Wiped! - Die MMO-Woche – Special

KW28: Spiel ohne Spaß - Geld regiert die Onlinewelt

6
von Frank Fischer, 17. Juli 2010 12:54 Uhr

Erst Hü – dann Hott. Die Nachrichten der vergangenen Woche haben einmal mehr gezeigt, dass die Gaming-Branche, so schnell sie sich auch entwickelt, eigentlich noch in den Kinderschuhen steckt. Oft scheinen nicht einmal die Denker und Lenker so recht zu wissen, was sie da eigentlich tun. Doch dank Real ID wissen wir jetzt: Wer Müll produziert, bekommt ihn von den Fans um die Ohren gehauen. Und in dieser Woche hauen auch wir kräftig mit.

Hätten die unzähligen Millionen Nutzer des Battle.net gleichzeitig in Richtung Irvine, Kalifornien aufgeschrien, als die Jungs von Blizzard in der vergangenen Woche ihre glorreiche Idee mit der Real ID verkündeten – es hätte wohl das Hauptquartier des Mega-Publishers hinweggefegt. Dort schien man hingegen beinahe verwundert darüber, dass die Spielerschaft im Battle.net partout anonym bleiben möchte.

Ach so ist das? Na dann eben nicht...

Man sei sehr glücklich darüber, dass sich die Community so leidenschaftlich für die Spiele einsetze, tätschelt Blizzard-Chef Morhaime die aufgebrachten Fans beinahe väterlich und widerruft die umstrittene Entscheidung kurzerhand wieder. So einfach ist das also – eine Entscheidung auf dem kleinen Geschäftsweg und schon ist die Welt von Warcraft wieder in Ordnung. Doch nicht ganz...

In ihrer Not hatten sich einige Verzweifelte zwischenzeitlich via Mail über Blizzard Entertainment beschwert – und zwar bei der ESRB, dem Entertainment Software Rating Board. Die Institution hat in der Vergangenheit nicht nur Altersfreigaben ausgestellt, sondern ist auch für den Datenschutz bei Computer- und Videospielen zuständig. Die richtige Anlaufstelle also, um Blizzard auf die Finger zu klopfen – sollte man meinen.

Umso größer dann der Schock, als die ESRB den wahrscheinlich blödesten Anfängerfehler beging und einigen der knapp 1000 Empfänger einer standardisierten Antwort gleich die Adressen der anderen Querulanten mit übermittelte. In der offiziellen Entschuldigung heißt es jetzt, dass ein Mitarbeiter für den Fehler verantwortlich sei und so etwas nicht wieder vorkomme. Na, danke auch.

Woher wissen Manager, was Gamer wollen?

Steckt unsere geliebte Branche wirklich noch derart tief in den Kinderschuhen? Hier ein Publisher, der mit einem vorgezogenen Aprilscherz das Nervenkostüm der eigenen Kundschaft attackiert – da eine Institution, deren Mitarbeiter letztlich unser Geld kassieren, um genau das zu schützen, was dann irgendein Vollnoob mit einer achtlosen Mail in die Welt hinausposaunt. Klar, Fehler sind menschlich. Und trotzdem gibt es welche, die dürfen einfach nicht passieren.

Screenshot zu: KW28: Spiel ohne Spaß - Geld regiert die OnlineweltBobby Kotick macht sich derzeit kaum Freunde mit seiner Firmenpolitik.

Die meisten Fehlentscheidungen in der Games-Branche werden dabei von Managern getroffen, die selber oft keinen blassen Dunst von der Zockerei haben. Das glaubt übrigens auch Kult-Entwickler Tim Schafer, der jüngst in einem Interview mit Bobby Kotick abrechnete. Der Chef von Activision Blizzard habe, so Schafers Vorwurf, kein Interesse an Spielen und sei auch noch stolz darauf. Man könne sich nicht einfach irgendwo einklinken, weil es populär scheint, alles Leben herauspressen und sich dann einfach der nächsten Sache zuwenden. Irgendwo müsse man auch mal etwas bauen, etwas erschaffen.

