Die gamescom wirft ihre Schatten in diesem Jahr weit voraus. Vor allem in der Sparte der Onlinespiele herrscht ungeahnte Betriebsamkeit in allen Lagern. E-Sportler bereiten sich für die entscheidenden Spiele vor, Gilden auf die Party des Jahres und die Publisher klöppeln nicht nur ihre Stände, sondern auch das eine oder andere schmucke Video zusammen. Ein paar davon hat wiped! schon jetzt aufgespürt.

Jede Berufsgruppe hat ihre eigenen Traditionen, insbesondere wenn es um Begrüßung oder Abschied geht. Am Theater wünschen sich Schauspieler mit “toi, toi, toi” eine gute Show, Bergleute mit “Glückauf” eine sichere Rückkehr aus dem Schacht und Jäger mit “Waidmannsheil” besonders fette Beute. Und wenngleich die Gaming-Branche noch vergleichsweise jung ist, hat sich auch hier mittlerweile ein einheitlicher Gruß zum Abschied herausgebildet: “See you in Cologne”.

Age of Wulin - ein dicker Fisch für gPotato

Richtig bewusst wurde mir das erstmals, als ich mich in der vergangenen Woche im Europa-Hauptquartier von Gala Networks in Dublin herumtrieb, wo dieser Wunsch zum Abschied mittlerweile zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Und falls ihr Gala Networks nicht kennt - das sind die Jungs und Mädels hinter gPotato, die bislang mit Spielen wie Allods, Flyff oder Dragonica eher ein Nischendasein führen - wenngleich ein relativ erfolgreiches.

Das hat aller Voraussicht nach jedoch schon bald ein Ende, denn mit Age of Wulin bekommt der Publisher einen Titel ins Programm, der sich augenscheinlich mit den besten Spielen der Branche messen kann. Diesen Eindruck brachte ich schon mit nach Irland und fand ich dann spätestens nach der kleinen Präsentation von Arash Amini, der den Titel als Produzent bei Gala voller Begeisterung betreut, auch mehr als bestätigt.

Age of Wulin – Legend of the Nine Scrolls - Trailer


Video pfui, Gameplay hui!
Doch das Spiel ist zu komplex und die Kolumne nicht der richtige Ort, um hier ausschweifend darüber zu berichten - das werde ich demnächst in einem ausführlichen Artikel tun. Nur so viel vorab: Das zugegeben eher langweilige Video in der letzten Ausgabe hat nicht Gala zu verantworten. Dort arbeitet man gerade an einem eigenen Filmchen, das pünktlich zur gamescom fertig sein soll.

Und, was noch weit interessanter ist als irgendwelche Trailer: Age of Wulin wird anscheinend tatsächlich das erste waschechte Sandbox-MMO der nächsten Generation, das auf dem Markt aufschlägt und das auf eine ungeahnt große Fangemeinde treffen dürfte. Denn seit Ende der 90er Jahre harren Hunderttausende von Veteranen geduldig darauf, endlich wieder nach Herzenslust und ohne typische Themepark-Einschränkungen im virtuellen Sand buddeln zu dürfen.

Dem historischen Kampfkunst-MMO dürfte das in jedem Fall einen nicht zu verachtenden Vorsprung verschaffen und gleichzeitig jede Menge gelangweilte Themepark-Jünger von den Vorteilen einer Sandbox-Welt überzeugen. Dass Age of Wulin dabei auf dem free-to-play-Geschäftsmodell basiert, könnte sich durchaus als Vorteil erweisen - sofern Gala den Shop nicht durch eine ausufernde Preispolitik in den Sand setzt. Doch für diesen Fall behalte ich mir vor, wieder nach Dublin zu fliegen, um Arash Amini dort gehörig auf die Füße zu treten.

ArcheAge - der Sandkasten wird filmreif

Und auch für ArcheAge könnte sich ein Erfolg von Age of Wulin durchaus als Vorteil erweisen, denn wenn es um Onlinespiele geht, belebt Konkurrenz tatsächlich das Geschäft. Die Lust am Zocken verstärkt sich, je mehr Spaß man bereits hat und ein echter Hardcore-MMOler beschränkt sich selten auf ein einziges MMO - schon gar nicht, wenn der Account auch ohne Abo immer verfügbar bleibt.

