Xbox One wäre unterm Strich keine üble Hardware, wenn ich mir sicher sein könnte, dass es tatsächlich um eine Spielkonsole geht. Mit der E3 vor Augen versuche ich mich in Geduld zu üben. Aber angesichts der Präsentation vom Dienstag komme ich vor lauter Sarkasmus nicht mehr aus dem Jubeln heraus. Bravo, Microsoft! Um einen Wolf im Schafspelz wie die Xbox One derart zielsicher an den Early-Adoptern vorbei zu manövrieren, braucht man Cojones. Oder Huevos, wie es hier in Europa heißt.

Ja, Europa. Dieser seltsame Kontinent, auf dem Menschen ulkigerweise auf so etwas Unwichtiges wie ihre Privatsphäre bestehen. Klingelt da nichts? Schaut doch mal auf das Konto. Wir sind jene Gruppe, die nach den USA am meiste Kohle reinbringt, euch aber einen feuchten Kehricht interessiert. Spätestens jetzt hat es geschnackelt.

Xbox One - Sarkasmus on! Online-Zwang, Account-Bindung und andere Aufreger

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Die heilige Dreifaltigkeit: Xbox One, Kinect 2 und neuer Controller.
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Noch immer nicht? Wie wäre es damit: Wir leben in sauteuren Wohnungen, die in euer Hoheit Augen unter dem Standard eines Tagelöhners liegen. Wer sein kleines Wohnzimmer nicht für ein wenig Kinect-Hampelei umräumen will, gehört zur niederen Klasse und verdient keine Rücksicht. Kann man auch im Sitzen benutzen, sagt ihr, um so tolle Dinge zu tun, wie Menüs umherzustrecken. Kinect ist ja sowieso viel schneller und genauer und darum MUSS es jetzt Spaß machen, auch wenn der Großteil aller bisherigen Kinect-Spiele aus unterirdisch vergurkten Eye-Toy-Konzepten bestand.

Diejenigen, die den nötigen Platz haben, leben überwiegend dort, wo keine oder nur schlechte Internetverbindungen verfügbar sind: auf dem Land. Steinzeitmenschen ohne intravenösen Netzzugang? Leute, die im Urlaub in Buxtehude auch mal ne Runde zocken wollen? Pah, was jucken die euch Redmonder Brainiacs.

Die neulich angekündigte Xbox One, die spricht doch für sich. Diese Superplattform, die als Zentrum des Wohnzimmers fungiert und sämtliche Entertainment-Inhalte auf EIN Gerät bringt. Verzeihung, auf zwei Geräte, denn Kinect muss man trotz seiner angewachsenen Maße zwangsweise irgendwo aufstellen.

Ups, es sind im Extremfall sogar drei, ich habe Telefone und Tablets über Smartglass vergessen, die bewiesenermaßen ungemein hohen praktischen Nutzen offenbaren, während man in der einen Hand den neuen Controller schaukelt und mit der anderen Motion-Tracking-Gesten vollführt. Schon ein gigantischer Fortschritt, eure dritte Spielkonsole „One“ in ihrer solitären Dreifaltigkeit. Inklusive dreier Betriebssysteme, weil ein ordentlich programmiertes nicht gereicht hätte.

Ich habe die Botschaft verstanden. Du sollst keine anderen Entertainment-Geräte neben mir haben. Sprich mit mir und ich gewähre dir Zugang zum Zerstreuungstempel. Mensch, das nimmt ja religiöse Züge an. Und weil ihr bei Microsoft so viel Zuversicht in das eigene Produkt habt, durften hauseigene Jünger auf der Präsentation um die Wette jubeln. An den Lippen der Moderatoren klebend empfingen sie jeden heiligen Furz mit frohlockendem Jauchzen. Fiel den meisten gar nicht auf, weil ist doch so typisch für die Presse.

