Entwickelt von Rare, veröffentlicht von Microsoft und gespielt von jedem Streamer auf Twitch, der Rang und Namen hat. In der kommenden Woche erscheint mit Sea of Thieves einer der wahrscheinlich erfolgreichsten Titel des Jahres 2018. Wer oder was hält uns noch davon ab, gleich begeistert mit aufs Piratenschiff aufzuspringen? Nun, unser Kolumnist versucht es zumindest und ist obendrein einer unglaublichen Verschwörung auf der Spur.

Heute geht es unter anderem um den MMO-Hype-Titel Sea of Thieves:

Sea of Thieves - Release Date Announce Trailer2 weitere Videos

In der vergangenen Woche wurde ich doch glatt mehrfach gefragt, ob ich schon Urlaub eingereicht hätte. Immerhin stünde doch das Release des genialsten Titels der letzten Jahre bevor: Sea of Thieves. Und tatsächlich, gerade in Twitch-Kreisen wird das Piratenspiel schon jetzt als Nonplusultra gefeiert, auch weil es wirklich alle bekannten Streamer rauf und runter gespielt und gestreamt haben.

Sea of Thieves - Hype des Jahres

Tatsächlich scheint das Spiel auf Twitch eine gigantische Zuschauerschaft angezogen zu haben - zumindest an bestimmten Tagen. Doch kaum waren die Twitch-Größen ausgeloggt, verschwand Sea of Thieves auch wieder in den Tiefen der Twitch-Bibliothek. Doch wie ist so etwas möglich? Warum interessieren sich im einen Moment noch Hunderttausende für ein solches Spiel, im nächsten schon niemand mehr?

Die Antwort auf diese Frage liefert ein Blick auf die Struktur von Twitch. Die Zuschauer dort folgen einer Auswahl von Streamern, die allesamt fast durchgehend einen ganz bestimmten Titel streamen, mit dem sie groß geworden sind. Wenn ein Streamer dann doch mal zu einem anderen Spiel wechselt, insbesondere zu einem nicht ganz so populären Titel, verliert er meist augenblicklich einen Teil seiner Zuschauer und damit Geld.

Aus diesem Grund haben es neue Titel oft sehr schwer, überhaupt auf Twitch wahrgenommen zu werden. Die professionellen Streamer können oder wollen sich einen auch nur kurzfristigen Wechsel einfach nicht leisten. Mittlerweile ist den Publishern dieses Phänomen nicht mehr fremd und sie sind zusehends bereit, finanzielle Anreize für Streamer zu schaffen, ihr übliches Game mal zur Seite zu legen und den ach so genialen neuen Titel zu streamen.

Alle spielen das MMO-Piratenabenteuer Sea of Thieves

Und alle spielen mit...

Kommen dann zwei, drei Streamer große Streamer zusammen, springt ein eigentlich unbedeutendes Spiel auch mal eben so in die Top 5. Sie wie jüngst Sea of Thieves. Ein Effekt, mit dem der jeweiligen Publisher den berühmten Hype schüren und gleichzeitig Investoren begeistern kann. Denn was die Chefs, Geldgeber und Analysten nicht präsentiert bekommen, sind die durchschnittlichen Zuschauerzahlen nach dem ausgewiesenen und manipulierten Zeitraum.

Denn die offenbaren mehr über etwaige Erfolgsaussichten eines Spiels, als manch einer wahrhaben möchte. Sie zeigen zum Beispiel, dass Valves Dota 2 ein akutes Problem hat, dass PUBG den Thron für einen einst belächelten Nachahmer räumen musste und dass Grand Theft Auto V seinen jüngsten Erfolgsschub allein den Moddern von GT-MP zu verdanken hat. Und sie zeigen, dass Sea of Thieves eben keine sonderlich guten Aussichten auf einen dauerhaften Erfolg hat, auch wenn es sich nach der Influencer-Kampagne natürlich gut verkaufen wird.

No Man’s Sea

Dass diese Kampagne so gut funktionieren konnte, liegt nicht zuletzt auch am Design des Spiels. Dessen Struktur ist nicht auf den ersten Blick erkennbar. Gleichzeitig regen die Grafik und die oberflächliche Spielmechanik von Sea of Thieves die Fantasie der Zuschauer derart an, dass sie sich die wundervollsten Dinge ausmalen und ein Piraten-MMORPG, wie sie es sich immer schon gewünscht hatten.

