Verliebt in Azeroth (Special)
von Jörg Pitschmann

"Rollenspieler meiden das Sonnenlicht und hocken den ganzen Tag vor dem PC." "Rollenspieler sind lebensfremde Nerds, die nicht mal selbsttätig ihre Schuhe zubinden können." "Rollenspieler sind kontaktscheu und haben noch nie eine Frau aus der Nähe gesehen."

"Rollenspieler haben keine Eier." Auf solche und ähnliche Aussagen trifft man immer wieder im Zusammenhang mit dem Massenphänomen »World of Warcraft«. Aber sind all die vielen hunderttausend begeisterten Online-Zocker wirklich realitätsfremde Individuen, für die es kein Leben außerhalb der Horde oder der Allianz gibt? Sicherlich nicht, denn es geht auch ganz anders.

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Daß sich in den unendlichen Weiten der virtuellen Welten Azeroths auch zwischenmenschlich eine Menge abspielt, davon können zumindest Judith und Marcus ein Lied singen. Und nicht nur das. Hier ist ihre Geschichte...

Verliebt in Azeroth

Alles begann eines verregneten Abends im Herbst 2005 in Berlin. Judith M. saß wie so oft einsam und verlassen vor ihrem PC. Die junge Frau hatte erst kurz zuvor ihr Abitur gemacht und sinnierte nun über den Sinn des Lebens, des Universums und allem. Und natürlich darüber, wie sie das nächste Teil ihrer epischen Rüstung in finsteren Instanzen erbeuten könnte. Denn in ihrem virtuellen Leben war Judith wie so oft in Azeroth unterwegs. Nur daß sie hier keine frischgebackene Abiturientin war, sondern eine untote Hexenmeisterin mit Ambitionen und seit kurzem Mitglied einer großen Gilde. Eigentlich war sie wieder einmal auf der Suche nach einer Gelegenheit, ihr Können im gemeinsamen Kampf unter Beweis zu stellen. Doch derzeit hatte sie andere Sorgen.

World of Warcraft - Verliebt in Azeroth: Es gibt ein Leben nach der Horde!

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Judith hatte nämlich einige Probleme mit ihrem Kater, und anstatt sich am virtuellen Wehklagen malträtierter Monster und Gegner zu erfreuen, hatte sie sich mit dem sehr realen Wehklagen ihres kleinen Hausgenossen zu beschäftigen.

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Auch in Essen regnete es an diesem Abend in Strömen. Feuerwehrmann Marcus V. hatte keinen Dienst und genoß seine Freizeit in vollen Zügen. Endlich mußte er keine Feuer löschen oder Rettungseinsätze fahren, sondern er konnte als untoter Magier wieder einmal seinen Kumpels aus der Gilde in virtuellen Nöten beistehen. Er war schon seit vielen Jahren ein leidenschaftlicher Zocker und spielte von jeher am liebsten mit anderen Menschen gemeinsam.

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Nur, daß dafür früher gegenseitige Besuche und heftiges Gedränge vor einer Konsole nötig waren. Doch das hatte sich grundlegend geändert, seitdem Onlinespiele immer mehr Verbreitung gefunden hatten. Marcus konnte jetzt zu jeder Zeit entspannt an seinem Rechner zocken und war doch nie allein. Deshalb teilte er genau wie Judith im fernen Berlin die Leidenschaft für die bunte Welt Azeroths. Hier konnte er seinen stressigen Berufsalltag vergessen und sich mit Gleichgesinnten treffen. Auch er wollte an diesem Abend - der übrigens sehr verregnet war, wie wir schon angemerkt haben - eigentlich nur epische Items in den zahlreichen Instanzen suchen.Doch erstens kommt es anders und zweitens, als man denkt. Seine Gilde hatte vor kurzem ein paar Neue aufgenommen, und er hatte sich mit einigen von ihnen für einen Besuch auf der Blackrockspitze verabredet, um ihre kämpferischen Fähigkeiten zu testen. Doch anstatt sich über eine mögliche Strategie für das beste Vorgehen auszutauschen, stand plötzlich eine ganz andere Frage im Mittelpunkt.

