Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, an dem Microsoft seine neue Konsole angekündigt hat. Es war der 21. Mai 2013 und ich saß in einem britischen Herrenhaus im Kreise von etwa 50 anderen Kollegen, um die Übertragung des Live-Streams aus den USA zu schauen. Und dann kam Don Mattrick auf die Bühne und stellte ... die Xbox One vor. Die Reaktionen reichten von Unglaube über Staunen bis Gelächter. Doch als Microsoft schließlich die ganzen Details auf den Tisch gelegt hatte, wurde es zunächst leise im Raum, bis hitzige Diskussionen losbrachen. Vor allem an der Internetpflicht, dem hohen Preis und Kinect 2.0 entzündeten sich die Gemüter. Das konnten die doch nicht wirklich ernst meinen, oder? Doch, todernst. Dachte ich jedenfalls.

Obwohl wir alle mit einer harschen Reaktion der Community gerechnet hatten, war das Ausmaß des Shitstorms wohl ohne Beispiel. Vor allem aber Microsoft war wohl komplett überrascht von Art und Umfang der negativen Rückmeldungen auf die Vorstellung der Xbox One und Kinect. Als Folge auf Tausende motzige Nachrichten und Bewertungen sperrte man sogar die Kommentarfunktion auf YouTube.

In Zeiten von Edward Snowden war die Bereitschaft, sich eine „ins Wohnzimmer guckende Kamera" neben das TV-Gerät zu stellen, wohl überschätzt worden. Von Tag eins an befand sich das Redmonder Unternehmen in einem Rückzugsgefecht, das bis zum 13. Mai 2014 anhielt. Nämlich dem Tag, an dem eine Xbox-One-Version ohne Kinect angekündigt wurde. Es war der schleichende Abgesang der Xbox-Kamera, den man damit offiziell besiegelte. Eine Zukunft als Gaming-Device hat das Ding wohl eher nicht. Doch wie kam es dazu?

„Meinen die das ernst?"

Begonnen hat wohl alles mit einer massiven Fehleinschätzung. Schon Kinect 1 hatte unter Gamern einen mehr als schlechten Ruf. Spiele, die es unterstützten, ließen sich an zwei Händen abzählen, spielerisch wurden die Titel nur belächelt, meist jedoch – die schlimmste Art der Kritik – ignoriert.

Xbox One - „Kinect ist integraler Bestandteil der Xbox One" – Wie Microsoft sich von Kinect verabschiedete

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Die Vorstellung der Konsole im Mai letzten Jahres. Was danach im Internet abging, hätte sich Microsoft wohl nie träumen lassen.
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Trotzdem setzte Microsoft auch bei der Xbox One dickschädelig auf eine mit dem System verbundene Kamera – auch wenn sich (zum Glück) eine zuvor spekulierte komplette Integrierung in die Konsole nicht bewahrheitete. In den Tagen nach der E3-Ankündigung gab es kaum einen Moment, in dem die sozialen Netzwerke und News vor neuen Nachrichten aus dem Hause Microsoft nicht zu Platzen drohten.

Eines der Probleme: Das Unternehmen sprach nicht mit einer Stimme; eine Strategie war kaum erkennbar. Experten führten das PR-Chaos unter anderem auf die zersplitterte Unternehmensstruktur zurück. Wenn es vor der Ankündigung der Xbox One einen Schlachtplan gegeben haben sollte – er war binnen weniger Tage nichts mehr wert. PR-Sprecher widersprachen sich gegenseitig; jeder schien nur noch seine eigene Haut retten zu wollen.

Während der Plan einer Pflichtanmeldung der Konsole alle 24 Stunden ans Internet und das „always on"-Feature innerhalb kürzester Zeit dem Protest der Gamer zum Opfer fielen und man auch bei den Restriktionen für Gebrauchtspiele schneller zurückruderte als Olympia-Athleten das vorwärts hinbekommen (19. Juni 2013), zeigte sich Microsoft beim Rückzugsgefecht bei der Kinect 2.0 hartnäckiger.

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Dafür gibt es einen Grund, denn für die Xbox-Hersteller ist – nein war – Kinect ein extrem wichtiger Punkt in der Strategie, die Xbox One als das zentrale Multimediagerät im Wohnzimmer zu etablieren. Doch zum einen war man dabei viel zu sehr auf den heimischen US-Markt fokussiert. Von den (selbst) bejubelten TV-Features haben Käufer in Europa bis heute herzlich wenig. Zum anderen wollen viele Gamer ihre Konsole schlicht gar nicht für den ganzen Multimediaschnickschnack wie Sprachsteuerung oder TV-Integration einsetzen. Sie wollen vor allem eins: zocken.

Manch einer sieht Kinect sogar als eine Art Trojanisches Pferd, das Spiele-Funktionalitäten unterstützt, aber in Wahrheit für ganz andere Dinge vorgesehen sei. Dass Kinect bis dato noch nicht mal in allen Start-Gebieten seine volle Sprach- und Funktionsvielfalt erhalten hat, spricht Bände. Drei der 13 Start-Länder vermissen etwa immer noch Sprachunterstützung für Kinect, und nur fünf der übrigen zehn Nationen erhielten laut Game Informer „Premium Natural Voice" – also eine ordentliche Lokalisierung.

Wie viele der 26 Länder, in denen die Xbox One im September auf den Markt kommt, überhaupt eine komplette Kinect-Funktionalität erhalten werden, ist bis heute nicht bekannt. Die Kinect-Niederlage war also schon von Beginn an vorprogrammiert und selbst verschuldet. Dass Sony auf der legendären E3-Pressekonferenz genüsslich zum Gegenschlag ausholte, gehört bereits zur Gaming-Geschichte.

„Kinect ist integraler Bestandteil der Xbox One"

Seit dem 21. Mai 2013 hat Microsoft zig Mal mantrahaft wiederholt, dass Kinect 2.0 nicht nur ein Peripheriegerät, sondern integraler und vitaler Teil des Systems sei (offizielle Xbox One FAQ, Mai 2013). So wichtig, dass er nun in einer Art von Selbstverstümmelung abgetrennt wurde, nachdem es in einem IGN-Interview vom Mai 2013 noch hieß, dass Kinect in allen Fällen mit der Xbox One verbunden sein müsse.

Die Entscheidung, Kinect von der Xbox One zu trennen, ist Microsoft sicherlich nicht leicht gefallen und aus der Not heraus geboren. Preislich hinkt die Xbox One mit Kinect 2.0 der PS4 um 100 Euro hinterher – jetzt hat man ohne die Kamera zumindest finanziell ein gleichwertiges Angebot entgegenzusetzen. Zudem wird behauptet, dass die Xbone bei Abschaltung der Kamera eine Leistungsreserve von zehn Prozent freisetzen könne. Ob das genutzt werde, hänge aber auch davon ab, ob Spiele-Entwickler das auch tatsächlich nutzten.

Der optionale Verzicht auf Kinect konnte im August 2013 noch nicht erahnt werden, damals erklärte Microsofts Phil Harrison gegenüber dem Magazin CVG, dass „Xbox One und Kinect eins sind". Eine Xbox One habe Chips, Speicher und Blu-ray und es hat Kinect. „Es sind alles Teile eines Ökosystems." Ein Ökosystem, von dem sich das Unternehmen widerwillig und letztlich überraschend verabschiedete, denn noch im Februar behauptete Microsoft-Marketing-Direktor Harvey Eagle in einem BBC-Interview, dass man „sich auf einen Lengstreckenlauf eingerichtet habe. Kinect ist ein absolut integraler Bestandteil der Xbox One."

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Allen Unkrenrufen zum Trotz: Die Xbox One verkauft sich zwar nicht so überragend wie Sonys PS4, aber immer noch sehr ordentlich.
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Die Abkehr von Kinect sendet aber vor allem ein Zeichen an all die Spiele-Macher dort draußen: Bisher konnten alle Entwickler davon ausgehen, dass jede Xbox One mit Kinect ausgeliefert wird. Doch damit ist es nun vorbei. Während eine Firma wie Harmonix mit ihren Dance-Central-Spielen nun ziemlich in die Röhre gucken dürfte, werden andere auf den Prüfstein stellen, ob sich der Aufwand überhaupt noch lohnt. Die meisten werden zum Schluss kommen, dass es nicht tragbar ist, eine Funktionalität zu unterstützen, die dermaßen unbeliebt ist und am Ende von einer verschwindend geringen Zahl von Spielern genutzt wird.

Reine Kinect-Spiele zu produzieren wäre dagegen wirtschaftlicher Selbstmord – sofern sie nicht von Microsoft finanziert werden, um die Plattform mit solchen Transfusionen halbwegs am Leben zu halten. Die sogenannte Installbase dürfte einfach zu klein sein und wird in Zukunft noch weiter sinken.

„Aus der Entwickler-Perspektive ist es eine Schande, denn es vernichtet praktisch die Chance, reine Kinect-Spiele zu produzieren, wenn es sich nicht um Fitness- oder Tanz-Lizenzspiele handelt", bestätigt Paul Mottram von Zoe Mode (Zumba Fitness) gegenüber Develop diese pessimistische Sicht. Er fühle Mitleid mit den Kollegen, die einen Kinect-Titel in der Entwicklung hätten, und denen der Teppich unter den Füßen weggezogen worden sei.

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Kinect-Spiele wie Kinect Sports Rivals werden wir in Zukunft wohl kaum noch zu sehen bekommen.
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Sie hätten nun kaum eine Chance, ihre Investitionen zurückzuerhalten. Wie ein Hohn muss diesen Studios Microsofts Erklärung in den Ohren klingeln: „Diese Entschluss bedeutet, dass wir Konsumern die Entscheidung geben", kommentierte Xbox-Chef Phil Spencer im Mai die offizielle Abkehr von Kinect. Gerade mal ein Jahr nach der Ankündigung der Xbox One hatte Microsoft die Kehrtwende vollzogen – und sich innerlich wohl von Kinect verabschiedet.

Und die nächste Baustelle ist schon in Sicht: Während Sony alle Free-To-Play-Spiele vor die Paywall von PSN stellt, müssen Xbox-One-Besitzer blechen, wenn sie die kostenlos-Spiele via Xbox Live zocken möchten. Mal sehen, wie lange die Redmonder diese Position halten können ...