Das MMO-Jahr 2012 droht zu einem Desaster zu werden. Trotz ordentlicher Verkaufszahlen bricht ein Titel nach dem anderen ein, weil niemand mehr lange in einer Welt verweilen möchte. Die ersten Publisher geraten in Panik, schalten einzelne Titel ab, schließen Studios, entlassen radikal Mitarbeiter. Nach einer kurzen Blütezeit scheint die Branche an einem neuen Tiefpunkt angelangt und diesmal sind die Spieler nicht ganz unschuldig daran.

Dabei fing in diesem Jahr alles so vielversprechend an. Star Wars: The Old Republic ging gerade die Puste aus, als auch schon TERA erschien und mit seinem Kampfsystem und der grandiosen Optik für eine Weile wirklich Laune machte. Doch auch ein Fadenkreuz allein ersetzt letztlich kein Endgame und als nach einigen Wochen die Langeweile einkehrte, verabschiedeten sich die meisten Spieler wieder.

Nicht so schlecht wie sein Ruf

Ein paar wenige warteten auf The Secret World, das zwar kaum einen Käufer enttäuschte, den Hersteller dafür umso mehr. Rechnet man damit, dass von den 200.000 Käufern auch nur ein Viertel das Spiel nach zwei, drei Monaten zur Seite legt, kommen harte Zeiten auf das norwegische Studio zu, und es sind nicht nur die drei laufenden Titel gefährdet, sondern auch etwaige Neuentwicklungen.

Das ist furchtbar schade, denn The Secret World ist bei weitem nicht so schlecht wie sein Ruf. In einem Facebook-Kommentar erklärte der ehemalige Community-Manager Waldgeist, das Marketing sei nicht ausreichend gewesen, es habe keinen Hype gegeben. Das ist teilweise richtig, allerdings hatte Funcom schon den Release-Termin derart ungünstig gewählt, dass ein Hype auch gar nicht hätte entstehen können.

Wiped! - Die MMO-Woche - Panik in der Branche

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Secret World: Leider konnte es nur 200.000 Käufer anlocken.
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Der Stärkere gewinnt

Denn gleichzeitig haben militante Teile der Community von Guild Wars 2 einen ganz eigenen Hype angefeuert, der tatsächlich geeignet war, jedwede Bemühungen von anderen Publishern oder Fans im Keim zu ersticken. Wer es in den Teamspeak-Kanälen oder Foren großer Gilden wagte, überhaupt nur von The Secret World zu sprechen, wurde untergebuttert und auch in den Steam-Foren wurde aggressivst gegen TSW Stimmung gemacht und vor einem Kauf gewarnt.

Und so lernen wir aus der Funcoms Misere, dass ein Hype für den Erfolg eines Spiels wichtig ist, allerdings gar nicht erst entstehen kann, wenn er von einem größeren überlagert wird. Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, dass Funcom es irgendwie doch noch packt - wobei die aktuelle Entlassung von Lead-Designer Martin Bruusgaard zeigt, wie dünn die Luft da oben in Oslo mittlerweile geworden ist.

Guild Wars 2 - Ärger im Hause NCsoft?

Derzeit kann noch immer niemand genau sagen, wie erfolgreich Guild Wars 2 mit seinen zwei Millionen Käufern tatsächlich ist und wie viele Miktrotransaktionen die Spieler jetzt monatlich über den Shop abwickeln müssen, damit die mit Sicherheit knapp kalkulierte Rechnung aufgeht und ArenaNet auch weiterhin ordentlich Geld für die Erweiterungen übrig hat.

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Vernachlässigt NCsoft zugunsten von Guild Wars 2 den Rest?
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Sicher ist: das alternative Geschäftsmodell, das zwar ohne Monatsgebühren auskommt, nicht aber ohne Kaufpreis und Ingame-Shop, ist nicht nur Tradition, sondern auch eine Kampfansage an die Konkurrenz und der generell schwierigen Lage im Genre geschuldet, in dem ein Gelegenheitsspieler mittlerweile locker seine komplette Freizeit totschlagen kann, ohne auch nur einen müden Cent auszugeben.