"Kennt sich hier jemand mit Katzen aus? Mein Kater hat sich gerade einen Zahn ausgeschlagen." Die Frage kam von einer Hexenmeisterin. Allgemeine Ratlosigkeit machte sich breit.

Marcus, seines Zeichens Mitbewohner von immerhin zwei munteren Stubentigern, wußte Rat. Doch seine Hoffnung, die Sache mit einer kurzen Antwort schnell zu bereinigen, schlug fehl. Anstatt sich dem Geschehen in Blackrock zu widmen, entwickelte sich nämlich eine muntere Diskussion über das tiefere Wesen der Katze im allgemeinen. Marcus seufzte.Das Thema Dungeon hatte sich für diesen Abend erledigt. Er spürte, wie seine Laune geradewegs Kurs auf den tiefsten Keller nahm. Und das alles wegen dieser neuen Hexenmeisterin. Wenn er gewußt hätte…

Klassenkeile
Einige Abende später. Judith, müde von den Mühen des Alltags, loggte sich erneut auf ihrem Server ein. Diesmal stand einem gemeinsamen Dungeonbesuch mit ihren neuen Freunden von der Gilde nichts im Wege. Auch Marcus hatte sich wieder eingefunden und freute sich auf die Gruppenaktion. Zunächst lief alles gut, und fast wären die Kombattanten am Ziel gewesen. Unglücklicherweise gab es da aber diese Hexenmeisterin aus Berlin, der zu allem Elend ein verhängnisvoller Fehler unterlief. Es kam, wie es kommen mußte. Nacheinander verloren die Gruppenmitglieder ihr virtuelles Leben, und statt am anderen Ende des Dungeons fand man sich gemeinschaftlich auf dem Friedhof wieder - eine Situation, für die man nur äußerst ungern selbst die Verantwortung trägt.

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Judith schämte sich. So etwas war ihr - natürlich - noch nie passiert, und sie spürte einen Hauch von Unmut bei den anderen Spielern. Ihr Chat explodierte fast. Nur einer blieb gelassen. Marcus hatte derartige Situationen schon häufiger erlebt und wußte nur zu gut, wie schnell ein Fehler passieren konnte, der sich fatal auf die gesamte Gruppe auswirkte.

Und so beruhigte er die Gemüter mit all der väterlichen Güte, zu der er fähig war. Judith dankte es ihm, und in den nächsten Tagen und Wochen kamen sich die beiden allmählich näher. Ihr reger Gedankenaustausch fand freilich nur online statt, denn noch wußte keiner von beiden mehr vom anderen als den Vornamen.

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Und während die anderen Gildenmitglieder sich immer und immer wieder an gemeinsame Abenteuer wagten, verbrachten Judith und Marcus ihre Zeit mit - Nichtstun. Sie trafen sich in der Hauptstadt der Horde, setzten sich zueinander und chatteten. Und manchmal gingen sie auch gemeinsam auf die Jagd, wobei sie feststellten, daß sie im Spielgeschehen sehr gut miteinander harmonierten.

Funkenschlag
Irgendwann passierte es dann: Das Geschehen um sie herum wurde immer unwichtiger. Der virtuelle Charakter des Spielpartners verlor an Bedeutung, dafür trat die reale Person immer stärker in den Vordergrund.

