Seit einer gefühlten Ewigkeit schreibt unser Kolumnist nun schon über das Versagen der Publisher, schwindende Budgets und technisch rückständige Luftnummern, nach denen bald kein Hahn mehr kräht oder die am Sankt-Nimmerleins-Tag veröffentlicht werden. Den Entwicklern im Westen geht spürbar die Luft aus, die MMO-Sparte stirbt einen langsamen Tod. Oder ist vielleicht die nächste WoW-Erweiterung geeignet, den Verfall aufzuhalten? Und wie läuft es eigentlich in Asien?

Es hätte eigentlich der große Knaller werden sollen, mit dem ich in dieser Woche in der Kolumne durchstarten wollte: die Enthüllung eines brandneuen, streng geheimen MMO-Projekts, für das sich Electronic Arts und Nexon extra zusammengeschlossen hatten, um es gemeinsam zu stemmen. Eine Ankündigung, die sogar die zweite Enthüllung, nämlich die der nächsten WoW-Erweiterung, in den Schatten stellen würde. So wurde es zumindest vorab von Marketing-Leuten und Vertretern der Fachpresse hochgejubelt.

2 weitere Videos

FIFA Online 4 - “Massively Multiplayer Online Football”

Nun allerdings hat sich herausgestellt: das geheimnisvolle Gemeinschaftsprojekt der Publisher-Giganten ist ein vollkommener Flop. Zumindest für jemanden wie mich, der ziemlich klare Vorstellungen davon hat, was ein MMO ist und was nicht. FIFA Online 4 ist mit Sicherheit keines, sonst müsste man auch Rocket League als solches bezeichnen.

Was auch immer man sich bei Nexon und EA dabei gedacht hat - dieser Schuss ging gehörig nach hinten los und die Community ist nicht mehr nur enttäuscht von der Enthüllung, sie ist schwer verärgert. Es wird schon darauf gewettet, dass das einzig “massive” an dem Game die üblichen Methoden von Electronic Arts sein werden, es zu monetarisieren. Wenden wir uns also schnell von dieser Enttäuschung ab und hin zu etwas, das sicherlich einschlägt wie eine Bombe.

2 weitere Videos

World of Warcraft: Battle for Azeroth - alte Feinde

Die neue Erweiterung zum legendären World of Warcraft wurde endlich verbindlich angekündigt - mit einem Trailer, der gewohnt episch und pathetisch zugleich ist. Episch vor allem auch deswegen, weil er dem Titel der Erweiterung Tribut zollt und tatsächlich alles aufeinanderprallen lässt, was Allianz und Horde aufzubieten haben.

Pathetisch ist der Trailer deswegen, weil er einmal mehr übertreibt und rein gar nichts mit dem zu tun hat, was man später mal im Spiel erwarten darf. Neu ist das zwar nicht, allerdings wie immer hübsch anzusehen. Trotzdem scheint es mit dem Battle for Azeroth diesmal besonders schwierig, sich Informationen zu den entscheidenden Neuerungen abzuleiten. Thematisch, das wird immerhin deutlich, schlägt Blizzard auf jeden Fall einen etwas anderen Weg ein.

2 weitere Videos

Der Kalte Krieg

Standen bisher stets stets fiese, brandgefährliche Obermacker als greifbare Bedrohung vor den Toren der idyllischen Welt, scheint man sich diesmal der Ursprünge Warcrafts zu besinnen und den Kampf zwischen den Fraktionen in den Mittelpunkt zu rücken. Doch kann das nach all den Jahren, in denen der Konflikt vernachlässigt wurde, überhaupt noch funktionieren?

Wenn Blizzard wirklich möchte, dass wir heute noch an die Auseinandersetzung zwischen Allianz und Horde glauben, müssen sich die Entwickler schon mächtig ins Zeug legen. Der Kalte Krieg müsste erst neu entfacht werden. Es müssten territoriale Konflikte geschürt werden mit Gebieten, in denen es etwas zu holen gibt und in denen bis aufs Blut gekämpft wird, weil man der Gegenseite den Zugang zu Ressourcen abschneiden möchte und weil man sie hasst! Doch das wäre dann ein echtes Stück Sandbox und ein Schritt, den wir von Blizzard kaum erwarten dürfen. Doch manchmal geschehen ja auch Wunder.

Für immer Vanilla

Wie die zweiten Ankündigung, mit der Blizzard spürbar mehr Begeisterung auslösen konnte als mit der neuen Erweiterung. Nach Jahren des Zögerns und Zauderns hat man sich in Irvine doch tatsächlich dazu durchgerungen, an World of Warcraft Classic zu arbeiten, also an Servern mit sogenanntem Vanilla-Setting, das insbesondere Veteranen und WoW-Fans der ersten Stunde anspricht.

Und davon gibt es so viele, dass es eigentlich schon töricht war, diesen gewaltigen Kundenkreis über all die Jahre hinweg zu vernachlässigen. Das eigene Team, mit dem Blizzard dem Retro-Projekt Leben einhauchen will, wird sich dabei allemal finanzieren, da die Mehrheit der WoW-Vanilla-Fans ihr Abonnement ohnehin auf Eis gelegt haben oder sich auf unlauteren Privatservern herumtreiben.

Die wird Blizzard nun allesamt ausstechen, gibt man doch eine Garantie, die allein schon aus rechtlichen Gründen kein Betreiber eines privaten Servers geben kann: “Wir sind uns darüber im Klaren, dass wir mit dieser Ankündigung für immer im Geschäft sind. Sobald es begonnen hat, wird es auch fortgeführt werden, so lange es World of Warcraft gibt.” Na, das ist doch mal eine Aussage, von der sich Publisher wie NCSoft mit ihrer berüchtigten Abschaltpolitik eine Scheibe abschneiden können.

Crowdfunding für Kinderschuhe

Doch so schön diese beiden Hoffnungsschimmer für junge und alte WoW-Fans auch sein mögen - den Rest der MMO-Welt scheint Blizzard mit seinen Ankündigungen nicht vom Hocker gerissen zu haben. Zwar fordern viele Spieler eine Rückbesinnung auf alte MMORPG-Werte, jedoch sollten die von einer ordentlichen Portion Innovation getragen werden, um heute noch zu motivieren.

Zwar gibt es einen ganzen Haufen Crowdfunding-Projekte, die dergleichen versprechen, doch stecken die allesamt noch in den Kinderschuhen und sind so weit von der Fertigstellung entfernt, dass man eigentlich gar keine Lust hat, darauf zu warten. Wer weiß, ob sich die Entwickler nicht übernommen haben, ob ihnen am Ende das Talent fehlt oder auf halbem Wege das Geld ausgeht? So ein richtig großes MMO-Projekt wäre mal cool, von einem erfahrenen Publisher, mit ordentlich Geld ausgestattet und schon so weit entwickelt, dass eine gewisse Vorfreude zumindest nicht ganz töricht ist.

Ascent: Infinite Realm - AIR - mehr als heiße Luft?

Und just, während ich in diesen Gedanken schwelge, haut uns Kakao, ehemals Daum, den ersten Trailer zu AIR um die Ohren. Kakao, das ist jener südkoreanische Publisher, der mit einem ziemlich glücklichen Händchen und Sachverstand Black Desert zu einem der erfolgreichsten MMORPG gemacht hat. Nicht zuletzt wegen seines vergleichsweise fairen Geschäftsmodells.

Und genau dieser Publisher hat nun also AIR an Land gezogen, das eigentlich den sperrigen Namen Ascent: Infinite Realm trägt und dessen erster Trailer es mir ziemlich angetan hat. Das mag natürlich auch an der Ernüchterung liegen, die westliche Studios mit ihren jüngsten Eskapaden bei mir ausgelöst haben. Denn wenn man von jenen einen Trailer zu sehen bekommt, kann man getrost davon ausgehen, dass es sich um ein eigens gescriptetes Konstrukt handelt.

Ein Marketing-Video in den meisten Fällen, das nichts mit dem fertigen Spiel zu tun hat und allenfalls ein Sammelsurium aus Artworks, Kampfsequenzen und Charaktereditoren ist, ohne auch nur einen Bezug zum echten Spiel herzustellen und ohne zu erklären, was jenseits von Maximallevel und Boss-Begegnungen am Ende für anhaltende Motivation sorgen soll.

2 weitere Videos

Inhaltsverzeichnis:

Inhaltsverzeichnis: