Ich gestehe: Was Prügelspiele angeht, bin ich ein ziemlicher Noob. Zwar spiele ich auch hin und wieder eine Runde Street Fighter IV, Soul Calibur oder Tekken – aber nur, um schnell wieder festzustellen, dass ich außer planlosem Button-Mashing nicht viel Sinnvolles zustande bringe. Zu schnell, zu hektisch, zu unkontrolliert sind solche Spiele für mich. Vor komplexeren Spielen wie UFC Undisputed ziehe ich anerkennend den Hut ob ihrer taktischen Tiefe, doch persönlich sind sie mir zu kompliziert, um mich darauf einlassen zu wollen.

Auch die Wrestling-Begeisterung meiner Kollegen für schwitzende Muskelberge, die sich in gestellten Schaukämpfen die Klappstühle über den Schädel ziehen, kann ich nur bedingt teilen.

„Warum schreibst du Pfosten dann überhaupt einen Artikel über WWE All Stars?! Vergeude nicht meine Zeit!“, mag der geneigte Leser nun zu Recht denken. Nun, weil ich ohnehin in New York war, um mir die neuen Spiele von Publisher THQ anzuschauen: Homefront, Red Faction Armageddon, Stacking, uDraw… Und dabei von mir selbst ganz überrascht war, dass ich beim mehrstündigen Anspielen von WWE All Stars richtig, richtig Spaß hatte… Ganz ehrlich.

WWE All Stars - Fotos vom WWE-Event in New York

Klicken, um Bilderstrecke zu starten (29 Bilder)

WWE All Stars - Fotos vom WWE-Event in New York

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/30Bild 49/781/78
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
WWE All Stars - Launch-TrailerEin weiteres Video

Erlebnisbericht eines Noobs

13. Januar 2011, New York City. Der Winter in Berlin war schon schmerzhaft kalt, aber dieser beißende Wind, der durch die Häuserschluchten der Ostküsten-Metropole pfeift, scheint einem das Fleisch von den Knochen ziehen zu wollen. Gestern gab es eine Blizzard-Warnung, unser Flieger war glücklicherweise einer der letzten, der noch landen durfte. Zigaretten kosten hier unfassbare 14 Dollar, erzählt mir ein Kollege, aber seinem Schlottern nach zu urteilen wärmt das matte Glimmen offenbar auch nicht.

WWE All Stars - Guck mal, 'ne Arschbombe

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 72/781/78
Stars in der Manege: Sheamus, Big Show, Ricky "The Steamboat" Dragon, Kofi Kingston.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Schnell rein in den Club „Sir 37“, an dem uns der Bus abgeliefert hat und in dem THQ in den nächsten Tagen seine neuen Spiele für dieses Jahr zeigen wird. Auf Stacking freue ich mich, und auf das anschließende Treffen mit Tim Schafer, einem meiner persönlichen Helden. Auch auf Homefront bin ich gespannt. Selber habe ich es noch nicht gesehen, aber die Kollegen –Ned, Roland, Hauke – die es bereits erlebt haben, haben mir vor dem Abflug den Mund wässrig geredet. Mal sehen, ob ich ihre Begeisterung teile…

Doch zunächst steht WWE All Stars auf dem Plan. Eine große Marke, ein wichtiger Titel für THQ, zweifellos, aber für mich eher ein Spiel aus der Kategorie „Schau ich mir an, weil ich eh da bin, und bin ansonsten schwer beschäftigt damit, so zu tun, als ob es mich interessieren würde…“

WWE All Stars - Guck mal, 'ne Arschbombe

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 72/781/78
All Stars: Die Entwickler präsentieren ihr Spiel.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Also schnappe ich mir einen Kaffee, nehme Platz irgendwo zwischen den geschätzt 150 Journalisten aus aller Welt, die man zu diesem Anlass hat einfliegen lassen, zücke den Notizblock und harre der Dinge. Dass der Titel für THQ mehr als eine Randnotiz ist, merkt man sofort an dem Aufgebot, das sodann die Bühne betritt: Intercontinental Champion Kofi Kingston, Sheamus, Big Show, Ricky „The Dragon“ Steamboat – zwei aktuelle Wrestling-Champions und zwei „alte Herren“, Legenden des Rings.