Für Judith war dies der Beginn einer echten Freundschaft. Auch Marcus interessierte sich immer mehr für die Berliner Hexenmeisterin. Gleichzeitig wurde der Wunsch, Judith nunmehr auch persönlich kennenzulernen, immer stärker. Denn bislang hatten sich die beiden Turteltäubchen immer noch nicht gesehen. Weihnachten, das Fest der Liebe, kam mit Riesenschritten. Judith, im Grunde ihres Herzens ein einsames Geschöpf, sehnte sich nach Liebe und Aufmerksamkeit. Und sie begann ernsthaft, den unbekannten Magier aus Azeroth zu vermissen und beschloß, ihm online einen virtuellen Schneehasen zu schenken. Marcus war gerührt. So etwas Nettes hatte er noch nie geschenkt bekommen. Er revanchierte sich bei ihr mit einem Rentier. Ungefähr zu dieser Zeit beschlossen die beiden, sich nun endlich auch im realen Leben kennenzulernen. Also tauschten sie Telefonnummern und Fotos aus. Und während die anderen Sylvester feierten, rief der Feuerwehrmann aus Essen die Studentin aus Berlin zum ersten Mal an…Besuchszeiten
Nach dem Gespräch war Marcus sofort Feuer und Flamme. Nicht nur, daß er mit der Figur der Hexenmeisterin eine ideale Spielpartnerin gefunden hatte, sondern auch die reale Judith verhexte ihn förmlich. Und ganz entgegen seiner sonstigen Gepflogenheiten tat er diesmal nichts, um das Feuer einzudämmen. Ganz im Gegenteil. Es hatte eher den Anschein, als ob sie seine Leidenschaft erwiderte. Eine Sache allerdings beunruhigte ihn zu diesem Zeitpunkt noch: wie würde sie reagieren, wenn er sie nach Essen einlud und ihr zum ersten Mal gegenüberstand? Ähnliche Gedanken spielten sich auch in Judiths Kopf ab. Der Feuerwehrmann war nicht nur ein idealer Gefährte in Azeroth, sondern schien auch in der Version »Echtzeitleben 2.0« ein toller Kerl zu sein. Zumindest hatte er eine sehr nette Stimme. Und er sah gut aus, wie sie fand. Aber wie würde es sein, wenn sie sich begegneten? Und so beschlossen die beiden, fürs Erste weiter zu telefonieren und sich SMS zu schicken.

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Doch der Wunsch, den anderen zu sehen, wurde immer größer, und so entschied sich Judith Anfang Februar, »ihren« Feuerwehrmann zu besuchen. Also wurden die schönsten Klamotten rausgesucht, das beste Parfüm ausgewählt und die Frisur auf Vordermann gebracht. Schließlich wollte sie ja einen guten Eindruck machen! Die Zugfahrt nach Essen schien kein Ende zu nehmen. Es war halt ein Unterschied, ob man sich in Undercity auf eine Fledermaus schwang und gemütlich in weit entfernte Gegenden reiste oder ob man sich im grauen Alltag des realen Lebens in ein vollbesetztes Abteil zwängen musste. Die Spannung stieg. Judiths Raucherhusten erreichte allmählich bedenkliche Ausmaße.

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Dann der große Moment - der Bahnhof Essen! Doch entgegen ihrer Erwartung stand niemand am Bahnsteig, der irgendwie nach Marcus aussah. Wo steckte der Kerl bloß? Während sie sich das noch fragte, entdeckte sie am Ausgang einen Mann in Schwarz.

Liebesreigen
Die Tage im Ruhrgebiet waren für Judith aufregend und schön. Denn immerhin lernte sie neben Marcus auch eine ganze Reihe weiterer Kämpfer für die Horde kennen. Da gab es zum Beispiel diesen zarten, untoten Hexenmeister, der im Spiel meist schüchtern und zurückhaltend wirkte, im wahren Leben jedoch von großer und kräftiger Statur war und die anderen stets mit lautstarken Witzen bei Laune hielt.

Oder die Priesterin, von der Judith bislang immer angenommen hatte, es handele sich auch im wirklichen Leben um eine Frau. Dafür hatte sie allerdings erheblich zuviel Gesichtsbehaarung, wie sich sehr schnell herausstellte.

Einzig zusammen zocken konnten die Verliebten nicht, denn Judith hatte ihren Computer nicht mitnehmen können. Daß dennoch zwischen ihnen keine Langeweile aufkam, sollte an dieser Stelle natürlich niemanden verwundern.

Auch daß sie ihre Gilde in dieser Zeit ein wenig vernachlässigten, schien unter den gegebenen Umständen mehr als verständlich. Der Abschied aus Essen einige Tage später fiel schwer. Der Feuerwehrmann und die Studentin kämpften mit den Tränen, als sie sich am Bahnhof verabschiedeten, denn sie mußten sich für vier Wochen trennen.

Doch dann würde Marcus einige Tage Urlaub haben. Und da Berlin bekanntermaßen immer eine Reise wert ist, freute sich Judith auf seinen Gegenbesuch.Es folgten lange Wochen, in denen sich ihre Mobilfunk-Netzbetreiber über einen sprunghaften Anstieg des SMS-Aufkommens freuen konnten. Und natürlich gab es ja noch Azeroth, wo sie sich regelmäßig trafen und gemeinsam auf die Jagd gingen - sofern die beiden vor lauter Chatten überhaupt dazu kamen. Der Tag des Gegenbesuchs rückte näher, und Judith wurde nervös. Wie würden ihre Freunde auf den »Neuen« reagieren? Und wie würde es Marcus, der die Hauptstadt bislang nur sehr flüchtig kannte, überhaupt hier gefallen? Doch ihre Sorgen waren unbegründet, denn Marcus fühlte sich schnell wohl in Berlin. Einige seiner Freunde hatten ihr freies Wochenende genutzt, ihn zu begleiten, und gemeinsam erkundete man nun das winterliche Berliner Leben - freilich mit Einschränkungen, denn das junge, glückliche Paar zog oft einsame Schäferstündchen den gemeinsamen Unternehmungen vor.

Beiden war zu diesem Zeitpunkt klar, daß es in ihrer Beziehung kein Zurück mehr gab. Judith liebte ihren Feuerwehrmann, und der war völlig vernarrt in seine Studentin.

Und alles hätte noch viel schöner sein können, wenn da nicht die große räumliche Entfernung zwischen ihnen gewesen wäre. Umso mehr genossen sie die gemeinsamen Stunden. Judith nutzte fortan jedes freie Wochenende, um nach Essen zu fahren. Und Marcus nahm sich so oft frei, wie der konnte. Natürlich gab es bei jedem Abschied Tränen, doch auch die Vorfreude auf das nächste gemeinsame Wochenende war immer sehr groß. Und das ist auch heute noch so.

Epilog
Mittlerweile hat sich das Herzklopfen bei den Begegnungen zwischen den beiden gelegt. Marcus und Judith sind ein festes Paar geworden und spielen immer noch »World of Warcraft«. Allerdings brauchen sie sich dort während gemeinsamer Abenteuer kaum noch miteinander abzusprechen.

Denn gegenseitiges Vertrauen und großes Einvernehmen ohne viele Worte herrschen auch in Azeroth, nicht nur in Berlin oder Essen. Sie überlegen derzeit, ob sie zusammenziehen.Judith plant, ihr Studium im Ruhrgebiet fortzusetzen, denn ein Ortswechsel wäre für sie einfacher zu organisieren als für Marcus. Ob dies klappt, steht noch nicht fest, denn dabei hat nicht nur die Liebe ein Wörtchen mitzureden, sondern auch die Immatrikulationsämter. Aber das ist den beiden egal. Denn für die kleinen und großen Probleme des Alltagslebens findet sich immer eine Lösung. Und wenn der Uni-Wechsel nicht in den nächsten Monaten klappt, wird es halt weiter Besuchszeiten in Essen oder Berlin geben. Beide haben sich mit der Situation arrangiert. Solange sie nur zusammensein können, wird sich ihre Welt weiterdrehen - im Leben wie in Azeroth.

Eine Liebe in Azeroth - Fragen an Judith und Marcus

Könnt Ihr kurz erzählen, wie Ihr Euch kennengelernt habt?

Judith: Ich hatte da dieses Katzenproblem. Während ich zockte, hat sich mein Kater einen Zahn

ausgeschlagen, und ich wußte nicht, was ich tun sollte, um ihn zu beruhigen.Also habe ich online um Rat gefragt. Marcus hat mir geholfen.

