Nicht einmal die Hälfte aller auf Kickstarter vorgestellten Projekte schafft es über die selbst definierte Ziellinie. Und selbst wenn das erhoffte Geld beisammen ist, heißt das noch lange nicht, dass aus der Idee auch ein fertiges Spiel werden kann. Gerade in der Unterhaltungsbranche neigen die Initiatoren dazu, Luftschlösser zu bauen.

Lasst uns über den kommenden Zombie-Blockbuster State of Decay 2 reden:

State of Decay 2 - E2017: Erste Vorschau 2 weitere Videos

Bescheidenheit gilt bekanntlich als Tugend, Wer jedoch auf Kickstarter vorstellig wird und verspricht, mit 25.000 Dollar ein MMORPG zu entwickeln, ist nicht etwa bescheiden, er spielt einfach nicht mit offenen Karten. Da ist es auch unerheblich, ob mit 8-Bit-Optik gearbeitet wird oder mit der modernsten Shooter-Engine, ob die Entwickler ihre persönlichen Ansprüche runterschrauben und während der Entwicklungszeit noch im Hotel Mama hausen.

Was kostet die Welt?

Während der Entwicklung eines MMORPG werden Millionen verbrannt. Wer das als Crowdfunding-Bittsteller nicht erkennt und offen kommuniziert, hat keine Unterstützung verdient. Wer sich mit einem halben Dutzend Leuten und einer fünfstelligen Summe an ein Projekt dieser Kategorie wagt, dem ist einfach nicht zu helfen.

Und selbst mit ein paar Millionen bleiben die meisten Studios irgendwo auf halber Strecke hängen. Klar - am Anfang geht alles ganz schnell. Da werden mit den Assets der Unreal-Engine ein paar Umgebungen hochgezogen und ein Avatar durchgejagt. Ein Modder kann so etwas an einem Wochenende inszenieren. Doch zwischen einer solchen Präsentation und einem fertigen Spiel liegen jedoch noch Hunderttausende Personenstunden Arbeit.

Alter schützt vor Torheit nicht

Selbst alte Hasen wir Richard Garriott verlieren da schnell mal den Überblick. Zwar hat er Shroud of the Avatar mit seinem achtstelligen Crowdfunding-Budget zwischenzeitlich ins Release geschoben, als fertig oder halbwegs zeitgemäß kann man das MMO jedoch kaum ansehen. Eher wirkt es wie ein Museumsstück, etwas verschroben, sperrig, aus der Zeit gefallen.

Auch Chris Roberts hatte sich das 2012 ganz anders vorgestellt, als er mit Star Citizen auf Kickstarter zwei Millionen sammelte, die er meinte, für die Entwicklung eines Wing-Commander-Nachfolgers zu brauchen. Doch die Anforderungen sind heute ganz andere, die Erwartungen der Spieler ebenso.

Es kamen immer neue Ideen hinzu, neue Studios mit unzähligen Entwicklern und Gott sei Dank auch immer mehr Geld von verstörend spendierfreudigen Fans. Mittlerweile hat Chris Roberts 185 Millionen Dollar eingenommen und trotzdem wird es noch Jahre dauern, bis aus Star Citizen ein fertiges Spiel geworden ist. Zufrieden ist damit allerdings kaum jemand.

S.O.S. - die Planänderung in höchster Not

Ganz und gar unzufrieden sind derweil auch viele Unterstützer von S.O.S., einem Survival-Game mit ursprünglich mal dezent innovativen Ansätzen. Die allerdings werfen die Entwickler und ebenso über Bord wie das ursprünglich angedachte Survival-Konzept. “Warum kompliziert, wenn’s auch einfach geht?, scheint das neue Motto zu lauten. Oder: “Was interessiert uns unser Gerede von gestern? Wir machen das, was Kohle bringt.”

2 weitere Videos

Und Kohle bringt, das glauben zumindest die meisten Studios da draußen, Battle-Royale-Games nach der Vorlage von PUBG oder Fortnite. Also haut man einfach mal so sämtliche Survival-Elemente aus dem Spiel und baut S.O.S. komplett in ein Battle-Royale-Game um - ungeachtet dessen, was der Crowdfunding-Community dereinst versprochen wurde. Kein Wunder also, dass in den Foren von Betrug die Rede ist und der eine oder andere Unterstützer in Erwägung zieht, rechtlich gegen Outpost Games vorzugehen, wenngleich die Aussicht auf Erfolg nicht allzu hoch ist.

Activision-Blizzard - Inspiration durch Innovation

Doch kann man es den kleinen Spieleschmieden verübeln, dass sie den bequemsten Weg einschlagen, wenn selbst die großen in Versuchung geraten? Während einer Investorenkonferenz bei Activision-Blizzard wurde diesmal auch über das seltsame Phänomen Battle-Royale debattiert und über jene beiden Spiele, die aktuell die kompletten Communitys aufzusaugen scheinen.