Dabei hat das Meer der Diebe die Tiefe eines Bergsees und im Design stecken so viele Denkfehler, dass alle Einnahmen der Welt nicht dabei helfen dürften, das Spiel später noch auf Kurs zu bekommen. Online-Piraten, denen ihr Erspartes lieb ist, sollten sich also vorher ziemlich genau ansehen, was Sea of Thieves bietet und was nicht.

Und wer noch eine Alternative mit ähnlicher Ausrichtung sucht, sollte mal nach Blackwake und Naval Action Ausschau halten. Diese beiden Titel werden zwar beide noch eine Weile im Early Access verbleiben, aber das ist oft besser als ein viel zu frühes Release, begleitet von einem über Twitchs Influencer-Bande künstlich befeuerten Hype.

Fogbank - BioWare im Blut

Die akute Gefahr, einem Hype anheimzufallen, besteht aktuell auch für eingefleischte Fans früherer Werke von BioWare. Denn wie es scheint, formieren sich ehemalige Mitarbeiter des einst legendären Studios, das unter Electronic Arts in den letzten Jahren schweren Schaden genommen hat, unter dem Namen FogBank neu. Dort arbeitet man anscheinend mit vereinten Kräften an einem erzählerisch starken Titel, der auf Episoden setzt - und an einer “interaktiven Erzählplattform” gleich dazu, was auch immer das konkret bedeuten mag.

Geführt wird das neue Studio von Daniel Erickson, ehemals Creative Director von Star Wars: The Old Republic. Die erzählerische Richtung soll von Alexander Freed vorgegeben werden, der die Fans von SWTOR mit seiner ziemlich guten Agenten-Kampagne zu begeistern verstand, BioWare aber schon 2012 den Rücken kehrte.

Erzählen können die...

Eine weitere Größe, wenn es um gute Geschichte geht, ist Drew Karpyshyn. Der Buchautor arbeitete, wie seine Kollegen auch, als Senior Writer an SWTOR, arbeitete später jedoch auch noch mit an BioWares Anthem, von dem man mittlerweile nicht mal mehr weiß, ob es überhaupt noch erscheinen wird, auch weil sich in der letzten Zeit schon vermehrt Entwickler von dort abgeseilt hatten.

Finanziell sollte FogBank auf jeden Fall solide aufgestellt sein, gehört es doch zu FoxNext Games, einer Tochterfirma des Filmgiganten 21 Century Fox und damit bald zu Disney. Und genau dieses Konsortium war es auch, das erst vor kurzem die Cold Iron Studios übernommen hatte, gegründet von den früheren Cryptic-Entwicklern Zinkievich, Posniewski und Highison, gesegnet mit der Alien-Lizenz und beseelt von der Idee, einen entsprechenden MMO-Shooter zu basteln.

Da passt FogBank mit seinen Erfolgsautoren nur allzu gut ins Portfolio des Filmgiganten. Dem wurde ja erst neulich nachgesagt, dass man dort möglicherweise die Lizenzverträge mit Electronic Arts überdenken könnte. Die Filmbranche bringt sich also still und heimlich im lukrativen Gaming-Geschäft in Stellung. Und statt sich teure Partner zu halten, die dem Ruf der Lizenzen in der Vergangenheit allzu oft geschadet haben und mitreden wollen, werben Disney und Co. ihren Lizenzpartnern einfach mal die kreativsten Köpfe ab und lassen eigene Studios aus dem Boden stampfen.

Ein genialer Plan

Mit anderen Worten und in letzter Konsequenz bedeutet das einen ebenso genialen wie brutalen Coup: Nachdem man die wichtigsten Köpfe der EA-Armee auf seine Seite gebracht hat, bereitet Disney klammheimlich Order 66 vor und schickt demnächst Darth Vader mit dem Lichtschwert los, um bei Electronic Arts aufzuräumen, sich des einstigen Partners zu entledigen und sich dessen eigentlich starke Marktposition selbst zu sichern. Und da sage noch jemand, Disney hätte keine grandiosen Strategen.

Ende März kommen noch einige Spiele-Blockbuster auf den Markt:

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Und was bedeutet das in letzter Konsequenz alles für uns Gamer? Wäre der Absturz von EA gut oder schlecht für uns? Was wird denn nun aus Anthem? Und bekommen wir bald doch noch eine Fortsetzung von Knights of the Old Republic? All diese Fragen sind schon wieder Stoff für eine andere Geschichte und sollen ein andermal beantwortet werden.