So nämlich das Konzept hinter WWE All Stars: Während in den jährlich fortgesetzten Teilen der „Smackdown vs Raw“-Reihe stets die aktualisierte Riege momentan angesagter Showkämpfer gegeneinander antritt, ist All Stars die generationenübergreifende Klopperei gegenwärtiger Helden gegen die Legenden von früher. Wie würde sich ein heutiger Champion gegen Kultfiguren wie den Undertaker, „Machoman“ Randy Savage oder Bret „Hitman“ Hart schlagen? WWE All Stars möchte Fans die Möglichkeit bieten, das herauszufinden…

Kann das sein? Habe ich Spaß?

Sie alle zeigen sich fasziniert von diesem Ansatz, sprechen darüber, wie sich der Wrestling-Sport über die Jahre verändert hat, dass er schneller, versierter, technisch verfeinert, weniger Show geworden ist, sodass sich die interessante Frage, wie sich die Recken von einst gegen die von heute schlagen würden, fast schon von alleine stellt.

WWE All Stars - Guck mal, 'ne Arschbombe

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 72/781/78
Wie damals: Ricky "Steamboat" Dragon betritt den "Ring".
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Dabei bin ich am meisten überrascht darüber, dass sich hinter all den großen Tönen, dem aufgesetzten Posing und der Selbstdarstellung vier grundsympathische Persönlichkeiten verbergen, die nicht im Ansatz so tumb und eindimensional wirken, wie sie sich in der Öffentlichkeit geben (müssen?), stellenweise richtig kluge Dinge sagen und genau wissen, wovon sie reden – überraschenderweise auch zum Thema Videospiele.

WWE All Stars ist wie eine Wasserrutsche im Wohnzimmer – brauch’ ich persönlich nicht, kann aber trotzdem viel Spaß machen.Ausblick lesen

Keine auswendig gelernten PR-Phrasen, kein hohles Geblubber – selbstverständlich haben wir es nicht mit Gaming-Experten zu tun, aber diese Jungs haben das Spiel wirklich gespielt – mancher sogar freiwillig – und wissen etwas darüber zu berichten.

WWE All Stars - Guck mal, 'ne Arschbombe

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 72/781/78
Im Moment läuft's noch - gleich kriegt Matze auf die Fresse.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Dann dürfen wir selber spielen. Erwartungsgemäß kriege ich ordentlich die Fresse poliert – vor allem deswegen, weil mich zwischendrin plötzlich ein englisches Fernsehteam von der Seite anspricht, mir das Mikro unter die Nase hält und mich mit dem montierten Scheinwerfer blendet. Eben noch lag ich uneinholbar vorne, brauche nur noch zum Finisher ansetzen, da tönt es (auf Englisch natürlich): „Können wir dir nebenher ein paar Fragen stellen?“

„Muss das sein?“, antworte ich. „Ich muss mich konzentrieren.“ – „Wie findest du das Spiel?“ – „Habe ich nicht gesagt, ich muss mich konzentrieren?!“ Letzteren Satz habe ich nicht laut ausgesprochen, doch die nächsten zwei Minuten kann ich mich an nichts mehr erinnern, was mit dem Spiel zu tun hat. Als das Interview beendet ist und ich wieder bewusst das Geschehen auf dem Bildschirm wahrnehme, merke ich, dass das Match plötzlich ausgeglichen ist – und da setzt mein Gegner zum Finisher an… Mist, verloren!

Fünf bis sechs Kämpfe später bemerke ich, wie der verdutzte PR-Verteter von THQ neben mir steht und mich ungläubig anstarrt. „Das darf nicht wahr sein, oder?“, schüttelt er den Kopf. „DU hast tatsächlich Spaß mit dem Spiel?“ Ja, in dem Moment wird mir bewusst, dass die letzte Viertelstunde ein euphorisches Kreischen, Geifern, Gackern, Jauchzen vor unserer Konsole war, und dass ich, ja: ich, tatsächlich einen Heidenspaß mit einem Wrestling-Prügelspiel habe.