Selbst wenn der Publisher hier im Westen noch nicht einmal feststeht, sollten sich die Jungs hinter ArcheAge schon mal Gedanken darüber machen, ob sie ihre Sandbox nicht auch free to play anbieten wollen. Insbesondere bei Sandbox-Games mit unzähligen Skills und Berufen ließe sich der eine oder andere Euro verdienen, ohne gleich das Balancing im Sandkasten in eine Schieflage zu bringen. Wie erfolgreich Spiele mit fairen Shops sein können, beweisen derzeit bereits MOBA-Titel wie League of Legends und Heroes of Newerth.


Gedanken hat man sich zumindest schon mal darüber gemacht, wie man ArcheAge ordentlich präsentieren kann und offensichtlich scheut man dabei auch keine Kosten und Mühen. Denn bei dem CGI-Schnipsel, den wir in der vergangenen Woche gesichtet haben, handelt es sich der Tradition nach nur um einen kleinen Ausschnitt aus einem längeren Film, den wir dann hoffentlich in voller Länge auf der gamescom bewundern dürfen.

PlanetSide 2 - Action pur

Ebenfalls noch nicht ganz komplett soll angeblich der Clip zu PlanetSide 2 sein. Mit diesem Online-Shooter will sich der schwächelnde Publisher Sony Online Entertainment wieder nach ganz nach oben katapultieren und hat, um ein Zeichen zu setzen, die Profis von Blur für die Erstellung des Trailers verpflichtet. Das hat zwar den Nachteil, dass man keine neuen Spielszenen zu sehen bekommt, beschert uns aber immerhin ein stimmungsvolles Action-Filmchen, das Lust auf den finalen Titel macht.

PlanetSide 2 - Death is No Excuse Trailer


PlanetSide 2 erscheint, und das mag angesichts des Publishers durchaus verwundern, für den PC und nicht für die hauseigenen Konsolen. Das hat allerdings einen Grund, denn so kommt man sich nicht mit CCP in die Quere, die ja bekanntlich eine enge Partnerschaft mit Sony eingegangen sind, um das EVE-Shooter-Spin-off Dust 514 exklusiv für die PS3 zu entwickeln.

Smedley wirbt für free to play

Ob PlanetSide 2 dann in der spielerischen Praxis halten kann, was der Trailer von Blur optisch und akustisch verspricht, werden wir vermutlich spätestens auf der gamescom erfahren. SOE-CEO John Smedley ist sich seiner Sache schon mal sicher und will in einem Vortrag auf der nächste Game Developer’s Conference einmal mehr die Vorteile des free-to-play-Modells unterstreichen.

Bleibt zu hoffen, dass dieser Schuss nicht nach hinten losgeht, denn viele Smedley-Kritiker gehen davon aus, dass der CEO seinem Unternehmen mit der neuen Ausrichtung einen Bärendienst erwiesen hat und weder die Umstellung auf free to play noch die Kooperation mit dem recht jungen Publisher ProSiebenSat.1 Games langfristig verhindern können, dass sich der einst so erfolgreiche MMO-Publisher weiter ins Abseits manövriert.

Warface - eine starke Allianz

Und wenngleich man sich mit CCP nicht in die Quere kommt, so wird der Markt derzeit doch von unzähligen anderen Online-Shootern überschwemmt, die allesamt free to play erscheinen. Einer davon ist Warface, das im Gegensatz zu PlanetSide 2 zwar keinen Vorgänger mit großem Namen hat, dafür allerdings von zwei Unternehmen veröffentlich wird, die für eine gewisse Qualität stehen.

Das Spiel selbst wird nämlich von Crytek entwickelt und soll - wie zu erwarten war die Möglichkeiten der CryENGINE 3 voll ausreizen und Koop-Schlachten ebenso bieten wie actionreiche PvP-Kämpfe. Und weil Crytek wenig Erfahrung hat, was das Publishing von Onlinespielen betrifft, hat man sich mit Trion Worlds den denkbar besten Partner gesucht, dem ein weiterer Titel, angesichts der geplanten eigenen Gaming-Plattform Red Door, durchaus wie gerufen kommen dürfte.