Allerdings macht man sich selbst im eigenen Hause nicht nur Freunde mit dem Zugeständnis an die Spielerschaft, denn mit WildStar und Blade & Soul stehen bereits die nächsten MMOs von NCsoft in den Startlöchern und deren Entwickler werden kaum begeistert sein, wenn ausgerechnet ihre Kollegen von ArenaNet es sind, die ihnen ein lukratives Geschäftsmodell verbaut haben.

WildStar - Wink mit dem Telegrafenmasten

Überhaupt werden die kritischen Stimmen in der Community mittlerweile lauter, die danach fragen, wen NCsoft mit WildStar eigentlich ansprechen möchte und wodurch sich das Spiel vom Rest abheben soll. Grafisch klar am mininalistischen Stil von World of Warcraft orientiert, wirkt es auf den ersten Blick nicht gerade wie ein Innovationswunder.

Auch das aktuelle Video trägt nicht unbedingt dazu bei, Begeisterungsstürme bei den Online-Spielern auszulösen. Die Umgebung wirkt steril, Charaktere und Monster wurden gleichermaßen kind-, aber kaum erwachsenengerecht gestaltet und der Kampf erscheint ebenso statisch und anspruchslos wie bei den unzähligen MMOs auf den Markt. Da reicht es auch nicht, dass man auf die “Telegraphs” am Boden aufpassen und seine Bewegung darauf ausrichten muss.

In seiner jetzigen Form wird sich WildStar im kommenden Jahr kaum ordentlich verkaufen und mit Monatsgebühr betreiben lassen. Überhaupt fällt es mir schwer nachzuvollziehen, wie sich ein solch klassiches Story-Themepark-MMO finanzieren soll. Selbst wenn man auf Miktrotransaktionen setzt - der Markt ist gesättigt, Alleinstellungsmerkmale bislang nicht erkenntlich.

NCsoft - ist der Ruf erst ruiniert...
Erschwerend kommt hinzu, dass NCsoft West in den letzten Jahren beharrlich daran gearbeitet hat, den eigenen Ruf immer weiter zu beschädigen. Lineage 2 und Aion hat man in Europa derart schlecht betreut, dass der südkoreanische Mutterkonzern die Notbremse gezogen hat und die Titel lieber an Drittanbieter abgegeben hat, als sie von der eigenen Tochter weiter betreiben zu lassen.

Außerdem hat NCsoft West mit der gnadenlosen Abschaltung von Auto Assault und Tabula Rasa bewiesen, wie wenig Respekt man im Umgang mit der eigenen Community zeigt. Wenn sich ein Titel nicht lohnt, wird er abgeschaltet. Wie blanker Hohn muss für die obdachlos gewordenen Fans in diesem Zusammenhang die Aussage von NC-Töchterchen ArenaNet klingen, dass das Hosten eines MMOs heutzutage keinen nennenswerten Kosten mehr verursache.

City of Heroes - Dinner for all

Umso wütender sind in diesen Tagen die Fans des Superhelden-MMOs City of Heroes, das nach fünf halbwegs erfolgreichen Jahren ebenfalls vom Netz genommen werden soll, weil man sich bei NCsoft jetzt eher für Guild Wars 2 und WildStar interessiere, so zumindest der nicht ganz unbegründete Vorwurf der verbliebenen Spieler.

Und um zu beweisen, dass man noch immer über eine ebenso kampfstarke wie zahlungskräftige Community verfügt, proben die Spieler in diesen Tagen allerlei Aufstände im Spiel selbst - haben eine Art Occupy-Bewegung in Paragon City gegründet, die das klare Ziel hat, die virtuelle Superheldenwelt irgendwie doch noch zu retten.

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Bald weg vom Fenster: City of Heroes.
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Große Solidarität beweist man dabei vor allem mit den Entwicklern. Nachdem TonyV, Rädelsführer der aufständischen Spielerschaft, einen Spendenaufruf für die möglicherweise bald Hunger leidenden Entwickler gestartet hatte, waren innerhalb kürzester Zeit 1000 Dollar zusammengekommen - mit denen man das komplette Team von Paragon zum Dinner einlädt - zu einer Art Henkersmahlzeit also, bevor NCsoft den Schalter umlegt.