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Letzten Dienstag stellte Microsoft die Xbox 3 aka Xbox One vor.
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Wie ihr richtig vermutet, finden wir Europäer es richtig gut, wenn Firmen auf dem Buckel anderer Geld verdienen. Oder liege ich falsch in der Annahme, dass ihr Fernsehanstalten und Kabelverteilern keinen roten Heller zukommen lasst, obwohl ihr das Konsumverhalten eurer Kunden nun besser analysieren und auswerten könnt als sie?

Dazu braucht es keine technischen Tricks. Erst wunderte ich mich, ob ihr womöglich eine Antennenbuchse samt CI+ -Schnittstelle eingeplant habt. Dann erinnerte mich ein Kollege daran, dass man Befehle zum Umschalten ähnlich wie bei Camcordern prima per HDMI an die Glotze leiten kann, wodurch ein Zugriff auf fremde Inhalte unnötig wird. Der User sagt doch brav an, auf welchen Kanal er schalten möchte.

Apropos unnötig: Wer braucht schon eine wortlos nutzbare Kontrolleinheit für den Fernseher? Bekanntermaßen gehören HDTV-Fernbedienungen seit 2005 zu einer psychologischen Versuchsreihe und verpassen dem Anwender bei Verwendung einen saftigen Stromschlag. Auf diese Weise konditioniert, sind uns atemberaubende Erfindungen wie ein digitaler TV-Guide, der heutzutage in jedem Unterklasse-Gerät zum Standard gehört, entgangen. Ich fühl mich erleuchtet wie Galileo Galilei anno 1613, als er entdeckte, dass sich die Welt um Microsoft dreht. Eilet, liebe Schreiber, holt Feder und Geschichtsbücher heran; dieser Moment sollte festgehalten werden.

Phil Harrison kennt sein Embargo nicht

Netzschalter sind sowieso total out. Das Gerät in Form eines Neunzigerjahre-Stereoanlagen-Bausteins wartet den lieben langen Tag darauf, dass ich „Xbox on“ sage, damit es endlich nicht mehr so tun muss, als sei es ausgeschaltet. Schade, dass eure neue 1080p-Kamera nicht rot leuchtet, denn dann wäre die Parallele zu HAL 9000 perfekt.

„Xbox off“
– „Das kannst du nicht tun, Dave“

So ganz ohne Strom wäre doch blöd, dann könnte die einzig wahre Unterhaltungsoffenbarung gar nicht mehr regelmäßig nach Hause telefonieren, um alle gesammelten Daten auf einen von 300.000 Servern zu schaufeln, die ihr selbstverständlich ausschließlich für harmlose Inhalte wie gespeicherte Achievement-Videos verwendet. Wie war das, ihr könnt jetzt angeblich auf mehr Userdaten als je zuvor zugreifen, um euer Angebot zu optimieren? Nee, ist klar...

Was ist eigentlich mit Phil Harrison? Das muss ja ein ganz schlimmer Finger sein, wenn er in Q&A-Sessions mir nichts dir nichts Embargos vergisst und eine obligatorische Online-Anmeldung im Turnus von 24 Stunden in den Raum wirft. Euren anschließenden Dementi zufolge war das nur eines von vielen möglichen Konzepten und tritt so nicht in Kraft. Aber was kann der unbedeutende Corporate Vice President Phil Harrison schon wissen. Der hat bestimmt nur das Memo nicht gelesen. Auch die Mail mit der Begründung, warum es diese zeitlich noch undefinierte, aber dennoch bestätigte Anmeldepflicht gibt und welchen Vorteil sie dem Nutzer bringt, muss im Feuer verloren gegangen sein. Dabei wäre das mal ne richtig wertvolle Information gewesen. Alles „Work in Progress“ sagt ihr. Mit anderen Worten: Ihr lotet noch die Schmerzgrenze aus.

