Was haben Hautunreinheiten mit Computerspielen zu tun? Was hat 8-Bit-Grafik in einer modernen Onlinewelt zu suchen? Und warum könnte die Unterhaltungsbranche getrost auf den Berufszweig der Autoren verzichten? Unser Kolumnist findet auch in dieser Woche wieder Antworten, die keiner hören will - auf Fragen, die niemand gestellt hat.

Guild Wars 2 - "WTF!?"

Ich greife ja nicht oft zu rabiaten Szenefloskeln. Als ich in der vergangenen Woche jedoch mit den Jungs von ArenaNet auf deren Ventrilo-Server hockte und in Guild Wars 2 einloggte, klappte mir die Kinnlade so weit runter, dass ich nichts anderes mehr hervorbrachte. "WTF is that?" Ein Grafikfehler? Eine Minecraft-Mod? Oder einfach nur ein Aprilscherz?

Um nichts von alldem handelt es sich bei der Super Adventure Box, die dem MMOG im aktuellen Update hinzugefügt wurde, sondern um eine Instanz, die die Herzen mancher Fans der 8-Bit-Ära höher schlagen lassen wird. So diplomatisch möchte ich es mal ausdrücken, denn außer mir und den Entwicklern befand sich ein halbes Dutzend internationaler Fachjournalisten im Ventrilo - namhafte Experten, die allesamt begeistert schienen.

Glück, Stolz und ein ungutes Gefühl

Guild Wars 2 hat jetzt also eine Retro-Instanz, in der man die Welt im 8-Bit-Look erkunden darf, über Pilze, Schildkröten und Krokodile hüpfen muss, um eine Prinzessin aus den Klauen des bösen Ritters zu befreien - oder etwas in der Art. Ich wollte auch kein Spielverderber sein und so schloss ich mich dem illustren Trüppchen an und wir zogen zwei Stunden lang im harten Modus durch die seltsame Welt, bis der fiese Froschkönig geschlagen war.

Guild Wars 2

- Guild Wars 2 goes Minecraft: der coole 8-Bit-Retromodus
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Die Macher von Guild Wars 2 haben eingeladen, uns eine Führung durch brandneuen Content zu geben. Mal sehen, was uns erwartet… Gestatten, Ranger O - vom Chef-GM persönlich auf 80 gelevelt.
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Am Ende unseres kleinen Ausflugs schienen die Kollegen glücklich, die Entwickler stolz. Ein kleines Team hatte seit einigen Monaten an der Super Adventure Box gearbeitet und, das merkt man der seltsamen Welt an, alle Kindheitsträume und Erinnerungen mit einfließen lassen. Und trotz aller Anerkennung, die ich Josh Foreman und seinen Leuten für den Enthusiasmus zollen muss, mit dem sie da zu Werke gegangen sind - das ungute Gefühl in mir wollte nicht weichen.

Quo vadis, Guild Wars?

Wahrscheinlich bin ich wieder einmal eine Ausnahme innerhalb der Branche und sicher gehöre ich als Hardcore-Gamer nicht unbedingt zur Zielgruppe, die ArenaNet mit Guild Wars 2 ins Visier genommen hat, doch erlaube ich mir meine Zweifel zu äußern, ob die enormen Ressourcen, die man in diese neue Hüpfwelt hat einfließen lassen, an anderer Stelle nicht wesentlich besser untergebracht gewesen wären.

Die Super Adventure Box ist ein Minispiel, das seine Fans finden wird, keine Frage. Doch die Motivation, es mehrfach zu durchlaufen ist trotz der Belohnungen eher gering. Und wenn ich gleichzeitig daran denke, dass das Team in der gleichen Zeit mit dem gleichen Einsatz das Welten-PvP hätte reparieren können, empfinde ich eine Mischung aus Wut und Trauer.

Meta statt mini
Auch ich bin alt genug, um mich der 8-Bit-Ära zu entsinnen. Auch ich hüpfte einst mit Mario und Giana über Klötzchenwesen und sammelte begeistert Blubberbläschen. Doch wenn mich heute die nostalgische Stimmung heimsucht, greife ich eben zu jenen alten Titeln oder spiele echte Neuauflagen wie Giana Sisters: Twisted Dreams.

