Autor: Jörg Pitschmann

»Wenn ich einmal reich wär...!« Wohl kaum ein anderes deutsches Liedgut beschreibt so treffend die Träume eines jeden Normalbürgers. An der Xbox 360 könnten solche Träume jetzt - zumindest virtuell - tatsächlich in Erfüllung gehen. Denn mit »World Series of Poker: Tournament of Champions« versuchen die Jungs von Activision, dem Glücksspiel auf dem heimischen Fernseher Tor und Tür zu öffnen.

Ob allerdings eine technisch hochgezüchtete Spielkonsole das richtige Medium ist, um neue Freunde für die beliebte US-amerikanische Freizeitbeschäftigung zu gewinnen, bleibt dabei die Frage. Da uns gamona-Schreiberlingen Zocken, Blöffen und Über-den-Tisch-Ziehen bestens im Zusammenhang mit dem Chefredakteur vertraut sind, haben wir uns als Quasi-Fachleute das Spiel näher angesehen.

Wer ein wenig in der Geschichte der Computerspiele blättert, wird wohl kaum auf echte Highlights im Bereich der Kartenspiel-Versoftungen treffen - und das nicht ohne Grund. Denn Kartenspiele haben, unabhängig davon, ob es sich um reine Glücksspiele oder etwa um Doppelkopf handelt, ihren ganz eigenen Reiz, der sich allein vor dem Monitor kaum nachvollziehen lässt.

World Series of Poker: Tournament of Champions - Arm aber sexy: Pokern auf der 360.

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Mach hin, all in, noch alles drin.
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Denn bei Kartenspielen findet normalerweise wenig Action statt (außer man prügelt sich, Anm. d. Chefredakteurs), so dass eine langfristig unterhaltsame Simulation am Computer schwierig umzusetzen ist. Von daher bieten digitale Kartenspiele eher Unterhaltung für vernachlässigte Randgruppen der Gesellschaft oder Menschen, die derlei Programme nutzen möchten, um das zugrunde liegende Spiel zu lernen.

Nicht viel anders verhält es sich im vorliegenden Fall. »World Series of Poker: Tournament of Champions« ist eine buchstabengetreue Umsetzung der beliebten Pokervariante Texas Hold'Em, angereichert mit umfassenden Tipps und einem kommentierten Tutorial. Wer sich als Neueinsteiger für die Welt des Blöffens und der coolen Fassade interessiert, der wird dem Programm zweifellos einigen Reiz abgewinnen können. Denn immerhin bietet das Spiel eine umfassende Einführung in das richtige Pokern - und das alles ganz risikofrei, denn echten Schotter kann man hier nicht verlieren. Profizocker werden dem digitalen Geblöffe allerdings vermutlich wenig abgewinnen können.

Packshot zu World Series of Poker: Tournament of ChampionsWorld Series of Poker: Tournament of ChampionsErschienen für PC, Xbox 360, PSP, PS2 und Wii kaufen: Jetzt kaufen:

Leg dir die Karten
Es ist nur routinierten Pokerfaces zu empfehlen, direkt und ohne Vorbereitung in das Spiel einzusteigen. Denn wer sich mit Texas Hold'Em nicht genau auskennt, wird ohne ein Studium der Spielanleitung sowie des Tutorials schnell am Ende seines virtuellen Vermögens angelangt sein. Die Grundregeln des Spiels sind dabei das kleinste Problem, denn die sind schnell erklärt. Viel wichtiger ist es, die Situation am Spieltisch richtig einzuschätzen und im richtigen Moment richtig zu handeln.

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Nur nicht in die Karten schauen lassen!
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Deshalb sei allen Interessierten ein intensiver Besuch des Tutorials empfohlen, in dem Profizocker Chris Ferguson aus dem reichhaltigen Schatz seiner Erfahrungen plaudert. Leider tut er das nur im breitesten amerikanischen Englisch, so dass neben viel Geduld auch ein gehöriges Maß an Kaugummienglisch vonnöten ist, um nicht entnervt die Flinte ins Korn zu werfen. Hier wäre es fraglos besser gewesen, wenn die Entwickler für die deutsche Version einen Sprecher engagiert hätten, der das Geschehen entsprechend launig kommentieren könnte. Dass so etwas funktioniert, zeigen die regelmäßigen Übertragungen von Pokerturnieren im Unterschichtenfernsehen. Insofern fühlen sich Pokerfans ohne die nötigen Englischkenntnisse hier allein gelassen.

Erfahrene Naturen gönnen sich entweder einen Quickie, bei dem man die Anzahl der Gegner, deren Können, Limits und auch die Spielvariante frei bestimmen kann, oder starten mit dem deutlich spannenderen Karrieremodus, um sich reich und sexy zu spielen. Die Bedienung über den Xbox-Controller ist denkbar einfach und gut gelöst, denn die jeweils zur Verfügung stehenden Aktionen werden unten rechts eingeblendet und einfach über den rechten Analogstick angewählt. A bestätigt die Auswahl, und mit B riskiert man in der Ego-Perspektive einen schnellen Blick in die eigenen Karten.

Als besonders reizvoll hat sich übrigens das Sammeln von Objekten und speziellen Chips im Spiel herausgestellt. Der Ansporn, bestimmte Gegenstände oder Wertmarken durch erfolgreich absolvierte Partien zu gewinnen, motiviert zum Weiterzocken, selbst dann, wenn man schon nahezu seine gesamte virtuelle Kohle verkloppt hat. Ein besonders lustiges Item ist der Wackelkopf mit dem Gesicht eines Gegners. Den erhält man, sobald man einen Superstar zweimal über den Tisch gezogen hat, und kann ihn dann während eines Matches vor sich aufbauen. Diese kleine Erniedrigung erweckt tiefe innere Befriedigung. Sehr schön.

