Im Vorfeld der E3 wurde gemunkelt: Schafft es die Messe nicht, zu alter Qualität zurück zu finden, könnte es nach 14 Jahren die letzte Veranstaltung gewesen sein. Gleich zu Beginn wurde dieses Gespenst jedoch ausgetrieben. Die Organisatoren können sich bei Milo bedanken. Der kleine Junge war die zentrale Figur auf der Pressekonferenz von Microsoft, bei der eine neue Steuerung für die Xbox 360 präsentiert wurde.

Neue Steuerung? „Langweilig“, werden jetzt einige Veteranen abwinken, „wir haben schon alles durch“: die Stahlstange mit Plastikkugel an Spielautomaten, die Fimsch-Joysticks aus C64-Zeiten, den scheinbar unzerstörbaren und legendären Competition Pro, das Rennlenkrad samt Pedalen, die Ruder- und Schubsteuerung für Flugsimulatoren, die Sidewinder Gamepads und zuletzt die Wii-Controller. Kann da überhaupt noch etwas Neues kommen? Ja, es kann. Der virtuelle Junge mit Namen Milo verkörpert eine möglicherweise revolutionäre Entwicklung. Er erkennt Personen, ihre Bewegungen, sogar ihre Emotionen.

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Project Natal - Microsoft erfindet das Holodeck

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Eine kleine Kamera erkennt Umgebung und Bewegungen.
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Bereits ein paar Wochen vor der E3 waren erste Gerüchte aufgetaucht, eine „sensationelle Neuerung“ werde Anfang Juni vorgestellt. Microsoft-Chef Steve Ballmer gab sich bei Vorträgen verheißungsvoll: „Passt auf die Sachen auf, die wir nächsten Monat für die Xbox ankündigen“, warb er, das Wall Street Journal veröffentlichte Berichte über eine neuartige Bewegungssteuerung und eine Webseite präsentierte gar Vorabbilder der „Sensobar“.

Die Controller-Revolution

Auf der E3 ließ Microsoft nun nicht einen neuen Controller aus dem Sack, sondern verspricht Xbox-360-Spielern mit dem Project Natal, sie endgültig von der gewohnten Steuerung zu befreien. Auf der E3-Pressekonferenz am Montag wurde mit Ricochet eine Art futuristisches Pong präsentiert. Die spielende Dame hielt nichts in der Hand. Es sah aus, als würde sie unkontrollierte Aerobic-Übungen ausführen. Stattdessen schleuderte sie ihre Gliedmaßen durch die Gegend, um virtuelle Kugeln gegen die Wand zu treten und schmeißen. Seltsam auf den ersten Blick, aber das Wichtigste war: Es funktionierte.

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Der Körper wird also zur Steuerung, es muss keine Hardware mehr bedient werden. Eine RGB-Kamera sorgt dafür, dass die Bewegungen des gesamten Körpers ins Spielgeschehen übertragen werden. Der bisherige Vorteil von Nintendos Konsole Wii hatte eine Einschränkung: Dreh- und damit komplexe Bewegungen wurden von ihrem Controller nicht erkannt und waren dadurch auch nicht darstellbar. Der Konzern kündigte auf der E3 mit Wii Motion Plus Abhilfe an. Microsofts Project Natal kann mit Hilfe der Kamera und eines zusätzlichen Infrarot-Sensors genau erkennen, was genau vor der Konsole passiert, aber ohne ein Gerät in der Hand des Spielers.

Die Kombination der beiden Geräte sorgt für ein dreidimensionales Bild, in dem die Steuerung erkennen soll, wer sich wo im Raum befindet. Mit mehreren Mikrofonen kann die Konsole nicht nur gesprochene Kommandos ausführen, sie erkennt sogar, welche Person sich mit ihr verständigen will. In einem Video zeigte Microsoft unter anderen das neue Spiele-Project von Peter Molyneux (Dungeon Keeper, Black & White, Fable), dessen Entwicklungsstudio Lionhead für die E3 das „Milo & Kate“-Demo erstellte.