Wenn ich hingegen in Guild Wars 2 einlogge, erwarte ich ein MMOG, eine halbwegs glaubwürdige Welt, ein Meta- und kein Minigame. Ich erwarte keine wiederholbaren Hüpfabenteuer mit einem spitzen Stock, sondern ordentliche Schlachten mit epischen Waffen und Skills. Wobei es noch einen kleinen Hoffnungsschimmer gibt: Bevor man nun weitere Ressourcen in die Super Adventure Box steckt, will ArenaNet die Reaktion der Fans abwarten.

Von den Casual-Gamern kam die prompt und man ist mehrheitlich begeistert, freut sich über diesen kurzfristig kurzweiligen Aprilscherz und fordert lautstark mehr davon. So laut, dass die Stimmen der verärgerten Core-Gamer dazwischen kaum noch zu vernehmen sind. Schade eigentlich, doch wie heißt es so schön: Man kann es nicht allen recht machen und möglicherweise fährt ArenaNet mit dieser Ausrichtung wirtschaftlich sogar besser. Den 8-Bit-Fans sei der Spaß auf jeden Fall gegönnt - bei mir ist Guild Wars 2 allerdings vorerst von der Platte geflogen.

Immer locker bleiben!

Manch einer hat mich auch schon darauf hingewiesen, dass ich oft viel zu ernst bin, was mein Hobby betrifft. Und tatsächlich - entgegen aller Trends hasse ich es, mehr als einen Charakter pro Spiel zu erschaffen, und neige dazu, mich mit dem einen zu identifizieren. Zwar bin ich kein klassischer Rollenspieler, doch trete ich in der virtuellen Welt gemeinhin weit aggressiver und hinterhältiger auf, als ich es in der realen Welt bin.

Wenn es die Spielwelt erlaubt, sammle ich eine Schar von talentierten Kämpfern um mich und breche einen virtuellen Krieg vom Zaun, sobald ein potentieller Feind unangenehm auffällt. Kriege festigen das Clangefüge und sieben Egoisten aus. Wenngleich innerhalb des Teams Ordnung und Koordination vorherrschen, bringen wir Chaos über unsere Feinde. In der Sandbox nennt man so etwas dann User-Generated-Content und die Geschichten, die ich und meine Clanmitglieder zu erzählen haben, sind tatsächlich grandioser Stoff für jedes Lagerfeuer.

EVE Online - braucht keine Autoren

Bei CCP weiß man das natürlich längst, denn auch EVE Online gibt den Spielern alle Möglichkeiten, sich in jeder erdenklichen Weise im Spiel zu verwirklichen - sei es nun als Händler, Erzschürfer, Pirat, Fraktionskrieger oder Eroberer, der mit einer Allianz aus Tausenden Angst und Schrecken in New Eden verbreitet. All das Drama und die spektakulären Geschichten rund um EVE Online stoßen oft auch bei jenen auf Interesse, die selbst gar nicht in der Weltraum-Sandbox unterwegs sind.

Wiped! - Die MMO-Woche

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Und weil Internet-Inhalte höchst flüchtig sind und der Wert solcher Geschichten unermesslich, startet CCP jetzt eine Initiative namens True Stories. Dabei handelt es sich um eine Art von Archiv an wahren Begebenheiten aus der Welt von EVE Online und allen daran angeschlossenen Kanälen, das CCP mit den Spielern gemeinsam füttern will

Auch was die konkrete Nutzung dieser Inhalte betrifft, hat man schon genaue Vorstellungen. Man habe erste Kontakte zu unterschiedlichen Medien geknüft und denke darüber nach, die spielergenerierte Geschichte von EVE Online in Büchern, Comics und sogar als Film oder Fernsehserie zu verwerten, heißt es aus dem isländischen Hauptquartier von CCP.

