Manchmal muss man Jahre warten, bis ein Kindheitstraum in Erfüllung geht, manchmal vergehen jedoch auch Jahrzehnte, wie im Falle unseres gealterten Kolumnisten. Der ist aktuell gleich von zweifacher Hoffnung erfüllt, könnte er doch bald Schrecken der Meere ebenso werden wie hyborianischer Oberbarbar. Schauen wir mal, was die gute Fee aktuell so auf Lager hat.

Ich will Pirat werden!

Als ich Ende der 1980er Jahre in Sid Meier’s Pirates! zum ersten Mal ein Schiff der spanischen Krone enterte, träumte ich davon, dass es eines Tages ein echter Spieler sein würde, der irgendwo da draußen in der Welt in seinen Joystick beißen würde, weil ich gerade seine Flotte ich mit einer ordentlichen Salve zu Treibholz mache.

Meine Freunde hielten mich allesamt für völlig bekloppt, ließ doch die Telekommunikation der damaligen Zeit wenig Raum für solche Träumereien. Zehn Jahre sollten tatsächlich vergehen, bis ich den ersten menschlichen Spieler in Ultima Online erlegte. Das war zwar grandios, hatte jedoch wenig zu tun mit meinem Wunsch, Pirat zu werden.

Den konnten mir auch Pirates of the Burning Sea nicht vollends erfüllen, das vielleicht beste aller Seefahrer-MMOs. Der Kindheitstraum sollte noch lange unerfüllt bleiben. Bis ich vor wenigen Tagen dann mal in Naval Action einloggte, einem Spiel, um das ich bislang einen Bogen gemacht hatte, weil es sich wohl noch in einer frühen Phase der Entwicklung befindet.

Und trotzdem hat es Naval Action auf Anhieb geschafft, mich zu fesseln, bietet es doch jene Welt, in die und erstmals Sid Meier geworfen hatte, jedoch ungleich realistischer. So realistisch, dass man im Seegefecht bisweilen das Meer zu riechen glaubt und man zu frösteln beginnt, wenn der Wind die dunklen Wellen aufpeitscht, auf denen der kleine Kutter wie eine Nusschale treibt.

Annehmbare Zwischenlösung

Wie Sid Meier’s Pirates! bereist man in Naval Action das komplette karibische Meer, treibt Handel und Piraten vor sich her, kauft oder kapert Schiffe, die sich gemäß ihrer historischen Vorgaben aufrüsten lassen und sorgt dafür, dass die eigene Fraktion, bestehend aus Spieler- und NPC-Flotten gleichermaßen, wächst und gedeiht.

Viele Elemente sind noch nicht vollständig im Spiel integriert, insbesondere das Interface ist derzeit noch eine Zwischenlösung, zweckmäßig, unbebildert und schmucklos. Doch der wesentliche Kern des Spiels funktioniert beispielhaft: Die Reise durch die Karibik - mit Karte und Kompass als einzigen Navigationshilfen.

Und natürlich der Kampf zur See, der alles in den Schatten stellt, was die Branche mir bislang vorgesetzt hat, der ebenso einfach wie authentisch ist und in dem man nicht selten den Atem anhält, wenn man wieder einmal im Kampf gegen stürmischen Wind und meterhohe Wellen ausmanövriert wurde und als Konsequenz die volle Breitseite des feindlichen Schiffes abbekommt.

Alles, was das Piratenherz begehrt

Naval Action geht den Weg eines MMORPGs mit allem, was dazugehört: Erkundung, Handel, Crafting, Kampf gegen Spieler und NPCs samt Eroberungen. Dass es derzeit keine Landgänge mit Avataren gibt, lässt sich ebenso verschmerzen wie die vielen geplanten Features, an denen die nicht einmal zehn Mann starke Truppe der ukrainischen Indie-Schmiede Game-Labs noch arbeitet.

Wer die Seefahrerei liebt, sollte auf jeden Fall mal einen Blick riskieren. Und wer eine ähnliche Spielervergangenheit hatte und einen ähnlichen Piraten-MMO-Traum Ende der 80er geträumt hat, um den ist es ohnehin geschehen, wenn er das erste Mal in die raue See sticht. Neben ARK: Survival Evolved ist Naval Action schon jetzt einer der aussichtsreichsten Indie-Titel des Jahres, von dem wir mit Sicherheit noch öfter hören werden.

