronicles gespielt haben – nur nicht unbedingt auf dem New Nintendo 3DS.Fazit lesen

Xenoblade Chronicles ist ein freizügiges, geradezu verschwenderisches Spiel: in seiner großzügig abgemessenen, organischen Welt, voller Geheimnisse und üppiger Vegetation, mit Abzweigungen und jeder Menge „Ah, cool, das gibt es auch?“-Momente. In seiner liebevoll erzählten, emotionalen Geschichte, die nach einem plumpen Beginn mehr als Mittel zum Zweck ist. In seinem komplexen Echtzeitkampfsystem, das mit seinem klugen Stellungsspiel gleichermaßen Taktik als auch Fingerspitzengefühl verlangt und damit das fordernste seiner Art ist.

Xenoblade Chronicles 3D - Hoffentlich habt ihr eure Wii noch nicht bei eBay verkauft

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So knackig wie auf diesem Bild der Wii-Version sieht Xenoblade auf dem 3DS leider nicht aus. Ein großartiges Spiel bleibt es natürlich trotzdem.
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All das ist heute noch genauso einzigartig wie damals auf der Wii und spielerisch quasi um keinen Deut gealtert, weshalb es mir jetzt genau genommen sogar noch einen etwas tieferen Knicks als vor ein paar Jahren abnötigt. Insofern ist Xenoblade ein tragisches Spiel: Monolith haben ein jahrelang stagnierendes Genre behutsam modernisiert und anderen Entwicklern eine „So können wir es alle besser machen“-Checkliste in die Hand gedrückt, nur um anschließend an der Seitenlinie beobachten zu müssen, wie das J-RPG langsam aus dem Windschatten der westlichen Rollenspiele verschwindet. Schon wieder.

Das durchwachsene „3D“-Anhängsel macht diese Leistung retrospektiv nicht weniger schätzenswert und ein tolles Spiel nicht per se schlechter, zumindest aber eine Spur trister, weniger brillant. Wortwörtlich, denn neben den schwächeren Texturen und der allgemein heruntergedampften Auflösung ist es vor allem die blassere Farbpalette, die den üppigen Landschaften von Xenoblade viel von ihrem Sabberfaktor nimmt. Egal ob auf dem kleineren oder dem XL-Modell des New 3DS, nirgendwo erreicht die Neuauflage die beeindruckende Qualität des Originals. Glaubt mir, ich habe beide Versionen direkt nebeneinander gehalten.

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Die Welt ist groß und die Spielzeit lang, also genau so, wie es sein sollte.
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Versteht das nicht falsch: Xenoblade Chronicles 3D ist ein hübsches Spiel (ein gutes sowieso, wisst ihr ja inzwischen), auch mit weniger Grasbüscheln am Wegesrand und leichtem Kantenflimmern, nur sind die Abstriche zu offensichtlich und die Einsparungen zu gravierend, um sie unter „Joa mei, Kollateralschäden halt, 'ne?“ verbuchen zu können. Ihr müsst auf die japanische Tonspur der Wii-Version verzichten, braucht eine größere als die standardmäßig mitgelieferte 4-GB-3DS-Speicherkarte, wenn ihr das Spiel aus dem eShop herunterladen wollt und starrt auf einen völlig lieblosen, kargen Touchscreen, der ohnehin überflüssig ist.

Oder ihr kramt die Wii aus dem Schrank und spielt Xenoblade so, wie es ursprünglich gedacht war.