Defiance - Werbung auf allen Kanälen

CCP verfolgt damit das gleiche Ziel wie Trion Worlds mit dem Multimedia-Projekt Defiance - allerdings nähert man sich von der entgegengesetzten Richtung, denn in Defiance erleben die Spieler den von den Autoren generierten Inhalt und ihre Möglichkeiten, auf die virtuelle Welt Einfluss zu nehmen, sind dabei derzeit noch äußerst beschränkt.

Und obwohl das Spiel seit dieser Woche verfügbar ist, lässt sich derzeit nur darüber spekulieren, wie Serie und Onlinewelt voneinander profitieren, denn Syfy strahlt den Pilotfilm erst am 16. April aus und von da an immer dienstags ab 20:15 Uhr und hoffentlich dann auch gleich via Stream, den mir die Jungs von Trion zwar zugesichert haben, dessen Umsetzung letztlich jedoch vom Bezahlsender Syfy abhängt, der wahrscheinlich kein großes Interesse daran haben dürfte, seine teuerste Eigenproduktion kostenlos anzubieten.

Microsofts wundervoll kompliziertes Biest

Verweigert Syfy den Stream, steht auf jeden Fall noch mehr Ärger ins Haus, denn ohnehin kämpft man bei Trion derzeit gegen die Tücken der Technik an, die den Spielspaß in den letzten Tagen immer wieder trübten. Insbesondere auf dem Xbox-Cluster, das Trion-Techniker als “wundervoll kompliziertes Biest” bezeichnen, ist Defiance derzeit vor lauter Lag und allerlei damit verbundener Bugs kaum spielbar.

Die gleichen Phänomene übrigens, die ich während meines Besuchs in San Francisco auf der Xbox erleben musste, auf die ich Trion auch hinwies und die demnach nicht aus heiterem Himmel gekommen sind. Ein verspätetes Release allerdings verbot schon die erwähnte Kooperation mit Syfy, zumal die Handlung im Spiel als eine Art Prolog für die Serienhandlung dient.

Überstunden bei Trion Worlds

Immerhin läuft Defiance bis auf die sporadisch auftretenden Server-Crashes auf dem PC recht stabil und die ersten Spieler haben sich auch schon komplett durch das virtuelle San Francisco geschlagen - in durchschnittlich 35 Stunden. Zu wenig für ein MMOG, aber in Ordnung für einen Online-Shooter ohne Monatsgebühren. Zudem will Trion mit Start der TV-Serie weitere Inhalte freischalten, in denen sich der Spieler wieder an die Serienhandlung heranspielt.

Wiped! - Die MMO-Woche

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Eine wirklich verbindliche Aussage und einen ausführlichen Test können wir also erst dann liefern. Vorab sei aber schon mal gesagt, dass Defiance als Mischung aus MMOG und Shooter auf jeden Fall ein ganz netter Zeitvertreib ist, der ein wenig an Borderlands 2 und Tabula Rasa erinnert, dem man aber anmerkt, dass er etwas übereilt veröffentlicht werden musste. Als Publisher genießt Trion Worlds jedoch ein gewisses Vertrauen in der Community und gelobt zudem, dass man auf Hochtouren an Spiel und Technik arbeitet.

Neverwinter - am 01. Mai nach Neverwinter

Etwas entspannter will und kann man es da bei Perfect World und Cryptic angehen und datierte den offenen Betatest aktuell auf den 30. April. Bis dahin will man auch das Crafting noch perfektionieren und weiter an der Foundry arbeiten - jenem mächtigen, aus Star Trek Online bekannten Werkzeug, mit dem die Spieler ganze Questreihen selber entwerfen und im Spiel verfügbar machen können.

Und wer, wie ich selbst, eine Allergie gegen Wiederholungen und gelöschte Ereignisse in virtuellen Welten hat, der wird sich über die offizielle Mitteilung freuen, dass es nach dem Start der offenen Beta keinen Charakter-Wipe mehr geben soll. Und so wird ein Teil der MMOG-Community den 01. Mai in diesem Jahr mit Sicherheit in Neverwinter begehen.