Conan Exiles - der zweite Anlauf

Beinahe etwas peinlich ist mir da schon ein anderer Kindheitstraum, der in Verbindung mit diversen Abenteuerstreifen der 80er Jahre steht und der mich mit einem Film namens Conan der Barbar zeitweise sogar mal Star Wars vergessen ließ - zudem das Lebenswerk von Robert E. Howard wunderbar zu lesen war und eine Welt voller Abenteuer zeichnete, in der man sich als junger Mensch verlieren konnte.

Wie spannend muss das Leben wohl gewesen sein - mindestens zehntausend Jahre vor unserer Zeitrechnung und wie hart der tägliche Überlebenskampf? Funcom hatte vor einigen Jahren bereits einen Versuch unternommen, eine Antwort darauf zu liefern, allerdings wurde die, trotz einer erwachsenen Ausrichtung, spielerisch viel zu weich und zu nah an einer damals populären MMO-Vorlage. Dazu kamen unzählige Fehler und falsche Versprechungen vorab. Halbwegs interessant wurde Age of Conan erst, nachdem ein Mann namens Joel Bylos in die Entwicklung eingegriffen hatte.

Immer wieder Bylos

Jener Joel Bylos, der The Secret World ebenso wie Funcoms spannendes Kurzadventure The Park mit zu verantworten hat, das Funcom eine drigend benötigte Finanzspritze verschafft und die Investorengruppe dazu ermutigt hat, noch einmal ordentlich Geld ins Unternehmen zu schießen. Geld, das offensichtlich gut angelegt worden sein könnte, schaut man mal auf die aktuelle Neuankündigung.

Conan Exiles wird zwar in der gleichen Welt spielen wie Age of Conan, jedoch kein klassisches MMORPG werden, sondern das, was man vielleicht auch von Anfang an aus dem Franchise hätte entwickeln sollen: ein Online-Survival-Game. Laut Joel Bylos soll der Titel stark auf Kampf ausgerichtet sein und darauf, tatsächlich jeden Gegenstand aufheben und zur Waffe umfunktionieren zu können. Spieler sollen außerdem von Feinden gefangengenommen und deren Göttern geopfert werden können.

Insgesamt 53 Quadratkilometer Fläche soll das Spiel simulieren, darunter eine Vielzahl unterschiedlicher Biome. Und während nun der Spieler mit seinem Stamm versucht, Ausrüstung zu bauen und möglichst sichere Siedlungen zu errichten, werden anderen Nationen ihre Krieger immer wieder zu Raubzügen aussenden - ganz wie in der Film- bzw. Literaturvorlage.

ARK im Nacken

Ebenfalls getreu der Vorlage soll sich Conan Exiles an ein erwachsenes Publikum richten, das mit einem gewissen Grad an Brutalität und Nacktheit im Gameplay klarkommt. Doch wer in seiner Jugend schon Conan der Barbar gesehen hat, dürfte mittlerweile wohl reif genug sein. Genau wie die Leute von Funcom, die zwar einige schwere Fehler begangen, in den letzten Jahren jedoch auch bewiesen haben, dass sie lernfähig sind.

Eine wichtige Eigenschaft, angesichts der starken Vorlagen am Survival-Markt, der insbesondere durch ARK: Survival Evolved gerade im Aufwind ist. Zumindest dürfte Joel Bylos klar sein, dass er etwas Ordentliches abliefern muss, um sich gegen die Konkurrenz mit all ihren Dinos, Zombies und Seuchen zu behaupten. Uns Spielern kann das nur recht sein.

Livelock - Perfect World ändert die Geschäftsstrategie

Und während Funcom mit dem Survival-Genre fremdelt, versucht sich Perfect World Entertainment zur Abwechslung mal an einem Shooter aus der Vogelperspektive. Der heißt Livelock und soll noch 2016 erscheinen - und zwar für PC und die beiden Next-Gen-Konsolen. Besonders interessant: Entgegen bisheriger Gewohnheiten will Perfect World das Spiel nicht ‘free-to-play’ veröffentlichen, sondern ‘buy-to-play’.

Livelock spielt übrigens nach dem Weltuntergang, der zwar die menschliche Rasse ausgelöscht hat, nicht jedoch die Roboter und diverse Mutationen, die sich seither eine postapokalyptische Schlacht liefern. Auf den ersten Blick scheint das Spiel recht actionreich und kurzweilig zu sein, jedoch steht und fällt der Erfolg mit dem Inhalt und damit, ob es der Publisher mit dem Kaufpreis auf sich beruhen lässt oder den Spieler noch mit zusätzlichen Mikrotransaktionen malträtiert.