Pokerface
Wer mag, kann neben der traditionellen Variante von Texas Hold'Em noch einige weitere Spielarten ausprobieren. Neben dem mit vier verdeckten Karten gezockten »Omaha« gehört hierzu besonders das leicht chaotische »Seven Card Stud«, einer heiteren Mischung, bei der alle Beteiligten je drei Karten bekommen, nachdem jeder einen Grundeinsatz ins Spiel gebracht hat. Die dritte Karte wird aufgedeckt verteilt, und der Spieler mit der niedrigsten Karte muss den Reizreigen eröffnen. Das bringt zwar einige Abwechslung in den trockenen Pokeralltag, macht aber auf Dauer auch nicht glücklich.

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Pokerface oder Meerschweinchen im Arsch?
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Wer mehr auf Gemeinschaft steht, der sucht sich über Xbox Live weltweit Mitspieler - sofern man denn digitales Pokern einer echten Partie mit Freunden (oder Feinden, je nachdem) vorzieht. Denn bei aller Liebe zur elektronischen Unterhaltung: Pokern ist nun einmal, wie jedes andere Kartenspiel, ein sehr analoges Vergnügen. Darüber kann auch ein an sich gut gemachtes Konsolenpokern nicht hinwegtäuschen.

Und genau da liegt auch der Hase im Pfeffer: Es mangelt einfach an Spielvergnügen. Zwar bietet der Karrieremodus genügend Anreize für ein längeres Zocken, doch reduziert sich der Spaß hierbei auf ein zunehmendes technisches Pokerverständnis. Das Gefühl, echten Gegnern gegenüberzusitzen und zu erahnen, welche Karten sie halten mögen, fehlt zwangsläufig vollkommen. Hinzu kommt, dass man seine Zockertätigkeit zwar im Laufe der Karriere an vielen unterschiedlichen Orten wahrnehmen kann, doch von den auf der Verpackung angekündigten Top-Locations sieht man leider nicht allzu viel. Zumindest jeder, der schon mal am Pokertisch im Caesar's Palace, Las Vegas, gesessen hat, wird die dort vorherrschende Atmosphäre hier schmerzlich vermissen.

Bringt mir Werkzeug!
Ein besonderes Augenmerk verdienen die Poker-Werkzeuge. Dabei handelt es sich nicht etwa um geladene Schießeisen oder Whiskeyflaschen, sondern um statistische Berechnungen, die im wahren Leben der gewiefte Pokerspieler selbst vornehmen muss. So rechnen einem etwa die »Hand Odds« aus, wie hoch die Chancen stehen, eine bestimmte Karte zu bekommen. Oder man lässt sich eine Kosten-Nutzen-Rechnung anzeigen, aus der ersichtlich wird, ob sich ein Weiterzocken lohnt oder man besser aussteigt.

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Die Rache der Sith: der Imperator am Poker-Tisch.
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Das funktioniert recht gut, bremst den Spielfluss aber ungemein, da man mehr Zeit damit verbringt, Statistikbildschirme zu studieren, als die Visagen der Gegner. Das mag für Anfänger zu Trainingszwecken löblich sein, fortgeschrittene Kartenzocker hingegen werden die Statistiken vermutlich vermeiden. Auch die integrierte Egoperspektive vermag nicht wirklich zu befriedigen. Lustiger wäre es sicherlich gewesen, den virtuellen Gegenspielern gut animierte Gesichtszüge zu verpassen, die man auf Knopfdruck intensiv studieren könnte.

Zwar gibt es auch hierzu eine Statistik, die über das bisherige Spielverhalten jedes einzelnen Gegners Aufschluss gibt, doch ersetzt das allemal keine Beobachtungsgabe. Denn wie so vieles im Leben funzt ein guter Bluff auch beim Pokern am besten, wenn man seine Gegner richtig einschätzen kann - da hilft nun einmal keine Statistik.

Auflösungserscheinungen
Und wenn wir schon beim Meckern sind, setzen wir gleich noch einen drauf. Denn offenbar haben sich die Entwickler bei der Grafik sehr auf HDTV-Bildschirme konzentriert. Auf herkömmlichen 100-Hertz-Glotzen jedenfalls ist die eingeblendete Schrift oft kaum lesbar. Das ist ärgerlich, denn es werden ständig viele wichtige Hinweise eingeblendet, die man tunlichst nicht ignorieren sollte.

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Poker on the Dancefloor - das nennen wir Saturday Night Fever.
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Hier wäre es mehr als löblich gewesen, auf die Bedürfnisse all jener armen Xbox-360-Besitzer einzugehen, die ihr mühsam erspartes Geld in den Besitz eben jener Konsole investiert haben, jedoch auf konventionellen Röhrenglotzen zocken. Doch leider ist in den Optionen eine Änderung der Bildschirmauflösung nicht vorgesehen. Dafür gibt's technisch einen Punktabzug in der B-Note.

Immerhin ist der Sound recht annehmbar. Musikalisch erwartet den ambitionierten Zocker ordentlicher Amirock, und die akustische Untermalung der einzelnen Partien mit Stimmgemurmel, Chipsgeklicke und gelegentlichen Zwischenrufen der Kombattanten ist gelungen.