Genug mit dem Sarkasmus. Ich habe grundsätzlich weder etwas gegen euch Redmonder, noch gegen eure Konsolen. Xbox 360 ist in der Current-Gen meine bevorzugte Plattform. Rund 100 Spiele, ein 450 Euro teures Forza-Lenkrad und gefühlte 1000 Arcade-Games versüßten mir die letzten Jahre. Ist es denn zu viel verlangt, wenn ich nach ein paar handfesten Gamer-Infos frage? Wieso gehöre ich als Core-Gamer jener Zielgruppe an, die mit dieser Präsentation am schlechtesten bedient wurde?

Etwa eine Stunde lang bekam ich eine angeblich bahnbrechende Neuheit nach der anderen den Hals hinunter geschoben. Fernsehen hier, Halo-TV-Serie da, und für die ganz doofen unter uns wurde der Schmus gleich zweimal hintereinander vorgeführt. Ich habe nichts gegen ein wenig „Star-Trek-Bequemlichkeit“ durch Sprachbefehle, obwohl ich mich frage, wie die Sache bei Heiserkeit aussieht. Oder nachts. Will ich mir wirklich angewöhnen, im Alltag mit einer leblosen Maschine zu sprechen? In rein pragmatischer Denkweise frage ich mich, wieso ich zum Umschalten meiner Kanäle ein weiteres Gerät betreiben soll, dass selbst im Standby weit mehr Strom frisst als eine handelsübliche Fernbedienung.

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Warum mich amerikanische Exklusivlizenzen mit ligaspezifischen Sportkanälen nicht die Bohne interessieren, dürfte auf der Hand liegen. Rechte für Bundesliga, Premiere League, Primera División und Champions League? Die sind euch wie üblich viel zu teuer, also geht eines der heiliggesprochenen Argumente für euer Third-Place-Zentralnervensystem Europäern am Allerwertesten vorbei. Mit dem Rentner-Programm der ZDF-Mediathek lockt ihr in Deutschland niemanden hinter dem Ofen hervor.

Grob zusammengefasst bedeutet das für mich, dass ich Xbox One gar nicht erst über HDMI mit meinem Televisor verbinden werde. Die Freiheit eines analogen, wenn auch etwas schlechteren Bildsignals sollte mir doch zustehen, oder? Das Ding bleibt eine Spielkonsole, Ende der Geschichte. Außerdem gehe ich davon aus, dass ihr nicht völlig verrückt seid und neben dem „Xbox On“-Kommando manuelle Startmethoden integriert. Das gilt insbesondere für die Auswahl des Nutzerkontos, denn in all den Jahren hat Kinect 1 es nicht ein einziges Mal geschafft, mich per Optik korrekt zuzuweisen.

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40 technische und Design-Änderungen soll der neue Controller aufweisen.
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Ehrlich gesagt ist es mir lieber, wenn mir das Anlegen eines biometrischen Profils samt Stimmenanalyse komplett erspart bleibt. Ich möchte auch in Zukunft an einem Feiertag in der Unterhose vor der Konsole lümmeln können, bitte danke. Euch gehen meine Körpermaße, mein Gewicht und meine persönlichen Interessen einen Scheißdreck an. Das musste einfach mal gesagt werden. Nach dem Spielen zieh ich den Netzstecker und leg ein Häkeldeckchen über die Kamera, sodass HAL One definitiv schlafen geht. Puh, was für ein Akt für so ein wenig Zocken.

Erleuchtung auf der E3?

Eins muss man euch lassen. Inhaltlich mag die Präsentation wenig hergegeben haben, aber als Teaser für die E3 war sie ein Meisterstück. Von den Spielen wurde gerademal so viel gezeigt, dass man von einer gewissen Steigerung ausgehen kann. Sieht besser aus als die aktuelle Generation, unbezweifelt. Wie viel besser ließ das Wenige an Grafik nicht erkennen. Selbst der extreme Zoom auf die schicken Texturen der Forza-Karren sagt nicht sehr viel aus. Leblose Objekte kann selbst mein Smartphone schön rendern.

