Wolfenstein II ist erneut eine bemerkenswerte Mischung: Es vereint Unmenschlichkeit und Menschlichkeit, grausame Gewalt und kuriosen Humor, brachiales Getöse und leise Momente. Ein großartiger Shooter ist es obendrein.

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Ein B.J. Blazkowicz stirbt nicht. Er ruht bestenfalls. Selbst die in den letzten Minuten von Wolfenstein: The New Order abgefeuerte Atomwaffe konnte ihn nicht erledigen. Also muss er ein weiteres Mal gegen die Nazis ran, die in der deutschen Version einmal mehr zum „Regime“ werden, um hiesigen Gesetzen zum Umgang mit verfassungsfeindlichen Inhalten zu entsprechen. The New Colossus spielt im Amerika der 60er-Jahre, das vom Regime beherrscht wird.

Direkt zum Auftakt macht euch Rückkehrerin Frau Engel klar, dass das Regime vor nichts und niemandem zurückschreckt, um seine Herrschaft zu zementieren. The New Colossus zeigt extreme Brutalität, die stellenweise beim Zuschauen schmerzt, auch weil es immer wieder um Machtdemonstrationen und das Ausüben von Gewalt gegen Hilflose geht. Das bleibt nicht auf die unmittelbaren Spielereignisse beschränkt, auch die Kindheit von B.J. Blazkowicz und sein Aufwachsen mit einem gewalttätigen Vater greifen diesen Aspekt auf.

Wolfenstein 2: The New Colossus - Der neue Koloss im Shooter-Genre

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Brutal sind die Nazis. Also: Brutal kontern!
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Ob nun gut oder böse – die Charaktere und deren Schicksale sind einmal mehr eine der großen Stärken von Wolfenstein. Naturgemäß bleibt für viele der Figuren während der actionreichen Missionen nicht allzu viel Zeit, also gibt es mit dem gekaperten U-Boot Hammerfaust einen Hub-Bereich, in dem ihr Nebenmissionen angeht und eure Verbündeten des Widerstands besser kennenlernt. Menschen, die im Angesicht einer wahrhaft furchtbaren Situation irgendwie leben, lieben und weitermachen müssen.

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Mit von der Partie: Grace!
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Williams schwerster Kampf

Eine gute Geschichte wäre freilich nicht viel wert, wenn das Spiel als Ego-Shooter nichts taugen würde. Doch auch hier liefert MachineGames auf allerhöchstem Niveau ab. Wolfenstein II kombiniert die Schönheit und Dynamik moderner Shooter mit einem eher klassischen Level-Aufbau: Euch erwarten weder Schläuche noch eine Open World, aber es gibt hier und da Geheimnisse zu entdecken und verschiedene Wege zum selben Zielpunkt.

Die Regime-Soldaten agieren sehr aufmerksam. Zwar könnt ihr euch nach wie vor lautlos durch die feindlichen Linien arbeiten, dazu müsst ihr aber ausgesprochen vorsichtig vorgehen. Werdet ihr entdeckt, habt ihr in der Regel schnell einen Haufen Ärger am Hals und dann zeigt sich eine der kleinen Schwächen des Spiels: Während Genrekollegen euch vor allem durch eine immer deutlichere Einfärbung des Bildschirms klarmachen, wie es um unsere Restgesundheit steht, stirbt man bei Wolfenstein II häufiger überraschend. Es ist schlicht nicht immer klar, wann man von wem aus welcher Richtung getroffen wird und wie viel man noch einstecken kann. Hier könnte MachineGames durch ein Update noch nachbessern.

„Was für ein Ritt! The New Colossus bewahrt sich alle Stärken des Vorgängers, kommt aber noch mitreißender und vor allem grafisch ansprechender daher.“Fazit lesen

Dass dieser Punkt so auffällt, liegt am hohen Schwierigkeitsgrad: Schon auf dem dritten von insgesamt sieben Härtegraden ist The New Colossus für normal begabte Shooterspieler eine Herausforderung. Glücklicherweise könnt ihr den Schwierigkeitsgrad jederzeit in beide Richtungen anpassen, ohne dass dies irgendwelche Vor- oder Nachteile für den weiteren Spielverlauf hätte. So passt ihr das Spiel stets nach euren Wünschen an. Ergänzend zu den automatischen Speicherpunkten könnt ihr übrigens jederzeit selbst speichern, was im Fall der Fälle durch knifflige Passagen hilft.

Akimbo-Action

Was ansonsten auch immer hilft: Waffen. Viele Waffen. B.J. erlernt wieder den Umgang mit zwei Schusswaffen gleichzeitig und es ist ein großes, rohes Vergnügen, zum doppelt bewaffneten Regimekritiker zu werden. Zudem sind einige Waffen aus spielerische Sicht sehr interessant: Mit dem sogenannten Laserkraftwerk zum Beispiel brennt ihr bestimmte Türen, Hindernisse – und natürlich auch Gegner – einfach aus dem Weg.

Was man mit einem Beil alles machen kann, müssen wir wahrscheinlich nicht erläutern, auch hier scheut das Spiel keine harschen Tötungssequenzen. Da ist man zwischenzeitlich beinahe froh, wenn das Spiel seine humorvolleren Momente hat. Derlei Dualismus prägt Wolfenstein II in mehrerlei Hinsicht, letzten Endes auch auf der größtmöglichen Ebene: B.J. kämpft gegen das grausame Regime, tötet dabei aber selbst unzählige Menschen.

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Hack und weg: Das Beil ist euer bester Freund!
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Wolfenstein II verschleiert das aber nicht, sondern zelebriert es als zentrales Spielelement, um das auch das komplette Perk-System gestrickt ist. Erfüllt ihr eine bestimmte Aufgabe – zum Beispiel Kopfschüsse oder Schleicheliminierungen – oft genug, schaltet ihr eine Verbesserung frei. Das Ganze funktioniert in mehreren Stufen. So werdet ihr angehalten, euch mit allen Mechanismen des Spiels zu befassen, um die verschiedenen Belohnungen zu erhalten.

Multiplayer Missing in Action

Einen Mehrspieler-Modus hat The New Colossus nicht. Nein, wirklich nicht. Auch keinen Alibi-Modus, den man irgendwie noch reingebastelt hat, damit auf dem Papier alle zufrieden sein können. Die Entwickler wollten sich stattdessen komplett auf den Solo-Modus fokussieren und diesen bestmöglich abliefern – was ihnen auch gelungen ist. Zur zusätzlichen Monetarisierung gibt es einen einen Season Pass, der für knapp 25 Euro erhältlich ist. Er hört auf den Namen „Die Freiheitschroniken“ und umfasst drei Story-Ergänzungen, in denen ihr ebenso viele unterschiedliche Charaktere spielen werdet: Den Ex-Quarterback Joseph, die Agentin Jessica und den Army-Captain Gerald. Die ersten Season-Pass-Inhalte sollen bereits am 7. November veröffentlicht werden.