Auf’s Maul!

Das liegt zum einen daran, dass WWE All Stars das ideale Spiel für Gelegenheits-, nun, eher Seltenheits-Prügler wie mich ist. Nicht zu schnell, nicht zu komplex, sondern so, dass man auch mit ein wenig Button-Mashing schon etwas halbwegs Brauchbares zustande bringt. Getreu der Maxime „leicht zu lernen, schwer zu meistern“ tauche ich aber Minute um Minute tiefer in die Materie ein, lerne neue Moves, nutze irgendwann Kombos, entdecke immer wieder Neues.

WWE All Stars - Guck mal, 'ne Arschbombe

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 72/781/78
Jeder Wrestler hat völlig unterschiedliche Moves und Eigenschaften.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Zum anderen ist das Spiel eine kunterbuntes Experimentierlabor für Freunde unterschiedlicher Kampfstile und -taktiken: Jeder Kämpfer verfügt über einzigartige Eigenschaften, Griffe und Schlagkombinationen, die von der ersten Sekunde an ein stark unterschiedliches Gefühl für jeden Kämpfer vermitteln.

Wirbelwind Rey Misterio ist ein kleiner tasmanischer Teufel, der pfeilschnell durch den Ring huscht, aber nur bedingt kräftig zuhaut, auf Tricks und Kniffe statt auf rohe Gewalt setzt. Andre the Giant hingegen (der sich nach einer Weile als mein Liebling herauskristallisiert) ist ein träger Riese, der kaum vom Fleck kommt, dafür aber zuhaut, dass selbst Meister Proper die Ohren schlackern.

Daneben gibt es die üblichen Feinheiten, die ein Wrestlingspiel erst zu einem solchen machen: So lassen sich natürlich die Eckpfosten des Ringes besteigen und als Absprungbretter für fatale Angriffe nutzen, oder ihr lasst euch in die Seile fallen, um Schwung für einen heimtückischen Konter zu holen. Natürlich macht die Klopperei auch außerhalb des Rings nicht Schluss – und wie es sich gehört, lassen sich dort unverschämte Utensilien wie der berühmte Klappstuhl hervorzaubern.

WWE All Stars - Guck mal, 'ne Arschbombe

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 72/781/78
Die Special-Moves werden comichaft überzeichnet dargestellt.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Im Gegensatz zu den Quasi-Vorgängern der „Smackdown vs Raw“-Nachbarschaft versteht sich All Stars nicht als Simulation. Das Kampfgeschehen ist bisweilen fast schon ins Comichafte überzeichnet. Da kann es schon mal passieren, dass ein Kämpfer ein paar Meter in die Luft segelt. Passend dazu die einzigartigen Spezialangriffe, von denen jeder Kämpfer gleich mehrere beherrscht. Landet ihr besonders schmerzhafte Treffer oder nehmt euren Gegner erfolgreich in den Schwitzkasten, lädt sich eure Energie hierfür auf.

Danach geht’s richtig bunt zur Sache: Alles leuchtet, jede Bewegung zieht farbige Spuren hinter sich her – bis es knallt, aber richtig fett… Oder auch nicht: Denn im richtigen Sekundenbruchteil die Kontertaste gedrückt, kehrt sich der Spieß um und die Wucht des Stoßes trifft den Austeilenden.

Habe ich vorhin das lautstarke Geifern und Gackern erwähnt? Zum Großteil lag es genau daran: Denn wer auch nur einen Tick zu spät beim Quasi-Quicktime-Event versagt oder es zum falschen Zeitpunkt erwartet, wird schon mal zum emotionalen Tier – oder umgekehrt, wenn der Gegner bei erfolgreichem Konter sich bereits siegessicher am Drücker fühlte.