Im Gegenteil. Allein Forzas Rolle als Starttitel wirft Unmengen an Fragen auf, die hoffentlich im Rahmen der E3 beantwortet werden. Insbesondere, was den neuen Controller angeht. Unglaubliche 40 bahnbrechende Verbesserungen beglücken uns mit der neuen Steuerungseinheit. Abgesehen vom integrierten Akkupack habt ihr keine einzige konkretisiert. Wie steht es um Details bezüglich fehlender Abwärtskompatibilität? Softwaremäßig geht da nichts wegen der Umstellung auf x86-Struktur. Aber wie steht es denn um die Joypads?

Sollten Xbox-360-Controller wirklich zum alten Eisen gehören, dann gilt das ebenfalls für die sündhaft teuren, offiziell lizenzierten Forza-4-Lenkräder, die gerade mal vor zwei Jahren auf den Markt kamen. Womit steuere ich als Hardore-Fan den neuen Ableger? Zurück zu den Analogsticks? Mit Armschmerzen am Kinect-Luftlenkrad? Nein, danke! Hallo, ich bin Early Adopter, kann mich jemand bei Microsoft hören? Die Verbindung muss abgebrochen sein.

Dass ihr lieber der Industrie entgegenkommt als der Kundschaft, liegt wohl oder übel in der Natur eines Big Business. Das kann trotzdem arg ins Auge gehen. Warum sollten Familien oder Jugendliche zur Xbox One greifen? In familiären Kreisen tauscht man gerne mal ein Spiel untereinander, allein, weil für belanglose Freizeitvernichter nicht immer genug Zaster in der Kasse verbleibt. Nach klassischer Geschäftsmentalität mag euch mit jedem Tausch ein Käufer durch die Lappen gehen. Ich empfand den bisher üblichen Online-Pass (siehe EA) als einigermaßen fairen Kompromiss.

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Kamen während der Präsentation zu kurz: die Spiele. (Im Bild: Call of Duty Ghosts)
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Mehr als 10 Euro zu verlangen, wäre jedoch eine Farce. Zu diesem Thema gibt es widersprüchliche Aussagen aus offiziellen Q&A-Sessions und nachfolgenden Dementi, daher warte ich lieber auf weitere Klärung im Rahmen der E3. Aber eines dürfte klar sein: Mit der Zwangsinstallation der Spiele habt ihr selbst das Problem des redundanten Datenträgers geschaffen und straft die Kundschaft dafür ab. Ihr mögt euch einbilden, eine private Verwendungslizenz sei nicht übertragbar, aber jeder Versuch, dies durch Stolperfallen im System zu erzwingen, wird nach hinten losgehen. Wenn ich ein Spiel nicht einmal im privaten Freundeskreis verleihen kann, hört der Spaß auf.

Konsolen waren mal so unkompliziert. Spiel rein, los ging es. Ohne Datenträger kein Spielvergnügen. So wie ich ein Buch nicht lesen und einen Blu-ray-Film nicht sehen kann, wenn ich den Datenträger an einen Kumpel verleihe. Wer das Produkt dauerhaft nutzen will, musste es kaufen. Krasses Gegenbeispiel wäre Musik, die seit Jahr und Tag mühelos kopiert und überall abgespielt werden kann.

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Kinnect: Fehlt nur der rote Punkt zum HAL 9000.
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Brecheisen-Accountbindung mit Onlinezwang wie bei der Xbox One spülen finanzschwache Kunden zu jeglicher Konkurrenz, die darauf verzichtet. Im Grunde macht sich das Gerät als Konsole selbst überflüssig, denn wer den Käse mitmacht, kann auch gleich zu Steam, Origin und Co. wechseln. Am PC muss man wenigstens nicht vor einer Kamera herumfuchteln.

Das Einzige, was auf der Pro-Seite übrig bleibt, sind fünfzehn exklusive Titel für das erste Jahr. Wenn davon nicht jedes einzelne aussieht wie der mit Sahne übergossene Heiland höchstpersönlich, wird es mit den Kaufargumenten verdammt eng. Zumindest in Europa.

Xbox One - Xbox One in Bildern: Konsole, Controller, Kinect-Sensor

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