Master X Master - die Mischung macht’s

Brandaktuell ist auch die Ankündigung von Master X Master, einem MOBA-Game, das NCSoft noch in diesem Jahr aus der Schublade ziehen will und das Elemente und Helden aus hauseigenen Spielen wie Aion, Blade & Soul, Guild Wars 2 und sogar aus dem erfolglosen WildStar in einen Topf werfen soll - ähnlich wie man das von Blizzards Heroes of the Storm kennt.

Anders als Diablo und Konsorten kämpfen die NC-Recken vorzugsweise jedoch nicht gegeneinander, sondern vor allem gegen computergesteuerte Widersacher. Eine Mischung also aus MOBA-Game und Action-RPG, die NCSoft da zusammenrührt und ein Spiel, das sich eher an PvE-Fans richtet als all die anderen MOBA-Games da draußen. Warten wir mal ab, was daraus wird und welches Geschäftsmodell man so geplant hat.

Hero’s Song - keine Heldentat

In dieser Hinsicht wenig erfolgreich war aktuell übrigens John Smedley. Der ehemalige Chef von Daybreak und SOE hat seine laufende Kickstarter-Kampagne wieder gestoppt, obwohl man bereits 136.000 Dollar sicher hatte. Smedley hielt es für nicht realistisch, dass man die angepeilten 800.000 Dollar noch erreichen könnte.

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Minimalistisches Design, maximale Forderung. Auf die erhoffte Finanzspritze von 800.000 Dollar wird John Smedley wohl verzichten müssen.
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Seltsam mutet das vor allem deswegen an, weil zahlreiche Kickstarter-Projekte erst im Laufe der Kampagnen in Fahrt gekommen sind und ein Großteil der Geldgeber oft erst kurz vor Ablauf der Aktion einsteigen. Nicht minder seltsam, dass Smedley gleichzeitig ankündigt, Hero’s Song wie geplant entwickeln zu wollen, weil man Investoren habe, die das Projekt unterstützten. Umso nachvollziehbarer der Vorwurf der Community, dass Smedley die Crowdfunding-Szene für ein bereits finanziertes Projekt instrumentalisieren wollte, um zusätzlich Kasse zu machen.

Trion Worlds - gefährlicher Kurs

Und wenngleich sich Trion Worlds bislang nicht erdreistet hat, auf Kickstarter aufzuschlagen, stehen auch die Geschäftsmethoden dieses Publishers spätestens seit ArcheAge in der Kritik, das unverhohlene Pay-to-win-Elemente enthält. Doch statt auf die Kritik der Community zu hören, hat Trion aktuell beschlossen, noch direkter in die Taschen der Spielerschaft zu greifen und bisherige Tabus zu brechen.

Ab sofort können Spieler von Rift einen konkreten Ausrüstungsplatz nur noch über den Cash-Shop bekommen. Und auch bei Trove, bislang für sein äußerst kundenfreundliches Geschäftsmodell gelobt, werden fortan mehr Inhalte hinter einer Preisbarriere stehen. Das müsse man jetzt so handhaben, so die offizielle Stellungnahme in den Rift-Foren, um die Entwicklungskosten einzuspielen.

Damit rennt Trion sehenden Auges ins Verderben, sorgen derlei Entscheidungen doch nur umso mehr dafür, dass die Spieler wegbleiben. Ein Free-to-play-Konzept wird sich langfristig nur tragen können, wenn es fair bleibt und eine riesige, stetig wachsende Community anlockt. Eine Hoffnung, die man bei Trion Worlds wohl mittlerweile komplett aufgegeben hat.

The Division - Schlüssel passt nicht

Am Ende aufgeben musste ich derweil meine Bemühungen, es irgendwie noch in die Beta von The Division zu schaffen, denn mein Zugangscode stellte sich als “ungültig” heraus. Macht aber nichts - dafür gibt es ja Twitch, wo The Division aktuell noch auf dem vierten Platz rangiert und wo man mehr oder weniger talentierten Streamern auf die Finger schauen kann.

Und während sich manche davon vor Begeisterung kaum halten können und es immer wieder als “das bessere Destiny” bezeichnen, scheinen die Streamer meines Vertrauens doch eher einen kritischen Blick auf das Ubi-Spektakel zu haben. Zu flach sei das Gameplay, zu wiederkehrend die Spielabläufe. Ob sich bis zum Release noch etwas tut? Das ist auf jeden Fall eine andere Geschichte und wird sicherlich ein andermal erzählt werden.

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