Milo: Video mit Tricks frisiert

Der kleine Junge Milo ist ein virtueller Charakter, der Körperbewegungen und Gesichtsausdrücke des Menschen vor der Kamera erkennt. Kate ist die menschliche Person vor der Konsole, sie interagiert mit Milo. Der erkennt Personen wieder, stellt sich anderen vor und führt Unterhaltungen. Sogar Emotionen des realen Gegenübers soll Milo aus dessen Stimme heraushören können.

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Bei der E3-Vorführung fragt Kate im Video den Jungen, ob er seine Schulaufgaben gemacht habe – er fühlt sich offenbar ertappt, geht ein paar Schritte zur Seite, senkt den Kopf und druckst herum. Etwas später malt Kate etwas auf einen Zettel und hält es in die Kamera. Milo greift aus dem Bild heraus – und holt sich das Stück Papier in seine virtuelle Welt. Die Überraschung ist perfekt, die Anwesenden begeistert.

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Milo und Kate: Meilenstein der Interaktivität.
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Doch funktioniert das wirklich – die Kamera scannt etwas und übertragt es in weniger als einer Sekunde ins Spiel? Nein, so ein Insider von Project Natal. Die Technik sei noch lange nicht marktreif und die Demo mit einer Reihe von Tricks aufgebohrt worden. Die Kamera könne in einer so kurzen Zeit das Objekt überhaupt nicht fokussieren, das Video sei eher ein „Zielpunkt“. Ein solcher Entwicklungsstand würde zu den eingeblendeten Hinweisen in den Videos passen, dass die gezeigten Spiele eine „Produktvision“ seien und die tatsächliche Funktionalität abweichen könne.

Bei einem Skateboard-Spiel etwa schleppt ein Junge sein Brett vor die Kamera, befielt „Scan!“ und steigt dann auf sein dupliziertes, virtuelles Sportgerät im Spiel. Microsoft ist bekannt für Videos, in der sie ihre Zukunftsvision präsentieren. Sie sehen immer fantastisch aus – zeigen aber fast nie, wie die Technik wirklich funktioniert, wenn sie letztendlich auf den Markt kommt. Trotz dieser Einschränkung sind die Demo-Videos auf den ersten Blick beeindruckend.

Boxenstopp vor der Couch

Da sitzt die Familie auf dem Sofa, und Papa wechselt die Reifen des Nachwuchs-Rennfahrers beim Boxenstopp. In einer anderen Szene wird ein Quiz gespielt – im Duell mit einem anderen Paar und Kind, die im eigenen Wohnzimmer sind. Die Xbox erkennt an der Stimme, wer welche Antwort gegeben hat. Da wird die Tochter des Hauses an ihren Proportionen erkannt und vom Avatar auf dem Bildschirm vorgeführt, wie sie in einem neuen Kleid aussehen könnte. Und der Sohn – der misst sich mit einem virtuellen Karate-Lehrer. Dieser weiß, dass er beim Kampf davor siegreich war und liefert sich zur Einleitung erstmal ein verbales Scharmützel mit seinem menschlichen Gegenpart.

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All das sind Beispiele, zu was Project Natal fähig, ja, für was es nützlich sein könnte. Auffällig ist die fröhliche Atmosphäre in den Videos, das familiäre Umfeld, in dem die Spiele und Anwendungen der Zukunft gezeigt werden. Ganz offensichtlich zielt Microsoft auf eine Zielgruppe, die bislang nur Nintendo mit ihrer Wii erfolgreich zum Kauf einer Konsole verleiten konnte. Auf der Pressekonferenz betrat auch Filmregisseur Steven Spielberg die Bühne und gab seine Einschätzung ab: „Es geht nicht darum, das Rad neu zu erfinden. Es gibt gar keins.“ Einig ist sich die Spielewelt darüber jedoch nicht.

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Project Natal wurde auf der E3-Pressekonferenz erstmals vorgestellt.
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Skateboarder Tony Hawk etwa, der auf der Messe das neue „Tony Hawk: Ride“ inklusive Skateboard-Controller vorstellt, berichtet von einer bewussten Entscheidung der Game Designer gegen eine allein auf Kameras basierenden Steuerung. Das Board sei einfach zu wichtig für eine realistische Erfahrung. Manche Befehle sind schlecht auf schlichte Körperbewegungen übertragbar.

