Ein erfahrenes Team, fast sieben Jahre Entwicklungszeit und eine Community, wie sie treuer kaum sein könnte - was sollte da beim Release von X Rebirth noch schiefgehen? Klar, ein paar Bugs würde das Spiel noch haben und hier und da eine Funktion, die nachgeliefert werden würde - mit alldem hatte man gerechnet. Doch es sollte viel schlimmer kommen.

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Ewige Wartezeiten, fehlerhafte Veröffentlichungen und eine generell miese Versorgung mit neuen Titeln – das alles ist man als Fan von Space-Simulationen schon gewohnt. Umso größer ist die Hoffnung, wenn dann doch mal ein neuer Titel angekündigt wird. Und wenn der dann noch von einem beliebten Publisher wie Egosoft stammt und auf der erfolgreichen X-Reihe aufbaut, dann wird natürlich vorbestellt und gleich eine Woche Urlaub eingereicht.

Urlaub verpatzt

Entsprechend frustriert ist man dann natürlich, wenn das heiß ersehnte Urlaubsvergnügen nicht einmal ansatzweise dem gerecht wird, was einem vom Veranstalter der virtuellen Reise versprochen wurde - ganz zu schweigen von den eigenen Erwartungen. Und auch wenn man irgendwie stets damit gerechnet hat, dass Egosoft mit X Rebirth die gleichen Nachwehen durchleben würde wie bei den Titeln davor, ist die Enttäuschung dennoch riesengroß, wenn der Spielfluss an allen Ecken und Enden zum Erliegen kommt.

Und dass das passiert, davon muss jeder Spieler, der sich in diesen Tagen an X Rebirth versucht, ausgehen. Das Spiel ist nicht nur Bug-verseucht, es ist schlichtweg unfertig, entspricht auch zwei Wochen nach Release noch einer Alpha-Version, in der man unsichtbaren Raumschiffen im All begegnet, Platzhalterbezeichnungen im Schiffscomputer und einer KI, die im wahrsten Sinne des Wortes ständig mit dem Kopf durch die Wand will und selten das tut, was man von ihr möchte.

Story mit unerwartetem Ende

Das alles wäre wahrscheinlich nicht mal so sehr aufgefallen, wenn Egosoft allein auf das freie Spiel in der Sandbox gesetzt und die Tutorial-Kampagne, die diesmal besonders üppig werden sollte, vorerst einfach weggelassen hätte. Doch wenn es schon eine solche Kampagne mit Story gibt, dann wird sie auch gespielt - zumindest bis zu dem Punkt, an dem gravierende Bugs das Weiterspielen unmöglich machen.

X Rebirth - Schwerste Nachwehen

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Wenn die eigene Rechner-Konfiguration denn mit dem Spiel kompatibel ist, sieht X Rebirth richtig gut aus - zumindest im All.
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Und so war es nur eine Frage von Stunden, bis die ersten Spieler bemerkten, dass mit der Wiedergeburt etwas nicht stimmt. Ein Sturm der Entrüstung war die Folge. Insbesondere in den Steam-Foren war und ist noch immer die Hölle los. Der Vorwurf, dass Egosoft und Deep Silver ein unfertiges Spiel bewusst ins Weihnachtsgeschäft gedrückt, veröffentlicht und die Kunden damit getäuscht haben, steht nicht ohne Grund im Raum.

Packshot zu X RebirthX RebirthErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Drakonische Abstrafung

Und doch ist der Ton diesmal weit aggressiver geworden. Zu aggressiv, wie ich finde. Viele Spieler stimmen schon in den Hater-Reigen ein, ohne überhaupt, das lässt sich auf Steam leicht nachvollziehen, einen intensiven Blick ins Spiel geworfen zu haben. Auch nutzt manch professioneller Rezensent die Gunst die Stunde, um sich mit einer besonders strengen Bewertung im 10-Prozent-Bereich ins Herz der aufgebrachten Kundschaft zu schreiben.

Doch ganz so einfach kann und möchte ich es mir nicht machen, denn geht man mal davon aus, dass Egosoft die Bugs den Griff bekommt, und das haben sie bislang noch immer geschafft, wird aus X Rebirth mit Sicherheit noch ein richtig gutes Spiel - zumindest für einen Teil der Community, denn eine Zielgruppe wird Egosoft diesmal abschreiben müssen: Raumpiloten, die nach actiongeladenen Dogfights suchen.

Vom Falken zum Stinktier

Das ist wohl auch einer der Hauptgründe für den Unmut - abseits der Bug- und Performance-Probleme. Durch den Hype um das Crowdfunding-Projekt Star Citizen und die Besinnung auf die alten Tage als Wing-Commander hat sich neben all jenen Spielern, die X als eine extrem tiefgreifende Weltraum-Sandbox schätzen, auch jene Riege zu den Käufern gesellt, die auf schnelle Cockpit-Action hofften.

Egosoft in der Bringschuld. Noch ist X Rebirth nicht mal ansatzweise das, was man den Fans versprochen hat.Fazit lesen

Davon allerdings versucht sich Egosoft beim Design von X Rebirth ganz offensichtlich zu distanzieren. Die neueste Inkarnation versetzt den Spieler nicht ins Cockpit eines schnittigen Raumjägers, sondern in einen schäbigen Pilotensessel auf der Brücke der augenscheinlich abgewrackten Albion Skunk, gegen die selbst Han Solos Millennium Falke noch einen Schönheitspreis gewinnen würde und die dank der nervigen Beifahrerin eher an eine Art Space-Truck erinnert.

Ich seh den Sternenhimmel!

