Eigentlich war man in den Warhorse Studios bereits darauf vorbereitet, die Schreibtische zu räumen und den Traum vom eigenen Mittelalter-RPG, an dem man seit Jahren gearbeitet hatte, wieder zu vergessen. Dann jedoch nahm der Projekter via Kickstarter Kontakt mit der Community auf und eine Erfolgsgeschichte nahm ihren Lauf.

Selbst Dreck soll in Kingdom Come: Deliverance realistisch sein:

Kingdom Come: Deliverance - Entwicklertagebuch zur Charaktergestaltung2 weitere Videos

Wer interessiert sich schon für ein aufwendiges Ritterspiel, wo doch gerade Handyspiele der letzte Schrei sind? Mit dieser Frage seines Geldgebers muss Daniel Vávra tatsächlich nach Hause geschickt worden sein, nachdem er bereits drei Jahre an der Entwicklung seines großen Traums gesessen hatte. Und weil er selber so recht keine Antwort auf diese Frage wusste, stellte er sie einfach mal der Kickstarter-Community.

Größtenteils positiv

300.000 Pfund, so war die Abmachung mit dem Investor, sollten Beweis genug sein, dass da draußen jemand Interesse an einem solchen Spiel haben würde. Und die Fans ließen sich nicht lumpen, steckten Vávra über eine Million Pfund in den Hut und hofften darauf, dass es das kleine Indie-Studio schaffen würde, ein solch ambitioniertes Projekt zu stemmen. Die Zahl der Unterstützer, das wurde von Anfang an deutlich, war mindestens so groß wie die der Zweifler.

Letztere allerdings scheinen aktuell verstummt zu sein, denn die Warhorse Studios haben tatsächlich geliefert. Vier Jahre nach Ende der Kickstarter-Kampagne wurde Kingdom Come: Deliverance veröffentlicht. Und nicht nur das - das Spiel scheint den Geschmack der Community ziemlich gut zu treffen.

Kingdom Come: Deliverance - Launch Trailer2 weitere Videos

“Größtenteils positiv” - auf eine solche Bewertung durch die Steam-Gemeinde können die Entwickler durchaus stolz sein. Doch die meisten von uns sind auf der Suche nach einem hochwertigen MMORPG und nicht nach einem Solo-Abenteuer. Lohnt sich Kingdom Come: Deliverance überhaupt für Freunde massiver Multiplayer-Unterhaltung? Nun, das kommt darauf an.

Zeitreise ins Mittelalter

Als Kingdom: Come Deliverance bei Kickstarter aufschlug, erklärten die Entwickler dass sie sich an drei Serien orientierten: The Witcher, The Elder Scrolls und Mount & Blade. Von den Witcher-Games hat es die üppige Story, die in unzähligen Zwischensequenzen erzählt wird und die sich Vávra und seine Mannen nicht selber ausgedacht, sondern aus dem Geschichtsbüchern entnommen haben - mit allen Vor- und Nachteilen. In dieser Hinsicht ist das Spiel eine ziemlich beeindruckende Zeitreise ins frühe 15. Jahrhundert, jedoch nicht ganz so episch wie die Witcher-Saga.

Doch die Zeitreise geht weit über Story-Anteile hinaus. Die komplette Welt ist derart offen, detailreich und historisch überzeugend inszeniert, dass sie die Liga der Mittelalter-Fans unmittelbar in ihren Bann zieht. Warhorse hat in Sachen Umgebungsdesign tatsächlich ein Meisterwerk abgeliefert, dessen Bewohner zwar nicht gerade mit der besten KI gesegnet sind, das sich insgesamt aber nicht hinter einem gigantischen und teuren Projekt wie Skyrim verstecken muss.

Viel Mount, wenig Blade

All jene, die einen Hang für bisweilen etwas ausufernde Botengänge haben, die gerne jeden Winkel einer virtuellen Welt abgrasen und jedem virtuellen Wesen auch noch den letzten Wunsch erfüllen, nachdem sie seine Taschen und Truhen geleert haben, werden in Kingdom Come: Deliverance voll auf ihre Kosten kommen.

2 weitere Videos

Und doch bin ich persönlich ein wenig enttäuscht, denn leider beschränken sich die Ähnlichkeiten zu Mount & Blade eher auf das Setting und die Atmosphäre. Strategie, Epische Schlachten samt Truppenverwaltung lässt Kingdome Come: Deliverance missen. Während ich in Calradia zum König werde, der die Lords einigt oder einsperrt und das Land mit eiserner Faust befriedet, bleibe ich hier stets der etwas einfältig wirkende Heinrich. Macht aber nichts - bis mich TaleWorlds in M&B II endlich zum Bannerlord macht, ist der Alltag im mittelalterlichen Böhmen ein annehmbarer Zeitvertreib.

Inhaltsverzeichnis:

Inhaltsverzeichnis: