Unvorhergesehene Überraschungen? Gab's zuletzt nicht so wahnsinnig viele zwischen Gameplay-Trailer #21 und Tiefen-Vorschau mit „Exklusiv“-Interview. Insofern war Wolfenstein: The New Order vor ziemlich genau einem Jahr nicht nur auf mechanischer und narrativer Ebene ein unerwartet positives „WTF, wie hätte man damit rechnen können!?“ Blöd, dass der Erweiterung The Old Blood dieses Überraschungsmoment zwangsläufig abgeht. Unglücklich, dass ihr nicht nur das fehlt.

Nun kann man Entwicklern und Publishern kaum vorwerfen, mit den Vorzügen ihres neuesten Babys hausieren zu gehen, sich möglichst früh mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen das chronische Überangebot der Konkurrenz abzuheben. Lässt sich nur wenig sagen gegen ein bisschen Marktschreierei hier und dort; Werbung gehört zur Videospielbranche wie auch zu jeder anderen, die ihre Produkte an den Mann bringen will.

Wolfenstein: The Old Blood - "Es regnet Arschlöcher!"

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Spielzeitmäßig ist zwischen fünf und zehn Stunden alles drin, je nachdem, auf welchem Schwierigkeitsgrad ihr die Sache angeht.
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Gut möglich, dass wir – Spieler und Presse – uns auch an die eigene Nase fassen, unser Konsumverhalten stärker hinterfragen sollten. Fakt ist aber auch: Es läuft etwas gehörig schief, wenn die Ankündigung eines Teasers eines Ankündigungs-Trailers seit Jahren zum guten Ton gehört, von vielen unter uns sogar gefeiert wird (eigene Nase und so).

In Schweden übte man sich eher in der typisch skandinavischen Zurückhaltung: einer Einstellung, die sonst nur milde belächelt wird. Kein „Hey, hey, guckt uns an, hier sind wir!“, dafür gezielte Marketing-Spitzen und überhaupt viel „weniger ist mehr“. Obwohl Wolfenstein: The New Order für Entwickler Machine Games und Publisher Bethesda eine Riesennummer war, gibt es auf gamona beispielsweise nur sechs Trailer (zum Vergleich: bei Watch Dogs sind es 29), auch Anspielmöglichkeiten waren kaum vorhanden. Das fertige Spiel sollte für sich sprechen – und tat es dann auch.

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Mehr Zombies, weniger Seele

Und plötzlich war es da. Mit derselben Besonnenheit angekündigt und wenig im Anschluss folgender Brechstangenüberzeugungsarbeit haben Machine Games die ohne Hauptspiel lauffähige Erweiterung ins Pre-Sommerloch geworfen und damit auf eine Weise dort weitergemacht, wo sie aufgehört haben – und dann wieder nicht.

Genau genommen setzt Wolfenstein: The Old Blood geschichtlich vor dem Hauptspiel an, erzählt dabei zwar keine Alibi-Geschichte, weiß aus der interessanten „Was ist vorher passiert“-Prämisse aber auch kein großes Kapital zu schlagen. Die Handlung ist da, weil es eben eine braucht und New Order inhaltlich, vorsichtig ausgedrückt, wenig Luft für eine Fortsetzung ließ. Uhren zurückgedreht, zweieinhalb kleine Anspielungen auf spätere Ereignisse eingebaut – fertig ist Blazkowicz' neuer alter Einsatz.

Alles kein schlechtes Zeug, nur eine Spur zu antriebslos, gelegentlich sogar hart an der Grenze zur Selbstgefälligkeit und ohne jene kruden Gestalten, die mir den Shooter neben „Saugeile Action“ überhaupt erst ins Gedächtnis gebrannt haben. Ziemlich sicher wird sich in einem Jahr kaum mehr jemand an diese Erweiterung erinnern, weder im Guten noch im Schlechten, weil es an Herausragendem fehlt, erzählerisch wie spielerisch.

Wolfenstein: The Old Blood - Der fette Trailer zur Ankündigung

Wolfensteins nicht ganz einfache Aneinanderreihung von absurder Komik und staubtrockener, bisweilen erschreckender Brutalität und Eindringlichkeit hat 2014 auch deshalb funktioniert, weil es begründet, von charismatischen Typen getragen wurde. In The Old Blood schmeißt man euch nach einem lahmen Beginn und gutem Mittelteil plötzlich kommentarlos Zombie-Nazis (haha, Zombie-Nazis, voll absurd und darum witzig, versteht ihr, haha) vor die Füße, lässt sie euch in den letzten Kapiteln scharenweise abknallen, was den Anspruch nicht gerade steigert.

All das fußt auch heute auf dem bombenfesten Fundament, das schon vor einem Jahr das Hauptspiel getragen hat und zur Hölle, in Sachen Gunplay macht den Jungs und Mädels von Machine Games so schnell keiner was vor (von Bungie vielleicht einmal abgesehen). Die Entwickler haben der Versuchung widerstanden, der Vermarktbarkeit willen neue Verschlimmbesserungen zu implementieren. Ihr schießt euch nach wie vor mit überschaubaren, dafür jedoch äußerst einzigartigen Schießprügeln durch die alternative Weltgeschichte, nutzt das knackige Deckungssystem, wählt zwischen bedachterem und Rambo-Vorgehen und freut euch, endlich mal ohne automatische Gesundheitsregeneration auskommen zu müssen.

Packshot zu Wolfenstein: The Old BloodWolfenstein: The Old BloodErschienen für PC, PS4 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Alles wie damals, genauso gut (oder schlecht, wenn ihr – warum auch immer – in diese Kategorie gehören solltet), genauso fordernd. Nur ohne das hübsche Drumherum, ohne das, was Wolfenstein: The New Order so ausgezeichnet hat: Charakter.