Während der Westen die MMO-Produktion weitgehend eingestellt hat, kommt der asiatische Markt erst richtig in Fahrt. Und nachdem die Japaner schon ein wenig an die traditionell starken südkoreanischen Studios aufgeschlossen haben, zieht nun auch die chinesische Industrie nach und liefert erstmals eine Qualität ab, die man aus dem Land der billigen Plagiate nicht erwartet hätte.

Die westliche MMO-Branche steckt in einer tiefen Krise. Nachdem man mit den Abonnements nicht den erhofften Umsatz eingefahren hatte, war man begeistert auf free-to-play umgestiegen, nur um am Interessenkonflikt zu scheitern, der zwischen dem Publisher besteht, der möglichst viele Vorteile und Annehmlichkeiten verkaufen muss und dem Spieler, der ein absolut faires Spielerlebnis erwartet.

Das Wegwerf-MMO

Die Toleranz insbesondere der europäischen Spieler, hat Grenzen, die beinahe jedes kostenlose MMO da draußen überschreitet. Die Folge: Nach dem Release und einem kurzen Strohfeuer glimmen die meisten Titel nur noch vor sich hin, bis auch der letzte Funke Leben aus ihnen weicht und sie bis zur absehbaren Abschaltung nur noch auf Sparflamme betrieben werden.

Mit dieser Erkenntnis hatten sich in den vergangenen Jahren eine Reihe von vornehmlich chinesischen Publishern darauf spezialisiert, extrem billige MMOs zu produzieren und sie mit opulenten Mikrotransaktionen auf den Markt zu werfen, mit denen sich die Spieler an die Spitze der Rangliste kaufen können. Weniger als 50.000 Dollar kostet ein solches MMO in der Entwicklung, 250.000 Dollar spielt es innerhalb der zwei relevanten Wochen nach Release ein.

Höchstleistungen zum Hungerlohn

Danach zieht der Entwickler- und Marketing-Tross weiter zum nächsten, nicht minder bunten Titel. Ein gutes Geschäft, bei dem die Werbeabteilung mindestens so groß ist wie das Entwicklerteam und bei dem es gewiss nicht darum geht, gute Spiele zu entwickeln oder gar geniale Entwickler hervorzubringen. Die nämlich werden meist mies bezahlt und zu Höchstleistungen angetrieben.

Irgendwann jedoch wächst der Drang unter diesen Entwicklern, sich eben nicht länger für solche Scams ausnutzen zu lassen, sondern mal ein wirklich ordentliches Spiel zu entwickeln, auf das man stolz sein kann. Und so werden in China mehr neue Studios gegründet als sonst irgendwo auf der Welt mit ebenso ernsten wie lauteren Absichten und jungen Talenten, die insbesondere die alternde Entwicklerriege des Westens locker in die Tasche stecken, weil sie versiert sind im Umgang mit den neuesten Engines.

Tiger Knight: Empire War

Wie versiert die Chinesen in technischer Hinsicht sind, erlebe ich, wenn ich aktuell Tiger Knight: Empire War zocke, das auf Steam kostenlos verfügbar ist und das mit seiner ebenso gewagten wie genialen Mischung aus Mount & Blade, Total War und World of Tanks schon im Early Access funktioniert und die Mehrheit der Spieler überzeugt.

Das Spiel ist das erste derart aufwendige Projekt der chinesischen Schmiede NetDragon, die bisher eher durch Apps und Browserspiele aufgefallen ist und lässt hoffen. Auf jeden Fall stellt es Ubisofts aktuellen Versuch, mit For Honor mittelalterliche Schlachten stimmungsvoll zu inszenieren, ziemlich souverän in den Schatten - und das auch noch für lau, mit einem fairen Geschäftsmodell ähnlich dem von World of Tanks und Konsorten.

Dass Chinas Entwickler Projekte wie Tiger Knight: Empire War mal eben so finanziell stemmen können, liegt aber auch an der Marktsituation. Mit unvorstellbaren 1,6 Milliarden Menschen, von denen zusehends mehr Zugriff auf Computer bekommen, ist der Erfolg eines vernünftigen PC-Spiels quasi vorprogrammiert - zudem sich Konsolen aufgrund früherer Verbote nicht am Markt etablieren konnten. Entsprechend investitionsfreudig sind dann auch die großen IT-Unternehmen, die oft hinter den ambitionierten Studios stecken.

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