SWTOR - Lead-Designer auf der Flucht Suche

Ja, so weit ist es schon gekommen in der einst so aufstrebenden Branche, die nach dem letzten Goldrausch längst wieder von einer tiefen Depression gebeutelt wird. Selbst namhafte Spieldesigner wie Funcoms Martin Bruusgaard verlieren ihren Job und kehren der Branche den Rücken oder suchen schon mal auf eigene Faust etwas Neues, bevor sie ihre offiziellen Entlassungspapiere in den Händen halten.

So wohl auch Daniel Erickson, seines Zeichens Lead-Designer und Creative-Director bei BioWare in Austin. In seinem Profil auf der Karriere-Seite LinkedIn gibt der Mann hinter Star Wars: The Old Republic jetzt zumindest an, “aktiv auf der Suche nach neuen Herausforderungen” zu sein - kein gutes Omen für die Zukunft der alten Republik, die wegen der geringen Nachfrage bald ohne Monatsgebühren auskommen muss.

EVE Online - Abschied von Vile Rat

CCPs Weltraum-MMO muss das nicht, denn die Sandbox-Mechanik bindet und motiviert die Spieler dauerhaft in New Eden und sorgt selbst nach neun Jahren Betrieb noch für wachsende Spielerzahlen - übrigens mehr als doppelt so viele, wie Funcom beim nagelneuen Titel The Secret World zählt - mit nach wie vor steigender Tendenz.

Und weil in einer Sandbox jede gute oder schlechte Tat eine Auswirkung auf die virtuelle Welt hat und man sich nach vielen gemeinsamen Jahren kennt, trauert man tatsächlich um jeden Spieler, der die Welt verlässt. Besonders trauert man in diesen Tagen um Vile Rat, einen stets diplomatisch agierenden Offizier in EVE Online und ein ehemaliges Mitglied des Spielerrats.

Vile Rat, der im wahren Leben eigentlich Sean Smith heißt, war einer der vier Beamten, die am Mittwoch in der US-Botschaft in Benghazi jenem Anschlag radikaler Islamisten zum Opfer gefallen sind, der die Nachrichten der vergangenen Woche bestimmt hat. Und so zerstritten man im Spiel selbst auch bisweilen sein mag, so beweist die Community in diesem Fall doch ausgesprochen viel Reife, drückt geschlossen ihr Beileid aus und sammelt für die Hinterbliebenen.

Herbststimmung
Und worauf, fragt sich mancher MMO-Fan derzeit, sollen wir uns eigentlich in Zukunft freuen? Worauf lohnt es sich zu warten? Die bedeutsamsten Titel sind nun erst einmal veröffentlicht - und die ganz große Hoffnung, endlich eine Welt zu finden, in dem man sich dauerhaft ansiedeln könnte, wurde wieder einmal enttäuscht.

Doch wer weiß - wenn es die Großen nicht mehr bringen, schafft es vielleicht ein kleines Studio und begeistert uns mit jenem Langzeitspielwert, den alle jüngeren Titel missen lassen. Im Oktober erwartet uns Age of Wulin und in Südkorea geht die umjubelte Sandbox ArcheAge mit Pauken und Trompeten in die fünfte Betarunde.

MOBAs als unterhaltsame Lückenfüller

Und dann wären da noch End of Nations, Defiance, Neverwinter, Dust 514, PlanetSide 2 und eine ganze Reihe von MOBAs wie DotA 2 und SMITE, War Thunder, World of Warplanes und viele weitere, die in den kommenden Monaten aufschlagen und uns zumindest zeitweise beschäftigen werden.

Langweilig wird uns also nicht werden - zudem wir auch immer mal wieder einen Blick auf Kickstarter werfen können, wo einige kleinere Studios mittlerweile tatsächlich genügend Geld sammeln konnten, um ihre großen Träume konkret anzugehen. Und Träume sind auf jeden Fall eine weit bessere Voraussetzung für ein gutes Spiel als die unersättliche Gier der Publisher, die in den letzten Jahren jede Form von Kreativität im Keim erstickt hat.