Seit Jahren sind Spieler daran gewöhnt, ihre Kommandos mit Steuerkreuz, Analogstick und Knöpfen zu geben. PC-Zocker schätzen die Kombination Tastatur und Maus, besonders bei Ego-Shootern und anderen Genres, in denen Geschwindigkeit und Präzision und Vielseitigkeit über Sieg oder Niederlage entscheiden.

„Gamer wollen physische Kontrolle“

Auch Ubisoft-Chef Yves Guillemot glaubt nicht, dass Gamer ihren Controller komplett zur Seite legen werden. Nach seinen Angaben beschäftigt sich der Publisher bereits seit mehr als einem Jahr mit kameragestützter Steuerung und den Möglichkeiten, die sich für Spiele dadurch eröffnen. Ergebnis: Gamer wollen den Komfort der physischen Kontrolle, glaubt Guillemot. „Spieler haben kein Problem mit traditionellen Schnittstellen. Sie sind exzellent am Gamepad“, wird er auf wired.com zitiert. „Kameras könnten ihnen mehr Action ermöglichen, aber das Verhältnis sollte 20 Prozent Kamera, 80 Prozent Gamepad sein.“

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Gab die Marschrichtung vor: Nintendos Wii
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Spieler mögen dem zustimmen, doch das Geld – das zeigt Nintendos Marktführerschaft – liegt bei den Casual-Gamern. Die Spieleindustrie steht vor einer großen Herausforderung. Sie will – vielleicht muss sie es sogar – zwei Interessengruppen befriedigen: Auf der einen Seite der längjährige Spieler, der Spiele mit niedriger Komplexität als Zeitverschwendung abtut, der noch immer sämtliche Klassiker aufzählen kann und sich per Fachmagazin regelmäßig über Neuerscheinungen informiert.

Auf der anderen Seite steht der Nintendo-Normal-Gamer, der sich seine Wii für Gesellschaftsspiele, für das Gruppenerlebnis im Familienverbund oder mit dem Partner zugelegt hat. Ein Werbeslogan von Microsoft bringt auf den Punkt, was in wenigen Jahren gang und gäbe für die Bedienung von Spielkonsolen sein soll: „Die einzige nötige Erfahrung ist Lebenserfahrung“, heißt es im E3-Video.

Marktreife ist noch weit entfernt

Vorreiter dieser Entwicklung war Nintendo. Der japanische Konzern hat scheinbar die gesamte Spielebranche mit seiner Wii aus einer Innovationssackgasse geführt. Im Moment hecheln noch alle hinterher, doch das große Hauen und Stechen, das öffentliche Feilschen um die neue Generation der Spieler hat auf der diesjährigen E3 in Los Angeles begonnen. Neben Microsoft und Nintendo war Sony der dritte „Big Player“, der auf der Messe für seine Spieleplattform eine neue, bewegungssensitive Steuerung vorstellte - ein Griff, ähnlich eines Jedi-Lichtschwerts, mit Knöpfen ausgestattet.

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"Jump in" wird immer mehr zur Realität.
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Project Natal von Mircrosoft will aber auch Menschen in den potentiellen Käuferkreis holen, die momentan sogar schon bei Anblick eines Wii-Controllers resignieren. Auch Ubisoft-Chef Guillemot sieht in der Verbesserung der Spielsteuerung die Zukunft: „Jeder hat das Recht zu spielen. Schnittstellen zu verbessern, ist der Schlüssel zu mehr Spielern.“

Doch die Marktreife dürfte nach allgemeinen Schätzungen noch mindestens ein bis zwei Jahre entfernt sein. Grund ist, dass Microsoft erst jetzt die Technikinformationen zu Project Natal an die Entwickler verschickt. Und warum sollte der Konzern einen neuen Xbox-360-Controller auf den Markt bringen, wenn es noch keine Spieletitel gibt, um ihn populär zu machen? Wenn es 2010 oder 2011 dann soweit ist, dürfte einer mit Sicherheit populär werden: Molyneuxs' Milo, der kleine Junge, der seine Hausaufgaben nicht erledigt hat.