Darkfall Unholy Wars - echt jetzt?

Und dann wäre da noch der Relaunch von Darkfall Unholy Wars am 16. April. Der Termin ist allerdings mit Vorsicht zu genießen, da sich Aventurine, was Ankündigungen betrifft, in der Vergangenheit als nicht gerade verlässlich erwiesen hat und die Community nach mehreren gescheiterten Anläufen langsam aber sicher die Geduld mit dem griechischen Studio verliert.

Firmenchef und Chefentwickler Tasos Flambouras will die neu aufgelegte Sandbox jetzt auf jeden Fall an den Start bringen und verkündete aktuell, dass man auch die letzten Features, an denen noch gearbeitet wird, mittlerweile so weit im Griff habe, dass man bereit für ein Release sei. Bei Unholy Wars setzen die Entwickler auf Recyling von Beutegut in Verbindung mit einem umfangreichen Crafting-System samt jener Marktmechanismen, wie sie nur in einer Sandbox existieren.

Age of Wushu - befreie deinen Geist!

Überhaupt werden Sandbox-Fans in diesen Tagen über das Gewohnte Maß hinaus verwöhnt, denn auch Age of Wushu, das in nicht absehbarer Zukunft auch in Europa als Age of Wulin erscheinen könnte, feiert in diesem Monat sein Release - am 10. April, um genau zu sein. Dann endlich wird es den Spieler möglich sein, mehr als eine Stunde pro Tag in der stimmungsvollen Welt zu verbringen, mit der auch ich mich langsam, aber sicher angefreundet habe, die jedoch auf den ersten Blick ungewohnt kompliziert wirkt.

Doch so ist die fernöstliche Kriegskunst nun mal und gerade in der Komplexität des Spiels, die in nicht geringem Maße an EVE Online erinnert, liegt auch ein großer Reiz. Ein Reiz, der sich übrigens auch auf das PvP erstreckt. Zu dem wurde in Asien bereits ein erstes Turnier veranstaltet, bei dem der Gewinner nicht nur mit umgerechnet 161.000 Dollar Preisgeld nach Hause ging, sondern auch die Anerkennung von Jet Li erntete.

Der bekannte Wushu-Kämpfer und Schauspieler brach dabei eine Lanze für alle Videospieler, indem er die Frage aufwarf: “Wenn Pokerspiele und Schach als Sportarten anerkannt werden, warum dann nicht auch virtuelle Spiele?” Es gebe zwei Elemente im Sport, so der Jet Li weiter, ein physisches und ein mentales und er sei davon überzeugt, dass die Teilnehmer virtueller PvP-Events die gleiche mentale Leistung zu erbringen hätten wie körperlich aktive Athleten.

Activision - erschreckender Realismus

Und noch einen Vorteil hat die virtuelle Welt: Avatare zeigen keine Spur von Alterungserscheinungen. Zumindest noch nicht, denn mittlerweile haben einige Entwickler erkannt, dass das unglaubwürdige Äußere von an sich ästhetischen Avataren meist mit der Perfektion einhergeht. Wie überraschend realistisch hingegen virtuelle Gesichtszüge wirken können, wenn man sie mit menschlichen Makeln ausstattet, hat uns der Charakter-Editor von EVE Online erstmals vor Augen geführt.

Doch auch anderorts arbeitet arbeitet man gezielt daran, die Perfektion abzuschaffen. Auf der jüngsten Game Developers Conference stellte ein Team von Activision die ersten Ergebnisse ihrer Arbeit in einem Video vor und versetzten die versammelte Zuschauerschaft damit nicht nur in Erstaunen, sondern jagtem dem einen oder anderen sogar einen Schauer über den Rücken.

Was diese Technologie für die MMOG-Branche bedeutet, welche Chancen sie Entwicklern und Spielern in Zukunft eröffnen könnte, darüber lässt sich natürlich vortrefflich spekulieren und philosophieren - allerdings nicht mehr in dieser Ausgabe von Wiped, die wieder einmal viel umfangreicher geworden ist als geplant...