Der Publisher scheint das vor allem bei Destiny 2 zu spüren, einem Spiel, das ohnehin weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben war und das nun besonders unter dem Battle-Royale-Hype zu leiden scheint. Für Unternehmenschef Bobby Kotick steht entsprechend fest, dass Activision-Blizzard “schnell herausfinden müsse, wie man sich von der Innovation inspirieren lassen” könne. Ein Battle-Royale-Modus für alle Titel von Activision und Blizzard? Gruselig, aber mittlerweile im Bereich des Möglichen.

State of Decay 2 - das Feld ist abgegrast

Gleichzeitig nutzt man andernorts die Debatte, um sich deutlich vom gehypten Genre zu distanzieren. In den Undead Labs zum Beispiel, wo aktuell auf Hochtouren daran gearbeitet wird, State of Decay 2 aufs Release vorzubereiten. Dabei wäre doch gerade ein solches Zombie-Survival-GTA-Szenario prädestiniert dafür, zum Battle-Royale-Game umgebaut zu werden, oder etwa nicht? Design Director Richard Foge findet darauf eine klare Antwort:

Stellen wir uns ein Feld mit Weizen vor, ok? Und jemand baut diesen perfekten, prächtigen Mähdrescher und fährt damit einmal übers Feld. Wenn dann jemand kommt und mich fragt, ob ich nicht auch so einen Mähdrescher bauen möchte, um damit übers gleiche Feld zu fahren, lehne ich natürlich ab, weil kein Weizen mehr übrig ist. Nun sind diese gigantischen Mähdrescher [Anm. d. Red.: PUBG und Fortnite] durch die Landschaft gerollt und für uns gäbe es da einfach nichts mehr zu ernten.

2 weitere Videos

Foge möchte sich viel lieber auf die Konzepte konzentrieren, an denen man selbst schon lange arbeitet, dabei etwas finden, das einzigartig ist, damit begeistern und inspirieren. Er setzt darauf, etwas Neues zu liefern, ganz im Gegensatz zu jenen, die versuchten, hinter den anderen herzufahren und einzusammeln, was bei der reichen Ernte heruntergefallen ist. Für mich ein Grund mehr, mich auf State of Decay 2 und dessen Koop-Modus zu freuen.

Last Epoch - krumme Summe

Garantiert kein Battle-Royale-Game soll wohl Last Epoch werden. Dessen Entwickler haben eher das Genre im Blick, das aktuell von drei Namen beherrscht wird: der Diablo-Reihe, die in den vergangenen Jahren von Blizzard eher stiefmütterlich behandelt wurde und entsprechend an Spielern eingebüßt hat, Grim Dawn, das sich als Solo-Titel wunderbar behauptet und Path of Exile, das sich seinen Platz von der Nische auf den Genre-Thron erkämpft hat.

2 weitere Videos

Und zwischen diesen drei Titeln, so glaubt man zumindest bei Eleventh Hour Games, ist noch Platz genug für einen Neuzugang, der die Idee von Zeitreisen im Genre einführen möchte. Wer daran glaubt, dass daraus etwas werden könnte, sollte einfach mal auf Kickstarter nach Last Epoch suchen, das aktuell mit 85.000 Euro knapp die Hälfte des angepeilten Budgets von 175.447 Euro beisammen hat. Für ein MMORPG wäre das sicher zu wenig. Für ein ARPG könnte es genügen, zudem das Team mit einer spielbaren Demo beweist, das man sein Handwerk durchaus versteht.

New World - es ist nicht aller Tage Abend

Am Geld wird es in den Amazon Game Studios sicher nicht scheitern. Dort kann man auf ein nahezu unerschöpfliches Budget zugreifen, sofern man die Chefetagen von der eigenen Arbeit überzeugt. Doch genau das könnte ein Problem sein, mutmaßen Kritiker schon seit einer ganzen Weile und befürchten, dass New World nicht einmal im Ansatz spielbar ist.

2 weitere Videos

Denn nachdem man das MMORPG-Projekt New World vor beinahe zwei Jahren großspurig angekündigt hatte, verschwand es danach komplett von der Bildfläche. Man hörte tatsächlich gar nichts mehr vom zuständigen Studio, mit Ausnahme von ein paar Zu- und Abwanderungen von Entwicklern.

Da sind die kommenden Releases im Mai:

Bilderstrecke starten
(14 Bilder)

Nun jedoch kommt wieder Bewegung in die Sache, denn offenbar wurden einige Influencer nach Irvine eingeladen, um New World anzutesten. Aktuell ist noch nicht sicher, ob die geladenen Damen und Herren von ihrem Ausflug nach Irvine und in die neue MMORPG-Welt berichten dürfen. Doch selbst wenn nicht, ist das schon wieder eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.