Das sei nicht wahr, hört man hingegen aktuell aus dem Hauptquartier von Activision Blizzard. Als CEO einer Gesellschaft, die Spiele für Millionen von Menschen weltweit herstelle, sei es für Kotick zeitlich schwierig, selber nach Belieben zu spielen. Das ist natürlich bedauerlich. Da hat sich der arme Mr. Kotick also tatsächlich das Leben versaut, als er 1990 Activision für läppische 440.000 Dollar erwarb und seither nicht mehr zum Zocken kommt.

Screenshot zu: KW28: Spiel ohne Spaß - Geld regiert die OnlineweltTim Schafer schuf u.a. Monkey Island, Grim Fandango und Day of the Tentacle.

Da versteht man plötzlich auch, was Kotick dazu trieb, auf einem Analystentreffen vor einem knappen Jahr davon zu berichten, wie er zehn Jahre zuvor absichtlich Mitarbeiter aus anderen Branchen zu Activision geholt hätte, um „den Spaß aus der Entwicklung von Videospielen“ zu vertreiben. Das alleinige Ziel: ein operativer Gewinn von 50 Prozent.

Kommentare 6
Bitte Logge dich ein oder aktiviere Javascript um einen Kommentar zu schreiben.
anothernameanothername21.07.2010 07:36
TERA & Frogster... jep, die Fans sind "begeistert" ;)

www.tera-online.com/.../showthread.php

Ansonsten cooler Artikel, bin angenehm überrascht das es tatsächlich ein paar Entscheidungsträger in der Spiele Industrie gibt die sich auch mit dem beschäftigen was ihren Job ausmacht.
Zitieren
Jharlax20.07.2010 11:27
Super geschrieben. Die Kolumne ist fuer mich mitlerweile pflicht.
Zitieren
Großes Lob an den Autor!18.07.2010 10:47
Ich verfolge nun schon seit einigen Wochen den immer lesenswerten und informativen Bericht von Ihnen und entdecke immer wieder Dinge, die ich gar nicht wußte, obwohl ich regelmäßig auf Gamona und den anderen MMO-Portalen lese.

Sie schaffen es einfach, die interessantesten News zusammenzufassen, ich freue mich jedes WE auf den Bericht. :)

Jedenfalls, bitte weiter so!

G. G. Johnson
Zitieren
XianthosXianthos18.07.2010 01:18
Marlysa schrieb:
Ich denke dass in der Aufzählung von Spiele-neu-Erfindern auch Anet nicht fehlen darf. Auch dort
Ich denke dass in der Aufzählung von Spiele-neu-Erfindern auch Anet nicht fehlen darf. Auch dort werden nicht nur in Punkto Spielsystem und Engine,


Magst ja recht haben, aber dies bezüglich haben sie in letzter Zeit eh nichts neues geboten :/ Sie bleiben mehr oder weniger alten GW Model Treu.

Das einzige was ich gespannt bin, abgesehen ob sie in die Definition von MMOs reinschaffen, oder in grauzone bleiben, ist wie die Quests (Events) aussehen werden :)

@News
Ja bei mir stirbt langsam auch jegliche Hoffnung auf Vernünftiges MMO, daher wird nur noch GA / HoN gezockt :/
Zitieren
Marlysa17.07.2010 14:42
Ich denke dass in der Aufzählung von Spiele-neu-Erfindern auch Anet nicht fehlen darf. Auch dort werden nicht nur in Punkto Spielsystem und Engine, sondern natürlich auch beim Geschäftsmodell neue Wege beschritten.

Nur weil das Spiel von Beliebtheit, Spielerzahl und Berichterstattung in Mainstream-Medien für Zocker dort schon irgendwo angekommen ist, hebt sich GW (und GW 2 sicher noch mehr) nicht weniger vom üblichen MMO-Einerlei ab.
Zitieren
VoodjinVoodjin17.07.2010 14:37
Dafür habe ich einen für Cataclysm, wo ich zwangsweise als Goblin mein grünes Unwesen treibe und in
Dafür habe ich einen für Cataclysm, wo ich zwangsweise als Goblin mein grünes Unwesen treibe und in jeder Sekunde darum bemüht bin zu verstehen, warum ich so anders ticke als elfeinhalb Millionen Menschen. Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Das solltest Du beim nächsten Artikel unbedingt aufgreifen, den ich würde gerne wissen, was Du damit meinst. :D

Ansonsten, echt klasse Artikel. Macht weiter, ich freu mich jedes mal, wenn eine Folge (?^^) da ist. :)
Zitieren