Fans des gepflegten Weltraum-Schmuggeltums vermag der alte Kahn hingegen durchaus zu gefallen, immerhin lässt er sich wie gewohnt aufrüsten. Für einen Frachter jedoch besitzt er viel zu wenig Laderaum und wer Handel mit Containerware treiben möchte, wird nicht umhinkommen, sich einen Frachter zu kaufen, zu bauen oder zu kapern. Das neue Schiff muss dann nur noch mit einer eigenen Crew bestückt werden und sollte, wenn die KI mal mitspielt, brav hinter der Skunk herfliegen, um dort Fracht ein- und auszuladen, wo es der Spieler gerne möchte.

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Space-Trucker statt Kampfpilot - an Bord der Albion Skunk dominieren unpraktische Armaturen. Dank der ersten Mods lassen die sich jedoch schon optional ausblenden.
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Der Vorteil der relativ kleinen Albion Skunk: Man kann mit ihr auf Stationen und größeren Schiffen landen. Insbesondere Letzteres ist dann besonders imposant, wenn man die gelandete Skunk verlässt, während das Trägerschiff weiterhin durch den Weltraum gleitet. Der gleicht nicht länger dem mehr oder weniger bekannten luft- und inhaltsleeren Raum der letzten Teile – vielmehr hängen riesige Fabrikstädte im All, allesamt mit einer ganzen Reihe von Segmenten mit ganz unterschiedlichen Funktionen.

Die Spieler wollen Raumschiffe, keine Avatare

Umschwärmt werden die Städte von unzähligen Raumschiffen – von kleinen Personengleitern bis hin zu riesigen Transportern, die allesamt ihrer Arbeit nachzugehen scheinen und die kleinen Körnchen im großen Sandkasten umschichten, der nun in Cluster, Sektoren und Zonen eingeteilt wird, die größtenteils nicht mehr mit Sprungtoren verbunden sind, sondern bei denen so etwas wie Weltraum-Autobahnen die Reisezeiten verringern.

Diese Highways sind übrigens eines jener Elemente, mit denen eher konservativ eingestellte Space-Fans ihre Probleme haben, genau wie mit den innen wie außen belebten Weltraumstädten, die das Team von Egosoft mit guter Absicht und mit viel Liebe zum Detail entwickelt hat, die jedoch nicht viel mit der allgemeinen Vorstellung der Community vom schwerelosen Leerraum gemein hat.

Lebensfremde Lebensräume

Zumal das Leben im Inneren der Raumstationen derzeit nicht sonderlich authentisch wirkt. Die durchweg hässlichen NPCs stehen oder sitzen unbeweglich an bestimmten Stellen der Weltraum-Habitate, die im Aufbau ebenso generisch sind wie die Unterhaltungen, die sich abseits der Kampagne nur auf Handels-, Rekrutierungs- oder Tratschanfragen mit der Chance of Rabatt beschränken.

Die meisten Raumpiloten empfinden die Stationen und deren starre Bewohner als derart nervig, dass sich Egosoft im Nachhinein darüber ärgern dürfte, überhaupt ein Team damit betraut zu haben. Eine Lektion, die zuvor schon CCP lernen musste, als die Spieler des an sich beliebten EVE Online wegen der relativ unerwünschten und teuren Avatar-Mechaniken aufbegehrten.

Unausgereift, unspielbar – das kann unmöglich schon alles sein

Doch so unausgereift und unspielbar X Rebirth momentan mit all seinen nicht ausreichend geschliffenen Funktionen und den vielen Bugs auch wirkt - es ist noch nicht aller Tage Abend, obwohl Egosoft nicht offen zugibt, dass man die teilweise Unspielbarkeit in Kauf genommen hat, um möglichst schnell zu Geld zu kommen.

Immerhin räumt Egosoft-Chef Bernd Lehahn ein, dass man auf Hochtouren nicht nur an der Beseitigung der Bugs arbeitet, sondern auch daran, die mangelhaften Mechaniken durch funktionierende und weit ansprechendere zu ersetzen - darunter die auf Konsolen ausgerichtete Menüführung sowie die unglaublich unübersichtliche Karte.

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Reger Frachterverkehr zwischen den gewaltigen Stationen - sofern die KI nicht wieder mal versagt und die ganzen Pötte irgendwo im All in Reih und Glied abstellt.
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In den Händen der Modder

Und nicht nur bei Egosoft ist man in diesen Tagen fleißig. Auch die treue Modder-Community, die von Beginn an am X-Universum werkelt, hat längst die Arbeit aufgenommen. Ganz anders als die Fans, die Egosoft zum Teufel wünschen und ihr Geld zurückverlangen, scheint man in der Modder-Szene vom neuen X nicht einmal grundsätzlich abgeschreckt zu sein.

Im Gegenteil - bieten die vielen rudimentären Ansätze, das Kapern von Schiffen, die Ausbildung der Crews, der Aufbau von eigenen Weltraumstädten mit Innen- und Außenarchitektur, doch unzählige Möglichkeiten, den Traum von der perfekten Weltraum-Sandbox irgendwie doch noch wahr werden zu lassen. Gleichzeitig helfen die emsigen Modder Egosoft dabei, die Falltüren in den tiefgreifenden Mechaniken ausfindig zu machen.

Entsprechend plant Egosoft auch, die Mods mit Rebirth noch stärker als bisher ins Spiel zu integrieren, die hochwertigen als Erweiterungen zu empfehlen und den Spielern die Einbindung zu erleichtern. Eine Entschuldigung für das Release-Debakel ist das sicher nicht – ein Lichtblick am düsteren Horizont ist es für die Käufer von X Rebirth jedoch allemal.