Marcus: Wir waren in derselben Gilde, und der erste Chat lief ganz öffentlich über den Gildenchannel. Das war ganz ohne jeden Hintergedanken.

Was war anders am jeweils anderen?

Judith: Bei vielen Zockern drehen sich die Unterhaltungen in »World of Warcraft« um die zu lösenden Aufgaben oder wer gerade mit was handelt. Da ist es nicht die Regel, wenn Spieler auch mal ein paar persönliche Worte miteinander wechseln, sofern sie sich nicht schon länger kennen.

Nicht so bei Marcus. Ich hatte das Gefühl, daß er mir immer zugehört hat, auch wenn es mal ein wenig persönlicher wurde. Außerdem hat er mir immer geholfen und war sofort zur Stelle, wenn ich ihn brauchte.Marcus: Nun ja, ich muß zugeben, daß ich mir zunächst gar nichts Besonderes dabei gedacht habe, als der Kontakt zu Judith begann. Bevor man nicht gemeinsam ein paar Aufgaben gelöst und öfter miteinander gechattet hat, sind alle Spieler gleich, denn es sind es nur Figuren auf dem Monitor. Judith war mir allerdings gleich sympathisch, was nicht selbstverständlich ist. Online ist es wie im echten Leben - den einen mag man auf Anhieb, den anderen nicht. Fairerweise muß ich allerdings zugeben, daß man auch oft eines besseren belehrt wird, wenn man einen Menschen näher kennen lernt. Das war bei Judith aber gar nicht notwendig.

Was habt Ihr gedacht, als Ihr Euch zum ersten Mal auf Bildern gesehen habt?

Judith: Naja, ich weiß nicht genau, was ich erwartet hatte. Sicherlich keinen Brad Pitt (lacht). Aber entgegen meiner Erwartung war ich sehr von ihm angetan und fand ihn interessant und sympathisch. Er hatte auf dem Bild ein süßes Lächeln, und

ich war neugierig auf das Original.

Marcus: Ich war überrascht, weil sie so hübsch ist. Ich hatte nicht damit gerechnet, daß es möglich ist, beim Zocken hübsche Mädchen kennen zu lernen. Sowas kennt man eigentlich nur aus diesen unerträglichen Soap-Serien im Fernsehen…

Wie war es, als Ihr zum ersten Mal die Stimme des anderen gehört habt?

Judith: Ich fand, daß er eine total sympathische Stimme hatte. Das hat mir sofort gefallen.

Marcus: Sie hat eine sehr angenehme Stimme. Das war mir schon bei unserem ersten Gespräch aufgefallen, auch wenn es ein sehr kurzes war.

Wie war Eure erste Begegnung?

Judith: Ich habe mich am Bahnhof versteckt, als ich ihn aus der Ferne sah (lacht). Er sah einfach zum Fürchten aus. Dieser Eindruck hat sich aber sehr schnell verflüchtigt.Marcus: Ich war besorgt, daß sie gleich wieder in den Zug steigen könnte. Die ersten Stunden waren auch relativ verkrampft - wie es halt so ist, wenn man jemanden zum ersten Mal sieht. Danach wurde es aber immer lockerer.

Hat sich Eure Sichtweise auf das Spiel durch die Beziehung geändert?

Judith: Ich habe schon vor meiner Beziehung mit Marcus die Erfahrung gemacht, daß es in der virtuellen Welt von Azeroth zwar eine Menge Leute gibt, mit denen man sehr gut klar kommt. Zwar drehen sich Gespräche, wie gesagt, meist um das Spiel, aber ich habe auch Leute getroffen, mit denen ich über andere Dinge chatten konnte. Insofern hat sich meine Sichtweise nicht grundlegend geändert.

Das weit verbreitete Vorurteil, man treffe in virtuellen Welten nur sozial Gestörte und Pfosten, konnte ich schon vorher nicht teilen, auch wenn einem natürlich immer mal wieder Spinner und Idioten über den Weg laufen.

Marcus: Meine Sichtweise hat sich auch nicht geändert. Ich hätte zwar vorher nicht geglaubt, über ein Computerspiel meine Freundin kennenzulernen, aber daß man online interessante Leute treffen kann, davon war ich schon zuvor überzeugt.

Glaubt Ihr, daß Begegnungen wie Eure die große Ausnahme in virtuellen Welten sind? '

Judith: Ich denke schon, daß es eher selten ist. Ich habe zwar schon öfter erlebt, daß sich zwischen Zockern, die sich online kennengelernt haben, gute und intensive Freundschaften entwickelt haben. Daß aber Partnerschaften daraus wurden, ist sicherlich eher die Ausnahme - was fraglos auch daran liegen dürfte, daß der Großteil der »World-of-Warcraft«-Spieler männlich und mehrheitlich heterosexuell ist.

Marcus: Begegnungen, aus denen eine Partnerschaft wird, sind sicher selten. Aber ich weiß, daß es Zocker gibt, die eine ganze Zeit gemeinsam spielen und dann feststellen, daß sie in derselben Gegend wohnen.Logisch, daß man sich dann auch mal trifft - mit welchen Konsequenzen auch immer. Das ist so ähnlich wie die Sache mit dem Film zum Buch. Beim Lesen einer Geschichte entwickelt man seine eigenen Bilder und Vorstellungen von den Personen der Handlung. Sieht man diese dann im Film, bricht oft die ganze Phantasiewelt zusammen…

Judith: …Das konnte uns aber nicht passieren, denn wir hatten ja schon vor unserer ersten Begegnung Fotos ausgetauscht…

Marcus: …Genau. Wir wußten also, was uns erwartet. Da jedoch die meisten Zocker männlich sind, dürfte sich die Erwartungshaltung in Bezug auf mögliche Partnerschaften in Grenzen halten. Gute Freundschaften entstehen allerdings häufiger.

Glaubt Ihr, daß es viele Paare gibt, die gemeinsam zocken?

Judith:
Um ehrlich zu sein, habe ich immer gehofft, daß es nicht so ist. Aber ich habe im Spiel sogar ganze Familien getroffen.

Sowas finde ich schon fast erschreckend. Ich habe beispielsweise einen Jungen kennengelernt, der mir erzählte, daß er zusammen mit seinen Eltern zockt. Da ist nach meiner Meinung die Gefahr einer gemeinsamen Abhängigkeit sehr groß.

Marcus: Auch ich weiß von Paaren, die gemeinsam »World of Warcraft« spielen. Ich habe dabei zwei Kategorien kennengelernt. Die einen, die sich wohl nicht mehr viel zu sagen haben und bei denen das Zocken mehr oder weniger die letzte Gemeinsamkeit ist und die anderen, die einfach Spaß dabei haben, ihr Hobby gemeinsam auszuleben.

Meint Ihr, daß viele Leute nur deshalb online zocken, weil sie hoffen, auf diese Weise einen Partner zu finden?

Judith: Eher nicht. Ich glaube, daß die meisten Spieler tatsächlich deshalb zocken, weil sie von der Parallelwelt fasziniert sind und dort jemanden verkörpern können, der sie im realen Leben nicht sind.Marcus: Es ist sehr schwer, die Person hinter der Spielfigur überhaupt näher kennen zu lernen, denn meistens ist man ja mit irgendwelchen Aufgaben beschäftigt. Und normalerweise bittet man seine Mitspieler nicht um Fotos. Ich glaube, für das Kennenlernen von möglichen Partnern sind Flirt-Lines und Singlebörsen weitaus besser geeignet.

Andererseits glaube ich aber auch, daß der eine oder andere einen Lieblingsmitspieler in seiner Gilde hat, dem er bereitwilliger helfen wird als anderen. Das hat aber in aller Regel nichts mit der Suche nach einem Partner oder einer Partnerin zu tun.