In Bayern beginnen die Ferien - in manch anderem Bundesland sind sie fast vorbei. Dazu lässt sich endlich mal die Sonne richtig blicken. Es ist die Zeit, vor der sich Journalisten gemeinhin am meisten fürchten - wenn alles zum Stillstand kommt und das Sommerloch die Arbeit zur Hölle macht. Nicht so für die Kollegen vom Sport, die aus London berichten dürfen und natürlich für uns, denn die MMO-Branche gönnt sich in diesem Sommer keinen Urlaub und haut uns eine Schlagzeile nach der anderen um die Ohren.

Besonders erfreulich: die meisten der Nachrichten, die uns in diesen Tagen erreichen, sind positiver Natur - ganz anders als in den vergangenen Jahren, wo in erschreckender Regelmäßigkeit von eingestellten Projekten, gescheiterten Publishern und frustrierten Entwicklerteams die Rede war. Allen Unkenrufen zum Trotz ist die Branche noch immer im Aufwind und wird uns das auch auf der anstehenden Gamescom eindrucksvoll beweisen wollen. Allerdings - es geht nicht allen gleichermaßen gut.

World of Warcraft - besorgniserregende Zahlen

Die Hiobsbotschaft kommt ausgerechnet vom Platzhirschen selbst. Und der kommt ganz offensichtlich in die Jahre und ist langsam, aber sicher dabei, weitgehend ohne Fremdeinwirkung vom so oft bemühten “Genre-Thron” zu rutschen. World of Warcraft zählt, das gibt der zweite Quartalsberich von Activision Blizzard her, über 9,1 Millionen Abonnenten.

Und wenngleich das noch immer eine beeindruckende Zahl ist und das Unternehmen insgesamt weiterhin gewaltige Gewinne fahren kann, ist die Zahl doch ein gewaltiger Schlag für Blizzard einerseits und das Vertrauen der Investoren auf der anderen Seite. Denn mit der aktuellen Zählung liegt man nicht nur weit unter der psychologisch wichtigen Marke von zehn Millionen Spielern, man muss auch noch einen Verlust von 1,1 Millionen Spielern verkraften - allein im Zeitraum von der letzten Zählung im Mai bis heute.

Wiped! - Die MMO-Woche - Hoch im Kurs, niedrig in der Gunst

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Spielerschwund bei WoW: Bringt Pandaria die Wende?
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Wo soll das noch enden?

Natürlich fragt man sich in der Branche jetzt, wohin das führen wird. Kann der Publisher den Spielerschwund stoppen oder ist World of Warcraft dabei, ein MMOG unter unzähligen anderen zu werden? Die Abtrünnigen, so versucht das Unternehmen zu beschwichtigen, stammten vor allem aus den östlichen Teilen der Welt. Eine allzu klare Trennung von asiatischen und westlichen Ergebnissen darf Blizzard allerdings nicht vornehmen, da man das in der Vergangenheit stets vermieden hatte, um die Zahlen möglichst hoch erscheinen zu lassen.

Umso interessanter ist die Frage, warum die Spieler in Asien weglaufen und wohin. Im Verdacht stehen die derzeit ungemein beliebten MOBA-Games, allen voran der einsteigerfreundliche DotA-Ableger League of Legends. Und dann wären da noch verschiedene asiatische Onlinegames der neusten Generation, darunter Blade & Soul, das hier im Westen noch nicht einmal ein Release-Datum hat, obwohl es in Südkorea die Liste der beliebtesten MMOs anführt.

Guild Wars 2 - ein harter Schlag für den Giganten

Allzu bald dürfte Blade & Soul im Westen auch nicht zur Konkurrenz für WoW werden. Diesen Trumpf behält der südkoreanische Publisher NCsoft offensichtlich bewusst in der Hinterhand, denn hier im Westen holt man vorher noch mit der anderen Hand aus, um Blizzard eine schallende Ohrfeige zu verpassen. GuildWars 2, das ist auf den Betaservern mehr als deutlich geworden, rekrutiert einen Großteil seiner Fans aus dem Lager der WoW-Spieler.

Und wer sich erst mal die Nächte in Guild Wars 2 um die Ohren schlägt und dabei die ungewohnte Abofreiheit genießt, wird sich vier Wochen später kaum aus dem Haus bewegen wollen, um beim traditionellen Mitternachtsverkauf für eine neue, teure WoW-Packung Schlange zu stehen. In dieser Hinsicht kommt das Release der WoW-Erweiterung zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Doch auch das ist eine Lektion, die Blizzard lernen muss, denn bisher waren es ausschließlich die anderen, die sich nach dem Giganten richten mussten.

Star Wars: The Old Republic - Potential = Spieler x 100?

Immerhin rund eine Million WoW-Abtrünnige gehen auf das Konto von Electronic Arts und BioWare, die sich gegen Ende vergangenen Jahres auf die Macht verlassen haben. Die ist ihnen jedoch mittlerweile ausgegangen und so zählt Star Wars: The Old Republic heute nur noch “gut über eine halbe Million” Spieler - ein Armutszeugnis angesichts der extremen Investitionssumme vom 200 Millionen Dollar, die man auf diese Art niemals einspielen wird.

Es muss also umgestellt werden - und zwar auf free to play - zumindest auf ein Hybrid-Modell mit optionaler Monatsgebühr. Das würde, so glauben Unternehmensführung und Analysten gleichermaßen, die alte Republik wieder auf Vordermann und nicht nur alle alten Spieler wieder zurück-, sondern auch ungeahnte Mengen an Frischfleisch in die Reihen von Republik und Imperium bringen.

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50 Millionen neue Spieler für SWTOR?
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Michael Pachter, der als angeblicher Branchenexperte und gefeierter Analyst mittlerweile Kultstatus erlangt hat, sieht da sofort zehn Millionen Spieler auf die alte Republik zukommen, wenn es nicht gar 50 Millionen werden - das Hundertfache der aktuellen Spielerzahl also. Diese ausgesprochen optimistische Einschätzung sorgt bei Kritikern zwar für Verwunderung, da Pachter im vergangenen Monat noch behauptete, es gebe nicht mehr als sechs Millionen Zahlungswillige, EA freut sie dafür umso mehr über den öffentlichen Sinneswandel.

Erfolge, bis die Blase platzt

Denn welches börsennotierte Unternehmen schert sich noch um konkret zahlende Kunden, wenn der Kurs der Aktie von einem Moment auf den anderen um satte sechs Prozentpunkte ansteigt und man davon träumen kann, die investierten Dollar über die Aktien wieder reinzuholen? Über das Spiel selbst, da bleibe ich bei meiner eher pessimistischen Prognose, wird das zumindest kurzfristig nicht gelingen.

Wäre Star Wars: The Old Republic von Anfang an als free-to-play-MMO konzipiert und entworfen worden, hätte man möglicherweise eine Chance auf dem umkämpften Markt gehabt. Doch ein Spiel, dem das Endgame fehlt und das für kaum mehr als vier Wochen Inhalte bietet, wird selbst dann keine Spieler langfristig halten können, wenn es ohne Abokosten angeboten wird - zudem wird der virtuelle Vergnügungspark für kostenlos Spielende noch begrenzter sein, als er ohnehin schon ist.

Die Branchenführer, steif und alt wie sie geworden sind, stolpern und straucheln also weiter und es sind nicht nur breit aufgestellte große Publisher wie NCsoft oder Trion, die darauf warten, entstandene Lücken auszufüllen, sondern vor allem die unzähligen kleinen, unabhängigen Studios, die überhaupt kein Problem damit haben, die eine oder andere Nische zu besetzen.

Star Conflict - neue Hoffnung für alte Wing Commander

Eines von dieser Sorte ist Gaijin. Bislang eher auf Flugsimulationen spezialisiert, will das russische Studio seine Erfahrungen jetzt nutzen, um das uralte Genre mit MMO- und MOBA-Elementen zu spicken, in der Hoffnung, es so fit für die Zukunft zu machen. Und so freuen sich Simulationsfans schon seit einer ganzen Weile auf World of Planes, dem man den Titel War Thunder gegeben hat, um Verwechslungen mit dem casualgerechteren World of Warplanes zu vermeiden.


Und das ist längst nicht die einzige Flugsimulation, mit der Gaijin das Herz der Cockpit-Verteranen erobern will. In einem kleinen, US-amerikanischen Studio namens Star Gem Inc., das bei Gaijin unter Vertrag ist, werkelt man außerdem an Star Conflict. Woher die Jungs von Star Gem kommen, ist bislang noch nicht bekannt, doch sie geben vor, Branchenveteranen zu sein und bringen ihre eigene Engine mit.

Nicht nur die erinnert stark an NetDevils eingestelltes Jumpgate Evolution - auch das Gamplay weist deutliche Parallelen auf, was keinesfalls schlecht sein muss. Besonders interessant: Star Conflict soll vor allem auf Flottenkämpfe ausgelegt sein und ein reines PvP-Game werden. Das beflügelt natürlich die Fantasie aller Dogfight-Veteranen, die zumindest darauf hoffen dürfen, dass sie im Zuge der Gamescom ein paar detailliertere Infos zu dem Titel bekommen werden.

Project: Theralon - Infernums Feuertaufe

Dort wollen dann auch die Jungs von Infernum ihren neuen und zweiten Titel neben Brick-Force vorstellen. Die Infos, die wir bis jetzt zu Project: Theralon haben, sind noch immer äußerst dürftig: Das Spiel soll mit Hilfe der CryEngine 3 gebaut werden und könnte eine außergewöhnliche Story bieten, die immerhin aus der Feder des vielfach prämierten US-Autors Dave Wolverton stammen soll, den Fantasy-Fans möglicherweise unter dem Pseudonym David Farland kennen.

Hinter dem Publisher Infernum, der sein Hauptquartier in Berlin aufgeschlagen hat, steckt unter anderem der ehemalige Frogster-Chef Andreas Weidenhaupt, der das Unternehmen mit einigen Kollegen im April vergangenen Jahres verlassen hatte, um mit Infernum Ausschau nach neuen Chancen zu halten. Den Beweis, dass er ein glückliches Händchen für gute Titel hat, muss Weidenhaupt allerdings erst noch erbringen.

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Theralon: Nach Brick-Force das nächste Projekt von Infernum.
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Forge - Dark Vale präsentiert PvP vom Feinsten

Auch das Newcomer-Studio Dark Vale muss noch zeigen, was man auf dem Kasten hat. Immerhin scheint man mit Forge ein wirklich heißes Eisen im Feuer zu haben. Wie heiß es werden könnte, zeigt jetzt ein aktuelles Gameplay-Video, das nicht nur grafisch überzeugt, sondern nebenbei andeutet, dass man vom drögen Standard-MMO-Gameplay abrückt und die Möglichkeiten der Unreal Engine voll auszuschöpfen gedenkt.

Forge richtet sich mit seinem Action-Gameplay vor allem an PvP-Fans und soll fünf Klassen mit jeweils 30 bis 40 Fähigkeiten zur Auswahl bieten, von denen man sich neun auf die Skill-Leiste legen kann. Gut betuchte Anhänger des gepflegten PvP, die großen Wert darauf legen, dass ein solch großes Vorhaben von einem solch kleinen Studio verwirklicht werden kann, ohne dass die Entwickler ihre Seele an den Teufel verkaufen müssen, dürfen dem Schicksal auf Kickstarter ein wenig nachhelfen, denn dort wirbt das Studio um Unterstützung und freut sich selbst über eine bescheidene Investition von 15 Dollar.

Derweil freue ich mich, dass ihr es wieder einmal geschafft habt, die Kolumne aufzulesen, obwohl die in dieser Woche mal wieder etwas länger ausgefallen ist. Und während ich diese Zeilen tippe, produziert die Branche schon weiterhin fleißig neue Spiele, Gerüchte und Sensationen - für die nächste Ausgabe. Bis dahin wisst ihr ja, was gespielt wird.