Jetzt gib schon Ruhe, du blöder Blechautomat! Ein Magazin nach dem anderen pumpe ich in ein kolossales Ungetüm von Roboter, das mitten in einer Raumfahrtausstellung für „Zucht und Ordnung“ sorgen soll. Ganz schön hartnäckig. Und überhaupt, wie kommen die Nazis... Verzeihung, wie kommt „das Regime“ hier in London an eine derart fortgeschrittene Technologie heran?

Wolfenstein: The New Order - Launch Trailer: "Das Haus der aufgehenden Sonne"5 weitere Videos

Nazis? London? Kampfroboter? Und das alles in einem Absatz? Funktioniert natürlich nur dann, wenn man ein wenig an der Historie herumdichtet. In der alternativen Realität des kommenden FPS-Reboots „Wolfenstein: The New Order“ scheiterten die Alliierten beim Vereiteln der grauenvollen Pläne unseres allseits verhassten Brüllzwergs. Ihr wisst schon, der Arischste von allen. Infolge dessen verdunkelt der Schatten der Swastika bis in die sechziger Jahre hinein ganz Europa, einschließlich England. Militärische Unterjochung plagt alle Völker.

Im Untergrund bewegt sich nach Kriegsende noch immer der Widerstand und unter den Aufmüpfigen mischt B.J. Blazkowicz kräftig mit. Kein Unbekannter, schließlich räumte er vor vielen Jahren im Schloss Wolfenstein auf. Schießfreudig ist er, und offensichtlich um mehrere Ecken mit John McClane verwand. Seine Merkmale: markige Sprüche, nervöse Zeigefinger, kaum totzukriegen. Eine Ein-Mann-Revolte.

Obwohl The New Order, abgesehen vom Hauptdarsteller, herzlich wenig mit der berüchtigten Schlosssäuberung zu tun hat, sind die Parallelen eindeutig. Zombies bekam ich in unserer Vorschau in Hampshire nicht zu Gesicht, aberwitzige Klischees und gradlinige Action hingegen umso mehr.

Blazkowicz versucht nach seinem fünfzehnjährigen Koma nämlich gar nicht erst realistischer oder moderner rüberzukommen als damals. Wie in alten Zeiten trägt er ein Arsenal auf dem Rücken und reißt ganzen Bataillonen alleine den Hintern auf. Zwei Maschinengewehre? Kein Problem. Es rumpelt und donnert alle neun Meter, sei es wegen Feindbeschusses oder einer Wand, die er mit einem Hochleistungsschweißbrenner zerlegt. Wenn es mit den Hitpoints doch mal kritisch wird, hilft ein Health-Pack oder eine Panzerweste. Regeneration per Camping-Einlage ist nicht drin. Klassischer im Sinne eines First-Person-Shooters wäre nur noch das berühmte Wippen beim Laufen, wie es zu Doom-Zeiten üblich war.

Wolfenstein: The New Order - Robocop im Naziland

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 34/381/38
Interessantes Format: Statt 16:9 wählt Machine Games eine kinotypische anamorphe Bildhöhe.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Es geht um ein Schauspiel der Extreme. Angefangen mit der knorrig-verkniffenen, aber genüsslich überheblichen Sturmbannführerin Frau Engels, die uns als Antagonistin vorgestellt wurde. In bester Hollywood-Nazi-Tradition sprüht sie allein durch ihr famos umgesetztes Voice-Acting mehr Finsternis als der Star-Wars-Imperator. Sie ist buchstäblich die böse Hexe.

Packshot zu Wolfenstein: The New OrderWolfenstein: The New OrderErschienen für PC, PS3, PS4, Xbox 360 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Sie schreit nicht herum oder sprüht Funken. Nein, es ist diese gespenstige Gelassenheit in Kombination mit offensichtlicher Unmenschlichkeit. Diese ruhige, aber strenge Stimme, mit der sie verkündet, sie könnte einen Nicht-Arier mit bloßem Auge erkennen. Und es ist ein Genuss, sie beim Tätscheln ihres Spielzeugs zu beobachten. Gemeint ist ein kaum in den Zwanzigern angekommenes blondes Milchgesicht mit leicht homoerotischem Gehabe und heftigem Austria-Akzent, den sie neckisch „Bubi“ ruft. Ein drollig missratenes Pärchen, dem man schon in dieser Cutscene aus Hassliebe die Kauleiste breittreten möchte.

Es dauert nur wenige Sekunden, bis man die völlig absurde Charakterdarstellung mit einem Grinsen registriert, weil sie ähnlich ironische Züge annimmt wie im Film „Iron Sky“. Erzählerisch spielt „The New Order“ provokativ mit der offensichtlichen „political incorrectness“ der Bösen und malt dadurch unverkennbare Schwarz-Weiß-Gesinnungen. Wenn selbst der Wachhund einer beliebigen Straßengarde Blondie heißt, sollte man keine allzu komplexen Zusammenhänge erwarten. Hirn aus und rein in das Vergnügen.

Wolfenstein: The New Order - Robocop im Naziland

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
Wie hochentwickelte Roboter in das Jahr 1960 passen, wird hoffentlich die abgedrehte Story erklären.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Wie viel von der brisanten Thematik in der deutschen Fassung übrig bleibt, dürfte trotzdem ein spannendes Thema werden. Aus den Nazis wird hierzulande „das Regime“, ganz ohne historischen Bezug. Symbolik und Begrifflichkeiten werden ebenfalls angepasst, so viel steht fest. Die Entwickler von Machine Games versprechen, so wenig wie möglich am Original herumzuschnippeln.

Satte Action und lockere Sprüche gibt's genug. Was noch fehlt, ist ein wenig Finesse.Ausblick lesen

Brachiale Gewalt und lässige Sprüche bleiben somit auf dem Tagesplan, aber von Ariern wird dann sicher nicht mehr gesprochen und B.J. Blazkowicz muss wahrscheinlich darauf verzichten, bei gemurmelten Selbstgesprächen „Fritz“ einen miesen Tag vorauszusagen.

Don't mention the war

Vielleicht auch besser so, denn abseits der reinen Begründung, „es sind halt böse Nazis“, gab die Vorschau nicht viel her, um eine Beziehung zu den Figuren aufzubauen. Der Fokus lag klar auf einer Vorabeinsicht des Spielablaufs mit all seiner Hitzigkeit und einer beklemmenden Anzahl nachströmender Soldaten.

Leider ist das ein Knackpunkt an der Geschichte. So überzeichnet das Szenario auch sein mag, es geht hin und wieder in der reinen Brutalität der Bildgewalt unter.

Blazkowicz zerlegt auf der Suche nach einem geheimen Superhelikopter problemlos eine komplette Expo. Spätestens nach der dritten über den Haufen gemetzelten Angriffswelle innerhalb des enorm gut bewachten Gebäudes hat man leider nicht mehr das Gefühl, Nazis als Menschen wahrzunehmen. Eher als hirnlose Pappkameraden, was ich als ein wenig entwürdigend empfand. Sie mögen die Vollpfosten des letzten Jahrhunderts gewesen sein, aber mal ehrlich: Der Fritz da aus der dritten Reihe hätte mein Urgroßvater sein können.

Wolfenstein: The New Order - Robocop im Naziland

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 34/381/38
Hier geht es nicht zimperlich zu. Dumme Kommentare fliegen genauso locker durch den Raum wie Patronenhülsen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Ich finde es erstaunlich, dass gerade ich (man beachte meinen Nachnamen) in das „Don't mention the War“-Fettnäpfchen trete und mich in dieser Hinsicht etwas empfindlich gebe. Womöglich kringeln sich die Jungs von Machine Games, wenn sie das hören. Ist ja nicht böse gemeint. Ich hätte nur gerne etwas mehr Wachsmalkreide bei den Schussgefechten. Ein Hauch mehr Blood Dragon statt Far Cry. Vielleicht in Form eines gelegentlich eingestreuten Comic-Reliefs.

Selbst ein monströser Kampfroboter, dessen technologische Grundlage wohl kaum den sechziger Jahren entsprungen ist, zielt eher in Richtung epische Schlacht und bringt kein atmosphärisches Gegengewicht mit. Das ist mir persönlich zu ernst für die makabere Thematik, weil ein Unterscheidungskriterium fehlt. Was macht denn unseren etwas einfältigen, schießfreudigen Helden moralisch besser als den nächstbesten Nazi? Ich denke bei diesem Thema nicht nur an mich, sondern auch an die hiesigen Prüfbehörden. Andererseits bin ich mir sicher, dass sich viele deutsche Shooter-Fans keineswegs an solchen Details stören werden. Es sind ja doch nur Pixelmännchen.

Abseits meiner ausschlagenden Moralkompassnadel und der bislang eher durchschnittlichen künstlichen Intelligenz der Gegner sehe ich keine nennenswerten Kritikpunkte. Wolfenstein: The New Order lief trotz schicker Grafik und netter Physikberechnungen mit sauberen 60 FPS. Zumindest auf den Vorführ-PCs. Da werden die Current-Gen-Konsolen kaum mithalten können. Allein viele der in Echtzeit berechneten Anteile der Umwelt dürften deren Arbeitsspeicher arg belasten. Darunter fallen ausgeschnittene Löcher in Zäunen, zerspringende Gipsplatten, wippender Kaffee in entsprechenden Tassen und herabfallende Robotergerätschaften. Eben lauter kleine Details, die der Grafik Lebhaftigkeit verleihen.

Wolfenstein: The New Order - Robocop im Naziland

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Unsere Demo war sehr geradlinig aufgebaut und bot unterm Strich keine nennenswerte Entscheidungsfreiheit. Die soll es aber durchaus geben, ebenso wie einen Anteil an reiner Erforschung und Aufdeckung ohne wilde Ballerei. Klingt nach einer durchdachten Mischung, wäre aber noch zu beweisen. Ich konnte davon nicht einmal etwas erahnen.

Mit einer überdurchschnittlichen Spielzeit von mehr als 14 Stunden, sagen die Entwickler, bringt das neue Wolfenstein auch einiges auf die Waage, aber ohne Mehrspielergefechte sinkt der Wiederspielwert beträchtlich. Das könnte sich am Ende auf die B-Note auswirken.