Defiance - Klappe, die Erste!

Spätestens auf der gamescom wird sich Trion dann allerdings auch der Frage stellen müssen, ob und wie man verhindern will, dass sich Warface mit dem hauseigenen Sci-fi-Shooter Defiance in die Quere kommt. Der erscheint übrigens bereits im kommenden April. Er darf sich auch keinesfalls verspäten, da der Sender SyFy bekanntlich parallel mit der Ausstrahlung der gleichnamigen Serie beginnen wird, für die in dieser Woche die Dreharbeiten begonnen haben.

Für Europäer stellt sich allerdings einmal mehr die Frage, ob und wie die Spieler hier in den Genuss der Serie kommen werden - ob man eine Kooperation mit einem Fernsehsender sucht, ob die Folgen übersetzt sind, ob man sie auch via Internet streamen wird und wie das alles terminlich und rechtlich ohne Probleme über die Bühne gebracht werden kann, ohne dass die GEMA mit ihrer krassen Rechtsauffassung und -Befugnis die so ambitionierten Pläne vereitelt. All das sind Fragen, mit denen wir die Jungs von Trion auf der gamescom konfrontieren werden.

Defiance - The Making Of


WarZ - auf der Welle des Erfolgs
Noch ungewiss ist außerdem, ob wie auf der gamescom überhaupt etwas über WarZ erfahren werden, dem ersten Onlinespiel, das auf dem Prinzip der derzeit unglaublich erfolgreichen Arma-2-Mod DayZ basiert. WarZ soll ein Standalone-Game für bis zu 200 Spieler pro Server werden und für 25 Euro angeboten werden - also etwa zum gleichen Preis wie Arma 2.

Darüber hinaus will man noch diverse Skins und Booster via Itemshop an die Überlebenskünstler bringen. Wie und ob sich die Community damit anfreunden kann oder ob man nicht doch eher dem Original treu bleiben wird, dürfte letztlich in den Händen des DayZ-Erfinders “Rocket” liegen, der es angesichts der nahenden Konkurrenz jetzt doch recht eilig haben dürfte, sein kultiges Survival-Spiel halbwegs bugfrei aus der Alpha zu bringen.

Final Fantasy XIV - Square gibt nicht auf

Ungleich mehr Arbeit hat da schon Square-Enix. Seit Kultentwickler Hiromichi Tanaka mit Final Fantasy XIV seinen bisher erfolglosesten Titel veröffentlichte, arbeitet man beim Publisher - mittlerweile ohne den Verantwortlichen Tanaka - unermüdlich daran, das Spiel irgendwie auf Vordermann zu bringen.

Final Fantasy XIV: A Realm Reborn - "Das Schicksal Eorzeas"-Trailer


Mit Versionsnummer 2.0 soll das endlich gelingen und so trägt das Update dann mit “A Realm Reborn” auch gleich noch einen Titel, der nicht weniger verheißt als eine Neugeburt des so oft totgesagten Spiels. Und weil Worte längst nicht so glaubhaft rüberkommen wie bewegte Bilder, unterstreicht man die Ernsthaftigkeit des Vorhabens auch gleich mit einem brandneuen CGI-Trailer, der allerdings nichts darüber verrät, welche Änderungen das Spiel nun konkret erfahren soll. Doch auch dafür gibt es ja die gamescom.

Ausblick

Deren langer Schatten wird uns auch in der nächsten Woche noch so manche Überraschung und so manchen Filmschnipsel bescheren, die wir euch natürlich nicht vorenthalten werden. Und wer glaubt, sich bis dahin und insbesondere an diesem Wochenende zu langweilen, der sollte mal einen Blick auf die offizielle Seite von The Secret World werfen. Das feiert nämlich sein erstes Monatsjubiläum und öffnet die Pforten zu Kingsmouth und all den anderen seltsamen Orten tatsächlich für alle Interessierten kostenlos - zumindest das kommende Wochenende über.

Vielleicht sehen wir uns ja in Kingsmouth - spätestens lesen wir uns aber in der nächsten Ausgabe von wiped! am kommenden Samstag wieder. Bis dahin verabschiede ich mich, weil es sich mittlerweile in der Branche so gehört, mit einem standesgemäßen “See you in Cologne!”.